Mittwoch, 30. November 2011

Sieben an einem Tag

Ist ja nicht das erste Mal, dass ich es erwähne: Ich lese grundsätzlich alle Kommentare meiner Leserinnen und Leser, freue mich meistens darüber und nehme den einen oder anderen mir auch zu Herzen. Manchmal liefern sie mir auch eine Idee, etwas auszuprobieren: Ich habe mir vorgenommen, einen Tag lang mal alle Begegnungen mit fremden Leuten, bei denen es zu einem Wortwechsel kommt, sofort danach, ggf. mit Stichworten als Gedankenstütze, zu notieren, nur höflich und freundlich zu sein und Leute, von denen ich mich herabgesetzt, diskriminiert oder beleidigt fühle, sachlich zu kritisieren - sofern ich überhaupt etwas sage.

Morgens war ich mit Nadine zum Frühstücken verabredet, anschließend wollten wir gemeinsam shoppen, danach zusammen zur Physiotherapie und abends zum Schwimmtraining. Nadine ist in meinem Team, hat einen inkompletten tiefen Querschnitt nach einem unverschuldeten Fahrradunfall, kann mit Unterschenkelorthesen laufen, allerdings nicht rennen und nicht frei stehen (ohne sich festzuhalten). Ihr Gangbild erinnert ein wenig an das einer Ente.

Szene 1: Der Bus kommt, ein Schnellbus, bei dem man üblicherweise vorne die Fahrkarten vorzeigen muss, der Fahrer fährt dicht an den Bordstein heran, senkt den Bus ab und öffnet die hintere Tür. Ich fahre hinein, ziehe mich an den Türgriffen die etwa acht Zentimeter hohe Stufe hinauf, stelle mich an den vorgesehenen Platz und mache die Bremsen fest. Nadine setzt sich links neben mir auf einen Sitz. Die Tür geht zu, aber bevor der Bus losfährt, kommt eine Lautsprecherdurchsage: "Die junge Frau, die eben hinten eingestiegen ist, bitte mal den Fahrausweis vorzeigen!" - Ich drehte mich um und hatte über den Innenspiegel Blickkontakt zum Fahrer. Da ich nicht weiter nach vorne rollen konnte, rief ich: "Sie gehört zu mir." - Begleitpersonen von Rollstuhlfahrern werden frei befördert. Abermals kam eine Durchsage: "Junge Frau, kommen Sie doch mal bitte zu mir nach vorne." - Der Bus stand. Ich sagte zu Nadine: "Hier, nimm gleich mit", und drückte ihr mein Portmonee in die Hand. Nadine latschte nach vorne, kramte meinen Ausweis raus. "Das ist der Ausweis von Ihrem Schützling. Ich wollte Ihren Fahrausweis sehen", hörte ich den Fahrer sagen. Hat er Schützling gesagt?! Nadine antwortete: "Ich bin die Begleitperson. Sie hat eine Begleitperson frei. Ist dort vermerkt." Ohne Worte gab er ihr den Ausweis zurück, fuhr ab.

Szene 2: Wir wollen Badeanzüge für beide und eine Schwimmbrille für Nadine kaufen. Die Größe und das Modell, das ich haben möchte, ist reduziert, also hole ich gleich drei Stück aus dem Regal. 18 Euro für einen Markenanzug ist wirklich gut. An der Kasse lege ich die drei Teile plus meine EC-Karte auf den Tisch. Die Kassierin, eine Frau um die 50, guckt mich an und fragt: "Gleich drei Stück? Haben Sie denn soviel Geld dabei?" - Ich tippe wortlos auf meine EC-Karte. "Wollen Sie das Schwimmen anfangen? Ich finde das ja toll, dann kommen Sie ein wenig unter Leute." - "Ich trainiere mehrmals pro Woche und früher oder später lösen sich die Teile auf. Bei Ihrem Angebot nehme ich gleich drei Stück mit, das lohnt sich ja." Oha, die Behinderte kann in ganzen Sätzen sprechen. - "Ach Sie schwimmen regelmäßig, ja das finde ich ja toll. Wissen Sie, mein Mann saß eine Zeitlang auch im Rollstuhl. Der hatte Schwierigkeiten mit der Hüfte. Aber der hat sich zum Glück wieder erholt. Hatten Sie einen Unfall?" - "Ja." - "Das hört man viel, bei jungen Leuten. Führerschein gerade neu, übermütig, und schon ist es passiert. In der Nachbarschaft hat auch einer gleich das Auto der Eltern zu Schrott gefahren. Alles in Grus und Mus. Aber ihm ist zum Glück nichts passiert. Aber um das Auto ist es ärgerlich." - "Ja, das stimmt. Bei mir war es ein Unfall auf dem Schulweg. Eine Autofahrerin hat mich angefahren." - "Das ist ja immer mein Alptraum, dass mir irgendwann mal ein Kind vor das Auto läuft. Wie oft liest man das, dass Kinder zwischen Autos hervorkommen und dann hast du als Autofahrer keine Chance. Du hast keine Chance. 54 Euro macht das."

Szene 3: Wir stehen in einem Burgerladen und bestellen. Wir bekommen zwei Tabletts. Da Nadine sowieso schon Probleme mit dem Laufen hat, trägt sie keine Tabletts. Die Gefahr, dass das Getränk darauf umkippt oder sie mitsamt dem Essen hinfällt, ist viel zu groß. Also setzt sie sich hin und ich nehme die Tabletts nacheinander auf den Schoß und bringe sie zum Tisch, muss mich dabei allerdings durch die Schlangen der wartenden Leute kämpfen. "Tschuldigung, darf ich mal durch? Tschuldigung, könnten Sie mich mal bitte durchlassen? Entschuldigung, könnten Sie einen Schritt zurückgehen?" - Nadine hat sich hinter einen Tisch gequetscht und in der Zeit, in der ich die Tabletts geholt habe, vor dem Tisch den Stuhl weggeschoben. Da kommt eine Frau zu uns und pöbelt Nadine an. "Sie lassen sich von ihrer Bekannten das Tablett an den Tisch bringen? Was für eine Erziehung haben Sie denn genossen? Gar keine? Entschuldigung, aber da steigt mir der Hut hoch." - Nadine sitzt mit offenem Mund da, ich erwidere höflich: "Das ist schon in Ordnung so. Wir haben das aufgeteilt." - "Ich will das gar nicht hören. Sie sind doch abhängig von ihr. Es ist doch unglaublich, dass Sie das Mädchen im Rollstuhl derart ausnutzen." - "Sie nutzt mich nicht aus und ich möchte jetzt essen und kein Theater. Ja? Tschüß." - Wir essen, in der Zwischenzeit stellt die Frau sich an. Als sie zurück kommt, setzt sie sich ausgerechnet an den Tisch neben uns und fängt an, mich anzustarren. Reicht mein dickes Fell, um das zu ignorieren?

Szene 4: Ich möchte ein Brot vom Bäcker mitnehmen, stehe an. Ich bestelle ein Brot, gebe das Geld über die Glastheke. Nadine bekommt das Brot mit den Worten: "Stecken Sie ihr das mal hinten rein?" - Gemeint war wohl der Rucksack...

Szene 5: Wir sitzen im Bus nach Hause, ich auf dem Rollstuhlstellplatz, Nadine links neben mir in der letzten Sitzreihe vor der Mitteltür. Plötzlich steigt ein älterer Mann ein, kommt von vorne bis zur Mitte durch und macht Nadine an: "Setz Dich mal woanders hin." - "Wie bitte?" - "Das ist mein Sitzplatz, ich bin schwerbehindert, ich muss nah an der Tür sitzen und kann nicht lange stehen. Mach schon, sonst falle ich hin." - Es waren mindestens 20 weitere Plätze frei, auch der direkt gegenüber, auch die vier auf der anderen Seite der Tür. Nadine rückte zum Fenster durch. Der Typ setzte sich hin, hob seinen Holzstock und tippte mit dessen Ende oben gegen die Deckenverkleidung, an die ein Symbol "Sitzplatz für Schwerbehinderte" angeklebt war. "Da stehts. Für Doofe schon extra ohne Text." - Nadine antwortete: "Schaun Sie mal, dahinten sind auch noch Schwerbehindertenplätze frei. Ich weiß nicht, warum Sie ausgerechnet den besetzten Platz belegen wollen." - "Das will ich dir sagen: Zu unserer Zeit ist man als Jugendlicher noch aufgestanden, wenn gebrechliche Leute in den Bus stiegen. Du hast auf diesem Sitzplatz überhaupt nichts zu suchen." - "Haben Sie schonmal in Betracht gezogen, dass es auch Jugendliche mit Behinderung gibt?" - "Pass auf, du!" Er machte eine fordernde Handbewegung: "Zeig mir mal deinen Ausweis." - Nadine holte ihren Ausweis aus der Jackentasche. Der Typ wurde kreidebleich. Aber anstatt sich mal zu entschuldigen, kam: "Das kann ich ja nicht riechen! Woher soll ich wissen, dass du ausnahmsweise hier sitzen darfst. Ist der Ausweis überhaupt echt? Du kannst doch laufen."

Szene 6: Wir sind auf dem Weg von der Physiotherapie zum Schwimmen und warten vor demselben Aufzug, von dem ich auch schon in den letzten Beiträgen geschrieben hatte. Dann stehen wir mit drei Rollstuhlfahrern in der Kabine (die anderen beiden kannte ich nicht), damit ist die Kabine voll. Nadine latscht über die Treppe. Die Tür geht zu, da springt noch eine ältere Dame dazwischen. Die Tür geht wieder auf. "Komme ich noch mit?" - "Nee, das passt nicht mehr." - "Och das geht noch." - "Nein, das passt wirklich nicht mehr." - "Ich muss meine Bahn kriegen." - "Ja, wir auch. Am besten warten Sie kurz, wir beeilen uns mit dem Aussteigen." - "Warten Sie, ich quetsch mich hier dazwischen." - Sie drängelte sich zwischen meine Füße und Kabinenwand, hielt sich an meiner Schulter fest. Sie musste sich weit nach vorne beugen, da hinter ihrem Po die Haltestange war. Und sie stank nach Knoblauch. Die Tür ging zu. "Wissen Sie, der Aufzug wurde nämlich nicht nur für Rollstühle eingebaut. Ich habe zwei neue Hüften bekommen und ich kann die steile Treppe nicht laufen." - "Das mag ja sein, nur wenn voll ist, ist voll." - "Geht doch auch so." - "Ich weiß aber nicht, ob ich mich von jedem anfassen lassen möchte." - "Nun stellen Sie sich mal nicht so an. Sie sind zwar behindert, aber ja nicht aus Zucker, nä?! Sag ich immer zu meinen Leuten, wenn die mich mit Samthandschuhen anfassen." - Die Kabinentür öffnete sich, die beiden anderen Rollifahrer rangierten nach draußen. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich stand hinten an der Wand und direkt vor mir waren die Füße der Frau, außerdem hielt sie sich an mir fest. "Sie zuerst!", befahl sie. - "Ich komm so nicht von der Stelle. Sie stehen direkt vor mir. Sie müssten sich da schon irgendwie raushangeln und wenn es geht, ohne sich dabei auf mich aufzustützen, sonst fallen wir nämlich beide um." - Ihre Hand war auf meiner Schulter nämlich eindeutig hinter dem Schwerpunkt des Stuhls. "Was Sie einer alten Frau so alles zumuten", beklagte sie sich. - "Ich hab doch gesagt: Warten Sie kurz." - "Ach halt den Schnabel." - "Wie war das?" - "Du hast mich schon verstanden." - Nadine stand mit einem Fuß in der Tür, damit der Aufzug nicht wieder losfuhr. Jetzt stützte sich die Frau mit beiden Händen auf mich auf, einmal an der Schulter, einmal auf meinem Oberschenkel. Schrittchen für Schrittchen bewegte sie ihr Füße zwischen Rollstuhl und Kabinenwand hinaus, ihr halbes Körpergewicht auf mich gestützt, gerade hinstellen konnte sie sich wegen der Haltestange nach wie vor nicht. Dann konnte sie endlich rausgehen. Nach zwei Schritten blieb sie stehen und drehte sich um. Ich rangierte meinen Stuhl mit zwei Dutzend Minibewegungen plus zwei Mal hochspringen aus der eingekeilten Position, als sie mich anmachte: "Siehst du, geht doch wunderbar." - Gleich spring ich dir ins Gesicht... Nadine stand hinter ihr, immernoch den Fuß in der Tür. Lohn der Zurückhaltung: Die Frau erreichte im schnellen Schritt die S-Bahn, quetschte sich gerade noch so durch die sich schließenden Türen und wir ... standen draußen und mussten auf den nächsten Zug warten.

Szene 7: Wir kommen aus der Schwimmhalle. Jana hat angeboten, uns mit dem Auto mitzunehmen. Janas Auto ist aber zugeparkt von einem Smart, der sich zwischen die beiden auf den breiten Behindertenparkplätzen parkenden Autos auf die Linie gestellt hat. Da der Eingang um diese Zeit geschlossen ist, müssen wir über eine Wiese zum Notausgang und dort an die Scheibe klopfen. Nach zwanzig Minuten ist der Fahrer gefunden, ein junger Mann, der seine Serie unterbrechen musste, um nur mit Badehose und Handtuch bekleidet, sein Auto wegzufahren. Als er fertig war, kam folgender Kommentar: "Bekomme ich jetzt einen Aufkleber von der Frank-Elstner-Stiftung 'Ein Herz für Behinderte'?"

Es soll nicht so stehen bleiben, dass der Eindruck entsteht, alle Menschen seien böse. Viele halten mir Türen auf, bieten mir freundlich ihre Hilfe an, sind nett. Aber zwischen den vielen netten gibt es täglich auch jede Menge Idioten. Und die versammeln sich grundsätzlich bei mir und labern mich an. Oder bei anderen Rollifahrern - und die Anzahl ist gemessen an der Dauer, die ich unterwegs war, im Durchschnitt. Ich weiß nach wie vor keinen Rat: Reinfressen will ich das jetzt nicht jeden Tag in mich und zu heftig reagieren trifft möglicherweise den falschen. Vielleicht sollte ich einen Schreikurs mitmachen. Oder mal wieder einen Triathlon - leider ist gerade Winter. Shit.

Kommentare :

Sally hat gesagt…

Nee. Aufzüge sind nicht für Rollis, um Gottes Willen. Also ehrlich, Jule, so als fitter Rollifahrer rast man die Treppen vorwärts runter und baut dann noch einen Salto ein, um am Ende sicher auf allen vier Rädern zu landen. Hat dir das noch niemand gesagt? :P

Anonym hat gesagt…

Tja, leider ist es genau so. Jeden Tag, jeeeden verdammten Tag in Hamburg. Und nun kann ich auch sagen: Es trifft nicht nur Rollstuhlfahrer oder Behinderte. Auch "Normalos" werden ständig mit solchem Schwachsinn belästigt. Nur sind wir nicht auf diese Dinge angewiesen, so das man den Leuten aus dem Weg gehen kann.

Ihr tut mir ehrlich leid, weil ihr in einer ungehobelten Welt immer mehr diskriminiert werdet!

Lucie hat gesagt…

Sag mal, läuft das bei dir jeden Tag so? Ich würde gerade echt gerne vor Scham im Boden versinken. Da draußen rennen so verdammt viele rücksichtlose Idioten durch die Gegend, unglaublich.
Wenn ich deiner Situation wäre hätte ich wahrscheinlich schon ein echtes Blutdruckproblem...

Anonym hat gesagt…

Jule, worüber regst du dich auf? Das ist längst Normalität. Auch hier in Berlin, wo der Ton teilweise noch rauher ist als in Hamburg. Wir Rollifahrer müssen immer freundlich und dankbar sein und sind, weil wir nicht weglaufen können, solchen Idioten schutzlos ausgeliefert. Sie sind ganz eindeutig in eine Minderheit, aber es reicht trotzdem.

Oliver hat gesagt…

Wenn ich mir die letzten Einträge Deines Blogs so anschaue und das mit dem Kommentar vor mir verknüpfe, ist es wohl nicht mehr weit, bis diese idiotischen Minderheiten durchsetzen, dass niemand sie wegen ihrer Idiotie diskriminieren dürfe.

Und im Ernst: Kann ich mir alles lebhaft vorstellen. Unsere Maja kam wegen eines Sauerstoffmangels mit einer Behinderung auf die Welt. Zur Zeit schaut man eher auf uns (Eltern) als auf sie, weil sie noch zu klein ist. Hat die Mutter gesoffen? Hat der Vater sie vom Wickeltisch fallen lassen? Was wir uns schon alles anhören mussten und was wir auch täglich erleben, wenn wir mit ihr unterwegs sind - das sind verdammt schlechte Vorzeichen für Majas Zukunft, in der sie hoffentlich einmal ein unabhängiges und glückliches Leben führen wird.

Jule, wir schöpfen aus Deinem Blog regelmäßig so viel positive Energie, auch dann, wenn Du, wie heute, über negative Dinge berichtest, dass ich Dir zusammen mit meiner Frau an dieser Stelle ein ganz großes Dankeschön hier lassen möchte.

Lass Dich nicht unterkriegen, höre auf Dein Herz und höre bitte niemals auf zu schreiben.

Banane hat gesagt…

Wie ich schon in meinem Kommentar zum letzten Beitrag geschrieben habe:
Jeder, der Anderen mit einem solchen Verhalten auf die Nerven geht (wie du es hier geschildert hast), muss einfach damit rechnen, mal unangemessen freundlich behandelt zu werden (weil sein "Opfer" gerade noch gut gelaunt ist) und mal zu unfreundlich behandelt zu werden, weil er bei seinem "Opfer" gerade das Fass zum Überlaufen gebracht hat.
That's life! - Und im Schnitt wird man dann ja wieder angemessen behandelt ;-)
Es kann ja sogar passieren, dass man völlig grundlos unfreundlich behandelt wird, weil der Andere (z.b. wegen solcher Idioten) genervt ist.
All das ist einfach nur menschlich.

Ich wäre wohl schon in Szene 2 nicht so freundlich geblieben, sondern hätte zumindest etwas wortkarg reagiert, in Szene 3 wäre ich unfreundlich geworden und spätestens in Szene 5 wäre mir der Kragen geplatzt.
Da kann ich dich nur für dein dickes Fell bewundern! Aber ich finde es auch gut, wenn du solchen Leuten manchmal Kontra gibst.

Gruß
Banane

Tine hat gesagt…

Hey!

Das ist schon echt krass was Du beschreibst. Da schämt man sich Hamburgerin zu sein. Da heißt es immer die Hanseaten sind so höflich und hilfsbereit....

Leider gab es schon immer Idioten und es wird auch immer welche geben. Ich trage aufgrund meiner CRPS-Erkrankung immer eine Handorthese. Die ist ziemlich groß (bis knapp unter den Ellbogen), ein wenig auffällig aber letzten Endes auch nicht auffälliger als ein normaler Gips. Wie oft muss ich Leute abwimmeln, die mir helfen wollen irgendwas in meinen Taschen zu verstauen. Wie oft greifen mir wildfremde Leute einfach in die Geldbörse, wenn ich an der Kasse nach Kleingeld krame.
Wie oft kommen die Leute dann aber auch an, und sind ja eigentlich viel kränker. Als junger Mensch, bin zwar schon 31 muss aber immer noch meinen Ausweis vorzeigen wenn ich BIER (!) kaufe, "darf" man einfach nicht behindert sein. Diese Diskussionen gehen mir auch immer ziemlich auf den Piss!
Ständig muss man sich rechtfertigen.... Echt ätzend!

Leider bin ich nie sehr schlagfertig. Es wird besser... Aber ich habe da noch einen ziemlichen Weg vor mir. Ich finde, man muss sich da nichts gefallen lassen und das Du gut kontern kannst finde ich gut! Die alten Herrschaften verstehen das ja leider nicht anders! Klar, man braucht ein dickes Fell - aber trotzdem! Weiter so!

Liebe Grüße aus Essen nach Hamburg

BigDigger hat gesagt…

Du kannst ja täglich einen Award vergeben. Ich denke da an sowas:
http://iraniangerman.files.wordpress.com/2011/02/vollpfosten-des-monats.jpg?w=630&h=449

"I'm with stupid" trifft's da echt nicht annähernd. Der Busfahrer war ja noch ein harmloser Wichtigtuer, der genau weiß, mit wem er sowas abziehen kann und mit wem nicht (bei letzteren droht ein verbogener Kiefer). Szene zwei kann man wohl unter "positive Diskriminierung" verbuchen - allerdings hätte ich mich auch mit einer inneren Mahnung nach "Contenance" bremsen müssen. Bei Nummer drei empfehle ich, Dir endlich einen Kerl zu suchen, der mindestens 1,80 m groß und muskulös ist - wenn der sich da einmal aufbaut, geht der Blick 180 Grad von Dir weg. Naja, vielleicht reicht auch ein durchschnittlich migrantisch Aussehender, der sich für solche Anlässe mit Bomberjacke ausstattet... :-D

Szene 5 war das typische "Wenn Du nicht für den Führer gekämpft hast, so wie ich, dann interessiert's mich nicht...", das so einige Alte auszeichnet. Rentnerignoranz, denn keinem geht's schlechter als einem selbst - und überhaupt, früher war ja alles besser. (Ich empfehle da das Lied "We Are The Youth Of Today" von Amy Macdonald.)

Für Gelegenheiten wie Szene 7 wäre erneut ein junger Mann wie in Nummer 3 angeraten. Auf die Frage "Bekomme ich jetzt einen Aufkleber von der Frank-Elstner-Stiftung 'Ein Herz für Behinderte'?" kann es nur eine Antwort geben: "Es muss Ihnen genügen, dass Ihr Aushilfstrabbi noch auf den Rädern steht und nicht auf dem Dach..."

@Tine
Das waren alles Quiddjes.

Anonym hat gesagt…

Wow. Ich würde durchdrehen.
Wir haben im Zuge eines FSJs mal ein Rollstuhl-Experiment gemacht und mussten mit dem Rollstuhl durch die Innenstadt. Das war EIN Tag und wir sind mit EINEM Bus gefahren und in dem wurden wir von einer älteren Frau angepöbelt, dass wir doch mal nicht so dumm mit dem Teil im Weg rumstehen sollten! WAHNSINN.

Ich glaub, in der Aufzugszene hätte ich wohl angefangen zu rülpsen oder so. Primitiv, verschafft aber sicher Genugtuung.

Allerdings muss ich mal kurz ne Lanze für den älteren Herrn brechen. Ja, er hat sich nachher nicht richtig verhalten und angesichts der freien Plätze war das auch Prinzipienreiterei, aber ich kann mir schon vorstellen, dass man irgendwann die Schnauze voll hat, wenn immer irgendwelche Jugendliche auf den Schwerbehindertenplätzen sitzen.
So wie dein Kontra mal die falsche Person treffen könnte, hat es eben hier auch von ihm die falsche getroffen.

Ich wünsche dir starke Nerven!

christina hat gesagt…

Respekt an Dich, dass Du diesen, entschuldige, kompletten Vollidioten nicht direkt ins Gesicht gesprungen bist. Ich glaube, ich könnte bei so viel Dummheit und Ignoranz nicht ruhig bleiben.

Mann, Mann. In Hamburg laufen schon echt eine Menge Vollpfosten rum.

Grüße aus Hamburg n_n

Bondage hat gesagt…

Es ist echt unglaublich was du erlebst und ich frage mich echt, warum so viele Menschen so selten dämlich reagieren - das würde mir nie in den Sinn kommen!! Ich habe lange Zeit im Einzelhandel gearbeitet und wenn jemand im Rollstuhl vor mir war, wurde der natürlich so wie jeder andere auch behandelt. Da wäre ich nie auf die Idee gekommen der Freundin oder dem Freund die CD zu geben und zu sagen, er/sie solle sie "mal hinten reinschieben". Wenn man sich unsicher ist kann man doch frage oder? Ich glaube ein "Kann ich Ihnen dabei helfen oder geht das auch so?" wäre dir doch lieber als ein "Hier, ich tu mal so als wärst du völlig hilflos und mach einfach mal, ob es dir nun passt oder nicht"?

Schreib doch in deinem nächsten Blogeintrag mal von den netten Menschen, die dir begegnen. : ) Das macht doch bestimmt bessere Stimmung, als von diesen Idioten zu schreiben.

Anonym hat gesagt…

zu 1: der ist einfach ahnungslos. Bei der Schulung gepennt, nie seine Handbücher gelesen, die verschiedenen Anweisungen nie verstanden. In Kombination mit einem AG, der auch keine Lust hat, ständig hinter seinen Vollpfosten-Mitarbeitern hinterherzulaufen. Null Chance, du hast verloren.

#2: "Ja, mich hat eine Frau so in ihrem Alter umgefahren. Die war zu schnell, hat alle Straßenverkehrsregeln mißachtet und ihr Fahrzeug nicht unter Kontrolle. Nu sitze ich da lebenslang drinne."

Strafverschärfend könnte man ihr noch was vom weggelaufenden Freund und ewiger Kinderlosigkeit vorlügen.

Und dann fragen "Und ihr Mann saß wie lange im Rollstuhl?"

#3: Ohne Wort.

#4: Das ist einfach der töffelige Versuch, freundlich zu sein. Von der Situation überfordert, weil es zu selten vorkommt. Ich find's für mich auch schwierig, zuzugucken, wenn ein Rollifahrer sich z.B. mit der Kopfsteinpflasterstraße abmüht. Da möchte ich hilfreich zugreifen. Und nehme es mir nicht zu Herzen, wenn ein genervtes "Nee, danke, schaff ich schon." zurück kommt.

#5: Nicht denkende Vollidioten. In der Situation kann man gar nichts machen, denn die überfordert den Opa. Der müßte zugeben, dass er eben mächtig Mist gebaut hat. Was natürlich in der Situation schon gar nicht funktioniert, weil er wahrscheinlich eher autoritär geprägt ist. Und die Aufmerksamkeitsspanne reicht nicht, um was zu verändern. You loose again.

#6: Tür nicht schließen lassen. "Wir fahren mit Ihnen nicht ab." Siehe #7, sonst lernen Sie es nicht. Denn so war ihr Erleben: "Es hat geklappt."

#7: Polizei holen. Immer. Solche Fehler müssen mit dem maximalen "Rückärgern" bestraft werden. Sonst lernen sie es nie. Siehe #6.

L. hat gesagt…

Jule, du hast es schon beschrieben, die Mehrheit der Menschen, denen man täglich begegnet, ist höflich, nett und zuvorkommend. 95% der täglichen Begegnungen fallen überhaupt nicht auf, sind meistens positiv eingestellt und lassen einen einfach in Ruhe, so wie man sich es wünscht, würden aber auf Bitten helfen, 4% sind freundlich und hilfsbereit, wollen ins Gespräch kommen, sind aber irgendwie gut erträglich und versüßen einem den Alltag, aber 1% sind einfach solche Vollpfosten, die es mit ihrem Verhalten schaffen, die 99% aus dem Blickfeld zu verdrängen.

Ich stand am Mittwoch vor genau diesem Aufzug am Bahnhof Bergedorf zu den Gleisen 3 und 4, wie immer lange Schlange, Kinderwagen, Rollifahrer, ältere Leute mit Gehwagen - und ganz vorne eine Mutter mit drei Kindern. Und - allen Ernstes - sie schickt ihren etwa 6jährigen Filius in die Kabine und lässt ihn alleine (!!!) fahren. Auf empörte Nachfrage derer, die anstehen, um die Bahn zu bekommen, erklärt sie, er mache das so gerne alleine und sie sei so stolz auf ihn.

Ich war kurz vor dem Heulen, weil das echt das Tüpfelchen auf dem "i" war an dem Tag. Direkt davor hatte mich schon ein Obdachloser angespuckt, der sich von Behinderten allgemein verfolgt fühlt, den kennt man schon, der ist psychisch krank und wenn man kann, weicht man dem aus. Nur wenn der natürlich gerade hinter einer Hausecke steht, an der man vorbei fährt, hat man verloren.

Man kann echt nur die Zähne zusammenbeißen und versuchen, seinen Blick auf die 99% zu lenken, die einem keinen Stress machen.

Uwe hat gesagt…

"Stecken Sie ihr das mal hinten rein?" -> ROFL

Es hat keinen Sinn, darüber in dem Moment ein Wort zu verlieren, aber habt ihr Euch vor der Tür nicht auf der Erde gekringelt vor Lachen?

Neue Erkenntnis: Behinderte mögen es anal mit Meterbrot.

So ein Ferkel hinter dem Tresen! ;P

Yvi hat gesagt…

Wenn ich das so lese kriege ich immer einen leichten Hass auf diese Idioten, die das Leben so schwer machen.
Ich bin nicht betroffen aber wütend macht es mich trotzdem.

Schlagfertige Sprüche helfen aber wohl auch nicht weiter. Einem selbst kurz aber sie ändern die Einstellung der Menschen ja nicht.

Das einzige was zumindest bei der jüngeren Bevölkerung helfen könnte mehr Akzeptanz zu zeigen und auch die Unsicherheit abzulegen ist denke ich Aufklärung.
Diese Dame, die sich beschwert, dass du die Tablets trägst. Sie meinte es grundsätzlich gut. Sie kann sich nicht vorstellen, dass es anders ist als in ihrem Weltbild festgelegt.
Vielleicht würde es sie tatsächlich zum Nachdenken bringen, wenn man es ihr erklärt? Ich meine, ich hätte da auch wenig Lust zu. Du bist kein Missionar aber wo du jetzt so schön experimentell Stichworte schreibst könntest du doch auch aus wissenschaftlichen Gründen unterschiedliche Taktiken anwenden? Würde mich mal interessieren. Nicht bei jedem aber vielleicht bei zwei Leuten die Woche?

Oder du schreibst ein Flyer? Jaja, hört sich witzig an aber eine bekannte trägt ihr Kind im Tragetuch und schiebt es nicht im Kinderwagen. Das finden viele Leute komisch oder gar Misshandlung. Sie hat sich Flyer gedruckt, wo kurz erklärt ist was der Hintergrund ist. Nicht sehr privat, eher sachlich. Den drückt sie den Leuten in die Hand. Erstaunlicher Weise (es steht eine Email drauf) bekommt sie zumindest teilweise tatsächlich positive Rückmeldung von Menschen, die sich entschuldigen oder gar mehr erfahren wollen.

Dann wäre da eben noch die Presse. Ich weiß nicht, ob du/ihr euch das vorstellen könnt aber TV ist ja nunmal ein großes Medium der Aufklärung. Vielleicht könnte man eine gut recherchierte Reportage draus machen?

Banane hat gesagt…

@Yvi
Das Einzige, was meiner Meinung nach wirklich zu einem langsamen Umdenken in dieser Sache und zu einem Abbau von Vorurteilen führen kann, ist eine möglichst gute Integration oder Inklusion Behinderter ins alltägliche Leben.
Das muss im Kindergarten anfangen und in der Schule weiter gehen, dass es der Normalfall ist, dass behinderte Kinder einen normalen Kindergarten, bzw. eine normale Schule besuchen und irgendwelche Sonderschulen, die für Schüler mit manchen Behinderungen sicherlich notwendig sind, sollten den Regelschulen angegliedert werden, so dass hier zumindest in den Pausen oder bei irgendwelchen außerunterrichtlichen Dingen ein Kontakt zwischen nicht behinderten und sehr schwer behinderten Kindern möglich ist.
Kinder sind viel lernfähiger als Erwachsene und haben deutlich weniger Vorurteile. - Und wer als Kind schon immer ganz selbstverständlich behinderte Spielkameraden im Kindergarten und behinderte Mitschüler hatte, wird die Vorurteile und Vorbehalte gar nicht aufbauen, die Leute haben, die kaum etwas mit behinderten Menschen zu tun haben.
(Das gilt übrigens nicht nur für körperlich Behinderte, sondern auch für geistig Behinderte... da ist zwar der gemeinsame Unterrichtsbesuch oft nicht oder nur schwer möglich. Aber z.B. gemeinsame Schulausflüge, gemeinsame Pausenbereiche, usw. wären durchaus realisierbar)
Und je früher man damit anfängt, desto besser funktioniert es.

Solche bereits gefestigten Vorurteile und Vorbehalte bei erwachsenen Menschen abzubauen ist auch mit noch so viel Aufklärungsarbeit sehr mühsam und wenig erfolgversprechend.
Aber das Entstehen solcher Vorurteile bei Kindern und Jugendlichen lässt sich zumindest deutlich erschweren.

Ich konnte ein mal mit ansehen, wie offen und vorurteilsfrei eine Gruppe von Kindern mit einem in seiner körperlichen und teilweise auch geistigen Entwicklung stark verzögertem Kind umgegangen sind und wie diese ohne großes Zutun der Erwachsenen fast immer ausreichend Rücksicht auf dieses Kind genommen haben (ohne es nur mit Samthandschuhen anzufassen) und es trotzdem immer gerne in ihre Gruppe integriert haben.

Gruß
Banane

Alice hat gesagt…

Da könnte ich echt platzen... aber seit ich deinen blog lese bin ich viel unsicherer im umgang mit Rollstuhlfahrern geworden :D Früher bin ich immer helfend herbei gehüpft, nun habe ich mir zu Herzen genommen, dass du sagst, dass es nervig ist, wenn einen ständig einer über den bordstein schieben will und so... ich glaube es jedem Recht machen kann man nie, egal ob mit oder ohne Rollstuhl. Nadine tut mir besonders leid, da hat sie nach dem Unfall das kleine Glück zumindest mit Prtohesen wieder laufen zu können und dann schlägt ihr der Unmut der Gesellschaft erst recht entgegen *seufz*

Olli hat gesagt…

Ich bin baff erstaunt über die Massiertheit solcher "Begegnungen".
Und versuche selber, es besser zu machen, was aber sit Tagen in der westdeutschen Großstadt hier scheitert, weil ich Rollis wenn nur aus der Ferne sehe, also mir keiner wirklich begegnet.
Vor der Bloglektüre hab ich irgendwie mehr näher erlebt, seltsame Entwickelung.

Jali hat gesagt…

Hihi,

das mit dem Opa in der S-Bahn finde ich richtig geil.
"Ist der Ausweis überhaupt echt? Du kannst doch laufen!" Und er ist in die Bahn geschwebt oder wie?

Wie habt ihr das geschafft da keinen Spruch zu abzulassen?

Und wieso sind so viele Leute so doof?

Matze hat gesagt…

Tach!

Dankeschön einmal mehr für die Einblicke in Deinen Alltag.
Ich mag zwar VIEL LIEBER Geschichten über die vielen verrückten, spontanen und schöne Dinge lesen, oder Deinen unbändigen Willen, so gut es geht Menschen in Deiner Umgebung beizustehen...aber auch das hier Geschriebene gehört nun einmal leider dazu.

Nach den diesem Beitrag vorangegangen Diskussionen fand ich Deine Idee gut, an einem x-belibigen Tag die Interaktion mit anderen Menschen möglichst defensiv und sachlich zu beschreiben - was dabei herausgekommen is, lässt mir das Haar wirr zu Berge stehen ;)

Vieles is hart an oder gar über der Grenze, bei der ich Dir einen sofortigen Wutausbruch inkl hochrotem Kopf und fiesem Geschrei sofort verzeihen würde.
Nicht dass das an der Situation was ändern oder die Unverschämtheit der Menschen reduzieren würde... aber es muss ja auch nicht immer alles rational nachvollziehbar sein.
Insofern: Wenn es sein muss: einfach mal garstig fauchen und die Krallen zeigen (wie zurecht bei der unverschämten NordicWalkingFrau) Das is meines Erachtens schon ok so.

Und für die Abwechslung im Winter hinsichtlich Stressminderung durch aktives Herbeiführen körperlicher Erschöpfungszustände ... Wie wärs mit nem Boxsack? :)))

Ich bin immer noch fleißig am Lesen und wusele durch Dein Archiv der Neuzeit entgegen...
Stundenlang lese ich mit Begeisterung - bei unzähligen Kannen Tee (unter anderem vom ColonnadenTeeKontor, bei der letzten HH Reise mir selbst geschonken) macht es immer noch großen Spaß, Einblicke in eine Welt zu erhalten, die so gleich (unbekümmerter Spaß mit Freunden, perspektovloser Streit/Unverständnis mit den Eltern) und doch so so unterschiedlich zum meiner ist (nämlich eben all jene Aspekte des Alltags, die Dich die Behinderung spüren lassen).

Bis später im Jetzt :)
Matze