Freitag, 9. Dezember 2011

Der Achte

Ich wurde ja mehrmals gefragt, ob ich ständig so etwas erlebe, wie im Beitrag Sieben an einem Tag beschrieben. Die Antwort lautet: Ständig. Wirklich ständig. Nicht täglich, aber zumindest in so kurzen Abständen, dass es eintönig werden würde, wenn ich ständig darüber schreibe. Immerhin gibt es zwischenzeitlich auch wieder tolle und nette Dinge, sie überwiegen auch, aber gerade heute steht es mir schon wieder bis zum Hals.

Ich möchte von meiner Physiotherapie zum Bahnhof fahren, warte an der Haltestelle auf den Bus, der soll in vier Minuten kommen. Mit mir warten noch zwei andere Leute. Der Bus kommt, der Fahrer öffnet die Tür, senkt den Bus ab, ein Typ steht auf und will die Rampe ausklappen. Ich sage zu ihm: "Neenee, lassen Sie drin, das geht auch so!" - Er klappt die Rampe trotzdem aus. Okay, ich fahre hinein, bedanke mich bei ihm, er klappt hinter mir die Rampe wieder ein, ich stelle mich auf den vorgesehenen Platz, mache die Bremsen fest, Schneeflocken werden vom Wind durch die offene Tür gepeitscht...

Nichts passiert. Vorne geht die Tür ein paar Mal auf und wieder zu, hinten bleibt sie offen. Irgendwann steht die Busfahrerin auf, geht am Bus entlang zur hinteren Tür, ruckelt an der Rampe, springt ein paar Mal darauf herum, geht wieder nach vorne, setzt sich wieder hin, steht wieder auf, kommt mit einem Handfeger nach hinten, klappt die Rampe aus und fegt mit dem Handfeger den Eingangsbereich. Ein Typ pöbelt: "Fahren wir nochmal weiter oder was?" - Die Fahrerin antwortet: "Wenn ich die Tür zukriege, fahren wir auch weiter, ja. Im Moment klemmt hier was." - "Mach mal hinne da, ich hab noch Termine heute."

Nachdem die Fahrerin gefühlte 10 Liter Sand und Streugut unter der Rampe herausgefegt hat und sie noch einmal knirschend schließt, noch einmal darauf herumspringt, noch einmal nach vorne geht, noch einmal vergeblich versucht, die Tür zu schließen, den ganzen Bus aus stellt (Licht aus, Lüftung aus, Motor aus, alles aus) und wieder neu startet, die Tür trotzdem sich nicht schließt, senkt sie den Bus wieder ab, macht alle Türen auf und sagt über Lautsprecher: "Liebe Fahrgäste, der Bus ist kaputt, bitte steigen Sie alle aus und warten Sie auf den nächsten Bus. Es tut mir leid, aber ich kann es nicht ändern."

Rund 40 Leute stiegen mit verdrehten Augen, unter Gemurmel und Gemurre aus dem Bus aus, stellten sich in das Glashäuschen, für mich war leider kein Platz mehr, nur noch so, dass ich trotzdem nass wurde, die Busfahrerin spielte an der Notentriegelung herum, klappte die Tür mit der Hand zu, schloss sie mir einem Vierkant ab, startete den Bus noch einmal neu - und tschüss. Nächster Bus: In 16 Minuten. Nicht zu ändern.

"Die könnten ja wenigstens mal einen Ersatzbus schicken", meinte der Typ, der schon im Bus rumgepöbelt hatte. Alle anderen ignorierten das. Und dann ging es los: "Und das alles nur wegen dir hier", sagte er und funkelte mich an. Ich erwiderte: "Ja sorry, tut mir Leid, aber ich kann auch nichts dafür, wenn das Ding plötzlich kaputt geht. Ich würde jetzt auch lieber im warmen Bus sitzen und nach Hause fahren anstatt hier rumzustehen." - "Jaaa, schön nach Hause fahren, was? Ich komm zu spät zur Arbeit und du hast Probleme, dass du nicht schnell genug zum Mittagessen kommst." Er redete sich in Rage. "Ich glaub, es hackt. Wer hat denn den Bus kaputt gemacht? Ich oder du? Vor dir sind tausend Leute eingestiegen und alles hat funktioniert und jetzt kommst du und..."

Mehrere Leute gingen bereits auf Abstand und stellten sich lieber drei Schritte weiter ins Schneegestöber. Ein Mann mit ausländischem Akzent sagte: "So komm, nu lass mal die Frau in Ruhe. Die kann nun wirklich nichts dafür." - "Ey, bist du ihr Vater? Willst du Stress oder was? Was mischt du dich da ein!" - "Ist gut jetzt. Wir wollen alle keinen Stress, okay? Lass uns auf den nächsten Bus warten, mehr können wir im Moment nicht tun." - Ich nutzte die Chance, um mich ein paar Meter zu entfernen. Lieber voll im Schneesturm stehen als von dem noch irgendwas abzukriegen.

Der Typ kam auf mich zu, blieb zwei Meter vor mir stehen. "Schämst du dich jetzt?" - Ich tat so, als wenn ich ihn nicht hörte und guckte auf der gegenüberliegenden Straßenseite einem Welpen hinterher, der versuchte, die Schneeflocken einzeln mit seinem Maul zu fangen. Dann spuckte er mich an. Nun war es genug. Ich rollte rund zwanzig Meter von ihm weg. Er kam nicht hinterher. Ich beschloss, "zu Fuß" zum S-Bahnhof zu fahren. Die Strecke ging über Kilometer bergab. Nur der Wind war etwas blöd. Aber nach fünf Minuten hörte es auf zu schneien und die Sonne schien - das war dann wohl die richtige Entscheidung. Schließlich ist draußen die Luft auch wesentlich besser als im Bus...

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Was für ein Arschloch!

Anonym hat gesagt…

Spätestens da wäre die die Hutschnur gerissen und ich hätte die Polizei gerufen. Vielleicht im ersten Moment ein wenig übertrieben, aber so wäre er wenigstens nicht ohne Kommentar davon gekommen.

Heute ist also mal wieder kein schöner 3. Advent sondern Fremdschämen angesagt.

Anonym hat gesagt…

So viel zum Thema Zivilcourage ...armes Deutschland.

Tut mir sehr Leid für dich Jule.

Anonym hat gesagt…

oh man.. mir fehlen die Worte... wie intolerant, ignorant, dumm, asozial,..... kann man sich eigentlich verhalten? Das geht echt gar nicht.. tut mir sehr leid Jule. Wenigstens einer ist ja noch dazwischen gegangen aber trotzdem peinlich das nicht mehr Leute was gesagt haben. Ich wünsche dir trotzdem einen fröhlichen dritten Advent in deiner WG und hoffentlich nicht so einen stressigen wie bei mir ;).

Liebe Grüße

*Biene*

Anonym hat gesagt…

Einfach nur krank das dir keiner geholfen hat.....

Gruß
Andreas

Marina hat gesagt…

Der hat dich angespuckt??
Was fuer eine kranke Person! Ich haett den sowas von zur Schnecke gemacht, wenn ich mit an der Bushaltestelle gestanden waere... das ist echt unter aller Sau!

Alice hat gesagt…

ER HAT DICH ANGESPUCKT???????? Als sei die Pöbelei nicht schon genug gewesen. Ich hätte ihn angezeigt. Oh mein Gott... ich bin grad so empört!!!!!

Anonym hat gesagt…

Wegen was denn anzeigen? Wegen Körperverletzung vielleicht? Hihihi

Anonym hat gesagt…

Wenn ich das als Arbeitgeber oder Kunde von dem Typen mitbekommen würde, würden der Arbeitsweg oder die wichtigen "Termine" ganz schnell zu "nicht-existenten Problemen" für ihn werden ;-)

Gruß

Loxia

Anonym hat gesagt…

@12.42: Anspucken ist eine tätliche Beleidigung und wird auch als solche geahndet (Freiheitsstrafe bis zu 2 Jahre oder Geldstrafe).

Davon abgesehen gibt es einen zivilrechtlichen Anspruch auf Schmerzensgeld und Reinigung der Klamotten.

Auch hihihi.

Anonym hat gesagt…

Ach du scheiße. Ich hätte auch die Polizei gerufen. Wahnsinn.
Aber kurz mal fürs Protokoll: der Typ scheint ein DEUTSCHER gewesen zu sein und von 40 Leuten war der EINZIGE, der den Mund aufgemacht hat, jemand mit ausländischem Akzent.
Es ist traurig, dass das erwähnenswert ist, aber es IST definitiv erwähnenswert, denn wäre es anders rum gewesen, kann ich mir sehr gut ausmalen, wie die Kommentare ausgefallen wären!

Mercury hat gesagt…

Oo Gott du arme... das tut mir echt leid Oo ich hätte auch die Polizei gerufen. Geht ja mal gar nicht... Und das dir keiner hilft -.- Eine Schande für alle da...

Anonym hat gesagt…

Ich hätte es auch gut gefunden, wenn er durch die Polizei einen Denkzettel für seine Taten bekommen hätte.
Allerdings sagt sich das leicht "Ich hätte die Polizei gerufen".
An deiner Stelle wäre ich wahrscheinlich auch lieber aus der Situation geflohen.
In dem Moment wo du die Polizei rufst, hätte er vielleicht noch etwas schlimmeres gemacht. Und die Umstehenden strotzten ja offensichtlich nicht vor Zivilcourage.
Schöne wäre auch gewesen, wenn der Rampenausklapper Eier gehabt hätte und die "Schuld" (so denn überhaupt jemand welche hat) auf sich genommen hätte, um die aus der Schusslinie zu nehmen.
Du hast da ja doch weniger Möglichkeiten als ein Mann ohne körperliche Einschränkung.