Sonntag, 25. Dezember 2011

Mal eben 644 Euro

Ich bin ja schon sehr gespannt auf mein Studium, dessen erste Vorlesung nun offiziell am 2. April beginnt. Lange habe ich darauf warten müssen, aber inzwischen weiß ich, dass alle Unterlagen komplett sind, die Pflegepraktika anerkannt wurden und meine Bewerbung Erfolg hatte. Die meisten meiner künftigen Kommilitonen bekommen ihre Zusage erst Ende Januar - manchmal hat eine Behinderung doch auch einen Vorteil.

Allerdings: Studieren in Hamburg ist teuer. Ganze 644 Euro möchte die Uni pro Semester, also pro Halbjahr, von mir haben. Setzt sich wie folgt zusammen:

375,00 € Studiengebühren
146,90 € Semesterticket
60,00 € Beitrag Studierendenwerk
50,00 € Verwaltungskostenbeitrag
10,20 € Beitrag Studierendenschaft
1,90 € Semesterticket-Härtefonds

Der Unsinn dabei: Ich darf, da ich wegen meiner Behinderung als "hilflos" gelte, öffentliche Nahverkehrsmittel ohne Ticket benutzen. Ich muss dafür lediglich einen entsprechenden amtlichen Ausweis mitführen. Ich muss den Anteil für das Semesterticket aber trotzdem bezahlen... Wie alle Studenten. Bisher konnte mir noch niemand sagen, ob ich den irgendwann erstattet bekomme. Man konnte mir nur sagen, dass ich, wenn ich 146,90 € im Vorwege abziehe, keinen Studienplatz bekomme. Hurra.

Okay, es haut mich (im Gegensatz zu manch anderem Rollifahrer) jetzt nicht aus dem Stuhl. Aber trotzdem: Muss sowas sein?

Und ich bin froh, kein BAföG beantragen zu müssen. Eine andere Rollstuhlfahrerin in meinem Sportverein studiert ebenfalls in Hamburg und bekommt BAföG. Genau ein Jahr hat es gedauert, bis endgültig über ihren Antrag entschieden worden war. Weil beide Elternteile unterhaltsverpflichtet sind, prüft das Amt erstmal, wieviel Unterhalt die Studentin denn tatsächlich bekommt bzw. bekommen müsste. Leider ist der Vater nach der Geburt weggelaufen, als er gesehen hat, dass das Kind behindert ist. Seitdem lebt er von Sozialhilfe oder Hartz IV. Da muss er natürlich keinen Unterhalt zahlen. Aber: Die Studentin weiß nicht, wo der Vater wohnt und will es eigentlich auch nicht wissen. Und damit nimmt das Schicksal seinen Lauf...

Auf eine eidesstattliche Versicherung der Studentin, keinen Unterhalt vom Vater zu bekommen, ermittelt das BAföG-Amt und läuft dem Vater hinterher. Droht mit Zwangsgeldern, wenn er keine Unterlagen rausrückt. Nur leider ist der Vater in den letzten Jahrzehnten rund fünfzig Mal umgezogen. Und bis man weiß, wo er sich jetzt aufhält, vergeht schonmal ein Jahr. Okay, am Ende klärt sich alles und das BAföG wird für das Jahr, das die Behörde brauchte, um zu ermitteln, dass der Vater wirklich Hartz IV bezieht, nachgezahlt - sollte man denken. Falsch gedacht: Nur für die letzten drei Monate. So steht es im § 53 des BAfö-Gesetzes.

Das heißt auf Deutsch: Je länger die Behörde braucht, um zu ermitteln, ob der Vater Unterhalt zahlen könnte, um so billiger wird es am Ende. Also fragt das BAföG-Amt auch nicht direkt bei seiner Rentenversicherung bzw. seiner Krankenkasse an, ob er irgendwo sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist, sondern schreibt nacheinander alle 50 Einwohnermeldeämter an... So kann man sich ein Jahr beschäftigen und so wird es am Ende billiger.

Da würde ich doch klagen! Ja, das dachte sie sich auch. Und hat verloren. Nicht nur den Prozess, sondern auch noch die Anwalts- und Gerichtskosten, denn BAföG ist zwar ein Sozialgesetz, wird aber vor dem Verwaltungsgericht verhandelt. Und ein Verwaltungsgerichtsverfahren kostet (im Gegensatz zum Sozialgerichtsverfahren). Warum? Weil sich das BAföG-Amt einfach ein Jahr lang mit dem Fall tatsächlich beschäftigt hat. Zugegebenermaßen unsinnig, aber nach Ansicht des Gerichts in bester Absicht. Sie waren nicht untätig. Somit ist es rechtens, dass der Studentin 9 Monate ihres BAföGs nicht gezahlt werden. Nach Ansicht des Gerichts muss nicht die Allgemeinheit dafür haften, wenn der Vater so oft umzieht. Weitere Rechtsmittel sind nicht zugelassen.

Hätte mir auch passieren können. Ich ziehe solche Sch... ja auch immer magisch an. Mal sehen, was aus dem Semesterticket wird...

Kommentare :

Nachtnebel hat gesagt…

Das ist aber großer Unsinn, dass das Semesterticket schon enthalten ist - es gibt ja schließlich auch Studenten, die drei Minuten Fußweg zur Uni haben.
Ich habe auch 600 € für das WS 11/12 gezahlt (In Ba-Wü), davon 500 € Studiengebühren, der Rest andere Kosten, das Semesterticket musste/konnte ich mir extra kaufen mit einer Bescheinigung von der Uni.

Anonym hat gesagt…

Hi Jule,
lt. UHH-AStA bzw. dort herunterzuladendem Formular ist der Beitrag zum Semesterticket für Dich und andere Schwerbehinderte erstattungsfähig: http://www.asta-uhh.de/uploads/media/Semesterticket-H%C3%A4rtefonds-Antragsformular.pdf
Grundsätzlich gilt: Bei Fragen zu solchen Dingen ist der AStA eher Dein Freund als andere Stellen.

@Nachtnebel:
Das ist der Trick beim Semesterticket, deswegen kann es überhaupt ausgehandelt werden. Alle zahlen, viele nutzen ein bißchen, wenige nutzen intensiv.
Der Gedanke dahinter nennt sich nebenbei bemerkt Solidarprinzip, vgl. Krankenversicherung u.ä., insofern stehe ich auch völlig hinter so einer Finanzierung. Zumal Tickets zum Ausbildungstarif meistens teurer kämen. Die Ba-Wü-Lösung klingt allerdings genau nach sowas :-(

Anonym hat gesagt…

... ich kann dir auch den RBCS (Referat für Behinderte und Chronischkranke Studierende) empfehlen, wenn es um Fragen geht, die irgendwas mit Uni und Behinderung zu tun haben.
Deren Webseite ist fuuuurchtbar unaktuell- aber lass dich davon nicht abschrecken. Die gibts und sie arbeiten gut!

Banane hat gesagt…

Ich hatte das Glück, über meine gesamte Studiendauer Studengebühren in Baden-Württemberg zu bezahlen.
Pünktlich zu meinem Studienbeginn wurden sie eingeführt und ein Semester vor Ende meines Studiums werden sie wieder abgeschafft...

Und auch ich musste mit dem Studentenwerksbeitrag einen gewissen Betrag für das Semesterticket entrichten, das ich mangels akzeptabler Verbindung nie nutzen konnte. Aber immerhin war das nur ein Zuschuss und man musste noch mal etwas drauf legen, wenn man das Ticket wirklich haben wollte...

Aber ganz ehrlich: 644€ pro Semester (bzw. knapp 500 ohne Semesterticket) machen dich nicht arm. - Und im Vergleich zu anderen Staaten, wo ein Studium schon mal mehrere tausend bis zehntausend Euro pro Semester kosten kann, sind wir mit unseren lächerlichen Studiengebühren immer noch gut dran.
Und die Steuerzahler finanzieren unser Studium immer noch kräftig (ich habe mal von durchschnittlich 100.000€ pro Studium gelesen...)

@Anonym, 4:31 Uhr
Was ist bitteschön solidarisch daran, auch Menschen für eine Dienstleistung zahlen zu lassen, die sie z.B. wegen nicht vorhandener oder unzumutbarer ÖPNV-Verbindung zwischen Wohnung und Uni nicht nutzen können?

Gruß
Banane

Bondage hat gesagt…

Das mit dem Semesterticket ist ärgerlich, da hat sich mein Bruder auch schon drüber geärgert, dass er das in NRW mitzahlen musste... Aber wie Banane schon schrieb, 500 EUR pro Semester ist eine absolut überschaubare Summe. Ich zahle mehr als 500 EUR pro Monat als Studiengebühren und muss dafür ziemlich viel arbeiten gehen, damit ich die Uni weiter besuchen kann.

Anonym hat gesagt…

Oh je, das sie nun auf den ganzen Kosten sitzen bleibt ist echt hart.

@Banane: Es gibt mit Sicherheit auch Studenten die auf Grund der Nähe zur Uni das Ticket eigentlich nicht bräuchten. Ebenso gibt es sicherlich auch Studenten, die es nicht nutzen können, weil die Verbindungen mies sind. Genau das ist aber Solidarität. Alle zahlen den gleichen Beitrag, ob Arm oder Reich, ob weit entfernt wohnend oder dicht dran. Es kann nicht immer nur Vorteile für bestimmte Gruppen geben. Dann sind immer die "Arm dran", die eben völlig "normal" sind.

Jule, ich wünsch dir viel Spaß beim Studium, auch wenn es noch ein wenig dauert.

mimi hat gesagt…

Der Trick am Solidarprinzip ist, dass die Asten/Unis dadurch eine bessere Verhandlungsbasis gegenüber den Verkehrsbetrieben haben, d.h. nicht nur das Ticket insgesamt günstiger wird, sondern die Interessen der Studenten in der Planung der Verbindungen etc. mehr berücksichtigt werden. Klar, klappt nicht immer einwandfrei, aber nach meinen Erfahrungen an diversen Unis als Studentin und Mitarbeiterin kann ich sagen, dass das Solidarticket immer die bessere Option ist. Dass Behinderte davon ausgenommen sind, gilt aber auch an jeder mir bekannten Uni, das entsprechende Formular wurde ja schon gepostet. Dass in den Univerwaltungen die eine Hand nicht weiß, was die andere tut, ist wiederum das eigentliche Problem und hat weder mit Solidar- vs. Individualticket noch mit Behinderung zu tun, sondern ist der ganz normale Wahnsinn.

Banane hat gesagt…

Würde jeder Student prinzipiell die Möglichkeit haben, die Uni mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, wäre das System wirklich solidarisch.
Wenn das Netz der öffentlichen Verkehrsmittel allerdings derart schlecht ausgebaut ist, dass Studenten, die gerade mal 20km von der Uni entfernt wohnen, keine Verbindung zur Uni haben, ist es alles Andere als solidarisch, wenn Diese für das Semesterticket bezahlen müssen.
Das wäre so solidarisch als wenn alle Leute eine Autoversicherung abschließen müssten - selbst Diejenigen, die überhaupt kein Auto besitzen und die sogar nicht mal mit einem Auto fahren können oder dürfen.

Gruß
Banane

Anonym hat gesagt…

@Banane:
Sorry, aber das Autoversicherungsargument geht doch am Thema vorbei. Die Autoversicherung als solche funktioniert übrigens auch wieder nach dem Solidarprinzip, wenn auch mit gewissen Abstufungen, aber das Prinzip ist wiederum, alle zahlen ein und alle haben Anspruch auf die Leistungen, selbst wenn diese die bisher eingezahlten Beträge weitaus übersteigen. Oder ist es für dich inakzeptabel, dass deine Versicherung Ansprüche in Millionenhöhe begleicht, wenn du bei einem Unfall, an dem dich keine Schuld trifft, bspw. Folgen wie bei Jule verursachst?

Selbst bei einem erbärmlich ausgebauten öffentlichen Verkehrsnetz ist die Finanzierung des Semestertickets über einen für alle gleichen Beitrag - der üblicherweise deutlich unter dem Preis für 6 Monatskarten auch im Ausbildungstarif liegt - eben nur solidarisch, da alle einbezahlen und prinzipiell alle nutzen können. Es kommt ja auch noch dazu, dass nicht nur die Fahren Wohnung-Uni drin sind, sondern beliebig viele im Geltungsbereich.

Es ist eben die zugrundeliegende Bedingung für das Semesterticket, dass die Verkehrsverbünde auch mit gewissen Einnahmen rechnen können und im Gegenzug auch für alle Studenten die Leistung zur Verfügung stellen. Würde jeder mit einer Sonderbedingung argumentieren, gäbe es für den ÖPNV keine Planungssicherheit, damit für die ASten keine Verhandlungsbasis und im Endeffekt keine Semestertickets. Da machen sich im Übrigen auch die AStA-Verbote im Süden der Republik bemerkbar, da es in den betreffenden Ländern bis heute keine anehmbaren Semesterticketregelungen gibt.

mimi hat gesagt…

@banane - naja, auch als der Nicht-Autofahrer, der ich (zwangsweise) bin finanziere ich über Steuern den Straßenbau etc.
Wie gesagt, ich weiß dass vielerorts schlechte Bedingungen herrschen, aber auch, dass man deutlich bessere Chancen hat, die zu verbessern, wenn man mit Solidartickets in die Verhandlung geht. Ich könnte diverse konkrete Verbesserungen nennen, die ich erlebt habe (will aber ungerne Orte nennen).

Wie auch immer, unsere Diskussion ist müßig, dnen in Hamburg bekommt man das Geld nicht nur mit Schwerbehindertenausweis zurück, sondern auch wenn man max. 2km entfernt von der Uni wohnt und auch wenn man bei Nutzung des ÖPNV mehr als zwei Stunden bräuchte. Das wird dann übrigens u.a. aus dem Semesterticket-Härtefonds finanziert, in den auch Jule 1,90 einzahlt - das finde ich eine echt gute Regelung, und auch die ist nur solidarisch zu haben.
Wie auch immer, ich wollte eigentlich nur Jule motivieren, mit offenen Augen ins Studium zu gehen. Mich würde nämlich sehr interessieren, wie sie Strukturen, Prozesse, Hochschulpolitik etc. wahrnimmt.

grinseliese hat gesagt…

ich hätte gerne ein semesterticket, in münchen zahlt man nämlich 542 euro pro semester und ich bezahle zusätzlich PRO MONAT 74 Euro für mein ticket...

Jule hat gesagt…

Vielen Dank für die vielen Informationen. Inzwischen weiß ich, dass ich einfach nur halbe Infos bekommen habe und in Hamburg alle behinderten Studenten, die sowieso schon frei mit Öffis fahren, die für das Ticket eingezahlte Kohle auf Antrag erstattet bekommen. Die Dame am Telefon wusste es anscheinend nicht.

Olli hat gesagt…

Bei den Studiengebühren könnte sich ein Schlaumachen auch lohnen, denn teilweise kann man sich davon befreien lassen, zB bei den die Studienzeit verlängernden Auswirkungen einer Behinderung oder chronischen Erkrankung. Wenn dem auch in HH so ist, müsstest Du um die Zahlung herumkommen können, sobald Du belegen (Attest Arzt zB) kannst, dass Du eben länger braichst und zB im zweiten Smeseter nerst das machst, was andere schon alles im ersten packen.
Und bevor jemand mault: wie Jule das so ggf. ersparte Geld einsetzt ist dann ihres. Ich ahne aber, sie würde da sehr honorige Lösungen finden.