Dienstag, 18. Oktober 2011

Sie kommt trotzdem

Dass sie sich jetzt die zweite Woche in Folge ein mit öffentlichen Verkehrsmitteln völlig ungünstig erreichbares Schwimmbad am Stadtrand aussucht, um mich zu sehen, liegt wohl daran, dass unsere Trainingstermine nicht veröffentlicht werden und sowohl der Triathlonverein, in dem ich trainiere, als auch der Rollstuhlsportverein, über den ich meine Startlizenzen habe, telefonisch keine Auskünfte erteilen. Dann muss meine Mutter auf Informationen zurückgreifen, die sie aus früheren Zeiten hat.

Verfolgungswahn? Keineswegs. In der letzten Woche riefen mich nacheinander zwei Funktionäre aus diesen beiden Vereinen an und teilten mir mit, dass jemand meine Adresse herausfinden wollte. Mit unterdrückter Rufnummer und mit falschem Namen. Beide Male war es eine Journalistin, die bei einer großen Hamburger Tageszeitung arbeiten will, wo sie aber niemand kennt. Eine Rückrufnummer gab es nicht, man hatte lediglich Interesse an meiner privaten Anschrift...

Das könnte jeder gewesen sein - es war aber eben nicht jeder. Während ich mit meinen Leuten im Becken trainiere, bemerke ich, wie von der Stirnseite des Beckens (dort ist etwas mehr Platz und da stehen in der Regel dann auch so zehn bis fünfzehn Rollstühle) jemand mit Blitzlicht fotografiert. Weil das in Schwimmhallen eher unüblich ist, riskiere ich einen Blick und sehe: Meine Mutter. Von den Füßen abgesehen vollständig bekleidet, hantiert sie dort mit einem Fotoapparat.

Ich könnte das jetzt seitenweise ausschmücken, versuche mich aber kurz zu fassen: Sie hat zuerst versucht, mich aus dem Training rauszulösen, indem sie meine Trainerin vollgequatscht hat. Angeblich müsse sie dringend mit mir reden. Meine Trainerin hat mir hinterher erzählt, dass sie meiner Mutter gesagt hat: "Ich bin hier nur für das Programm zuständig. Ob und wie die Leute mitmachen, entscheiden sie selbst. Sie müssen Jule also schon selbst fragen, ob sie jetzt Zeit für Sie hat oder ob das nicht noch eine Stunde warten kann."

Als ich dann endlich aus dem Becken raus war, wollte sie mich in der kalten Halle volltexten. Ich hab sie mehr oder weniger stehen lassen und gesagt, dass ich jetzt duschen fahre und ich im übrigen nicht wüsste, was sie von mir will, schließlich hatte ich sie gebeten, dort nicht aufzutauchen. Im Vorraum, an der Kasse, passte sie mich dann noch einmal ab und meinte vor allen anderen Leuten, dass ich dringend eine Therapie machen müsste und mich so zu meinem Nachteil verändert hätte. Ich würde gar nicht mehr merken, wie schlecht es mir eigentlich ginge und ich hätte mich in meiner "Behindertenrolle" völlig verrannt. Ich sollte einen Neuanfang wagen und dazu über meinen Schatten springen. Ich sollte mir vor Augen führen, was andere Kinder für das Interesse meiner Mutter geben würden!

Das sind diese Bemerkungen, die ich absolut nicht leiden kann und ich musste mir auf die Lippe beißen, um nicht in völliger Boshaftig- und Fiesheit zu antworten: "Dann unterhalte Dich doch mit den anderen Kindern." Ich sagte stattdessen: "Lass mich einfach nur in Ruhe."

Ich war auf dem Weg nach draußen, sie hielt mich am Ärmel fest und schrie: "Merkst du gar nicht, wie krank du bist? Du bist krank, Jule. Du bist richtig, richtig krank." - "Hör auf, hier so eine Szene zu machen und lass meine Jacke los." - "Du versteckst dich hinter deiner Behinderung. Du bist nicht mehr du selbst. Dieses Schwimmtraining hier, dieser Drill, alles nur, um dir etwas zu beweisen. Du hast deine Situation noch immer nicht vertanden und versuchst so zu tun, als wäre alles wie früher. Du selektierst die Menschen nach denen, denen du was vorspielen kannst und denen, die dein wahres Gesicht kennen."

"Jetzt hör endlich auf, hier rumzuschreien. Was sollen meine Freunde von dir denken, wenn du dich hier so aufführst?! Das ist ja endlos peinlich." - "Dann sag ich es dir nochmal ganz ruhig: Das sind nicht deine Freunde, und genau das ist dein Problem. Du lässt normale Kontakte nicht mehr zu. Du bist krank, Jule. Du umgibst dich mit Menschen, die alle ein zentrales Problem haben: Sie können ihr Schicksal nicht akzeptieren und versuchen, dagegen zu kämpfen. Du bist nahezu besessen davon, dass dich niemand dabei stört. Du lebst in einer Parallelwelt, hast eigene Regeln!"

Da es keinen Sinn hatte, dagegen zu argumentieren, erwiderte ich: "Das mag ja alles sein, aber trotzdem möchte ich keinen Kontakt zu dir und ich möchte auch nicht, dass du hier auftauchst. Akzeptier das einfach." - Sie fuhr fort: "Warum hast du dich obdachlos gemeldet? Was führst du im Schilde? Bekommst Du Sozialhilfe? Ich habe keine Lust, für dich irgendwann ins Gefängnis zu gehen!" - "Du gehst nicht ins Gefängnis. Ich bin nicht obdachlos und ich bekomme auch keine Sozialhilfe. Es ist alles gut. Ich führe mein Leben, du führst dein Leben und wir gehen uns gegenseitig nicht auf den Wecker. Okay?!"

Dieses Schreiben hier", sagte sie und faltete einen Zettel auseinander, "habe ich vom Zentralen Einwohneramt bekommen. Darin schreibt man, dass du obdachlos bist. Lies selbst!"

Auskunft aus dem Melderegister - Sehr geehrte Frau ..., auf Ihre Anfrage können wir Ihnen aus tatsächlichen oder rechtlichen Gründen keine Auskunft erteilen. Mit freundlichen Grüßen

Soviel zum Thema 'Verfolgungswahn' und 'Journalistin'. Als Mutter habe sie das Recht auf den Kontakt zur eigenen Tochter. Heftig. Ich fragte: "Ja und?" - Sie antwortete: "Was 'ja und'? Schämst du dich nicht?" - "Wofür? Du hast eine Auskunft verlangt, du hast sie nicht bekommen. Ganz einfach." - "Nichts ist einfach. Du hast dich obdachlos gemeldet, damit niemand weiß, wo du wohnst. Jule, das ist krank. Du brauchst eine Therapie." - "Da steht nicht, dass ich obdachlos bin, sondern dass du keine Auskunft über mich bekommst. Das ist ein Unterschied." - "Du hast auf alles eine Ausrede."

Tatjana kam drei Schritte auf mich zu. "Wenn ich dir jetzt noch beim Einladen helfen soll, müssten wir jetzt los. Ich muss nämlich schnell nach Hause, mein Freund wartet mit dem Essen auf mich." - Klare Geste. Vielen Dank. Während ich zum Auto rollte und den Rolli verlud, stellte sich Tatjana demonstrativ zwischen mich und meine Mutter. Als ich dann mit dem Auto losfuhr, schob Tatjana meine Mutter mit den Worten: "So, und nun stehen wir hier auch nicht im Weg." zur Seite. Und tschüss. Für nächste Woche muss ich mir was einfallen lassen. Vermutlich läuft es auf eine einstweilige Verfügung hinaus. Es wird nie langweilig.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Die Frau hat doch einen Schatten. Einstweilige Verfügung und die Männer in grün. Alles Andere wird da nichtmehr ziehen

Anonym hat gesagt…

Jule, ich lese schon lange in deinem Blog mit. Da ich in diesem Bereich beruflich Erfahrung habe, solltest du dich dringend an das Betreuungsgericht in deinem Amtsgerichtsbezirk wenden und eine Betreuung für deine Mutter beantragen. Ich vermute deine Mutter hat wirklich psychische Probleme und wenn sie sich selbst nicht zu einer Behandlung durchringen kann, dann muss sie eben "gezwungen" werden. Du glaubst gar nicht wie viele Fälle dieser Art ich bearbeitet habe und viele sind erschreckend gleich. Schildere die Gespräche und Probleme, um ein ärztliches Urteil wird sich der Sozialpsychiatrische Dienst oder eine Gutachterin sowie der Richter(in) kümmern. So kannst du deiner Mutter helfen und musst es doch nicht weiter. Du kannst gerne darum bitten deine persönlichen Daten keineswegs weiter zu geben, dies sollte auf der Akte vermerkt werden.

Alles Gute!

Anonym hat gesagt…

Diese Art von Argumentation kann man echt nur noch auf eine psychische Störung zurückführen- auf Seiten deiner Mutter! Das ist ja echt furchtbar. Was sollst du denn ihrer Meinung nach machen? Den ganzen Tag im Zimmer sitzen und darüber heulen, dass du nicht mehr laufen kannst? Wäre das dann normales Coping oder wie?
Es tut mir wirklich Leid für dich. Gegen die eigenen Eltern gerichtlich vorgehen zu müssen, muss wirklich schrecklich sein.
Ich wünsch dir alles Gute!

Anonym hat gesagt…

Dass die Mutter psychisch krank ist, hatte Jule ja schonmal geschrieben. Ob das allerdings für eine Betreuung reicht, wage ich zu bezweifeln. Dann würde wohl jeder 4. unter Betreuung stehen. Ene mene muh? Kann eigentlich nicht sein.

Anonym hat gesagt…

Hm ich fürchte auch, dass das schwierig wird. Eine Bekannte von mir hat mal einen ziemlichen Tablettencocktail eingeschmissen. Im KKH haben sie sie gefragt ob sie sich umbringen wollte. Sie hat dann nur gemeint, ne sie wollte nur probieren was passiert. Daraufhin haben sie sie dann am nächsten Tag heimgeschickt. Begründung: will sich ja nicht umbringen und ist über 18, da können wir sie ja nicht zwingen.
Und wenn da noch keine Betreuung angeordnet wird, dann fürchte ich wird das in anderen Fällen noch schwieriger.Und ich glaube kaum das Jules Mutter sich selbst therapieren lassen will?

Anonym hat gesagt…

@Anonym vor mir: KKH steht für KinderKrankenHaus, oder? Aber über 18?! Häh???

Lux Aeterna hat gesagt…

Hey, ich weiß, du kennst mich nicht, aber ich verfolge deinen blog mit sehr großem Interesse und bin sehr beeindruckt von der Art, wie du dein verändertes Leben meisterst. Ich wüsste nicht, ob ich die Kraft dazu hätte, alles so durchzustehen wie du. Deine Mutter kann einem wirklich nur Leid tun - was sie sagt zeigt doch, wie wenig Ahnung sie von dir und deinem leben hat. Dass sie noch so klebt und klammert obwohl du mehr als einmal gesagt hast, dass du das nicht willst, ist echt krass. ich glaube, ich wäre nicht so ruhig geblieben wie du...
Ich wünsche dir noch ganz viel Kraft für die Zukunft und werde weiterhin fleißig hier lesen.
LG
Lux

Anonym hat gesagt…

Könnte auch für KreisKrankenHaus stehen ;)

Joachim hat gesagt…

@19. Oktober 2011 16:38
(könnt ihr euch nicht wenigstens nen anonymen Namen geben? So kann man euch ja nicht wirklich auseinanderhalten.)

Das war aber nur Eigengefährdung.
Hier geht es darum, dass die Mutter der Tochter nachstellt. Wie heftig das ist, sieht man an den mehrfachen Anfragen nach ihrer Adresse. Und wenn das so weiter geht, wird sie irgendwann erfolgreich mit ihrem social engineering sein...

BigDigger hat gesagt…

Ich bin sehr für eine EV. Und zwar jetzt schon. Natürlich wird sie dann immer noch nicht aufhören. Aber irgendwann hat sie die Eskalationsstufen so weit ausgereizt, dass am Ende für sie doch was Geschlossenes steht - und dann ist erstmal Ruhe.

Anonym hat gesagt…

Als "Rechtsverdreher" habe ich schon desöfteren solche Fälle auf dem Schreibtisch gehabt. Besorg dir eine EV, wobei ich nicht glaube das es die Lösung des Problems sein wird...

Gruß
Andreas

Mike hat gesagt…

Das ist meiner nichtjuristischen Meinung nach Stalking.

Anwalt, Einstweilige Verfügung, Team Blau!

Und pass blos auf dich auf!

LG
Mike

Anonym hat gesagt…

Ich lese jetzt eine Weile mit... Respekt für deinen Mut und deine Einstellung!

Deine Mutter... ein ganz übler Fall... ich weiß nicht ob sie einem leid tun soll, oder sie wirklich ihrerseits psychische Probleme hat und nicht damit klar kommt...

Das du da noch so "nett" bleiben kannst - respekt.

Merc

Anonym hat gesagt…

Die EV zu bekommen ist das kleinere Problem. Die Mutter zu überzeugen das Sie professionelle Hilfe braucht ist der Punkt.

Die EV wird da meiner Erfahrung nach wenig helfen. Man muss dann auch konsequent Team blau einschalten, auch wenn es die eigene Mutter ist.

Andreas

Anonym hat gesagt…

Ich würd an deiner Stelle jetzt schon damit anfangen eine zu beantragen - je mehr "Fälle" die von ihr mitkriegen und protokollieren, um so eher wird auch eine Maßnahme folgen können.. wenn du erst wartest bis du selber total entnervt bist bei jedem ungebetenen Besuch kommen dann noch mehrere die du eigentlich nicht mehr verträgst, nur weil die EV noch nicht durch ist.

Noes

Republikflüchtling hat gesagt…

Das geht ja gar nicht! Vergiss das mit der Postkartenlösung und sieh zu, dass Du diese Frau von Dir fernhalten kannst. Wenigstens bis sie mit Zertifikat als geheilt gilt (also wohl eher nie).

Olli hat gesagt…

Borderliner und ihr fixiertes andere manipulieren wollen (um Auskünfte zu erhalten). Einfach tragisch. Und widerlich, wenn es einen selber betrifft.