Montag, 21. November 2011

Tolle neue Woche

Die Woche fängt gut an, sagte der Mann, der am Montag gehängt werden sollte.

Es ist völlig egal, ob ich zur Zeit zur Schule, zur Arbeit oder sonstwo hin muss - ich hasse sie, die Leute, die mir an einem Montagmorgen ungefragt erklären müssen, dass ja eine neue Woche begonnen hätte. Als Rollstuhlfahrerin hat man ja unfreiwillig eine Art Beamtenstatus. In einem mehr oder weniger schmerzhaften Akt wird man zu dem, was man später ist, bekommt vom Staat darüber eine amtliche Ernennungsurkunde und einen Dienstausweis (ab nächstem Jahr aus Plastik und in Scheckkartenform), auf dessen Rückseite der Dienstgrad eingetragen wird und der einem (mitunter) die freie Mitfahrt in öffentlichen Nahverkehrsmitteln garantiert, einen je nach Dienstgrad manuell oder elektrisch angetriebenen Dienstwagen und das eine oder andere mehr.

Uniformen sind zum Glück abgeschafft, man ist ja auch so gut zu erkennen, allerdings muss man eben auch ertragen, dass sich all jene, die auch Briefträger und Polizisten vorsorglich grüßen oder in ein oberflächlich-bürgernahes Wortgeplänkel verstricken, zu einem hingezogen fühlen und einen entweder nach dem Weg, nach der Ursache der Behinderung, dem Preis des Rollstuhls oder sogar nach der eigenen Fruchtbarkeit fragen und anschließend mit der eigenen Lebensgeschichte oder der des Nenn-Onkels, der selbst sechs Wochen im Rollstuhl saß, konfrontieren. An einem Montagmorgen ist es besonders schlimm. Und bin ich einmal schlecht gelaunt und reagiere nicht auf solche dummen Ansprachen, schließlich muss es nicht pausenlos kommentiert werden, dass der Aufzug kommt, das Wetter neblig ist oder ich schöne Haare unter der Mütze habe, tun die Leute so, als hätten sie mit ihren Steuern meine Freundlichkeit beglichen und wären gerade um eine bereits bezahlte Leistung betrogen worden. "Sie reden auch nicht mit jedem, oder?" - Ein "Halt die Fresse" hab ich mir nur leise gedacht und so getan als sei ich gehörlos.

Irgendwann bin ich auf meinem Weg zur Physiotherapie am Bahnhof Bergedorf angekommen, stehe vor dem deutlich zu klein geratenen Aufzug und warte. Noch acht Kinderwagen vor mir, noch sechs, noch vier - mit Glück passen zwei gleichzeitig in die Kabine. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, bin ich dran, die Tür geht auf, da drängelt sich von der Seite eine ältere Frau mit breitem Arsch und zwei kaputten Skistöcken vorbei, steigt mir fast über meinen Schoß. "Vorsicht! Ich mach Nordic Walking!" - Es juckte mir in den Fingern, aber ich stoppte meinen Rollstuhl. Es wäre kein Problem gewesen, sie lang hinschlagen zu lassen, ich hätte nur nichtbremsen müssen. "Und ich mach Nordic Rollstuhling und kann mich auch hinten anstellen", konnte ich mir nicht verkneifen. Sie grinste doof und meinte: "Schätzelein, ich werde kalt, wenn ich so lange warten muss."

Ich hatte bereits gedrückt, die Tür schloss sich, da fängt sie an, an den Knöpfen herumzufummeln. Drückt nochmal die "0" statt der "-1", was zur Folge hat, dass die Tür sich nochmal öffnet. Anschließend drückte sie nochmal auf "Tür auf" und rief: "So, Abfahrt, Tür zu! Die Kiste ist vielleicht lahmarschig. Ich werd kalt!" - Dann endlich fuhren wir. "Warum sitzt du im Rollstuhl?", fragte sie und drehte sich zu mir. Das war jetzt eindeutig zu viel. Ich antwortete: "Warum bist du so fett?" - Ihr fielen fast die Augen aus dem Kopf. "Unverschämtheit", blubberte sie. Der Aufzug war angekommen. Wutschnaubend stiefelte sie aus der Kabine.

Meinen Bus hatte ich verpasst. In 10 Minuten kam der nächste. Ich stand dümmlich vor der hinteren Tür. Hatte der Fahrer mich nicht gesehen, als er die Haltestelle angefahren hatte? Ich drückte auf den Knopf mit dem Rollstuhlsymbol. Nichts passierte. Ich blickte nach vorne, winkte in Richtung seines Außenspiegels und nuschelte ein leises "Huhu" in meinem Schal. Nichts. Ich rollte zur vorderen Tür, wo der Fahrer die Fahrausweise der Einsteigenden einzeln kontrollierte und entsprechend beschäftigt war. Ich rief durch die Menschentraube hindurch: "Können Sie mal bitte hinten aufmachen und absenken?" - "Ich komm gleich nach hinten!" - "Es reicht, wenn sie die Tür aufmachen und absenken!"

Ich fuhr wieder nach hinten. Die Tür blieb zu. Okay, dann warten wir eben erstmal, bis der Bus voll ist. Endlich, als vorne alle eingestiegen waren, ging die Tür auf, der Fahrer kam raus. "Absenken würde reichen, dann komme ich so rein." - "Das dürfen Sie nicht." - "Bitte?" - "Das ist zu gefährlich. Ich klappe die Rampe aus. Ist kein Problem, dann kann ich auch mal aufstehen und mich bewegen. So, machen Sie mal etwas Platz, die Frau im Rollstuhl will auch noch mit und die muss sich dort drüben hinstellen. Sie da, suchen Sie sich mal einen anderen Stehplatz, ja? Wo wollen Sie aussteigen?" - "Unfallkrankenhaus." - "Ich komme dann zu Ihnen und helfe Ihnen raus." - "Jaja." So ein Blödsinn. Würde er einfach den Bus absenken, käme ich so rein und raus. Aber nein ... er braucht Bewegung. Und alles glotzt. Es ist sicherlich nett gemeint, aber ich helf ihm doch auch nicht beim Busfahren. Das würde mit Sicherheit auch an seinem Ego kratzen.

Für Ronja, meine Physiotherapeutin, hatte die Woche auch klasse begonnen. Sie hat erfahren, dass sie ab Januar in einem anderen Bereich eingesetzt wird. Bisher hatte sie nur mit Querschnitten zu tun, dann soll sie nur noch Muskelaufbau bei Leuten machen, die an der Hand operiert worden sind. Sie ist totunglücklich und hat in meiner Stunde drei mal angefangen zu weinen. Sie tut mir so leid. Aber ich habe schon eine Idee. Mal sehen, ob das klappt...

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Ich kann nur sagen: Ich wäre um 8 Uhr aufgestanden und hätte um 11 schon die Schnauze voll. Aber für den Rest der Woche.

Anonym hat gesagt…

Mann Jule, manchmal bist du aber auch echt egozentrisch, oder? Was meinst du, was der Busfahrer für einen Stress bekommen würde, wenn der die Rampe nicht aufklappt und dich einfach rein"hüpfen" lässt, du dann aber irgendwie umkippst, auf den Kopf fällst, wie auch immer.. Mal daran gedacht?!

Anonym hat gesagt…

hahaha! "warum sind sie so fett?" super! musste so lachen,und recht hast du... also würde anderen dein rolli das recht geben dich im gegensatz zu gehenden menschen dauernd anzuquatschen^^
liebe grüße aus wien

grinseliese hat gesagt…

ich verpasse ständig meine tram, weil da nur eine rolltreppe hochgeht und vor mir generell dicke frauen sind. allerdings bisher noch keine mit walkingstöcken...

Anonym hat gesagt…

@Anonym2: Schonmal daran gedacht, was passieren würde, wenn der Busfahrer die wackelige Oma Nr. 135 nicht zum Sitzplatz führt und diese beim Anfahren über ihren Hackenporsche stolpert? Nichts.

Du sprichst dem Rollstuhlfahrer ab, für sich selbst zu sorgen. Wenn er alleine rein kommt, kommt er alleine rein. Wenn nicht, bittet er den Busfahrer, einen anderen Fahrgast oder wen auch immer, die Rampe auszuklappen. Würde sich der Busfahrer dann weigern, könnte der Rollstuhlfahrer nicht mitfahren und könnte den Fahrer anzeigen. Aber eine Haftung bei eventuellen Personenschäden erscheint mir sehr konstruiert.

Stell dir vor, du hast ein Gipsbein und der Fahrer weiß, welche Buslinie und welcher Sitzplatz gut für dich ist. Die Linie 34 führt über Kopfsteinpflaster und hinten rechts ist nicht genug Platz für die Krücken.

Und wer blind ist, setzt sich gefälligst genau unter den Lautsprecher.

Anonym hat gesagt…

Ich spreche einem Rollstuhlfahrer gar nichts ab. Auf deine anderen Beispiele gehe ich nicht ein, die haben nämlich keinen Bezug zu dem, was ich schrieb.
Ist es wirklich so fern von deinem Vorstellungsvermögen, dass der Busfahrer vielleicht Vorschriften zu beachten hat, die ihm von seinem Arbeitgeber vorgeschrieben werden? Ich kann mir das sehr gut vorstellen. Das hat nichts mit "konstruiert" zu tun, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass wirklich etwas passiert, doch sehr gering ist. Es ist sicher nicht fernab jeder Realität, dass sich die Verkehrsgesellschaft lieber absichern möchte und den Busfahrern so etwas vorschreibt. Besser, als dann ne Klage am Hals zu haben. Dass man sich da gleich persönlich angegriffen fühlt, find ich einfach übertrieben. Wenn man mal ein Stück weit über seinen Horizont herausblickt, macht man sich vieles einfacher. (Einfacher in Bezug darauf, dass man sich über manche Dinge einfach nicht unnötig echauffieren sollte.)

Anonym hat gesagt…

Vorschriften kann ein Arbeitgeber immer nur so lange machen, wie die Rechte Dritter nicht berührt oder gar eingeschränkt werden. Werden Rechte Dritter berührt, müsste er eine Güterabwägung vornehmen. Und dabei dann beachten, dass der behinderte Mensch die gleichen Rechte und Pflichten hat wie jeder andere Fahrgast.

Wenn jemand klagen will, weil ein Rollstuhlfahrer einsteigen wollte, bevor eine Rampe ausgeklappt war und derjenige sich dabei auf die Fresse gepackt hat ... lass ihn doch klagen! Es ist und bleibt sein Problem, wenn er sich überschätzt und dabei zu Schaden kommt.

Sicherlich gibt es wichtigere Dinge im Leben als die Frage, ob der Busfahrer wegen eines Rollstuhlfahres aufsteht oder sitzen bleibt, aber bei genau diesen Dingen fängt die Diskriminierung doch an: Wenn Jule darum bittet, er möge ihr die Tür öffnen, kann es doch verdammt nochmal nicht sein, dass er da so einen Aufriss veranstaltet (oder verpflichtet ist, ihn zu veranstalten, wobei ich das bezweifel, denn an meiner Haltestelle steigen auch regelmäßig Rollstuhlfahrer ein, mal mit, aber auch oft genug ohne diese Rampe).

Und der Spruch mit dem Horizont ist alles andere als angemessen. Es ist unverständlich, wieso ein Mensch mit Behinderung auch noch Toleranz dafür zeigen soll, wenn ihm Hilfen aufgedrückt werden, die er überhaupt nicht braucht. Nee, echt nicht.

Anonym hat gesagt…

Haha, damit hat die Dame wohl nicht gerechnet. Dass ihr so eine doch bestimmt total nette Rollstuhlfahrerin nicht ausführlich Auskunft darüber erteilen möchte, warum sie lieber fährt statt geht...echt, manche Leute sind so seltsam und dreist.

Anonym hat gesagt…

Hm ok ich kenne die Rechtslage nicht. Aber bei uns schauen die Busfahrer schon in den Rückspiegel und warten i.d.R. bis sich auch die klapprigste Dame sicher hingesetzt hat. Einmal war ich dabei als eine gestürzt ist, die wollte aussteigen und ist aber schon aufgestanden als der Bus noch fuhr. Dann musste der Bus plötzlich sehr hart bremsen und die werte Dame ist mit dem Hinterkopf im Bus aufgeschlagen. Ich hatte alles gesehn und wurde sogar darum gebeten einige Wochen später den Unfallhergang zu erklären und zu zeichnen (omg). Naja was daraus geworden ist weiß ich nicht aber da wollte sich das Unternehmen auch schriftlich absichern, also denke ich schon das sie im Falle eines Fehlers des Fahrers haftbar gewesen wären. Denn als Unternehmen garantiert man denke ich schon das man nicht durch das Unternehmen verschuldet bei der Fahrt etc. verletzt wird.

Kai hat gesagt…

Leute, streitet euch nicht!

Ich glaube, man steht als Busfahrer ohnehin mit einem Bein im Gefängnis. Ich glaube auch, dass man sich nicht davor bewahren kann, eines Tages ein Verfahren an den Hals zu bekommen. Von der persönlichen Belastung einer solchen Klage (die ist hoch genug) und von den möglichen finanziellen Folgen (Stichwort Rechtsschutzversicherung) eines (teilweise) verlorenen Verfahrens mal abgesehen, man kann nie verhindern, in einen Rechtsstreit verwickelt zu werden.

Jeder möchte so etwas bestmöglich vermeiden, klar. Andererseits schafft man es auch mit der größen Vorsicht nicht, doch mal angezeigt zu werden, obwohl man in bester Absicht gehandelt hat. Es könnte sogar sein, dass man jemanden in bester Absicht diskriminiert. Das ist dann auch ein Fall von eingeschränktem Horizont.

Grundsätzlich weiß jeder Fahrgast, überhaupt schon jeder Verkehrsteilnehmer, dass der Straßenverkehr erhebliche Risiken hat. Wenn ich Bus fahre, muss ich damit rechnen, dass der Bus bremst oder gar crasht und ich mich eben nicht mehr festhalten kann. Auch als junger kräftiger Mann nicht. Dann auf den Busfahrer zu zeigen - wer käme darauf? Er muss schon eine enorme Sorgfalt an den Tag legen, aber wenn vor ihm einer auf die Straße springt oder ihm einer die Vorfahrt nimmt, dann muss er bremsen. Wir wollen Busse ohne Sicherheitsgurt und mit Stehplätzen. Das birgt Gefahren. Solange der Busfahrer keinen Blödsinn macht, ist es persönliches Pech oder ggf. ein Versicherungsschaden.

So sehe ich das.

Ich finde den Umgang mit Jule auch nicht in Ordnung. Auch wenn der Fahrer wahrscheinlich nur das Beste wollte, ich kann Jule sehr gut verstehen. Für mich wäre es, wäre ich Rollstuhlfahrer, vermutlich ein Grund, niemals einen öffentlichen Bus zu benutzen.

Anonym hat gesagt…

"Und warum sind Sie so fett?" Ich schmeiß mich weg.

Ich bin ne Lesbe und knutsche manchmal in der Öffentlichkeit. Das Fummeln lassen wir schon extra "wegen der Leute", aber schon knutschen reicht, um pöse Plicke, abschätzige Kommentare oder "interessierte" Nachfragen zu bekommen. "Wer von euch beiden ist denn der Papa?" ist immernoch meine Lieblingsfrage...

Mädel, du bist ganz nach meinem Geschmack.

Anonym hat gesagt…

Ach Jule, du bist einmalig. Der Vergleich mit den Beamten hat mir den Tag gerettet. Ich bin bei der blauweißen Trachtentruppe und bin täglich als Fußstreife in einer Fußgängerzone unterwegs. In unserem Laden muss man Hauptkommissar sein, um diese Aufgabe übernehmen zu können bzw. wird man dorthin befördert - ich frage lieber nicht, ob du die Karriereleiter noch weiter hochklettern möchtest, denn das wäre fies. Um eins beneide ich dich aber: Wenn dich einer anlabert, kannst du auf Durchzug schalten. Wenn ich zum 300.000 Mal gefragt werde, ob die Knarre echt ist, muss ich lieb sein, sonst wird mir der Hosenboden stramm gezogen.

Anonym hat gesagt…

hihi, voll lustig. Du bist immer so tolerant und achtest andere Menschen so sehr, aber wenn sogar du das Diskriminieren dicker Leute ok findest und von deinen kommentatoren dafür gelobt wirst, ist das wohl das Ventil, an dem man die eigenen Pöbelbedürfnisse ausleben kann. :-)

Sally hat gesagt…

Für deinen "Ronja-Plan" - worin auch immer er bestehen mag - drücke ich die die Daumen.

Deinen Unmut bezüglich der Stockdame kann ich gut nachvollziehen. Ok, ich war jetzt nicht dabei. Aber ich hätte sie nicht als "fett" tituliert, denke ich. Dass es nervt, dauernd gefragt zu werden, verstehe ich auch. Allerdings... Na ja. "Dick" hätte meiner Meinung nach irgendwie ausgereicht...

Liebe Grüße aus dem Pott.

infraredglasses hat gesagt…

Zu der Busfahrer-Diskussion: Ich (Rollifahrer) muss ja anmerken, dass ich eigentlich immer dankbar bin wenn sich der Busfahrer ein bisschen Mühe macht. Schon allein, weil dann nicht andere Leute zu helfen versuchen (was mitunter fast böse ausgeht), sondern ich sagen kann, dass der Busfahrer ja schon kommt.

Aber kann auch an den Heidelberger Bussen liegen dass *ich* da nur schlecht reinkomme, keine Ahnung.

Peace

Anonym hat gesagt…

Ich muss dazu sagen, dass ich keine Ahnung von den Gepflogenheiten in Hamburg habe, es hier aber tatsächlich die Anweisung gibt, dass man als Busfahrer für Rollifahrer die Rampe auszuklappen hat. Ob das nun aus Sicherheitsgründen so ist, oder um den eventl. faulen Busfahrer zumindest dann zum Aufstehen zu bringen, wenn der Rollifahrer tatsächlich Hilfe braucht, kann ich nicht sagen.
Natürlich ist das Blödsinn, weil es dann auch für Kinderwagen, Gipsbeine oder vllt Fahrgäste über 65 "Rampenpflicht" geben sollte, weil da ja die eventuelle Möglichkeit besteht, das etwas passiert, oder am besten trage ich gleich alle Fahrgäste einzeln an ihren Platz (aber wer ist dann Schuld, wenn ich hinfalle?). Aber es gibt diese Anweisung nuneinmal für Rollstuhlfahrer und darum klappe ich eben für jeden Rollstuhlfahrer die Rampe aus, bevor ich hinterher Ärger bekomme, weil ich es nicht getan habe und etwas passiert ist. Wenn du mir nicht beim Busfahren hilfst, und ich fahre gegen einen Baum, kann dich keiner beschuldigen, weil du mir ja auch gar nicht helfen sollst, aber ich könnte Probleme bekommen, falls doch etwas schiefgeht, weil ich die Anweisung hatte, die Rampe auszuklappen.
Ich kann mir gut vorstellen, dass das nervig ist, wenn man auch so in den Bus kommt (und vorallem, wenn man an einem Montagmorgen schon vorher auf Stockdamen und ähnliches getroffen ist), aber ich tu das weder für mein Ego, noch um mein Helfersyndrom zu befriedigen, sondern einfach, weil mein Arbeitgeber das so möchte. Wie die Verkäuferinnen in gewissen Schreibwarenläden, die allen Kunden noch eine Papiertüte mit Radierfunktion anbieten müssen, obwohl sie wissen, dass die Kunden davon genervt sind.

Anonym hat gesagt…

Es kann doch echt nicht sein, dass man Hilfe nicht ablehnen darf. Klar, die Arbeitsanweisung ist korrekt. Es soll doch bitte sichergestellt sein, dass der Busfahrer helfen muss, wenn Hilfe gebraucht wird. Aber wenn jemand dankend ablehnt, weil er die Ministufe hochkommt, ohne dass jemand noch ein Brett anlegt, dann gilt, was andere über ihn bestimmen? Nämlich dass er sich bevormunden lassen muss? Du fährst nur über die Rampe in den Bus? Weil ich das so will? Oder weil mein Chef das so will? Ohne jeden weiteren Grund?

Ich bin nicht gezwungen, die Papiertüte mit Radierfunktion zu nehmen. Hier wird eine Rollstuhlfahrerin am Einsteigen gehindert, wenn sie die Hilfe, die sie nicht will, nicht annimmt.

Ich bin weder Rollstuhlfahrer noch Busfahrer, ich finde das Thema jetzt auch nicht lebenswichtig, aber ich finde dennoch, dass diese Regelung auf den Prüfstand gehört.

Jule hat gesagt…

Was den Busfahrer angeht, so fahre ich beinahe täglich mit einem Linienbus und in 95% der Fälle fährt der Fahrer (oder die Fahrerin) dicht an den Bordstein, senkt den Bus ab und macht die Tür auf. Es gibt aber einfach 5% der Fahrer, die irgendeinen Zirkus veranstalten: Nicht absenken, nicht mitnehmen oder erst alle anderen einsteigen lassen und am Ende finde ich keinen Platz mehr und muss mich in der Tür festhalten und alle steigen über mich rüber beim Ein- und Aussteigen. Oder ähnliches. Mich nervt es einfach, wenn aus der Tatsache, dass da jemand im Rollstuhl steht, so ein Drama gemacht wird.

Dass der Busfahrer solche Vorschriften hat, glaube ich nicht, anderenfalls hätte das schonmal jemand erwähnt oder es hätte in einer Infobroschüre gestanden. Der wird verpflichtet sein zu helfen, aber wenn jemand keine Hilfe braucht, wird man sie demjenigen nicht aufdrängen müssen.

Und was die Diskriminierung der Frau angeht: Das war so beabsichtigt. Ich muss nicht alles in mich reinfressen. Vordrängeln, duzen, nerven, beleidigen - irgendwann bin ich einfach nicht mehr freundlich, sondern böse. Es sollte ganz klar zum Ausdruck bringen, dass ich sie missachte. "Warum bist du dick?" könnte man ja noch als wahres Interesse missverstehen.

Der Tag ging übrigens so weiter und ich habe noch immer keine bessere Laune. Besser, ich gehe jetzt schlafen.

Kabautz hat gesagt…

" hihi, voll lustig. Du bist immer so tolerant und achtest andere Menschen so sehr, aber wenn sogar du das Diskriminieren dicker Leute ok findest und von deinen kommentatoren dafür gelobt wirst, ist das wohl das Ventil, an dem man die eigenen Pöbelbedürfnisse ausleben kann. :-) "

Wie man in den Wald hineinruft, schallt es auch wieder hinaus. Die olle Kuh drängelt sich vor, verhält sich wie die Axt im Walde und hat mal genau GAR kein Anrecht auf eine Antwort von Jule. Das hat absolut nix mit Toleranz zu tun. Wieso müssen auffällige Menschen bloß immer höflich sein, damit sie nicht abgeurteilt werden?! Jeder Volldepp darf Homosexuelle Pärchen, Behinderte, Punks oder sonstwie "unnormale" schräg von der Seite anlabern, das ist dann völlig okay und man kann sich dann hinterher noch auf die Schulter klopfen dass man einem außenstehenden Mitglied der Gesellschaft soziale Interaktion ermöglich hat, oder wie? Möchte mal wissen, wie DU reagierst, wenn du ständig mit Dummgelaber von Leuten konfrontiert wirst. Find's völlig in Ordnung, auch mal die Beherrschung zu verlieren und dass Jule das hier postet ist nur authentisch.

Anonym hat gesagt…

@Jule Zu den Arbeitsanweisungen der Busfahrer: Die unterscheiden sich von Unternehmen zu Unternehmen im HVV. Die Busfahrer der PVG kriegen zB. richtig den Marsch geblasen (bis zur Abmahnung) wenn sich jemand beschwert, dem Rollifahrer sei nicht korrekt geholfen worden.
Andere Betriebe im HVV sehen das ganze... sagen wir mal... relaxter.

WENN die Rampe rausgeklappt wird, haben die Busfahrer (laut Beschwerdehotline vor 4 Jahren) allerdings die Anweisung, erst alle Fußgänger einsteigen zu lassen. Total super, wenn dann ein infektanfälliger Junge im Regen sitzt und wartet, bis die Fußgänger alle im Trockenen sind...

Zudem sind einige Bushaltestellen (insbesondere an der Linie 5, z.B. Grindelhof) extra erhöht, damit nur absenken reicht. An anderen Haltestellen ist dies anders.

Das würde zumindest erklären, warum an verschiedenen Haltestellen/verschiedenen Buslinien die Busfahrer sich unterschiedlich verhalten.

ruolbu hat gesagt…

hmmmm doof mal wieder zu lang, mal gucken obs zweigeteilt funktioniert...


@Kabautz zum einen finde ich es schade, dass auf den doch sehr neutralen bis maximal ironischen, aber wohl kaum bösen, Kommentar, so ein bissiges "Möchte mal wissen, wie DU..." kommt. Wirkt auf mich ein wenig eskalierend.

Zum anderen, ich finde dass dein Anonym durchaus Recht damit hat, diesen Umstand zu kritisieren.

@Jule
In so einer Situation böse, gemein, unfair oder giftig zu werden, sogar beleidigend und, wie du sagst, missachtend empfinde ich nicht als verwerflich - solange man persönlich bleibt. Das mag seltsam klingen, wo es sonst doch immer heißt, "solange man nicht persönlich wird". Du hast dich jedoch dazu herabgelassen, diskriminierend zu werden. Das ist meiner Meinung nach etwas anderes als nur die Beherrschung zu verlieren (oder sie gewollt abzulegen). Denn dein Kommentar stellt "fett" als negative Eigenschaft dar, und würdigt dicke Leute im Allgemeinen herab.

Achtung Binsenweisheit

Fettleibigkeit ist jedoch nicht naturgemäß eine negative Eigenschaft eines Menschen, es sagt genauer quasi nichts über diesen Menschen an sich aus. Genauso wenig wie eine Behinderung oder der Umstand, dass man (aus welchem Grund auch immer) in einem Rollstuhl sitzt, einen Menschen zum Bürger zweiter Klasse erklärt, der jedem anderen Rede und Antwort zu stehen hat.

Binsenweisheit Ende

Nur um das deutlich auszusprechen, ich unterstelle dir keine generell diskriminierende Haltung gegenüber dicken Menschen. Was ich dir jedoch unterstelle ist, dass du in diesem Moment unachtsam mit deiner Wortwahl warst und dir womöglich nicht über die Tragweite solcher Aussagen im Klaren bist.
Diskriminierung von Frauen, Homosexuellen, Bisexuelle, Asexuellen, Transsexuellen, POC, religiösen Menschen und und und wird durch exakt solche Achtlosigkeit weiter aufrecht erhalten und propagiert, wodurch ein Gesellschaftsbild konstruiert wird voll mit Einheitsbrei-weißen-heterosexuellen-cisgender-unversehrten-attraktiven-schönen-sportlichen-bla-keks-Übermenschen. Und jeder der diesem Bild nicht entspricht (also im Grunde JEDER) hat sich wegen seiner individuellen Abweichung vom Ideal zu schämen bzw. wird von anderen Menschen dafür herabgewürdigt.

ruolbu hat gesagt…

Darum ist es NICHT okay, Menschen für ihr Gewicht/ihren Körperbau herablassend zu behandeln.

Die Menschen denken über ihr Handeln nicht genug nach - du weißt das sicherlich besser als ich, weswegen es mir am Herzen liegt, dass du auf solch eine Aussage das nötige Kontra bekommst, damit du einen Anreiz hast, zu reflektieren.

Was ich anfänglich mit persönlich meinte ist, direkt auf das einzugehen, was diese Person so unangenehm macht. Viel besser hätte mir gefallen: "Warum sind sie eigentlich so eine widerlich egozentrische, herablassende, ignorante Person?". Das hätte den Punkt, warum du zurecht angepisst warst, viel besser rübergebracht, ohne die eine Diskriminierung mit einer anderen aufzuwiegen.
Klar, das kommt einem nicht so leicht in den Sinn oder über die Lippen. Aber eine gesellschaftlich tolerierte/ignorierte und somit leicht zugängliche Diskriminierung zu wählen und einem Menschen an den Kopf zu schleudern, nur weil man sich in dem Moment nicht besser zu helfen weiß, ist die falsche Wahl.


Gut, das war jetzt ne Menge Text. Man könnte auch sagen, ich mache aus einer Mücke einen Elefanten. Denn schließlich war es doch "nur" eine einmalige Beleidigung, gegenüber einer Person, die echt mal in ihre Schranken gewiesen werden sollte und laber palaver...
Mein Punkt ist, dass das Problem genau darin liegt. Die allermeisten Menschen tragen ein diskriminierendes Gesellschaftsbild mit, im ganz kleinen, mit solch minimalen Aussagen ohne es zu schnallen. Diese nicht mehr zu äußern ist nicht die wundersame Lösung, für alle Probleme. Es geht hierbei jedoch darum, bewusst zu sprechen, zu realisieren was man wiedergibt und tatsächlich vermittelt und sich in Folge dessen bewusst dazu zu entscheiden, manche Dinge nicht mehr zu sagen. Denn erst so kann man seine Wahrnehmung für Diskriminierung, die einen selbst nicht trifft, schärfen und das eigene Denken - in Folge dessen hoffentlich später auch das Anderer - zu beeinflussen.

mfg
ruolbu

Anonym hat gesagt…

"Und was die Diskriminierung der Frau angeht: Das war so beabsichtigt."
Mission accomplished!
"Ich muss nicht alles in mich reinfressen."
Empfiehlt sich eh nicht. Spricht auch absolut nichts dagegen, Leuten ihr Verhalten nicht durchgehen zu lassen. Wenn sie sich scheiße verhalten, weist man darauf hin oder schnauzt zurück, passt alles.
"Vordrängeln, duzen, nerven, beleidigen - irgendwann bin ich einfach nicht mehr freundlich, sondern böse."
Du hast aber keinen dieser Punkte kritisiert.
Genervt und beleidigt haben dich andere auch, kritisiert hast du keinen dafür. Du hast auch diese Frau nicht für ihr Verhalten kritisiert, sondern dich ganz profan auf den sicheren Boden des Diskriminierens niedergelassen: Du hast sie wegen ihres Übergewichtes abgewertet.

Nicht nur rrhetorisch, ist ja mal sowas von kein Zufall, dass es die DICKE unter den Nervigen war, die sich dann deinen Ausbruch anhört.

Selbes Verhalten, andere Randgruppe. "Warum bist du schwarz und trotzdem in Deutschland?" - "Warum hast du keine Arme?" - "Warum trägst du so dämliche Locken und diese total überflüssige Kappe?" - na, wieviele Leuten hätten dir da in den Kommentaren noch verbal applaudiert?
Keine, deren Applaus die meisten Menschen wünschen.
Weil es nicht ok ist zu diskriminieren statt das zu kritisieren, was daneben war.
Es sei denn, es geht um Übergewicht.

Ich meine es übrigens absolut ernst: Danke für diesen Beitrag. Besser geht's nicht.

Julia hat gesagt…

Jetzt packen die Moralapostel wieder die Keule aus, Hallelujah.

Ich kann Jules Reaktion verstehen und nachvollziehen. Wenn man das moralisch verwerflich findet, bitte. Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.

Anonym hat gesagt…

"Nachvollziehbar" und "ok" sind nicht das gleiche.

Jule wird hier zurecht kritisiert. Sogar konstruktiv. Man hätte auch sagen können "Mach die Frau nicht so an, nur weil dich niemand ficken will außer einem Amelotatisten" - wäre dasselbe Niveau von Diskriminierung und Beleidigung.
Die Frage ist nur, wer da die Moralkeule schwingt und mit welcher Entrüstung und wie anerkannt das ist.

Anonym hat gesagt…

So langsam gehen mir einige Kommentare hier entschieden zu weit.

Anonym hat gesagt…

@anonym vor mir: Getroffene Hunde bellen. Ich denke, Jule sollte hier mal aufräumen. Kann doch nicht sein, dass ein Übergewichtiger ein Problem mit seinem sozialen Status hat und hier wiederholt hinrotzt.

Mike hat gesagt…

Hallo
Natürlich war das, was Jule zu der untergroßen Dame gesagt hat, leicht daneben.
Aber schlagt mal Joh 8,7 nach.
und Mt 7,3-5

Manchmal gehört auf einen groben Klotz halt auch ein noch gröberer Keil!
Und wer sich wie die Axt im Walde benimmt, der verliert das Recht auf eine höfliche Behandlung. PUNKT!

Und bevor Jule irgendwie zerplatzt oder sie sich wegen Wut reinfressens ein Leberleiden zuzieht, kann sie schon mal ihre Gute Erziehung vergessen.

Mike

ruolbu hat gesagt…

Schade. Ich hab mich auf die Reaktionen gefreut. Nur leider muss ich sehen, dass sowohl Julia als auch Mike den Kern der konstruktiven (ich möchte dieses Adjektiv gerne betonen) Kritik offensichtlich verpassen.

@Julia
Niemand ist ohne Schuld, ich nicht, du nicht,Jule nicht. Darum ist es wichtig sich bewusst zu werden, womit man diese Schuld auf sich lastet.

@Mike
Ich wiederhole mich zwar, aber nochmal in Kurz:
Ein Mangel an Höflichkeit und guter Erziehung sind nicht das Problem und auch nicht das, was ich und (diverse) Anonym(e) hier kritisieren. Diese Frau hat mit ihrer Ignoranz das Recht auf Höflichkeit verwirkt. (Ich merke gerade, du hast einen sehr ähnlichen Satz verfasst)
Schimpfen, Kritisieren, Beleidigen, Diskutieren, Zurücknerven - alles ok.
Diskriminieren - nicht ok.
Das ist ein elementarer Unterschied.

Monall hat gesagt…

Roulbo, warum beißt du dich so am "diskriminieren" fest? Du meinst, Jule dürfte die Dame wg. ihrem Verhalten zwar beleidigen, aber nicht diskriminieren. Eine Beleidigung funktioniert aber nur, wenn sie einen trifft, also muss sie sich auf ein bestimmtes Merkmal beziehen und "diskriminiert" damit doch automatisch, oder nicht?

Und warum ist es in Ordnung, jemanden eine so intime Frage zu stellen, warum man im Rollstuhl sitzt, gleichzeitig darf man aber eine ebenso intime Frage nicht zurückstellen?

Jule hat sicherlich nicht "fett" gesagt, um damit alle Übergewichtigen in einen negativen Kontext zu stellen, sondern hat schnell etwas gebraucht, was einen ähnlichen Wert hat wie die unverschämte Frage der Frau. Viele Leute lernen nur, wenn man ihnen kompromisslos den Spiegel vorhält und Paroli bietet.

Mit Diplomatie und Nettigkeit kommt man bei Ignoranten Leuten nicht weiter und man kann in einer solchen Situation nicht erst überlegen, ob man jetzt das oder jenes sagt oder lieber gar nicht - dann wirkt es nicht mehr.

Ich kann mich nicht schei** Verhalten und mich danach beschweren, wie gemein und fies die Leute zu mir sind. Ganz ehrlich, was hat denn "widerliche, egozentrische, herablassende und ignorante Frau" für eine Wirkung? Das würde weder zu Selbstreflektion noch zu einem Umdenken bei der Frau führen.

Anonym hat gesagt…

"Und warum ist es in Ordnung, jemanden eine so intime Frage zu stellen, warum man im Rollstuhl sitzt,[...]"
Es ist nicht in Ordnung. Überhaupt nicht!
Es war komplett daneben, es war unverschämt, achtlos, dumm.
Und deswegen wäre es auch total ok gewesen, die Frau als unverschämt, achtlos und dumm zu bezeichnen. Aber das hat Jule nicht getan, sie hat das Dicksein in den mittelpunkt ihrer Kritik gestellt. War das Übergewicht der Frau belästigend? Oder ihr Verhalten?

"Jule hat sicherlich nicht "fett" gesagt, um damit alle Übergewichtigen in einen negativen Kontext zu stellen, [...]"
Das ist aber genau das, was passiert. Sie kritisiert nichts von dem, was die Frau falsch gemacht hat. Und naja ernsthaft mal - wenn ein Rollifahrer sich irgendwo daneben benimmt und man sich dann über den Rolli lustig macht statt das Verhalten zu kritisieren, ist das auch Diskriminierung.
Übergewichtige zu diskriminieren findet niemand schlimm, weil es normal und anerkannt ist. Das heißt nicht, dass es tatsächlich ok ist.

ruolbu hat gesagt…

Hi Monall

Also, ob eine Beleidigung automatisch diskriminiert, würde ich bezweifeln. Diskriminierung hat für mich etwas mit dem Herabwürdigen einer Personengruppe zu tun und mit Verallgemeinerung. Eine auf die individuelle Situation passende Beleidigung muss keine zweite Person treffen und keine Verallgemeinerung beinhalten.

Ich finde auch nicht, dass "egozentrisch, herablassend und ignorant" eine fragwürdige oder gar nicht existente Wirkung hätte. Wenn die Frau nicht komplett ignorant ist (in welchem Fall auch der harsche Hinweis auf ihren Körperbau wohl kaum einen Sinneswandel einleiten würde), wird sie schnallen, dass mit diesen Worten etwas bestimmtes gemeint ist ("fett" hingegen teilt ihr nur mit, das da jemand ein Problem mit ihrem Körpervolumen hat). Es besteht also die leichte Chance (das ist kein Sarkasmus, ich weiß, dass man sich da keine großen Hoffnungen machen sollte - bei "fett" gilt jedoch das gleiche, da die Reaktion in so einem Fall vermutlich eher Richtung 'komplett dicht machen' geht), dass sie darüber nachdenkt, was zum Teufel der Anlass für diese Behauptung war.

Die Frage, wie genau dieser bestimmte Mensch nun auf welche exakte verbale Äußerung reagiert, bleibt sowieso offen und ist anhand von Jules Schilderung für niemanden definitiv beantwortbar. Anstatt darüber zu mutmaßen, finde ich interessanter, was ganz konkret in solch einer Aussage, wie Jule sie verwendet hat, alles drin steckt.

Das sie mit ihrer Wortwahl keine Verunglimpfung von allen Menschen, die subjektiv als "fett" bezeichnet werden könnten, bezwecken wollte, ist schon klar. Aber wie du selbst sagst:

"...sondern hat schnell etwas gebraucht..."

Sie war vorschnell und vor allem unachtsam in ihrer Wortwahl. Ob es in ihrer Absicht lag oder nicht, durch so einen Kommentar führt sie einen diskriminierenden Rundumschlag aus, der das Potential zu enormen Kollateralschaden hat. Mir geht es darum, dass die Verwendung von solchen Beschimpfungen Menschen verrohen lassen. Es wird alltäglich und banal andere Menschen hin und wieder, an einem schlechten Tag oder vielleicht mal in einem Wutanfall oder irgendwann mal - wir machen es inzwischen ja sowieso schon die ganze Zeit - ganz nebenbei als fett oder als Schwuchtel oder Pussy (wie wäre es mit Fotze?), Hure, Krüppel, Neger, egal was zu bezeichnen. Um sich an so etwas zu gewöhnen muss man es nicht mal selbst verwenden, man muss es nur oft genug hören.

Und wo kommen wir hin, wenn solche Begriffe alltäglich sind? Flächendeckende Angst vor dem Anders sein. Teenager fürchten sich vor Homosexualität ("bist du Schwul oder was") Jungs und Männer haben Angst irgendetwas weiblichen auszustrahlen ("du fängst wie ein Mädchen"), Mädchen und Frauen werden anhand ihrer Kleidung sozial eingeordnet ("so wie die Schlampe rumrennt" - Slutwalk anyone?) und dicke Menschen werden ausgegrenzt.
Ach nee, da sind wir ja schon! Also wie wäre es, wenn wir uns alle mal am Riemen reißen und dieses Problem langsam angehen indem Sprache bewusst benutzt wird. Keine große Sache, ist nicht so schwer.

Mike hat gesagt…

roulbu
Ich bin auch nicht unbedingt schlank. Nicht gerade ein Michelin-Männchen (die Jüngeren mögen bitte Googeln) aber doch "nicht ganz" Idealgewicht.

Und wenn ich in der beschriebenen Situation daneben gestanden wäre... Ich hätte mich vermutlich innerlich kaputtgelacht und mich in keinster Weise diskriminiert gefühlt. Denn es eine Intime und Indiskrete Gegenfrage auf eine Intime und Indiskrete Frage.
Grober Klotz, Grober Keil!

Ich nehme ausserdem an, dass der Bahnhof Bergedorf auch über so eine raffinierte Sache wie eine TREPPE verfügt, über die jemand, der sich ernsthaft sportlich betätigen würde, gleichfalls zwanglos seinen Bahnsteig erreichen könnte, ohne dabei "kalt" zu werden.

Das war doch blos ein Vorwand, um sich vorzudrängeln.

Kurz gesagt: Ich fühle mich als Betroffener überhaupt nicht diskriminiert :-)

LG
Mike

Tine hat gesagt…

Hallo Jule!
Durch einen Link bei Facebook bin ich gestern auf Dein Blog gekommen. Da es interessant klang habe ich die Adresse mal abgespeichert. Heute kam ich dann mal richtig zum Lesen... Und Wahnsinn... Ich habe heute den ganzen Tag daran gelesen. Angefangen bei Deinen ganz frühen Einträgen. Ich muss sagen, was Du wahrscheinlich schon oft gehört hast - er ist einfach toll. Toll, wie Du Dein Leben meisterst und einen Weg gefunden hast. Ich fand ihn auch aus einem anderen Grund interessant - ich komme eigentlich aus Schwarzenbek. Viele von den Orten, die Du beschreibst kenne ich auch. Im BUK Boberg habe ich auch schon gelegen als Patient. Heutzutage bin ich Krankenschwester und habe auf einer unfallchirurgischen Intensivstation gearbeitet. Leider bin ich seit März 2010 arbeitsunfähig krank - ich habe ein CRPS im rechten Arm.... Seitdem suche ich einen neuen Weg, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen.
Ich blogge ebenfalls ;-) www.tine5880.blogspot.com - vielleicht magst Du ja auch mal bei mir schauen. Aber ich warne, es ist nicht halb so originell geschrieben wie deines!
Weiter so!
Ganz liebe Grüße aus Essen in meine alte Heimat!
Tine

Anonym hat gesagt…

ich habe gerade festgestellt, dass ich wohl zu doof war meinen kommentar zu speichern. Ich wollte nur kund tun, dass ich mich über das anfängliche Räuber Kneißl Zitat gefreut hab, der kommt nämlich aus meinem Landkreis :)

Monall hat gesagt…

@ Anonym 23:53:

Wir kommen aus der gleichen Gegend, auch wenn ich nicht aus dem Landkreis komm, wo der Kneißl Hias geboren wurde, sondern aus dem, wo er verhaftet wurde (und dem Ort, wo sein Museum steht).


@roulbo:

Eine Beleidung muss spontan kommen - wenn man erstmal 5 Minuten über political Correctness nachdenkt, erzielt man keine Wirkung.

Und ganz ehrlich, so wie sich die Frau verhalten hat, ist sie komplett ignorant - und da hilft eine tiefgründige Beleidigung nicht weiter.

Warum muss man gegenüber unverschämten Leuten, die in den intimen Bereich mit unverschämten Fragen und aufdringlichen Handlungen eindringen, so eine Korrektheit zeigen? Warum soll man überhaupt versuchen, es ständig allem Recht zu machen? Darf ich also auch niemanden mehr "dumm" schimpfen, weil sich dadurch die Gruppe der geistig nicht so fähigen Leute diskriminiert fühlt?

Homophobie verschwindet nicht dadurch, dass man Schwuchtel nicht mehr als Schimpfwort benutzt. Neger ist auch ein Geächteter Negriff und trotzdem sid noch immer viele Leute gegenüber dunkelhäutigen Leiten rassistisch (siehe USA mit "Nigger").

Ich würde wetten, selbst wenn Jule den Spruch in einem Aufzug mit 15 Übergewichtigen zu der Dame gesagt hätte, 80 - 90 % sich nicht beleidigt oder Diskriminiert gefühlt hätten. Davon abgesehen, dass jeder allein schon deshalb über die Frau lacht, weil sie sich aufführt wg. "kalt werden", anstatt dass sie einfach die Treppe nimmt (was auch ihrer Figur zuträglich wäre)

Anonym hat gesagt…

Liebe Jule und alle Leser,

ich habe eine Frage (die in einen längeren Text eingebettet ist):

Ich arbeite in einer kulturellen Einrichtung in einem alten Gebäude, in dem es keinen Fahrstuhl gibt und kein Einbau möglich ist. Dementsprechend ist es für den Großteil unserer Gäste - vor allem ältere Menschen - sehr schwierig, die 6 Stufen zum "Erdgeschoss" zu überwinden, geschweige denn, in den ersten Stock zu gelangen. Ich schreibe explizit "ältere Menschen", da ca. 70 % über 70 Jahre alt sind und Probleme mit Treppen haben. Desweiteren betrifft es logischerweise Rollstuhlfahrer.
Meistens trauen sich die Leute gar nicht erst zu kommen, da sie wissen, dass es keinen Aufzug gibt. Aber wer sich getraut hat, hat gemerkt, dass er überall hinkommt, da wir im Zweifelsfall auch das gesamte Personal zusammentrommeln und den Rollstuhlfahrer im Rolli hoch- und später wieder runtertragen. (Das ist garantiert nicht sonderlich angenehm, wenn alles komplett in fremden Händen liegt, das ist mir bewusst). Mittlerweile haben wir einen hauseigenen Rolli, damit Menschen mit E-Rolli sich umsetzen können und auch nach oben kommen.
Mehr können wir - glaube ich - momentan nicht machen. Oder hat jemand eine Idee?

Jedenfalls: Was mir dabei aber schon ein paar Mal passiert ist: Ein Gast fragt nach, ob es die Möglichkeit gibt, als Rollstuhlfahrer reinzukommen, und während ich erkläre, dass wir unser Möglichstes tun, wird mir gesagt, dass ich nicht von mir als dicke Frau ausgehen soll, sondern dass die Treppe problemlos bewältigt werden kann. Da frage ich mich doch: Warum fragst Du dann? Ich bin bis heute nicht dahinter gekommen, und als ich diesen Beitrag gelesen habe, wurde mir das Ganze wieder bewusst. Können wir bzw. ich etwas anders bzw. besser machen?

Ich würde mich über konstruktive Antworten sehr freuen, da es oftmals wirklich sehr frustrierend ist und man dazu neigt, das Ganze persönlich zu nehmen.

Viele Grüße,
Jette

Asinello hat gesagt…

Herrlich.

Da ist die Heilige Jule von den Greifreifen eines Montagmorgens (trotz Dienstwagen) noch gar nicht im Dienst, gibt auf eine Serie von Unverschämtheiten mal nicht das duldsame Opferlamm, sondern schlicht ein mal passend raus - und schon regnet es einen wahren Sturzbach von Kommentaren, worin das akkurate Mindestmaß moralisch korrekten Verhaltens bestünde, dass derlei auch an einem Montagmorgen zu gelten habe, und zwar auch für eine Stinkesocke. Schämen solle sie sich. In Grund und Boden. Bis zur Radnabe.

Köstlich.

Endlich mal eine Steilvorlage für jene (überwiegend anonyme) KommentaToren, deren Lieblingsbeschäftigung hier darin besteht, der Blogbetreiberin regelmäßig moralisch eins reinzuwürgen. Wer hätte gedacht, was für Scharen so eine kleine Prise Trollfutter schon anlocken kann! Welch ein Gegacker! Was für eine kunterbunte Menagerie!

Großartig.

Und am nächsten (dem Nachlege-)Posting hängt dann -naklar- auch noch eine Fortsetzung.

Prächtig. Wonderfull. Marvelous.

Sina hat gesagt…

Bei mir ist heute auch Montag. Ich wollte meinen Urlaubstag und shoppen gehen. Da ich dies mangels Gehfähigkeit mit einen Rollstuhl tue ist eigentlich nicht der Rede wert. Bis ich aus meinem Auto ausgestiegen war sind schon 3 Menschen glotzend stehen geblieben und haben meinen Rollstuhllift "bewundert". Haben
mich angelabert wie toll es doch sei, dass es diese Technik heutzutage gibt. Ja finde ich auch, sonst bekäme ich den Rolli nicht aus dem Auto. Ja solange man das bezahlen kann blabla da hab ich schon abgeschaltet.

Dann ging's eine Steigung hoch bei der mich wieder alles um mich herum angeglotzt hat und es sich ein älteres Pärchen nicht verkneifen konnte zu sagen: "das ist ganz schön anstrengend, oder?" Ja ist es, macht aber nix sonst würde ich woanders parken.

Oben angekommen wollte mich jemand schieben "Ich nehme sie ein Stück mit". Dass das "nein danke ich weiß so ich hin will" dann irgendwann nicht mehr so freundlich aus meinem Mund kommt kann man doch auch verstehen. Auch wenn es nett gemeint ist, fragen hätte gereicht ohne gleich für mich eine Entscheidung zu fällen.

Ich habe nichts dagegen, dass jemand fragt, ob er helfen kann. Bei Türen aufhalten bin ich sehr froh darum. Aber diese ständige in Gespräche verwickelt werde nervt ohne Ende. Und ich verweigere da mittlerweile auch meine Teilnahme.