Montag, 31. Dezember 2012

Einen hab ich noch

Und nun? Am letzten Tag des Jahres ... beste Wünsche an meine Leserinnen und Leser? An meine Freundinnen und Freunde? An mich selbst?

Oder lieber eine Statistik? Einen Jahresrückblick? Verbunden mit einem kleinen Ausblick auf das, was kommt?

Oder eine Videobotschaft? Oder zumindest ein paar aktuelle Fotos? Oder mal etwas handgeschriebenes, eingescanntes?

Wenigstens eine neue Fragerunde oder die aktuelle Auswertung der Suchanfragen, die meine Leser auf diese Seite gebracht hat, wäre doch passend!

Oder nichts von alledem? Einfach ein letzter Beitrag für das Jahr 2012, der sich nicht wesentlich von den anderen Zweitausendzwölfer-Beiträgen unterscheidet?

"Stinkesocke, entscheide dich schnell, das Jahr ist bald vorbei!"

Nun führe ich schon Selbstgespräche. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass ich mich nicht entscheiden kann. Also setze ich all diese Ideen um, dafür aber keine richtig. Ich verwende Smilies in meinem Blog ja nur äußerst selten, aber hier würde jetzt mal der übermütige mit der rausgestreckten Zunge passen. Sorry, ich bin gerade etwas übermütig. Warum? Ich denke, weil ich froh bin, wenn dieses Jahr vorbei ist. Nicht, weil 2012 nun ein so schlechtes Jahr war, nachzulesen in meinem Blog; sondern, weil 2012 nun kein so gutes Jahr war, nachzulesen in meinem Blog. Noch ein Zunge-Raus-Smilie. Nochmal sorry.

Es wäre falsch zu sagen, dass dieses Weihnachtsfest das schönste seit Jahren war. Die letzten Weihnachtsfeste, die ich gemeinsam mit meinen Freunden und Mitbewohnern verbracht habe, waren sehr schön. Es war in diesem Jahr einfach anders. Die Atmosphäre war eine völlig andere. Sie war wesentlich familiärer. Da mag ich eine sentimentale, konservative, vielleicht auch kitschige Erwartungshaltung haben, und vielleicht hat Maries Familie auch nur diese Erwartungen bedient, aber ich bitte vielmals um Entschuldigung, wenn ich diese Gedankengänge nicht weiter verfolge, sondern einfach die schönen Tage genieße, die mir Maries Familie über Weihnachten bereitet hat.

Ich vermute, dass die Psychologin, ... Nein, ich muss anders anfangen. Wie ja bereits bekannt, ist das Termin-Management in dem Krankenhaus, in dem meine Psychologin arbeitet, unterirdisch. So wusste ich auch nichts davon, dass meine Psychologin zwischen Weihnachten und Neujahr Urlaub hatte, obwohl ich es mir hätte denken können. Der Termin in der zweiten Dezemberwoche war ausgefallen, so hatte ich noch einen am 28.12. Als ich das Kärtchen im August bekommen hatte, stand wohl weder der Urlaub fest, noch habe ich realisiert, dass der 28.12. ja direkt zwischen den Feiertagen liegt.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich saß einer anderen Dame gegenüber. Und die war wohl über das Termin-Management genauso genervt wie ich, nur mit dem Unterschied, dass ich das selten an Unbeteiligten auslasse. Sie dachte, wenn ich da heute in ihrem Vertretungskalender stehe, wäre ich eine Patientin in einer akuten Krise. Ob ich wieder nach Hause fahren soll, habe ich sie gefragt, als wir realisierten, warum wir uns gegenüber saßen. "Nein, wenn wir beide schonmal hier sind, machen wir auch was draus. Allerdings werden wir die Dinge, an denen sie langfristig mit Frau ... arbeiten, außen vor lassen müssen, da kann ich mich natürlich nicht so schnell reinfinden, und das will ich auch nicht. Wie war Ihr Weihnachtsfest, Jule?"

Tja, und als die Frage kam, ob es möglicherweise sein könnte, dass Maries Familie nur meine kitschige Erwartungshaltung bedient hätte, fühlte ich mir erneut vor Augen geführt, wie sehr sich meine Psychologin auf meine Wellenlänge einstellen kann. Falls sie nicht auf derselben sein sollte.

Maries Eltern hatten zu Weihnachten ein gemeinsames Geschenk für mich, verbunden mit einem Wunsch. Sie möchten gerne in den nächsten Monaten für eine Woche dem Hamburger Schmuddelwinter entfliehen und in die Sonne fliegen. Wann und wohin, das wissen sie noch nicht und das hängt auch von Dienstplänen und Urlaubsmöglichkeiten ab. Sie wünschen sich, dass Marie dabei ist. Und sie wünschen sich, dass ich auch mitkomme.

Lass ich mich zwei Mal fragen, ob ich eine Woche in die Sonne fliegen möchte? Natürlich nicht. Marie sagte zu mir später: "So einen Urlaub würde ich inzwischen nicht mehr machen. Als Kind ja, aber inzwischen? Alleine mit meinen Eltern in ein Hotel? Ich weiß nicht. Und mit meinen Freunden würde ich das auch nicht machen, wer könnte sich das leisten oder wollte so viel Geld dafür ausgeben? Da würde ich eher eine Woche an der Ostsee zelten und jeden Abend mit 10 Leuten um ein Lagerfeuer sitzen. Aber geschenkt, wenn meinen Eltern das wichtig ist, und du auch mitkommst? Das ist doch super!"

Falls ich also in 2013 mal wieder eine Woche lang so gar nichts schreibe, könnte es diesmal auch durchaus daran liegen, dass es am Urlaubsort kein Internet gibt!

Themenwechsel: Eine Fragerunde werde ich in 2013 sicherlich auch nochmal machen. Und die aktuelle Auswertung von Suchanfragen beschränke ich auf die ersten drei Plätze: Jule, Stinkesocke und Rollstuhl! Supi!

Nochmal Themenwechsel: Ein aktuelles Bild. Ich nehme das, gesehen beim Kaufmann meines Vertrauens.


Und stelle die Frage in den Raum Blog: Bekommt man ein gutes Gewissen, wenn man die gammeligen reifen Orangen isst? Hat der Verkäufer ein gutes Gewissen? Möchte er eins bekommen? Oder sind es vielleicht die Orangen selbst, die ein gutes Gewissen haben, früher mal hatten oder für eine Spende von nur einem Euro pro Netzhose höchstwahrscheinlich bekommen werden? Ich weiß es schon wieder nicht.

Huch, da sind wir ja schon bei der Statistik. Wie gesagt, heute mache ich alles, aber alles nicht richtig: Es waren in diesem Jahr mal wieder 147 Beiträge. Ein Schelm, wem das nicht auffällt. Aber dafür knapp eine Million Seitenaufrufe. Die am häufigsten geklickten Beiträge kann man übrigens jederzeit hier rechts auf meiner Webseite sehen: "Nur die Augen" liegt derzeit uneinholbar vorn. Ein Erlebnis, das mich sehr bewegt hat.

Was wird kommen? Ich verrate nur so viel: Ich werde auch in 2013 bloggen! Und ich freue mich, wenn mich auch in 2013 viele Menschen lesen mögen!

Womit ich schon am Ende meines letzten Posts für 2012 angekommen bin, und damit bei den besten Wünschen an alle Freundinnen, Freunde, Leserinnen, Leser, mich selbst und alle sich daraus ergebenden Schnittmengen: Ich wünsche ein gesundes und glückliches 2013!

Sonntag, 23. Dezember 2012

Regen, Bedrohung und ein Kuss

Vor etwa einem Vierteljahr hatte ich von einem Typen erzählt, dessen Frau mit einem neuen Mann durchgebrannt ist, nachdem sie von diesem neuen Mann schwanger geworden ist. Sie hat ihn von heute auf morgen sitzen lassen (vorher noch ein Haus mit ihm zusammen gekauft) und über die letzten Wochen und Monate versucht, ihm mit allen fiesen und megafiesen Tricks das Leben schwer zu machen.

Für mich ist der Typ ein guter Kumpel, den ich sehr mag, und ich habe ein ums andere Mal ziemlich mitgelitten, wenn er mir erzählt hat, was sie alles veranstaltet, um ihn zu ärgern. Die Geschichten klingen teilweise so absurd, dass man sie kaum glauben kann; wenn es nicht einige Puzzleteile gäbe, von denen er nichts wissen konnte, und die sich herrlich in das Gesamtbild seines Dramas einfügen. So tauchte seine Ex mehrmals bei unserem Training auf und versuchte unter anderem mich ins Kino einzuladen. Wie doof muss man bitte sein?

Nachdem sie bei mehreren Leuten abgeblitzt ist, ist sie eines Tages zu unseren Sportrollstühlen gefahren und hat sie einzeln aus einem Lagerraum in den Regen auf die Wiese rausgeschoben. Den Schlüssel hatte sie aus dem gemeinsamen Haus der beiden, zu dem sie auch noch Schlüssel hat, weggenommen und hinterher auf der Wiese an gut sichtbarer Stelle fallenlassen.

Was das sollte, kann man nur schwer nachvollziehen. Er hatte an dem Morgen einen Termin bei einem Psychotherapeuten und sollte nun in die Bedrängnis kommen, das vor seinen Sportkollegen offenbaren zu müssen. So hat sie es jedenfalls hinterher zugegeben, nachdem unser Dorfpolizist sie in die Mangel genommen hat. Der rief nämlich Tatjana an und fragte, ob das seine Richtigkeit hat, dass die ganzen Sportrollstühle im Regen auf der Wiese stehen.

Nun interessiert es die Stühle nicht so, ob sie nass werden, die werden auch wieder trocken, aber es muss ja nicht erst sein, dass die einer klaut oder sie in die Elbe wirft oder ähnliches, immerhin kosten die ja auch ein bißchen was. Der Dorfpolizist hatte sich gewundert, als er bei einer Streifenfahrt sah, dass die ganze Wiese voller Rollstühle stand. Und, in den eher ländlichen Gebieten Hamburgs ist es genauso wie in jedem kleinen Dorf: Auf Anonymität, wie in der Großstadt, darf man nicht setzen. Und so dauerte es nicht lange, bis der Dorfpolizist jemanden gefunden hatte, der etwas zu der Person sagen konnte, die die Stühle auf die Wiese geschoben hat. Der Busfahrer, der dort den ganzen Tag zwischen dem Deich und dem nächsten großen S-Bahnhof, immerhin 15 Kilometer entfernt, pendelt, konnte meines Kumpels Ex genau beschreiben.

Meinem Sportkollegen war das sichtlich peinlich. Jungs gehen irgendwie nicht gerne zur Psychotherapie, oder? Mensch Leute, was seid ihr für Mimosen? Ihr bürstet auch alle Eure Haare ohne Spiegel, oder? Achso, ihr tragt Glatze und rasiert euch dort oben selbst. Man, wacht mal auf. Was ist dabei, sich ein Feedback von jemandem zu holen, der das Fach studiert hat und an sich und seiner Persönlichkeit zu arbeiten?

Egal. Ich habe jedenfalls einige Zeit in den letzten Wochen und Monaten damit verbracht, ihm zuzuhören, mit ihm zu quatschen, auch wenn ich ihm darüber hinaus nicht wirklich gute Ratschläge geben konnte.

Allerdings habe ich ihm auch den Kontakt zu Frank vermittelt, der es geschafft hat, das Drama mit dem Haus so abzuwickeln, dass mein Sportkollege dort ab Neujahr 2013 alleine wohnen kann. Bisher lief der Kredit auf beide, wobei er über einen Bausparvertrag bereits ein Fünftel des Hauses alleine angezahlt hatte. Nun wollte seine Ex, dass das Haus mit allem, was er vor allem an Arbeit reingesteckt hat, verkauft wird, mein Kumpel sich also irgendwo eine neue Bleibe suchen muss (als Rollstuhlfahrer sucht man in Hamburg gut und gerne ein paar Jahre) und dann beide über die nächsten Jahre die Differenz zwischen Verkaufserlös und noch offener Kreditsumme abzahlen (ist am Anfang ja häufig so, dass der Verkauf weniger einbringt als die noch offene Kreditsumme).

Frank hat es geschafft, sie davon zu überzeugen, dass man über ein Gutachten einen fiktiven Kaufpreis festlegt und sie die Hälfte dieser Differenz jetzt zahlt und sofort aus der Sache komplett raus ist. Anfangs wollte sie nicht, allerdings wurde sie dann noch von ihrem Anwalt beraten, dass der tatsächliche Verkauf für sie eher teurer wird. Und so hat sie sich nun Geld geliehen und sich quasi aus dem Vertrag rausgekauft. Damit muss sie zum Jahreswechsel alle Schlüssel abgeben, er kann wohnen bleiben, die Bank hat einer Reduzierung der (künftig von ihm alleine zu tragenden) monatlichen Rate zugestimmt, so dass er zwar keine riesengroßen Sprünge mehr machen kann, aber dennoch genug Kohle hat, um gut leben zu können. Und er ist seine Ex ein für alle mal los und kann ihr aus dem Weg gehen.

Vor etwa zwei Wochen tauchte seine Ex mit ihrem neuen Lover beim Schwimmtraining auf und fing mich bereits an der Eingangstür ab. Ich hatte versucht, gar nicht mit ihr ins Gespräch zu kommen und ihr gleich gesagt, ich möchte mich nicht mit ihr unterhalten, woraufhin sie aber meinte, sie wolle sich bedanken, dass ich ihrem Ex geholfen hätte, es sei auch in ihrem Interesse, dass man unter die alten Geschichten möglichst rasch einen Schlussstrich ziehen könnte. Ich war völlig perplex, schaffte es aber, noch einmal zu wiederholen: "Du, sieh es, wie du willst, aber ich möchte mich mit dir nicht mehr unterhalten. Akzeptiere das bitte."

Sie stellte dann ihren Neuen vor und sagte, der wollte mir auch noch was sagen. Er stand mit dem Rücken zur Glastür, durch die ich eigentlich in die Halle wollte. Die Frau ging weg. Ich überlegte, ob ich auch schnellstens das Weite suchen sollte, denn mir war die Situation alles andere als geheuer. Ich befürchtete allen ernstes, dass er mir jetzt eine scheuern würde oder noch heftiger, vielleicht ein Messer auspackt. Vom Aussehen her assoziierte ich ihn am ehesten mit einem Gangster. Meine Flucht über den matschigen Boden wäre aussichtslos, dann lieber keine Angst zeigen. Ich nahm den Rucksack von meiner Rückenlehne ab und stellte ihn vor mir auf den Schoß. Mit dem könnte ich vielleicht kurzfristig was abwehren und dabei laut schreien. Genügend Leute waren ja um mich herum.

Mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht. Er sagte: "Ich bin ein Freund von Klartext. Ihr Müll, also ihr Ex, hat durch deine Machenschaften von meiner Braut fett Kohle abgegriffen. Was meine Braut mit ihrem Müll macht, geht mich nichts an, solange sie die Finger von ihm lässt. Aber du hast meine Braut abgezogen, und das geht mich verdammt was an. Irgendwann, das verspreche ich dir, treffen wir uns mal. Wie wäre es bei einem von euren kuscheligen nächtlichen Ausflügen auf dem Deich? Oder so. Am besten bestellst du dir schonmal einen neuen Rollstuhl. Am besten dann gleich einen elektrischen." - Ohne ein weiteres Wort zog er grinsend davon.

Ich war völlig neben der Spur und wohl auch ziemlich blass, als ich in den Vorraum der Schwimmhalle kam. Die anderen fragten mich gleich, ob irgendwas passiert sei. Noch bevor ich erzählen konnte, kam ein älterer Herr, schätzungsweise um die 70, auf mich zu, recht sportlich, mit Jeans bekleidet, eine braune Aktentasche, eine Fahrradpumpe und eine Fahrradklammer für das Hosenbein dabei, schlohweißer Haarkranz, sonnengebräunte Haut (fällt im Winter ja eher auf), auf mich zu. Er hatte sein Fahrrad an die Laterne angeschlossen, während ich da vor der Eingangstür stand. Er sagte: "Ist alles in Ordnung bei Ihnen? Kennen Sie den Mann? Soll ich die Polizei rufen?"

Ich schüttelte den Kopf, nein, bis die Polizei da ist, wäre er schon weg. Und über alles andere würde er eher lachen. Der Typ gab mir seine Visitenkarte. "Falls Sie doch noch zur Polizei gehen, können Sie denen meinen Namen sagen. Ich habe alles mitgehört."

Ein pensionierter Oberstudienrat mit einem hebräischen Vornamen. Wurde dann doch noch wichtiger Zeuge, nachdem Frank, als ich ihm das zu Hause erzählte, meinte: Gleich anzeigen. Frank glaube zwar nicht, dass wirklich etwas passieren würde, aber falls doch, ist die Ankündigung dazu wenigstens aktenkundig. Eine qualifizierte Bedrohung sei das allemal gewesen und jenachdem, ob es über ihn schon eine Akte gibt, werde das auch nicht unbedingt billig.

Gestern abend nun traf ich zufällig meinen Kumpel, der ab Neujahr alleine wohnen darf. Wir redeten kurz, nur da ich das eilig hatte, verabschiedeten wir uns schnell wieder. Üblicherweise umarmen wir uns dabei einmal kurz. Gestern nun drückt er mich so fest, zieht mich zu sich ran, dass ich kaum noch Luft bekomme, und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Er sagte: "Denk darüber, was du willst, aber das musste sein. Nach allem, was du in den letzten Monaten für mich getan hast. Das soll keine Anmache sein, sondern zu 100% Dankbarkeit. Du glaubst gar nicht, wie erleichtert ich bin, dass das vor allem mit dem Haus endlich geregelt ist." - Und noch bevor ich irgendwas sagen konnte, war er weg.

Samstag, 22. Dezember 2012

Von einem Komma, dem Weltuntergang und Weihnachten

Es gibt mal wieder was lustiges: Als ich gestern mit der U-Bahn nach Hause fuhr, stand auf der elektronischen Zuganzeige am Bahnsteig der Hinweis: "Achtung! Letzter Zug vor dem Weltuntergang!" - Leider war der Akku meines Handys schon so weit leer, dass ich kein Foto mehr machen konnte. Schade. Ein Typ regte sich auf, dass da ein Komma fehle...

Gleiches (Akku-) Problem hatte ich auch kürzlich beim Schwimmtraining, allerdings hatte dort jemand ein Billighandy dabei, um dokumentieren zu können, was regelmäßig bestritten wird, wenn man sich bei den zuständigen Stellen beschwert:


Das einzige barrierefreie WC im Schwimmbad ist seit Wochen defekt. Eigentlich wurde an der Kasse gesagt, es sei wieder in Ordnung, aber als ein 12jähriges Mädchen aus der parallel zu uns statt findenden Gruppe in die Gemeinschaftsumkleide zurück gerollt kam und Tatjana ansprach, ob sie mal bitte mit ihr kommen könne, ahnte ich schon, dass man uns mal wieder für dumm verkauft hatte. Tatjana kam eine Minute später ohne das Mädchen zurück, kniete sich vor mir hin, nahm meine Hand und guckte mich mit ihrem unschuldigsten Blick und klimpernden Wimpern an: "Tatjana, darf ich in der Dusche Pipi machen?" - "Nur im Handstand", blödelte ich zurück.

Wir waren vorgestern auf dem Weihnachtsmarkt. Mit acht Rollis und sechseinhalb zweibeinigen Fußgängern enterten wir die Spitalerstraße, den Rathausmarkt und den Jungfernstieg. Es war so brechend voll, dass wir fast nur darauf achten mussten, niemandem über die Füße zu fahren. Die meisten Leute waren noch nicht in ihrer Weihnachtsruhe angekommen, sondern suchten hektisch und genervt nach Geschenken. Am besten fand ich die Werkzeuge in Lebensgröße aus Schokolade: Schrauben, Muttern, Schraubenschlüssel, Hammer, ... konnte man alles aus Schokolade kaufen.

Den Spruch, ob wir hier nun unbedingt mit unseren Rollstühlen durchfahren müssten, hörte ich mindestens drei Mal. Ich hatte mir vorgenommen, an diesem Tag auf keinen dummen Spruch zu reagieren und alles ignoriert. Beim dritten Mal kam die Antwort allerdings von direkt hinter mir: "Ja, sollen sie über das Pflaster krabbeln oder was?", fragte eine Stimme, die ich irgendwo schon einmal gehört hatte. Ich drehte mich um und blickte in das Gesicht eines Mannes um die 60, das ich bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Bevor ich irgendwas erwidern konnte, war er auch schon wieder in der Menge verschwunden.

Schade, ich hätte ihn bei zwei weiteren Sprüchen gerne noch einmal hinter mir gehabt. Erstens: "Wünschen Sie sich zu Weihnachten, noch einmal wieder laufen zu können?" - Von einer wildfremden Frau. Und: "Ich wollte Ihnen nur sagen, dass sich eine ihrer Behinderten aus dem Staub gemacht hat!" - Zu einer unserer Fußgängerinnen, als eine siebzehnjährige Rollifahrerin in die Sparkassenfiliale in der Spitalerstraße abgebogen ist, während der Rest der Gruppe schonmal langsam weiterrollte...

Ich werde den Heiligen Abend zum ersten Mal seit fünf Jahren nicht für mich alleine verbringen. Die letzten Jahre bin ich abends mit einigen Leuten aus der WG in den Michel zum Gottesdienst gefahren, in diesem Jahr bin ich von Marie und ihren Eltern eingeladen worden, Weihnachten mit ihnen zusammen zu verbringen. Ich freue mich auch schon sehr darauf, denn Cathleen fährt am 24. zu ihrer Mutter und ihren jüngeren Geschwistern, Frank und Sofie sind heute für eine Woche in die Sonne geflogen, ... ich wäre sonst so ziemlich alleine. Meine beiden Halbschwestern hatten auch gefragt, ob ich zu ihnen kommen möchte, aber mein Vater will wohl auch dorthin - vielen Dank.

Ich wünsche auf diesem Weg allen meinen Leserinnen und Lesern ein paar ruhige Festtage!

Freitag, 14. Dezember 2012

Der grüne Ball unter meinem Bett

"Na Jule, wie fühlt man sich so als Mutmacher?", hörte ich heute noch vor dem ersten Guten-Morgen-Gruß. Auf mein Stirnrunzeln tippte mein Mitbewohner auf die Titelseite der heute erschienenen Ausgabe des Magazins "Menschen" der Aktion Mensch für das 1. Quartal 2013.

Wer die Mutmacher sind, von denen im Heft die Rede ist?

- Pozzo di Borgo, eins der beiden Vorbilder für den Film „Ziemlich beste Freunde“
- Die Macher von „Leidmedien.de“, die sagen, was Journalisten beim Thema Behinderung beachten sollten
- Samuel Koch, der während der Sendung „Wetten, dass ...?“ verunglückte
- Ulla Schmidt, die ehemalige Bundesministerin und neue Bundesvorsitzende der Lebenshilfe
- Jule Stinkesocke!

Nein? Doch!

Ja, es kam überraschend, als ich vor einigen Wochen davon erfuhr und gebeten wurde, mich auf drei DIN-A4-Seiten des Magazins zu verewigen. Ich habe es gerne getan und mir die Geschichte von einem gespenstischen grünen Ball ausgedacht, der mich am Vorabend meines Unfalls zu Hause besucht. Ich gebe zu, es gehört schon eine gehörige Portion Übermut dazu, so etwas zu schreiben. Aber davon habe ich ja bekanntlich genug.

Online kann man die Geschichte übrigens auch lesen, und zwar auf der Webseite des Magazins "Menschen" unter "Spezial" - mehr verrate ich nicht.

Wie macht eine Rollstuhlfahrerin eigentlich einen Knicks? Egal. Ich bedanke mich jedenfalls für diese Auszeichnung und ... ja, ich bin schon stolz. Als ich heute meiner Psychologin eine Mail mit dem Link geschickt habe, schrieb sie mir vom Handy einigermaßen sprachlos zurück: "Donnerwetter! Meinen Glückwunsch!"

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Herr Buse und das Blinklicht

Am Montag kam ich nach Hause und mein im Festnetztelefon integrierter Anrufbeantworter blinkte ganz aufgeregt. Ich drückte auf Wiedergabe und traute meinen Ohren nicht: "Speicher voll! Sechsundzwanzig neue Nachrichten. Nachricht eins: Heute, elf Uhr einunddreißig."

Es folgte eine Minute lang: "Piep. Piep. Piep. Piep. Piep. Piep."

"Nachricht zwei: Heute, elf Uhr sechsunddreißig. Piep. Piep. Piep. Piep. Piep."

Am coolsten ist, dass man die Nachrichten nicht löschen kann, bis man nicht wenigstens fünf Sekunden von ihnen gehört hat. Sechsundzwanzig mal Gepiepe. Jeweils zehn Mal im Abstand von jeweils 5 Minuten, dann zwei Stunden Pause, dann wieder zehn mal fünf ... und irgendwann war der Speicher voll.

In der Nacht zu Dienstag gegen halb vier ging das wieder los. Ich hatte das Telefon zwar lautlos gestellt, aber irgendwie war ich wohl gerade nicht im Tiefschlaf, so dass ich davon wach wurde, dass das Telefon im dunklen Zimmer zu leuchten begann. Wieder diese Nummer aus Bonn. Ich machte mir den Spaß, das Gespräch auf das Faxgerät umzuleiten. Aber irgendwie schien das gegenüber kein Faxgerät zu sein, sondern irgendein anderes Datengerät, was versuchte, sich zu synchronisieren.

Nachdem sich das Spielchen noch mehrmals wiederholte, gab ich gestern die angezeigte Telefonnummer in einer Suchmaschine ein und fand heraus, dass der Anschluss eine Nebenstelle eines großen in Bonn ansässigen Unternehmens war. Also rief ich dort die Zentrale an und ließ mich mit der Abteilung verbinden, die dieser nervenden Nebenstelle zugeordnet war. Und da nahm die Posse endgültig ihren Lauf.

Die Mitarbeiterin, die an das Telefon ging, brauchte einige Zeit, um zu verstehen, was ich überhaupt von ihr wollte. Die Nebenstellennummer sagte ihr gar nichts. Irgendwann rief sie ihre Kollegin dazu: "Gerda, kannst du mal kommen, da ist eine Frau, die hat Ärger mit ihrem Telefon, weil wir sie ständig anrufen. Da soll bei uns was falsch programmiert sein."

Gerda erklärte ich das dann auch noch einmal. Sie meinte, dass das aus ihrer Abteilung keiner mache, das käme woanders aus dem Unternehmen. Es gibt dafür extra einen Techniker, Herrn Buse. Ob ich dem mal eine Mail schreiben könnte, am besten wann das ist und welche Nummer da angezeigt wird und ob da gestöhnt wird oder nur gepiept.

So ein Scheiß. Aber andererseits nervte das so, dass ich mich breitschlagen ließ, dem Typen eine Mail zu schreiben. "Wie ist denn die Mailadresse von dem Herrn, der sich dann kümmern will?"

"Da nehmen Sie A Buse Ät ... Punkt DE." - "A Buse mit Punkt oder Unterstrich oder in einem Wort?" - "In einem Wort. Klein und zusammen." - Ich würde mal denken, der Techniker heißt nicht Buse, sondern es gibt eine Missbrauchsadresse (abuse) in dem Unternehmen. Wie dem auch sei, Herr Buse oder ein anderer Techniker haben sich anscheinend recht schnell darum gekümmert, dass es bei mir nicht mehr piept...

Nicht Herr Buse, sondern eine Funkstreife stand in der letzten Woche nachts um halb zwei in unserer Wohngruppe. Zusammen mit der Feuerwehr. Grund: Eine blinkende Lampe. Ja, an Kuriosität kaum noch zu überbieten, wenngleich die Story gleichzeitig auch sehr rührend ist, wie ich finde.

Eine junge Frau, die im E-Rollstuhl sitzt und sich kaum alleine bewegen kann, lag im Bett und konnte nicht schlafen. Ihr war langweilig und so hat sie das Licht angemacht und die Decke angestarrt. Dann hat sie irgendwann gemerkt, dass man so erst recht nicht einschlafen kann, und das Licht wieder ausgemacht. Und da sah sie, so erzählte sie, an der weißen Wand das Muster der Lampenabdeckung, in das sie auch eine Zeitlang gestarrt hatte. Das fand sie so faszinierend, dass sie, entspannt vor sich hin träumend, gefühlte zwanzig bis dreißig Mal das Licht eingeschaltet, einen Moment auf die Lampe gestarrt, das Licht wieder ausgeschaltet und gegen die weiße Wand gestarrt hat, um dort das so genannte Nachbild der Lampenabdeckung (als optische Täuschung) zu betrachten. Ihr war halt langweilig...

Im Haus gegenüber saß noch jemand am PC und wurde auf das Geblinke in dem Zimmer aufmerksam. Und dachte sich: Da wohnen doch Menschen mit Behinderung. Was ist, wenn da jetzt jemand Hilfe braucht und nicht anders auf sich aufmerksam machen kann als durch das Blinken mit der Nachttischlampe? Wenn derjenige aus dem Bett gefallen ist, auf der Erde liegt und nicht alleine wieder hoch kommt? Voller Sorge rief der die Polizei. Und als niemand auf das Klingeln öffnete (weil die Türklingeln auch über die Telefone geschaltet sind und die meisten Telefone nachts aus sind), kam die Feuerwehr, die dann über den Feuerwehrzylinder bis in die Flure vorrückte. Und dann waren natürlich alle wach.

Merke: Als Mensch mit Behinderung trägst du eine übermäßig hohe Verantwortung bei der Benutzung deiner Nachttischlampe!

Sonntag, 2. Dezember 2012

Startschuss für das Bloggerprojekt

Macht Rapunzel ihr Fenster auf, kommt ein Prinz rein.
Macht Bella ihr Fenster auf, kommt Edward rein.
Mach ich mein Fenster auf, kommen Mücken rein.

Nicht nur, dass ich lieber einen bissigen Vampir oder wenigstens einen süßen Prinzen in meinem Bett Zimmer hätte als diese nervigen Plagegeister; ich frage mich gerade, wieso die am ersten Advent überhaupt noch herumschwirren.

Ja, wir haben mal wieder den ersten Advent. Noch vier Wochen, dann ist mal wieder Weihnachten. Und noch fünf Wochen, dann ist mal wieder Silvester. Und in den fünf Wochen, das haben wir uns am Donnerstag als ehrgeiziges Ziel vorgenommen, wollen wir alles so weit eingetütet haben, dass wir mit Beginn des neuen Jahres loslegen können.

Womit? Mit einer Aktion, die ich hier kürzlich schon einmal beschrieben habe. Von einigen Leuten, die ich kenne, von einigen Bloggern, mit denen ich befreundet bin, habe ich bereits konkrete Angebote bekommen, sie wollen mit organisieren, gestalten, anpacken. Also kann es eigentlich nur schief gehen. Ich glaube, das wird was ganz tolles. Auf jeden Fall bin ich sehr gespannt.

Samstag, 1. Dezember 2012

Kodex gegen Porsche

In meinem Eintrag, in dem es um einige Neuerungen in der Pflegeversicherung ab 2013 geht, habe ich unter anderem positiv bewertet, dass der Medizinische Dienst der Krankenversicherung, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, die als medizinische Begutachtungsstelle für alle gesetzlichen Krankenkassen arbeitet, einen Verhaltenskodex erstellen und sich an diesen halten muss. In diesem Fall bezog sich das auf Begutachtungen durch die Pflegekassen.

Damit soll wohl verhindert werden, dass sich Gutachter dieser Institution daneben benehmen. Es ist traurig, dass so etwas nötig ist, aber es ist nötig, wie eine gestrige Begutachtung einer achtzehnjährigen in unserem Wohnprojekt beweist. Grundsätzlich finden bei uns solche Begutachtungen nur noch dann alleine statt, wenn derjenige, der begutachtet werden soll, das ausdrücklich wünscht. Das Gegenteil ist meistens der Fall: Eine Pflegekraft und ein unabhängiger Zeuge sind meistens zusätzlich mit im Raum. Und so gab es gestern auch drei Zeugen für jene Unverschämtheit, die dem Gutachter einen sofortigen Rauswurf beschert hat. Näheres muss ich mir sparen, denn das hat natürlich ein Nachspiel und ich war auch nicht selbst dabei.

Ich greife das aber auf, weil ich heute einen Artikel in der Süddeutschen gelesen habe, in dem ein von einer Krankenkasse beauftragter Gutachter, der prüfen sollte, ob ein Mann, der sich selbst so gut wie gar nicht mehr bewegen kann, einen Rollstuhl nebst mehrerer Sonderausstattungen bekommen dürfe. Der Gutachter habe gesagt, er fahre auch nur einen Opel Zafira, obwohl er lieber einen Porsche Cayenne hätte.

Genau diese Haltung hatte auch unser Gutachter von gestern an den Tag gelegt. Es kann doch wohl nicht sein, dass solche Vergleiche gezogen werden. Was interessiert, welches Auto der Gutachter fährt? Hier geht es darum, zu entscheiden, ob eine Behinderung ausgeglichen werden muss, ob sie ausgeglichen werden kann und ob der Ausgleich der Behinderung einigermaßen wirtschaftlich möglich ist. Dazu gibt der Gutachter seine Stellungnahme ab, optimalerweise schriftlich und begründet, und damit ist gut.

Wenn er den Eindruck hat, der Antrag schießt über das Ziel hinaus, wird es doch ein Leichtes sein, das darzustellen und zu begründen. Dann kann die Krankenkasse das ablehnen und der Mann kann die Entscheidung vor Gericht anfechten und sich einen Gutachter nehmen, der nicht von dem bezahlt wird, der möglichst nicht bezahlen will. Und wenn er meint, kann der Gutachter seine persönlichen Präferenzen bei der Fahrzeugwahl ja mit seinem Arbeitgeber besprechen. Oder sich einen anderen Job suchen, dann kann er sich auch ein anderes Auto kaufen. Ich bin es echt satt.

Freitag, 30. November 2012

Versuch macht kluch

Vor rund einem halben Jahr habe ich von Cathleen und ihrer Arie mit dem Unternehmen berichtet, das sie bis einschließlich April mit Pampers beliefert hat. Ihre Krankenkasse, bei der sie über die Mutter familienversichert ist, stellt die Versorgung mit "saugenden Hilfsmitteln zur Kontinenzförderung" im Raum Schleswig-Holstein und Hamburg über ein Unternehmen sicher, das für alle Mitglieder die Aufträge bekommt. Rechtmäßig ist das seit einiger Zeit: Die Krankenkasse darf bestimmte Leistungen aus Wettbewerbsgründen gezielt an ein Unternehmen delegieren.

Bis April hat Cathleen ein vernünftiges Markenprodukt aus dem unteren Preissegment in ausreichender Menge über dieses Unternehmen, das vorher schon Ausschreibungsgewinner bei der Krankenkasse war, zur Verfügung gestellt bekommen. Ab Mai wurde neu ausgeschrieben, seitdem würde sie über das Unternehmen nur noch ein absolutes Billigprodukt (Hausmarke) bekommen - in abgezählter Menge. Sofern sie weiterhin ein Markenprodukt erhalten möchte, könnte sie zuzahlen: Mit rund 100 Euro pro Monat wäre sie dann bei. Ich hatte in meinem Beitrag schon einmal davon erzählt.

Damals hat Cathleen gesagt, sie zahle lieber 50 Euro pro Monat selbst (so viel kostet ihr Markenprodukt beim Mitbewerber) und habe keinen Stress, als eine Klage anzustrengen, bei der dann haarklein mit verschiedensten Leuten ausdiskutiert wird, wie oft sie in die Windeln machen darf und ob das Bier beim Kneipenbummel drin ist. Es war ja früher schon einmal die Rede von einem Miktionsprotokoll, für das Cathleen ihre Windeln wiegen sollte, um die Ausscheidungsmenge jeweils aufschreiben zu können.

Nachdem die alte Kostenübernahme ihrer Kasse mit dem 30.04.12 abgelaufen war, hatte Cathleen keine neue mehr beantragt und die Lieferungen gestoppt. Die letzte Lieferung war aus dem Februar 2012. Somit war das Thema eigentlich durch. Cathleen verzichtet nun jeden Monat auf knapp die Hälfte ihres Taschengeldes, um dem Theater zu entgehen und vernünftig versorgt zu sein. "Lieber gehe ich einmal ins Kino und bin attraktiv, als zweimal ins Kino mit nasser Hose und nach Pipi stinkend." - Ich hätte die ja alle verklagt, aber das ist ihre Entscheidung.

Nun kam aber gestern der Hammer: Vermutlich ganz aus Versehen schickt das Unternehmen, das ab Mai Cathleen nicht mehr versorgt, einen Brief, in dem Cathleen darum gebeten wird, "die Dauerverordnung von Ihrem Arzt unterschrieben und abgestempelt unter Verwendung beiliegenden Freiumschlages zurück zu senden." - Verordnungszeitraum: Rückwirkend ab 1. Mai (!) dieses Jahres.

Ich will ja nicht behaupten, dass das Absicht war, frei nach dem Motto: Versuch macht kluch. Aber ich möchte auch nicht wissen, bei wievielen Leuten, die in Einrichtungen wohnen, die Pflegekraft die Einzelheiten gar nicht kennt und fürsorglich das Schreiben dem Hausarzt vorlegt. Ich kann dazu nur sagen: Ich bin froh, dass meine Unfallfolgen nicht über eine Krankenkasse reguliert werden.

Donnerstag, 29. November 2012

Erfolg oder Rohrkrepierer?

So ziemlich genau vier Jahre ist es jetzt her, als mir meine Psychotherapeutin, zu der ich heute immer noch Kontakt habe, empfohlen hat, über das Internet Kontakt aufzunehmen zu anderen Menschen. Ihr Rat war so simpel wie genial zugleich: Statt in der Einsamkeit in seinem eigenen Saft und Selbstmitleid zu ertrinken, einfach mal den ersten Schritt wagen. Sich virtuell irgendwo mitten auf den Markt setzen, sich vorstellen und abwarten, wer sich daneben setzt und das Plaudern anfängt.

In der realen Welt darauf zu hoffen, dass plötzlich jemand, der einem gut tut, im Zimmer steht, ist zwar, wenn die Hoffnung erfüllt wird, mitunter sehr viel besser, klappt aber nicht immer. Mitten auf dem virtuellen Markt kommt doch eher mal der eine oder andere vorbei.

Vor vier Jahren hat mir der Kontakt ins Internet unheimlich großen Halt vermittelt. Und Motivation. Meine Leser, meine Kommentatoren, die ganzen Leute, die meinen Blog inzwischen zum "Besten deutschsprachigen Blog 2012" bei den Deutsche Welle Blog Awards gewählt haben, haben mich, wenn ich schon bei bildlichen Darstellungen bin, aus der Bauchlage in eine durchaus standfeste Haltung gebracht. Dafür möchte ich mich nicht nur bedanken, sondern inzwischen fühle ich mich so weit, dass ich das, was mir geholfen hat, auch anderen Menschen, die vielleicht Hilfe brauchen, anbieten möchte.

Entsprechend ist mir eine Idee gekommen: Wie wäre es denn, wenn sich Menschen mit Behinderung, die bloggen, zusammen tun, um gemeinsam eine Plattform zu gründen, auf der nicht nur die vielen bestehenden Blogs (der Mitglieder) vorgestellt werden, sondern auf der gleichzeitig auch neuen Bloggern die Möglichkeit gegeben wird, Kontakte zu anderen Bloggern, aber auch zu interessierten Lesern zu finden? Und wenn man allen zusammen einen Rahmen gibt, der es ihnen ermöglicht, ihre Identität zu wahren?

Und was wäre, wenn man diesen Rahmen gleichzeitig dafür nutzt, auf besondere Situationen aufmerksam zu machen, in denen Menschen Unterstützung benötigen? Damit meine ich: Wieviele Leute haben mich schon gefragt, wo meine Amazon-Wunschliste zu finden ist? Weil sie mir etwas zurückgeben möchten. Weil sie meinen Blog, den sie kostenlos lesen, toll finden. Ich möchte aber weder einen materiellen Wunsch erfüllt haben noch Geld verdienen - zum Glück habe ich im Moment genug davon.

Bliebe nur noch zu beantworten, ob die Idee ein Erfolg oder ein Rohrkrepierer wird. Und dazu gebe ich meine Kommentarfunktion frei...

Mittwoch, 28. November 2012

Feuer ohne Mitleid

Ich habe vor dem Fernseher gesessen und geheult, als ich von dem Feuerdrama im Schwarzwald erfuhr. Ich bin traurig und erschüttert. Mehr Worte braucht es nicht, um auszudrücken, wie ich mich fühle.

Der Rauch habe sich rasend schnell im gesamten Gebäude ausgebreitet. Wie kann das sein, wenn es Rauchabschnitte gibt? Darf ich spekulieren? Die Rauchschütztüren mussten geöffnet und auch offen gehalten werden, um die Rollstuhlfahrer aus dem Gebäude zu retten. Weil es nur am Eingang eine Rampe gab. Ich fürchte, mehr Worte braucht es nicht, um das Warum zu erklären.

Aber bisher ist das Spekulation. Ich weiß es nicht, ich möchte nicht vorweg greifen. Alle, die bisher im Fernsehen zu Wort kamen, haben berichtet, dass das Gebäude vorbildlich war in Sachen Brandschutz, dass die Brandmeldeanlage funktioniert hat, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschult waren. Und dennoch sind 14 Menschen tot. Das sind 14 zuviel.

Ich weiß, man liest sie nicht. Die Boulavard-Zeitung mit den vier großen Buchstaben. Während die Fernsehsender überraschend sachlich berichteten, kommentiert jene Zeitung: "Warum sucht sich das Unglück Unglückliche aus? Behinderte, die es schwer genug hatten im Leben. Es ist kein schönes Leben, wenn man im Rollstuhl den Bordstein hochkommen will. Es ist kein schönes Leben, wenn man sich die Schuhe nicht mehr alleine anziehen kann. [...] Ich denke, dass das Feuer keinen Unterschied machte zwischen Behinderten und Nichtbehinderten. [...] Das Feuer hat kein Mitleid. Aber Gott hätte Mitleid haben können."

Ich möchte mich übergeben. Als wären die 14 toten Menschen nicht schon schlimm genug, jetzt lenken die auch noch vom Thema ab! Leute, ich bin nicht unglücklich, mein Leben ist schön. Das Leben besteht nicht nur aus Bordsteinen und Schnürsenkeln, wenngleich ich den Bordstein hoch komme und mir meine Schuhe selbst zubinden kann. Ich will kein Mitleid, auch nicht von Gott. Und so ging es, jede Wette, den meisten der dort arbeitenden Menschen auch. Wenn man keine Ahnung hat, sollte man zumindest in solchen Momenten einfach mal ...

Es ist schlimm, was passiert ist. So etwas darf sich nicht wiederholen. Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas-Einrichtung in Titisee-Neustadt, ich fühle mit Euch.

Sonntag, 25. November 2012

RSS nur noch eingeschränkt nutzbar

Die völlig untypische Überschrift lässt schon erahnen, was jetzt kommt: Nichts Gutes.

Viele Leser haben meinen Blog per RSS abonniert. Dagegen habe ich natürlich nichts, im Gegenteil, es freut mich, wenn ich auf diesem Wege auch denjenigen einen bequemen Zugang zu meinen Texten geben kann, die es zeitlich oder organisatorisch nicht einrichten können, regelmäßig meinen Blog manuell oder aus der Favoritenliste ihres Browsers aufzurufen.

Durch mehrere Hinweise bin ich darauf aufmerksam geworden, dass der RSS Feed dazu missbraucht wird, per Skript automatisch Duplikate meiner Texte zu erstellen und diese an anderen Stellen unter neuem Namen zu veröffentlichen. Natürlich ohne mein Einverständnis und in (mindestens) einem Fall auch noch kommerziell.

Eigentlich würde ich an dieser Stelle nun sagen: Ich schalte die RSS-Funktion, die die von mir geschriebenen Daten für RSS-Reader noch einmal unformatiert ins Netz schickt, gänzlich ab. Damit würde ich zwar nicht verhindern, dass jemand meine Texte aus dem Blog herauskopiert, ich würde es aber erheblich erschweren, weil zumindest eine manuelle Nachbearbeitung nötig wird.

Als Kompromiss habe ich mich nun entschieden, die RSS-Funktion meines Blogs so einzustellen, dass nur noch die Überschriften und die ersten Wörter eines neuen Beitrags übermittelt werden. Damit bekommen alle jene, die es zeitlich oder organisatorisch nicht einrichten können, den Blog regelmäßig "auf Verdacht" aufzurufen, einen Hinweis, wenn ich einen neuen Beitrag veröffentlicht habe.

Ich hoffe, dass das irgendwie tragbar ist und sage: Zorry für die Zirkumstanzen.

Donnerstag, 22. November 2012

Feen sitzen nicht im Rollstuhl

Nachdem ich meine erste Lektion gelernt habe, nämlich dass mein Studium nur durch Selektion, großer Distanz und erheblichem Egoismus durchzuhalten ist, bin ich zur Zeit etwas entspannter. Sätze wie "Prüfung A ist strategisch wichtiger als Prüfung B", "Nein, ich bin bereits ausgelastet" und "Was kümmern mich deine Probleme" gehören üblicherweise nicht zu meinem Repertorium (wie man unschwer erkennt, verdrängt der Überfluss an lateinischen Vokabeln sogar von Zeit zu Zeit mein innig geliebtes Schulfranzösisch). Viel weiter noch: Ich lehne solche Überlegungen, erst recht solche Haltungen, ab und kann mich mit ihnen nicht identifizieren. Sie entsprechen nicht meinem Verständnis vom gesellschaftlichen Miteinander.

Somit habe ich eigentlich nur drei Möglichkeiten: Die erste wäre, mich gegen meine Überzeugung zu einem anderen Menschen zu entwickeln, der ich, zumindest im Moment, nicht sein möchte. Die zweite ist, mein Studium hinzuschmeißen, wobei ich meinen Kampfgeist allerdings schon vor meinem inneren Auge sehe, wie er, derzeit noch lässig auf einem Stuhl sitzend und halbinteressiert beobachtend, bereits eine Augenbraue hochzieht und einmal tief seufzt. Und die dritte wäre, mir im Dienste der Wissenschaft eine zweite Persönlichkeit zuzulegen und jeweils für Privat- und Berufsleben hin- und herzuschalten. Ob das allerdings gelingt, ohne dass die beiden Persönlichkeiten in mir sich gegenseitig bekämpfen und ich meinen Blog von "Aus dem Leben einer Stinkesocke" zu "Aus dem Leben von Jekylline und Hydewitzka" umbenennen muss, bleibt aktuell unbeantwortet.

Und das ist mal wieder nicht das einzige Schlachtfeld: Dass es in meinem unmittelbaren (magnetischen) Umfeld grundsätzlich immer schräge Vögel geben muss, ist ja inzwischen bekannt. So darf es auch niemanden wundern, wenn auch aus der unüberschaubaren Menge meiner Kommilitonen der eine oder andere Halb- oder Vollhirni es bis zu einer Erwähnung in meinem Blog schafft. Marie ist ja ebenfalls mit einem solchen Magneten ausgestattet, steckt das, genauso wie der Stress des Studiums, aber wesentlich leichter weg und ist auch wesentlich abgebrühter als ich, wenn es darum geht, ihre Stellung zu behaupten. Mir kommt es zumindest so vor.

So sitzen wir in einer "Lerngruppe" zwischen zwei Vorlesungen in einem mehr oder weniger guten Café der Klinikgastronomie, hinterste Ecke. Neben Marie und mir sind noch vier andere Leute dabei, insgesamt dreimal männlich und dreimal weiblich, also alles gut aufgeteilt. Weil alles sehr eng ist, haben Marie und ich uns auf die vorhandenen Sessel umgesetzt. Marie hat ihre Schuhe ausgezogen und es sich im Schneidersitz bequem gemacht. Da es nicht sehr warm ist, hat sie sich mit einer Fleecejacke quasi zugedeckt.

Nach etwa einer halben Stunde passiert das, wovor kein Querschnitt sicher ist: Marie pupst. Zwar nicht laut, aber durchaus wahrnehmbar. Sie sagt: "Oh, tschuldigung." Womit das eigentlich erledigt sein müsste. Ist es aber nicht: Der Typ neben ihr beginnt, ihr das Knie zu streicheln (!), woraufhin Marie, und das meine ich mit der beschriebenen "Abgebrühtheit" nur keck antwortet: "Was ist denn mit dir los, willst du mit mir gehen?"

Sowas macht sie, ohne eine Miene zu verziehen und ohne der Situation nach dem Satz noch irgendwie Beachtung zu schenken, geschweige denn eine Antwort abzuwarten. Ich hätte um ein Haar mein Getränk ausgespuckt und musste mich extrem zusammenreißen, nicht loszuprusten. Der Typ antwortete: "Nein! Ich wollte dir nur sagen, dass du dich nicht schämen musst, das kann doch jedem mal passieren."

Marie: "Ich weiß, kannst du trotzdem mal mein Knie wieder loslassen?"

Ich gucke Marie mit großen Augen an. Der Typ, seine Hand noch immer an ihrem Knie, fährt fort: "Ich habe gelesen, dass jeder Mensch pro Tag im Durchschnitt sechs Blähungen abgehen lässt. Frauen wie Männer, wobei die Frauen das gerne leugnen, weil es ihnen peinlich ist. Ich finde das toll, dass du einen so offenen Umgang damit pflegst."

Ich war mir nicht sicher, ob er das ernst meinte, was er da gerade sagte, oder ob er Marie damit bloßstellen wollte. Marie wohl auch nicht, daher sagte sie: "Ich bin querschnittgelähmt, daher habe ich nur wenig Einfluss, wann das passiert."

Daraufhin kam der erste Brüller: "Jedenfalls ist mir ein taktvoller Feenfurz lieber als wenn sich eine fette Bache neben mir lautstark irgendwas schwabbelndes in ihren Scheuerschlüpfer presst."

Und als hätte es noch nicht gereicht, sagte ein anderer Typ und beendete damit unsere kleine gesellige Runde: "Deine Flatulenzpräferenz in allen Ehren, aber weißt du, wo schon der erste Denkfehler ist? Feen sitzen nicht im Rollstuhl, und wenn doch, kennen sie zumindest eine Kollegin, die sie mit ihrem Zauberstab dort wieder rausholt."

Montag, 19. November 2012

Big Brother am Pflegebett

Spätestens seit letzter Woche ist ein Thema bei uns in den Wohngruppen gegenwärtig und wird selbst von denen diskutiert, die vorher nichtmal im Entferntesten daran gedacht haben, dass so etwas überhaupt möglich sein könnte: Gewalt in der Pflege.

Ich möchte es einerseits nicht verharmlosen, andererseits aber auch nicht übertreiben. Dass selbst bei uns, wo wir sehr genau hinschauen, wer bei uns einen Job bekommt, und wo wir ein sehr gutes Klima haben, ein gewaltsamer Übergriff auf eine absolut wehrlose Person möglich sein könnte, darf man nicht aus den Augen verlieren; andererseits darf man jetzt auch nicht in Hysterie verfallen.

Es gab in den letzten Tagen und auch heute sehr intensive Diskussionen unter den Menschen, die hier wohnen, und viele konnten eine Forderung nicht oft genug wiederholen: So etwas darf nicht sein. Auch wenn es bei Maria "nur" zwei Ohrfeigen waren, waren es bereits zwei zu viel.

Gefahr birgt das Vertrauen, das wir alle den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entgegen bringen, die zu teilweise wehrlosen Menschen in die Zimmer gehen und sie teilweise in intimsten Momenten des Lebens begleiten. Das Vertrauen darauf, dass sie mit mir als Mensch würde- und respektvoll umgehen. Fast alle sind sich diesem Vertrauen und ihrer Verantwortung bewusst und machen einen guten Job. Erzwingen kann ich diesen Umgang aber letztlich kaum, auch wenn der Job davon abhängt, findet selbst das schwärzeste Schaf binnen kürzester Zeit eine neue Möglichkeit, Geld zu verdienen. Hinzu kommt, dass bei einer Aussage-gegen-Aussage-Situation die Unschuldsvermutung gilt, also eine Tat beweisbar sein muss. Und der Druck, bei einer fehlgeschlagenen, nicht beweisbaren Meldung weiterhin und vielleicht in noch stärkerem Maße weiteren Übergriffen mit absoluter Machtlosigkeit und Unterlegenheit ausgesetzt zu sein.

Damit stellt sich noch einmal die Frage, ob bloßes Vertrauen neben einer sorgfältigen Auswahl der Mitarbeiter reichen kann. Die Mitarbeiterin eines Vereins, die bei uns heute auf "behördliche Empfehlung" einen (sehr gut besuchten) Vortrag über das Thema gehalten hat, empfiehlt zusätzlich zu Vertrauen und Auswahl eine Videoüberwachung der Betten und der Bäder.

Ja, richtig gehört und gelesen. Ähnlich wie in Bussen, Bahnen und Tankstellen kann der "Arbeitsbereich" der Pflegekräfte videoüberwacht werden. Die Daten werden im Dienstzimmer mitgeschnitten und nach 48 Stunden automatisch überschrieben. Jedes Zimmer hat dabei sein eigenes Aufzeichnungsgerät in einem Serverschrank, um an die Aufzeichnungen zu gelangen, ist ein Schlüssel nötig, den die Bewohnerin selbst verwahrt. Somit könne nur sie selbst den Zugriff auf diese Daten freigeben.

Ohne Frage wäre der damit erzeugte Beobachtungsdruck vorbeugend gegen gewaltsame Übergriffe. Allerdings muss man hier klar sehen: Es greift in einem ganz erheblichen Maße in die Intimsphäre des Menschen ein, der dort wohnt. Ich masturbiere im Bett oder in der Badewanne. Vielleicht habe ich mal mit jemandem schmutzigen Sex. Und beim Kacken möchte ich auch nicht gefilmt werden. Auch nicht, wenn man das hinterher rausschneiden könnte.

Solange keine Daten da sind, kann sie auch niemand missbrauchen. Sind sie da, knackt vielleicht irgendeiner, der sowieso schon gekündigt hat, kurz vor seinem Abgang das Schloss und nimmt die Aufzeichnungen an sich. Oder schneidet am vorletzten Tag das Kabel durch und verprügelt mich an seinem letzten Tag nochmal so richtig. Oder klatscht mir zur Begrüßung eine, während ich am Schreibtisch sitze, den die Kamera nicht einsehen kann. Oder irgendein Ferkel zapft die Datenleitung unterwegs an und erstellt sich sein privates Heimkino. Ich halte das auf den zweiten Blick für keine so gute Idee.

Ich weiß aber auch keine gute Lösung. Ich glaube, dass wir zwar schon sehr viel besser dran sind als die Bewohner von geregelten Pflegebetrieben: Wir haben ja die Möglichkeit, die Aufträge (bitte einmal waschen, föhnen, ins Bett bringen) gezielt an einen bestimmten Mitarbeiter zu vergeben. Wer das nicht so macht, wie ich das will, kriegt eben keinen Auftrag mehr. Allerdings darf man dabei auch nicht vergessen, dass gerade Menschen wie Maria ihre Aufträge oft schon zwei, drei Monate im Voraus vergeben. Schließlich brauchen alle eine gewisse Planungssicherheit.

Ein erster Schritt ist sicherlich, offen über das Thema zu sprechen, zu sensibilisieren, hinzuschauen, solches Verhalten klar abzulehnen. Aber der letzte Schritt dürfte es nicht sein.

Korrekt aber kalt

Ich glaube, fast alle Menschen sind sich einig, dass es absolut abscheulich ist, wenn ein Täter (oder eine Täterin) bei einem gewaltsamen Übergriff die körperliche Unterlegenheit eines Opfers ausnutzt. Das fängt nicht bei den Leuten an, die einem am Boden liegenden Menschen gegen den Kopf treten und es hört gewiss nicht bei einem Fall auf, der ausgerechnet Maria widerfahren ist, die ja bereits in der Pflegeeinrichtung, in der sie lange Jahre wohnte, bevor sie zu uns kam, Erfahrungen mit gewalttätigen Mitarbeiterinnen machen musste.

Maria hat sich in den Monaten bei uns echt gemausert. Sie hat es nach jahrelanger Isolation geschafft, sich ein eigenverantwortliches Leben aufzubauen. Hat Freunde, auch außerhalb unserer WG, gefunden, fährt selbständig mit ihrem E-Rolli überall hin, hilft Ronja und Maja (das sind die Physio- und die Ergotherapeutin, die bei uns im Haus arbeiten) bei ihren Abrechnungen. Sie sieht sehr viel vitaler aus, obwohl sie durch ihre fortschreitende Erkrankung immer schwächer wird. Sie sagt, sie ist glücklich.

Was sehr gut ist, ist, dass Maria völlig klar und orientiert ist. Sie spricht zwar sehr langsam und verwaschen, das hat aber eine körperliche und keine kognitive Ursache. Soll heißen: Sie ist im Köpfchen völlig fit.

Es gibt diese Momente, in denen mir ein eiskalter Schauer über den Rücken läuft und ich gleichzeitig merke, wie in meinem Bauch jemand einen großzügigen Adrenalin-Aufguss auf meinen Ofen schüttet. Es ist das gleiche Gefühl, das ich auch habe, wenn ich mit ansehen muss, wie jemand beinahe vor ein Auto läuft - oder andere Dinge, die man nicht sehen will und vor denen man am liebsten schützend die Hände vor die Augen nehmen möchte.

Einer dieser Momente war zweifelsohne, als Maria am letzten Mittwoch zu mir kam und mir nach einem Fluch über das Wetter und der Frage, ob wir mal wieder gemeinsam einen Nudelauflauf kreieren könnten, nahezu beiläufig erklärte, sie sei gestern abend von ihrer Pflegekraft misshandelt worden. Ich dachte im ersten Moment, ich hätte sie falsch verstanden, aber was sollte man daran falsch verstehen? Sie konkretisierte, sie habe zwei Ohrfeigen bekommen, von einer Pflegerin, die bei uns seit rund vier Monaten in Teilzeit arbeitet. Alter: 53 Jahre. Es sei bisher das erste Mal gewesen. Aber, und das habe sie im Gefühl, nicht das letzte Mal.

Ich fragte Maria: "Wieso fühlst du das?" - Maria sagte: "Die Selbstverständlichkeit, mit der sie mir welche gescheuert hat, das macht sie nochmal. Sie war nicht erschrocken über sich selbst, sie war nicht in Rage, sie war einfach nur in einer Laune, in der man mir mal eine klatscht."

Was wir anfangs als großes Problem vermuteten, nämlich das auch zu beweisen, löste sich überraschend schnell. Frank hatte sofort mit der Polizei telefoniert, und so saßen zu ihrem nächsten Dienstbeginn ein Mann und eine Frau in zivil im Büro. Ich war nicht dabei, Frank erzählte aber hinterher, was da abgegangen ist.

So wie er erzählt, sei die Pflegerin reingekommen, wollte ihren Dienst beginnen, habe normal gegrüßt und sei dann mit den beiden Beamten, ich glaube sie kamen vom Landeskriminalamt, konfrontiert worden. Die beiden waren wohl richtig gut und haben gleich die Katze aus dem Sack gelassen. Man ermittle gegen sie wegen Misshandlung Schutzbefohlener, ob sie dazu etwas sagen möchte. Woraufhin sie sofort Täterwissen preisgab, als sie nämlich erwähnte, dass 'die' doch dummes Zeug erzähle. Der Beamte fragte dann nach: "Ach, 'die' auch? Bisher sind wir nur von einem 'er' ausgegangen. Also schon zwei Fälle? Oder etwa noch mehr?" - Tja, selten dumm gelaufen. Aus der eigentlich saudummen und billigen Nummer kam sie nicht mehr raus. Sie versuchte erst noch, sich rauszuwinden, indem sie meinte, 'die' habe sie gesagt, weil sie überwiegend weibliche Menschen pflege, aber dann erzählte sie nach zwei Minuten, dass sie es nicht mehr leiden könnte, täglich mit Ausscheidungen konfrontiert zu werden.

Ich möchte das mit Blick auf das laufende Verfahren nicht vertiefen. Es ist ohnehin alles gesagt, was gesagt werden muss, um zu verstehen, dass es Menschen gibt, die ich nicht verstehen kann. Cathleen und ich haben Maria in der darauf folgenden Nacht mit zu uns in mein Bett genommen. Wobei "genommen", wenn wir schonmal beim Thema sind, nicht heißt, dass sie nicht zugestimmt hätte. Sie lag zwischen uns in der Mitte, was vielleicht der eine oder andere für abgefahren hält, aber ich bin der festen Überzeugung, dass es ihr sehr gut getan hat.

Die Mitarbeiterin haben wir direkt nach ihrem Geständnis fristlos entlassen und ihr Hausverbot erteilt. Und selbstverständlich hat Frank den Vorfall der Behörde gemeldet und beantragt, dass sie ein Berufsverbot bekommt. Frank sagt: "Ob ich überhaupt so einen Antrag stellen kann, weiß ich nicht. Vielleicht spricht das Gericht ohnehin ein solches Berufsverbot aus. Ich möchte nur nicht versäumt haben, den Anlass zu setzen, aus dem jemand darüber nachdenkt."

Wie wir später erfuhren, haben die Beamten sie mit auf die Dienststelle genommen, aber sie wurde wohl nach kurzer Zeit wieder nach Hause entlassen. Am Samstag haben wir, also alle Bewohner unserer WGs, uns getroffen und sehr ausführlich über das Thema gesprochen. Und ausdrücklich gesagt, dass es wichtig ist, jeden Fall sofort zu melden. Frank sagte: "Meinetwegen auch anonym. Sobald ich weiß, dass es hier im Haus so etwas gibt, werden wir tätig. Nur ich muss es wissen. Wenn niemand etwas sagt, möchten wir davon ausgehen können, dass alles gut läuft."

Ich hätte das von der Frau, ehrlich gesagt, nicht erwartet. Zugetraut ... ich lege für niemanden die Hand ins Feuer. Sie hat davor, sagt Maria selbst, immer korrekt gearbeitet. Aber eben auch "nur" korrekt, nicht herzlich. Sondern eher unnahbar und kalt. Wenn sie sich unterhalten hat, dann nur sehr oberflächlich.

Auch die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden von Frank in einer kurzfristig angesetzten großen Besprechungsrunde informiert. Ich habe am Rand gesessen und zugehört. Und hatte dabei eine junge Frau im Blick, die ebenfalls Maria betreut. Relativ klein und zierlich, ziemlich frech, aber dennoch sehr lieb. Rastalocken. Nach dem zweiten Satz biss sie sich zuerst auf die Unterlippe, dann kullerten die ersten Tränen. Eine andere wurde kreidebleich und hielt sich mit den Händen verkrampft an der Sitzfläche des Stuhls fest, auf dem sie gerade saß. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass das alle mitgenommen hat. Und damit möchte ich sagen: Den jetzt verbliebenen traue ich es nicht zu.

Sonntag, 18. November 2012

Keine verbundenen Blogger

Bisher habe ich immer gedacht: Der versteht sein Handwerk. Die Rede ist von Frank, ein Jurist, der mit uns in unserer WG wohnt. Der unser Wohnprojekt mit gegründet hat, der Maria aus ihrem Heim geboxt hat, der den rechtlichen und organisatorischen Rahmen für Ronjas Arbeit in unserem Haus geschaffen hat, der meinen Führerschein vor einer zu gierigen Behörde gerettet hat ... die Aufzählung der Dinge, die er anfasst und zu einem guten Ergebnis bringt, ist lang.

Inzwischen bin ich überzeugt, dass er nicht nur sein Handwerk versteht, sondern darüber hinaus noch mindestens ein goldenes Händchen hat. Falls ich es nicht sowieso schon wusste, komme ich zu diesem Schluss spätestens nach einem ziemlich ernüchternden heutigen Nachmittag. Ich hatte mich im Mai, nicht auf meine Initiative, aber am Ende dennoch überzeugt, mit einigen wenigen Hamburger Bloggerinnen und Bloggern getroffen. Sechs waren es insgesamt, darunter unter anderem ein Schausteller, der über sein Leben auf Volksfesten gebloggt hat, eine Ärztin aus der Notaufnahme eines Kinderkrankenhauses, eine Frau mit einer chronischen Erkrankung und ein Autofreak.

Damals haben wir beschlossen, uns zu vernetzen und gemeinsam unsere Interessen zu vertreten. Nicht ausschließlich (im Sinne eines Managements), sondern ergänzend, insbesondere was politische und rechtliche Fragen angeht; auch ein regelmäßiger Austausch, gegenseitige Unterstützung oder nur schlichte Meinungsbildung waren angedacht. Im Sinne einer Nachwuchsarbeit hätten wir uns Workshops gewünscht; nicht jeder kann sofort bloggen, vielleicht aber umso besser nach einigen einführenden Tipps.

Nach langem Hin und Her haben wir heute beschlossen, das alles wieder aufzugeben. Zu komplex und zu wenig flexibel die Organisation, zu schwierig die Aufgabe. Vorerst. Aber vielleicht bestimmt ergibt sich da in Zukunft noch eine andere Möglichkeit. Eigentlich muss es doch möglich sein.

Sonntag, 11. November 2012

Der Hund im Gang

Man kann fast darauf warten: Irgendwann kommt sie, die nächste Reportage über ausgegrenzte Behinderte. Und so gab es in der letzten Woche seitenfüllend einen mit fetten Lettern überschriebenen Artikel in einem in Hamburg täglich erscheinenden Boulevardblatt: "Konzertverbot für Blinde."

Wie fast immer ging es um die Teilhabe eines Menschen am gemeinschaftlichen Leben, wie fast immer wurde die Sicherheit des behinderten Menschen oder seiner Umwelt vorgeschoben und wie noch häufiger ist die Unbeholfenheit, mit der Menschen (mit und ohne Behinderungen), die bei ihrem Job mit Menschen (mit und ohne Behinderungen) zu tun haben, agieren, kaum noch zu toppen.

Da will ein Paar, beide um die 50, beide haben eine Sehbehinderung, in ein A-Capella-Konzert in einem großen Konzertsaal in Hamburg. Beide haben Eintrittskarten gekauft, beide erscheinen pünktlich vor Ort; womit der Veranstalter aber nicht gerechnet hat, ist, dass die beiden einen Blindenhund mitbringen.

Der Sicherheitsdienst darf keine Hunde reinlassen und schickt die beiden nach einiger Diskussion wieder nach Hause. Schließlich könnte der Hund im Gang liegen und bei einer Evakuierung des Gebäudes könnte jemand über ihn stolpern.

Ja nee, is klar. Während sich alle Sehenden durch die Notausgänge ins Freie schieben, weil die Hütte brennt, bleiben die beiden seelenruhig sitzen, kraulen ihr 25.000 Euro teures Hilfsmittel und wundern sich ein wenig über den Lärm und darüber, dass der Kamin so raucht und einer nach dem anderen dem Hund auf den Schwanz tritt.

Ich behaupte mal: Bei einer halbwegs geordneten Evakuierung bieten die jeweiligen unmittelbaren Nachbarn den beiden blinden Menschen an, sie unterzuhaken und nehmen sie mit raus. Selbst wenn Herrchen seinen Wauwau dabei nicht am Geschirr festhält, wird der schon mitkommen. Und bei einer Massenpanik ist es völlig egal, ob dein Nachbar dich in Todesangst mit seinem eigentlich im Boden verankerten Sitzmöbel erschlägt, dich bei seiner Flucht über den Haufen trampelt, oder ob dir der Blindenhund vor lauter Angst in die Wade beißt.

Ich finde es unglaublich, dass ein Veranstalter, der Konzerte organisiert, bei denen hunderte, tausende oder sogar zehntausende Besucher auftauchen, sich anscheinend noch nie mit der Frage beschäftigt hat: "Was mache ich eigentlich, wenn da einer vor mir steht, der eine Behinderung hat?"

Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass nicht jeder Sicherheitsmitarbeiter umfassend geschult wird. Aber die Anweisung: "Wenn da ein Behinderter auftaucht und es irgendein Theater gibt, dann nimmst du dein Funkgerät und holst mich. Du schmeißt keinen raus und zu weist keinen ab. Das mache im Zweifel ich", sollte jeder verstehen können, der im Sicherheitsgewerbe sein Geld verdient. Entsprechend will ich mich mit dem Argument, "die Trottel vonner Security" habens verbockt, gar nicht erst auseinander setzen. Die machen nämlich meistens einen guten Job und sind hilfsbereit. Zu mir zumindest.

Und den Veranstalter hat auch erstmal nicht zu interessieren, ob der Hund da einen Gehörschaden nimmt. Das ist ja auch nicht der Grund, aus dem andere Hunde verboten sind. Das steht auf einem völlig anderen Blatt - und das kann ich nicht beurteilen. Es steht natürlich dem Veranstalter frei, die Polizei zu holen und denjenigen wegen eines (versuchten) Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz anzuzeigen. Aber der Konzertveranstalter kann aus dem Tierschutzgesetz keine Rechte ableiten, mit denen er die Leute des Hauses verweisen kann - nehme ich doch mal stark an.

Und zu der Frage, ob derjenige sich anmelden muss, möchte ich auch meine Sicht der Dinge darstellen (zum wiederholten Mal): Wenn da 5.000 Leute kommen, sind auch Blinde dabei. Und Rollstuhlfahrer. Und Leute mit Herzschrittmacher. Menschen mit psychischen Erkrankungen. Diabetiker. Apotheker. Spinner. Vergewaltiger. Blondinen. Kulturbanausen. Schokoladeneis-Liebhaber. Statistiker. Blogleser. Und niemand käme auf die Idee, menstruierende Frauen von der Veranstaltung auszuschließen, weil ihre Tampons und Binden die Abwasserleitungen verstopfen könnten. Statt dessen stellt man Mülleimer und Papiertüten bereit.

Der Hund muss ja nicht im Gang liegen. Wenn es diese Bedenken gibt, hat man für blinde Menschen halt Plätze im Angebot, bei denen die Hunde nicht im Gang liegen. So einfach ist das. Wann kommen wir endlich in der Zeit an, in der man sich nicht mehr damit rausreden kann, man habe nicht gewusst, dass Menschen mit Behinderungen am öffentlichen Leben teilnehmen?

Donnerstag, 8. November 2012

Keine Strasssteine

Vor zwei Monaten bin ich mit meinem Auto über die Reeperbahn gefahren. Es durfte mitfahren, wer mitfahren wollte.

Ich habe in diesem Zusammenhang ziemlich häufig die Bitte bekommen, nach eins, zwei Monaten mal zu erzählen, ob mir das Auto immernoch so gut gefällt wie in den ersten Tagen und wie meine Erfahrungen sind. So handelt mein Online-Tagebuch heute mal von Autos. Wie langweilig. Vielleicht ist es ja so, dass ich in zwei Jahren von der Karre so genervt bin, dass ich mich frage, warum ich sie je gekauft habe, dann blätter ich hierhin zurück. Und um den einen spitzen Kommentar, den ich wieder gelöscht habe, aufzugreifen: Ja, auch wenn ich eine Frau bin, traue ich mir zu, über mehr als nur die Farbe zu schreiben.

Als erstes ist mir aufgefallen, dass in den werksseitig gelieferten Felgen die Strass-Steinchen fehlen. Auch dass ich weder die weißen Lederpolster noch die lila Lackierung bekommen konnte, setzt in mir mehr Testosteron frei als mir eigentlich lieb ist. Wenigstens wird mein nervöser rechter Gasfuß hinter einer werksseitig eingebauten, aber abnehmbaren Pedalsperre zurückgehalten.

Ja, es handelt sich um einen "Behindertenumbau", wie mein freundlicher Händler gestern beim jahreszeitbedingten Umsetzen der Räder festhielt: "Du machst die Expresskundin klar." - WTF?! - "Sie möchte die Winterräder drauf haben. Das ist ein Behindertenumbau, musste mal gucken, ob die Pedale gesperrt sind. Wenn ja, die Abdeckung kann man abziehen. Du fährst mir nicht mit der Handbedienung auf die Bühne, verstanden?" - "Ja Chef."

Für ein typisches Frauenauto fehlen dem Truthahn eindeutig die niedlichen runden Scheinwerfer und der sexy Po. Zuerst dachte ich, die Schrankwand fährt müde und träge durch die Gegend oder verbraucht alternativ Unmengen Sprit, aber ich bin sehr angenehm überrascht: Beides ist nicht der Fall.

Nun muss man allerdings sagen, dass ich bei der Motorisierung keine Kompromisse eingegangen bin und den 2-Liter-TDI genommen habe. Dessen 140 PS bringen das Auto locker und ohne irgendeine Diskussion auf Tempo 200. Damit meine ich: Es muss weder bergab gehen oder Rückenwind haben, bis zur 200er-Marke geht die Tachonadel einigermaßen zügig und ohne dass man den Eindruck bekommt, der Motor ruft bereits seine letzten Reserven ab. Auffallend ist auch, dass diese Geschwindigkeit bei etwa 3.800 Motorumdrehungen erreicht wird, also keineswegs kurz vor dem rot eingefärbten Bereich des Drehzahlmessers. Es ist kein Problem, den Tempomat auf 200 zu stellen, die Geschwindigkeit wird, zumindest hier im einigermaßen flachen Land, in dem Steigungen und Gefälle im überschaubaren Rahmen bleiben, konstant gehalten. Ich hatte auf einer Fahrt nach Kassel die Möglichkeit, das auszuprobieren, als ich hinter Hannover die einzige auf einer dreispurigen neu ausgebauten Autobahn war.

Damit bin ich mehr als glücklich. Mehr brauche ich keinesfalls, mein normales Reisetempo auf der Autobahn liegt bei 130. Dank Tempomat kann man sehr entspannt fahren. Den Geräuschpegel im Fahrzeug würde ich als ungewöhnlich leise bezeichnen. Im Stand ist er natürlich lauter als ein Benziner, bei Tempo 130 kann man sich im Innenraum normal unterhalten.

Das DSG-Getriebe (Automatikgetriebe) ist ein Traum. Völlig ruckfreies Schalten, kontinuierliche Beschleunigung, die Abstufung ist sehr ausgewogen. Insbesondere im Großstadtverkehr läuft der Motor extrem ruhig. Der Golf, den ich vorher hatte, hatte eine 4-Stufen-Automatik, und aus irgendeinem Grund wollte er bei Tacho 50 lieber im dritten als im vierten Gang fahren. Vor allem bei kaltem Motor, was natürlich extrem nervt und dazu verleitet, 60 zu fahren. Beim Viano war das besser gelöst, aber einen Vergleich möchte ich hier nicht machen. Das DSG-Getriebe des Truthahn schaltet bei 50 in den 5. Gang und schnurrt bei 1.000 Umdrehungen friedlich vor sich hin. Selbst wenn man jetzt normal auf 70 beschleunigt, wird nicht zurückgeschaltet, der Motor hat genug Kraft, um das ohne Vibration oder Geruckel zu schaffen.

Bei 65 schaltet er bereits in den 6. Gang. So zeigt einem der Verbrauchscomputer bei eingeschaltetem Tempomat und ebener Straße einen Wert zwischen 2,5 und 2,8 Litern auf 100 Kilometern an. Womit wir beim nächsten Thema wären: Himmlisch. Mit einer Tankfüllung von knapp über 50 Litern fahre ich bis zu 1.200 Kilometern. Ich komme selbst bei überwiegendem Stadtverkehr nie über durchschnittlich 6 Liter Diesel. Und ich fahre völlig normal, zwar ruhig, aber nicht bewusst sparsam, wie man auch auf dem oben erwähnten Video sehen kann.

Was ich auch klasse finde: Das DSG-Getriebe schaltet beim Bremsen mit zurück, so dass man die Bremswirkung des Motors nutzen kann. Herkömmliche Automatikgetriebe kuppeln beim Bremsen ja aus, das ist hier nicht der Fall. Es gibt eine Strecke, die ich regelmäßig fahre, die über zwei Kilometer bergab geht, 50 ist erlaubt, unten steht ein Blitzer. Oben einmal leicht bremsen, nach einigen Sekunden schaltet das DSG-Getriebe vom 6. in den 5. und, bei weiterem Bremsen, in den 4. Das behält das Getriebe bei, auch wenn man nicht mehr bremst, bis man wieder Gas gibt. So kann man über Kilometer die Bremswirkung des Motors ausnutzen.

Zwei Dinge finde ich nicht so gut: Während das Beschleunigen aus dem Stand direkt und einwandfrei funktioniert, ist das Bescheunigen aus sehr langsamer Fahrt nicht optimal. Den 1. Gang wählt das Getriebe in der Regel nur im Stand. Beim Ausrollen wird bei etwa 15 km/h bei eingelegtem 2. Gang ausgekuppelt. Rolle ich danach nur noch mit etwa 10 km/h und will wieder beschleunigen, wird im 2. Gang langsam eingekuppelt. Das ist nicht schlimm, aber sehr auffallend, weil man sonst von der permanenten und direkten Kraftübertragung verwöhnt ist.

Schlimm wird es allerdings, wenn man beispielsweise steil bergauf fährt und es dann zu dieser Situation kommt. Zum Beispiel hatte ich neulich einen Rückstau auf einer steilen Rampe in einer Parkgarage. Es war eine sehr breite, lange Auffahrt, die man locker mit 35 km/h hochfahren kann. Oben staute sich die Schlange vor einer Schranke zurück, so dass ich das Auto ausrollen ließ. Bevor das Auto zum Stehen kam, ging es jedoch schon weiter. Also gab ich wieder Gas, war aber schon so langsam, dass das Getriebe ausgekuppelt hatte und nun im 2. Gang wieder einkuppeln wollte. Um nicht stehen zu bleiben oder gar zurück zu rollen, musste ich natürlich mehr Gas geben. Und dann erkannte irgendwann nach einigen Sekunden das Getriebe, dass es im 2. Gang nichts wird, das Auto also immer langsamer wird, und kuppelte den 1. Gang ein. Das allerdings ohne schleifende Kupplung, also so, als würde man vom Kupplungspedal abrutschen. Wenn man dann nicht aufpasst und sofort das Gas zurücknimmt, schießt das Auto los. Das ist nicht gut gelöst. Wenn man das weiß und darauf vorbereitet ist, kann man damit gut leben - aber man muss es wissen.

Die zweite Sache: Die Fahrerin wird von einer sehr hohen Durchzugskraft verwöhnt. Dieseltypisch entfaltet die sich im unteren Drehzahlbereich. Fahre ich nun auf eine Autobahn ein, habe am Anfang des Beschleunigungsstreifens etwa 65 km/h und möchte auf dem Streifen stark beschleunigen, wozu er ja da ist, bin ich besser beraten, erst nur mäßig Gas zu geben, um ein Zurückschalten vom 6. in den 5. zu erreichen, anschließend dann erst Vollgas zu geben. Gebe ich sofort Vollgas, schaltet er bis in den 4. zurück - damit läuft der Motor dann jedoch im hohen Drehzahlbereich, in dem der Dieselmotor bekanntlich nur wenig Duchzugskraft hat. Das finde ich auch nicht optimal. Damit kann ich aber auch leben.

Zur steilen Rampe möchte ich noch den Berg-Anfahr-Assistenten erwähnen, der ebenfalls gewöhnungsbedürftig ist. Fährt man einen steilen Hang hinauf und lässt dabei das Auto ausrollen, rollt es anschließend zurück. Fährt man einen steilen Hang hinauf und bremst das Auto beim Ausrollen ab und lässt danach die Fußbremse los, bleibt das Auto am Hang stehen, weil dieser Assistent die Fußbremse so lange weiter betätigt, bis man genug Gas gibt, um vorwärts loszufahren. Es rollt also nicht zurück. Fährt man allerdings den steilen Hang hoch, lässt das Auto ausrollen und betätigt dabei die Fußbremse nur leicht, so dass es zwar eine Bremswirkung gibt, diese jedoch nicht ausreicht, um das Auto nach dem Stillstand vor dem Zurückrollen zu bewahren, dann dosiert dieser Assistent nach. In dem Moment, in dem das Auto unmittelbar vor dem Stillstand ist, wird das Bremspedal wie von Geisterhand weiter durchgedrückt. Ich war darauf beim ersten Mal nicht vorbereitet und hab ein bißchen doof aus der Wäsche geguckt.

Noch etwas negatives? Ja, der Regensensor. Der mag weder Dunkelheit noch Waschanlagen. Wenn ich in der Waschanlage war und mal wieder dieses fiese Zeug auf die Scheibe gesprüht bekommen habe, das die netten Schlieren beim Wischen hinterlässt, ist auch der Regensensor sauer und schaltet trotz Getröpfel zwischen "Ich wische schnell" und "Ich wische ganz schnell" hin und her. Somit: Scheibe putzen nach der Waschanschlage ist Pflicht. Für eine Rollifahrerin besonders einfach... Und zum Thema "Dunkelheit": Fährt man im Dunkeln eine gut beleuchtete Straße mit vielen Bäumen, von denen die fetten Regentropfen hinunter prasseln, ist zwar die komplette Scheibe nass und müsste eigentlich gewischt werden, den Regensensor interessiert es aber nicht. Erst nach mehreren Sekunden fällt ihm sein Versäumnis auf, dann wird 5 Mal schnell gewischt, dann wieder viel zu lange gar nicht.

Ansonsten hoffe ich nur, dass die ganzen technischen Helferlein nicht irgendwann alles lahm legen, sondern immer brav funktionieren. Aus meiner Sicht fehlt nichts. Im Gegenteil, ich fühle mich sehr verwöhnt. Noch ein letztes Wort zur Heizung: Bei 5 Grad Außentemperatur braucht der Motor etwa 15 Minuten, um warm zu werden. Fordert man allerdings einen warmen Innenraum, schaltet sich automatisch ein Zuheizer an, der den Kühlwasserkreislauf beheizt und damit innerhalb der ersten Minute nach dem Start für warme Luft sorgt. "Erste Minute" meine ich ernst.

Alles in allem würde ich, bei einer Bewertung in Schulnoten, zu einem "sehr gut" tendieren. Die erwähnten negativen "Mängel" sind für mich so unerheblich im Vergleich zu den ansonsten ausschließlich positiven bis begeisternden Eigenschaften, dass ich nichtmal zu einer Einsminus kommen würde. Aber der Vollständigkeit und der Abgrenzung wegen seien sie erwähnt. Kurzum: Alles gut, sehr zufrieden, bis auf eine handvoll sehr spezielle Eigenarten, die man aber suchen muss.

Dienstag, 6. November 2012

Allerbeste Freundin

Liebes (Online-) Tagebuch, ich brauche gerade mal jemanden zum Auskotzen. Es ist sehr spät in der Nacht und ich kann nicht schlafen, weil meine Gedanken mich einfach nicht in Ruhe lassen. In mir kreisen jede Menge Zweifel und Ängste, die sich mit ein paar vernünftigen Überlegungen nicht abstellen lassen.

Immer, wenn es mir so geht, wie es mir gerade geht, merke ich, wie sehr ich mich an meiner Ordnung festhalte. Ich bin jemand, und ich habe das Gefühl, mit zunehmendem Alter prägt sich das immer stärker aus, der sehr viel Wert darauf legt, mir wichtige Dinge in sicheren Verhältnissen zu wissen.

Mir sind beispielsweise Freunde besonders wichtig. Allgemein, welche zu haben, einerseits; noch viel mehr meine ich aber andererseits, dass ich mit meinen Freunden gerne harmonische Beziehungen führe. Umso mehr wirft es mich aus dem Gleichgewicht, wenn eine enge Freundin mich plötzlich enttäuscht und, vielleicht aus einem Missverständnis heraus, vielleicht aber auch nicht, Dinge formuliert, die ich nie für möglich gehalten habe. Dinge, die so viel bedeuten wie: "Ich möchte künftig mit dir nur noch eine oberflächliche Freundschaft pflegen." - Nachdem wir uns seit Jahren kennen. Und als Grund dafür anführt, dass sie einer anderen Freundin bereits die beste Freundschaft versprochen hat. Zum Glück (im Unglück) ist es keine der Freundinnen, mit denen ich täglich oder wöchentlich zu tun habe; ich habe sie fast ein halbes Jahr nicht gesehen. Aber dennoch ist es bitter.

Ich sortiere doch weder meine Freundschaften noch meine Freunde nach der Intensität unserer Beziehung. Ich habe keine beste, keine allerbeste und auch keine aller-aller-beste Freundin. Entsprechend verstehe ich auch nicht, wie man diesen "Titel" nur (oder überhaupt) einmal vergeben kann - oder, noch krasser, eine intensivere Freundschaft aus solchen "formalen Gründen" ablehnt. Ich möchte nicht fies sein, aber ist ein solches Verhalten nicht ziemlich unreif? Definiert sich eine Freundschaft nicht aus der Nähe und der Wärme, die man für- und miteinander empfindet? Und findet man erst danach einen Namen für diese Gefühle, wenn man sie denn unbedingt beschreiben will?

Und irgendwie schwindet in letzter Zeit meine Selbstsicherheit ganz extrem. Wenn ich mich so im Spiegel ansehe, frage ich mich, wo das geblieben ist, auf das ich mal sehr stolz war. Ich habe manchmal das Gefühl, ich denke zu wenig an mich selbst. Ich kümmere mich zu viel um andere. Umso verwirrter bin ich, wenn mir ernsthaft vorgeworfen wird, egoistisch zu sein. Nicht von meinen Freunden, aber von jemandem, der mich eigentlich gut genug kennen müsste. Meine Freunde sagen dazu: "Du hast deine Schwächen wie jeder Mensch - aber Egoismus gehört ganz sicher nicht dazu." - Trotzdem will ich sowas nicht hören, schon gar nicht von Leuten, von denen ich glaube, dass sie es besser wissen müssten.

Dann wohnt in unserem Wohnprojekt aktuell eine Frau, ebenfalls eine Rollstuhlfahrerin, etwas älter als ich, die permanent lügt. Sie packt es nicht, Verantwortung zu übernehmen, für das, was sie tut oder das, was sie nicht tut. "Ja, hab ich verbockt", ist doch ein Satz, zu dem man stehen können müsste. Kann sie nicht. Stattdessen sagt sie: "Ich?! Nie im Leben! Das war ich nicht, das kann gar nicht sein." - Boa, ist das anstrengend. Weil jeder inzwischen weiß, dass 50% dessen, was sie von sich gibt, nicht stimmt. Und man ihr bei den anderen 50% eigentlich kein Unrecht tun möchte. Inzwischen ist es mir aber egal, ich habe es nach endlosen Diskussionen mit ihr aufgegeben, beschränke mich auf den oberflächlichsten Dialog und baue absolut nichts auf ihre Aussagen. Es ist trotzdem nervig, weil mir jedes Gespräch vorkommt wie verlorene Zeit.

Und im Moment habe ich das Gefühl, ständig kritisiert zu werden. Negativ kritisiert. Entweder ist das gerade eine Phase, die irgendwann auch mal vorrüber geht, oder ich habe den Anschluss zur Realität verloren. In der Uni kann ich zur Zeit niemandem was recht machen, im Sportverein auch nicht, die Abfuhr meines heiß begehrten Typen kratzt auch an meinem Ego - dazu kommt der zeitliche Stress, den mein Studium gerade mit sich bringt und der mir kaum mehr Zeit lässt für entspannte Dinge; nein, es ging mir wirklich schon mal besser. Seelisch.

Keine Sorge, ich springe jetzt nicht gleich vom Balkon: Ich kann ja gar nicht springen. Auch sehe ich mich jetzt nicht in einer depressiven Verstimmung. Aber vor Freude jauchzen, dazu kann ich mich gerade nicht durchringen. Dieses bescheuerte Wetter und die viel zu früh einsetzende Dunkelheit tragen auch noch was bei. Ich hoffe, es wird bald wieder besser.

Samstag, 3. November 2012

Wer was sagen will, muss aufstehen

Ich will mich hier ja nicht zur Moralapostola aufspielen, möchte aber dennoch erwähnen, dass es in meiner Umwelt einige Menschen gibt, die extrem schlechtes Benehmen haben, das vermutlich noch nicht einmal merken - und sich dabei auch noch cool vorkommen. Ich bin wirklich erschrocken.

Die Rede ist von meinem Sportverein, über den ich ja schon ein paar Mal geschrieben habe. Dass sich dort einige Chaoten tummeln, die mit intrigantem Verhalten und Mobbing auf sich andere aufmerksam machen, hatte ich ja schon mehrmals erwähnt. Die gestrige Mitgliederversammlung schoss jedoch mal wieder den Vogel ab. Das ging so weit, dass wir uns mit unserer Triathlongruppe inzwischen ernsthaft überlegen, eine andere Bleibe zu suchen.

Dazu muss, weil etliche Cheeseburger Hamburger mitlesen und falsche Schlüsse ziehen könnten, erwähnt werden, dass es nicht um den Verein geht, über den die meisten von uns ihre Sport- und Startlizenzen haben, sondern um den, der unsere Trainingsmöglichkeiten stellt.

Weil gerade Paratriathlon sehr teuer ist, sind unsere Trainingsmöglichkeiten bei einem großen Hamburger Verein angesiedelt, der eine Triathlonabteilung hat und diese quasi um ein paar Rollifahrer vergrößert hat. Dieser Verein möchte aber aus Kosten- und Strukturgründen nicht in den Behindertensportverbänden und -fachverbänden für eine handvoll Sportler teuer Mitglied werden.

Unsere Sport- und Startlizenzen haben wir daher im Rahmen einer Kooperation über einen anderen Sportverein, der noch wesentlich größer ist als unser Trainingsverein, selbst Sport für Menschen mit Behinderungen anbietet, und in dem Zusammenhang sowieso Mitglied in den ganzen Behindertensportverbänden und -fachverbänden ist. Dieser möchte jedoch -wiederum aus Kostengründen- keine eigene Paratriathlon-Abteilung unterhalten.

So trainieren wir bei einem Verein und starten für einen anderen. Das hat bisher immer reibungslos geklappt - nur dass in dem Trainingsverein eben einige Leute ein Rad ab haben, und zwar so extrem, wie man es sonst eigentlich nur von Rollstuhlfahrern kennt, die ihre Steckachse nicht ordentlich verriegelt haben.

Der neueste Eklat in einer Reihe skandalöser Vorgänge, ich glaube, das beschreibt es ganz richtig, war der gestrige Angriff auf den Kassierer des Vereins. Ein Typ, um die 40, verwaltet sechsstellige Summen pro Jahr im Ehrenamt, macht alle Buchungen selbst, kümmert sich um alles, einschließlich Personalverträge, Gehaltsbuchhaltung, Arbeitgeberpflichten, Steuern - hat also kein hauptamtliches Personal, auf das er zurückgreifen kann - und hat, wie ein unabhängiger Wirtschaftsprüfer, der auf Verlangen einiger Stinkstiefel zusätzlich zum Bericht der Kassenprüfer ein schriftliches Gutachten abgab und gestern noch für Fragen vor Ort war, absolut korrekt gearbeitet. Alle Unterlagen standen auf dem Tisch, er hat auf alle Fragen bereitwillig geantwortet und ich habe zu keinem Zeitpunkt den Eindruck gehabt, er hätte irgendeinen Mist mit unserem Geld gemacht. Im Gegenteil, ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass er immer wieder ermahnt hat, an bestimmten Stellen Kosten zu sparen, damit die vorhandenen Gelder gerecht verteilt werden können...

Kurzum: Da fragt doch jemand von den etwa 130 Anwesenden, wieviel Geld er auf sein privates Girokonto überwiesen hätte. Er antwortet: Keinen Cent. Er habe keinerlei Auslagen abgerechnet, obwohl sie ihm eigentlich zugestanden hätten, denn er habe etliche Telefonate auch vom privaten Handy geführt ... aber es mache sich immer schlecht, wenn ein Kassierer sich selbst Geld überweise, auch wenn es seine Richtigkeit hätte und vom Vorsitzenden freigezeichnet worden wäre.

Zweite Frage: Wieviel Geld sei bar entnommen worden? Hier kommt als Antwort eine fünfstellige Summe mit Verweis auf die an die Wand geworfenen Zahlen. Die Barsumme sei jedoch durch Rechnungen belegt. Hintergrund sei, dass bei vielen Wettkämpfen die Kampfgerichte und Ordner bar gegen Rechnung bezahlt werden müssten, gerade wenn es sich um externe Leute handele. Das ergebe sich aus den Regularien der Verbände. Auch hätten viele Trainer ihre Auslagen bei auswärtigen Wettkämpfen (zum Beispiel Hotelkosten für das ganze Team) entweder als abzurechnender Barvorschuss oder am Tag nach dem Wettkampf im Vereinsbüro bar erhalten.

Wie dem auch sei: Es gibt für alles Belege und ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich froh bin, dass derjenige das macht und man sich immer darauf verlassen kann, dass alles finanzielle sofort und unbürokratisch geregelt wird. Und vielen anderen geht es genau so. Und insofern bin ich einfach nur stinksauer, wenn die abschließende Aufforderung einzelner Idioten, seine privaten Kontoauszüge öffentlich auf den Tisch zu legen, dazu geführt hat, dass der Kassierer (nicht nur diese Forderung zurückgewiesen, sondern auch) angekündigt hat, am Ende der Saison sein Amt niederzulegen. Bravo. Verstehen kann ich ihn.

Ich muss erwähnen, dass sich etliche aufgeregt und auch ihrem Ärger vor Ort Luft gemacht haben. Aber eben nur durch Zwischenrufe, nicht durch Wortbeiträge. Der Vorstand hat auch einiges dazu gesagt. Und diejenigen, die dort den Auslöser für diese schlechte Stimmung gesetzt haben, haben sich nur unflätig auf die Bank gelümmelt, permanent gegrinst und auf Fragen immer nur mit "unser gutes Recht", "beantworte ich nicht" oder dummen Sprüchen rausgegeben.

Ich hasse es, vor vielen (unbekannten) Menschen zu sprechen, aber noch mehr hasse ich es, wenn ich zugucken muss, wie Menschen ungerecht behandelt werden. Und da wieder niemand sonst genug Arsch in der Hose hatte, habe ich mich dann zu Wort gemeldet und gesagt, dass ich nur positive Erfahrungen mit dem Kassierer gemacht habe und es "befremdlich finde, wenn durch rhetorische Fragen und haltlose Unterstellungen gegen Menschen, die ihre Freizeit dafür opfern, dass wir alle Sport machen können, Stunk gemacht wird. Wenn es konkrete Vorwürfe gibt, dann soll man die erheben. Aber hier wird nach vorbildlich getaner Arbeit unterschwellig der Eindruck erweckt, hier stimme etwas nicht, obwohl das Gegenteil gerade durch ein Gutachten bestätigt worden ist. Ich habe den Eindruck, hier wollen sich einige Leute wichtig tun, und das finde ich widerlich."

Ohne zu stottern, mich zu verhaspeln oder sonstwas. Wenigstens zum Klatschen hatten die anderen Leute genügend Mumm, tosender Beifall. Und den Spruch: "Wer was sagen will, muss aufstehen!" zu Beginn aus der Ecke der Stimmungsmacher habe ich gekonnt überhört, ohne mich provozieren zu lassen. Daraufhin sagte der Vorsitzende: "So, zum Thema 'Aufstehen': Wie Sie sehen, sitzt die Dame in einem Rollstuhl. Herr ..., ich erteile Ihnen hiermit einen Ordnungsruf, der ins Protokoll aufgenommen wird. Ich tue das sehr ungern, weil ich denke, wir alle verfolgen hier dieselben Ziele und müssten uns eigentlich gegenseitig unterstützen. Aber beim nächsten Ordnungsruf fliegen Sie raus. Haben Sie mich verstanden?"

Der Typ stand auf und sagte mit einem Grinsen im Gesicht: "Entschuldigung, Herr Vorsitzender, das habe ich von hier hinten nicht gesehen. In einem Sportverein kann man davon ja auch nicht unbedingt ausgehen." - "Sollten Sie aber. Ich ermahne Sie jetzt ein letztes Mal, sich hier angemessen zu benehmen. Außerdem ist Ihre Entschuldigung wertlos, wenn sie an mich gerichtet ist. Bei der jungen Dame sollten Sie sich entschuldigen."

Daraufhin stand er nochmal auf, verbeugte sich mit einem Grinsen im Gesicht in meine Richtung und sagte: "Ich entschuldige mich in aller Form." - Woraufhin ich geantwortet habe: "Du kannst mich mal", und prompt auch nochmal offiziell ermahnt wurde. Das war es mir aber wert. Ich habe mir jedes weitere Wort verkniffen und drei Minuten später die Veranstaltung vorzeitig verlassen. Wie gesagt, ich bin (auch!) dafür, dass wir Rollifahrer uns einen anderen Verein suchen. Auf meinen Sport möchte ich auf keinen Fall verzichten.

Freitag, 2. November 2012

So gar nicht attraktiv

Nach meinem erfolgreichem Probesemester und etlichen Begrüßungs- und Einführungsveranstaltungen bin ich nun seit zwei Wochen regulär Studentin - mit dem kleinen Vorsprung, den das Probesemester mir mitgegeben hat. Allerdings ist mein Kalender inzwischen so derbe vollgepackt, dass ich zum jetzigen Zeitpunkt große Zweifel habe, ob ich das durchhalte.

Ich habe in der letzten Woche drei Mal Sport abgesagt, habe teilweise bis spät in die Nacht noch irgendwas gelernt oder schriftlich vorbereitet, bin nur noch müde und habe so gut wie keine Zeit mehr für mich. Mal schauen, ob sich das noch relativiert. Vor den Semesterferien war es nicht so extrem.

Wenigstens hilft mir der Stress ein bißchen darüber hinweg, dass mein Süßer nichts von mir will. Nachdem ich mit meinem letzten Beitrag über ihn die Antwort auf die Frage schuldig geblieben bin, warum ich denn unbedingt den "Status" dieser Beziehung geklärt haben möchte, weiß ich inzwischen, dass er mich "so gar nicht attraktiv" findet, jedoch als "gute Freundin zum Reden" mag.

Somit erübrigt sich eigentlich auch die Antwort, wenngleich ich sie trotzdem geben möchte: So stark und so reif, dass ich fließende Übergänge zwischen "wir sind zusammen" und "wir sind nicht zusammen" haben kann, bin ich noch nicht. So erfahren, dass ich anhand des Verhaltens meinen Gegenübers erkenne, ob er mich nur nett findet oder er sich mit mir vielleicht das gleiche vorstellen kann wie ich mir mit ihm, bin ich auch nicht. Nein, ich brauche keinen Partner zum Angeben. Aber ich brauche einen, bei dem ich weiß, woran ich bin - und keinen, den ich in der sowieso schon gefühlskomplizierten Situation auch noch wochen- und monatelang missverstehe.

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Doppelt so behindert

Irgendwie fühle ich mich gerade ein bißchen falsch verstanden. Und wenn ich es noch einmal durchlese, verstehe ich auch, warum. In meinem Posting fehlen mindestens zwei entscheidende Sätze.

Ich fand nicht krass, dass das geschätzt 6-jährige Mädchen in meiner "Kollegin" eine Hexe gesehen hat, weil die Körperproportionen nicht die sonst üblichen waren. Ich fand es auch nicht krass, dass das Kind das geäußert hat. Ich weiß auch noch nicht einmal, was dieses Kind mit dem Wort "Hexe" verbindet, mit Sicherheit nicht alle geschichtlichen, kulturellen und religiösen Hintergründe, die ich damit verbinde. Das meinte ich gar nicht.

Für mich ist es krass, dass ein Kind sich vor jemandem fürchtet und der Mutter nichts anderes einfällt als zu hoffen, dass diese Situation bald vorbei sein möge. Selbstverständlich kann ich nicht erwarten, dass die Mutter adäquat mit der Situation umgeht. Aber warum nicht? Weil sie selbst unsicher ist!? Was spricht dagegen, das Kind auf den Arm oder wenigstens an die Hand zu nehmen und ihm vor Ort zu erklären, dass die Frau keine Hexe ist?

"Nein, Schackeliene, die Frau ist keine Hexe! Die Frau hat eine Behinderung. Ihre Beine und ihre Arme sind nicht richtig gewachsen als sie ein Kind war."

Das wäre mich Sicherheit pädagogisch noch verbesserungswürdig, aber ich schreibe ja auch ein Tagebuch und keinen Elternberatungsblog. Was ich sagen möchte: Hätte das Kind gesagt: "Mama, die Frau hat Oma Elfriede die Tasche geklaut!", dann hätte Mama doch auch gesagt: "Nein, Schackeliene, die Tasche sieht nur genau so aus wie die von Oma. Es gibt mehrere solche Taschen. Der Oma gehört eine und der Frau gehört auch eine. Die Oma hat ihre Tasche noch."

Warum macht man das bei behinderten Menschen nicht? Man ist überfordert, weil Behinderungen noch immer etwas fernes, mysthisches, verhextes, verdrängtes, unberechenbares sind. Man kann mit Sicherheit nicht erwarten, dass sich jeder Mensch eingehend mit dem Thema "Behinderungen" befasst, aber ich möchte einfach erwarten können, dass meine Anwesenheit keine Sprach- und Ratlosigkeit auslöst! (Und wehe, jetzt kommentiert jemand, dass es ja auch meine "Kollegin" war, die als Hexe bezeichnet wurde!)

Oder einfach unbeherrschte Reaktionen. Gerade heute telefonierte ich mit unserer Schwimmtrainerin. Ich schwimme im Moment noch nicht wieder, ich könnte es sicherlich tun, nur möchte ich nichts riskieren. Das, was dieses verdorbene Lebensmittel da alles durcheinander geworfen hat, muss erstmal stabil wieder in Ordnung sein, bevor ich leicht bekleidet in einen großen Wasserbassin klettere, den ich mir mit vielen anderen Menschen teile.

Kurzum: Eine junge Frau, eine andere Teilnehmerin, 19 Jahre alt, ist in ihrem Rollstuhl nicht so schnell. Einen Arm kann sie wegen einer Spastik so gut wie gar nicht einsetzen, den anderen auch nur begrenzt, so dass sie nur mühsam vorwärts kommt. Sie träumt aber auch ganz gerne vor sich hin. Ein Trainer löst dieses Träumen immer recht charmant auf, wie ich finde, nämlich mit: "Überall, wo kein Schnee liegt, darf schneller gefahren werden."

Heute jedenfalls trottete ein anderer Badegast, weiblich, hinter dieser Frau hinterher und sagte: "Kannst du mal zur Seite fahren, ich habe nur für 90 Minuten bezahlt?" - Und als das binnen 2 Sekunden keinen Erfolg hatte, schnappte die Frau sich die Griffe des Rollstuhls und schob die Rollstuhlfahrerin zur Seite. Und zwar kackfrech links ab in einen Gang zu den Umkleidekabinen, obwohl sie eigentlich geradeaus zu den Rolli-Umkleiden wollte. So wie man am Samstag morgen einen Einkaufswagen in einen Seitengang schiebt, den irgendein Dussel mittig im Hauptgang, mitten im Weg, abgestellt und vergessen hatte. "Und das ohne vorher zu blinken", fügte die Trainerin in der Erzählung am Telefon sarkastich hinzu.

Unsere Trainerin bekam das nur aus der Ferne mit, nahm aber ihre Beine in die Hand und die Verfolgung auf und stellte die Frau noch auf dem Gang zur Rede. Sie antwortete, dass sie nichts gegen Behinderte habe, sie habe selbst einen kranken Bruder. Dennoch sei diese Frau mindestens doppelt so behindert wie ihr Bruder und man könne doch nun sicherlich auch keine unbegrenzte Rücksichtnahme erwarten.

Tja, dazu, so erzählte sie mir am Telefon, fiel ihr nichts weiter ein als: "Willste paar auffe Fresse?" - Und das wollte sie wiederum nicht zu laut sagen, schließlich habe man doch so viel Anstand, sich nicht an fremdem Niveau zu orientieren (die Betonung liege auf "fremd").

Montag, 22. Oktober 2012

Hexen und Vibratoren

Kurz vor meinem letzten Aufenthalt in der Klinik saß ich mit einer anderen Rollstuhlfahrerin zusammen in einem öffentlichen Linienbus, genauer gesagt in der Linie 232. Die Frau, geschätzt etwas älter als ich, saß in einem elektrisch angetriebenen Rollstuhl. Auch wenn ich nicht automatisch jede Rollstuhlfahrerin und jeden Rollstuhlfahrer, der in öffentlichen Verkehrsmitteln neben mir steht, anspreche, und auch selbst keinen gesteigerten Wert darauf lege, dass sie oder er mich anspricht, kamen wir ins Gespräch. Ich erfuhr eher beiläufig von ihrer Erkrankung, einer spinalen Muskelatrophie.

Es war davon auszugehen, dass diese Frau niemals laufen, vielleicht sogar niemals alleine sitzen lernen konnte. Entsprechend unproportional war ihr Körperbau. Ein im Verhältnis riesiger Kopf zu einem schmalen, kurzen Rumpf und eher kurzen Armen und Beinen ist natürlich der Tatsache geschuldet, dass Knochen kaum wachsen, wenn sie nicht bewegt (und durch die gegensätzlichen Muskeln in die Länge gezogen) werden, salopp ausgedrückt.

Mir fiel ein Mädchen auf, vielleicht 5 oder 6 Jahre alt, das uns gegenüber an der Tür des Busses lehnte und uns anstarrte, wenngleich es um größtmögliche Unauffälligkeit bemüht war. Kurz darauf kam die Mutter dazu, nahm das Mädchen an die Hand - der Bus war kurz vor jener Haltestelle, an der die beiden aussteigen mussten. Das Mädchen sagte zu ihrer Mutter: "Mama, ich habe Angst vor der Frau mit der blauen Jacke. Das ist bestimmt eine Hexe."

Die Mutter war sichtlich bemüht, zu hoffen, dass das niemand gehört hatte. Man merkte, wie sie angestrengt versuchte, die letzten zehn Sekunden bis zum Aussteigen möglichst schnell vergehen zu lassen, und vermutlich haben sie für diese Frau, die unsere Blicke in ihrem Rücken gespürt haben musste, endlos gedauert. Okay, die Mutter kann nur begrenzt etwas dafür, wenn das Kind so etwas äußert, und ich bin mir sicher, das wurde hinterher aufgearbeitet. Ich hoffe nur, mit einer Erklärung und nicht mit einem Verbot.

Insofern bin ich sehr froh, nicht von Geburt an im Rollstuhl zu sitzen. Dadurch konnte ich zwar mal laufen und muss, nach ihrem Wegfall, diese Fähigkeit entsprechend auch stärker vermissen als all jene Rollifahrer, die das nie konnten - gleichwohl sorgte diese Fähigkeit aber bei mir für halbwegs unauffällige Körperproportionen und setzt mich nicht der Gefahr aus, dass kleine Kinder mich als Hexe sehen.

Ich finde es krass. Ich habe das zum ersten Mal so heftig selbst miterlebt. Dass Leute starren oder beschämt weggucken, ist nichts neues. Obwohl ich es nicht verstehen kann: Selbst vor meinem Unfall hätte ich vielleicht interessiert geguckt, ich hätte vielleicht nicht verstanden, warum die Körperproportionen anders sind, warum jemand verwaschen redet, sabbert oder laut schreit. Aber ich hätte das als Individualität eines Menschens zur Kenntnis genommen. Mit Sicherheit nicht so bezeichnet, aber so wahrgenommen. Berührungsängste ja, bestimmt, in Form einer ausgeprägten Distanz, wie ich sie auch zu anderen, nicht behinderten Menschen hatte. Aber Furcht und Schrecken?

Vielleicht hatte ich inzwischen "zu viel" mit Menschen zu tun, die eine Behinderung haben. Vielleicht erlaubt mir mein gelebter offener Umgang mit meiner Behinderung aber auch, inzwischen über viele Ängste und Vorurteile meiner Umwelt hinweg zu sehen. Vielleicht habe ich durch diesen Blog viele dieser Ängste und Vorurteile kennen gelernt, vielleicht hat ein zunehmend offenerer Umgang unter Menschen mit und ohne Behinderungen inzwischen die eine Angst oder das andere Vorurteil abgebaut.

Und doch hat mich ein Fernsehbeitrag im ZDF zum Thema Sexualität und Behinderung vor kurzem wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Drei junge Frauen, ebenfalls mit spinaler Muskelatrophie, erzählten, dass ihr (behinderter) Körper oft erstmal als ein zu therapierender Körper wahrgenommen wird, der eine medizinische Herausforderung darstellt; aber nicht mit Lust oder Sinnlichkeit in Verbindung gebracht wird.

Im ersten Moment dachte ich: Toll. Ein aufklärender Beitrag, der mal das eine oder andere Tabu beleuchtet und somit für ein bißchen mehr Nähe sorgt. Aber dann kam die Ernüchterung, als die Sprecherin erzählte: "Heute steht für die drei ein besonderer Ausflug an, zum Frauen-Sexshop in Köln." - Und damit war bei mir alles vorbei. Warum ist das bitte ein besonderer Ausflug? Alleine das Wort "Ausflug" impliziert in diesem Zusammenhang ja schon eine Befreiung aus einem Käfig. Und die ist dann auch noch außergewöhnlich, besonders. Scheiße. Also doch keine Normalität. Sondern etwas verkrampftes.

Klar, ein Besuch im Sexshop bricht ein mehr oder weniger großes Tabu. Egal, ob man als Rollstuhlfahrerin oder Fußgängerin dort auftaucht. Und ich hoffe, lediglich darauf bezog sich dieser Satz. Denn das Tabu darf es gerne auch dann noch geben, wenn alle geschnallt haben, dass eine Behinderung keinen Einfluss darauf nimmt, ob jemand einen Vibrator haben möchte oder nicht.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Fahrtkosten und Rückwärtsgang

Meine Triathlonsaison ist für dieses Jahr beendet, vielleicht kommt noch irgendwas spontanes im Schwimmen oder eine Ergometer-Party, aber richtige Wettkämpfe - eher nicht. Also hatte ich am Samstag einem "Funktionär" (mir fällt gerade kein anderes Wort für jemanden ein, der sich im Ehrenamt um seine Freizeit bringen lässt, damit es allen Mitgliedern gut geht) aus unserem Sportverein geschrieben, dass ich gerne meine Fahrtkosten einreichen möchte. Man muss dazu wissen, dass das Land Vereine dabei unterstützt, wenn sie ihren Sportlern im Amateurbereich die Aufwendungen, die sie im Wettkampfbetrieb haben, bezuschussen.

Nicht, dass ich auf finanzielle Hilfe angewiesen bin, aber ich fände es falsch, diese Mittel ungenutzt liegen zu lassen. Dann sind sie nämlich im nächsten oder übernächsten Jahr, wenn sie vielleicht dringend gebraucht werden, gestrichen. Also bitte ich meinen Verein um einen Fahrtkostenzuschuss. Zwei Drittel davon zahlt der Verein aus eigenen Einnahmen, bis zu einem Drittel davon zahlt das Land. Anschließend spende ich die Gesamtsumme wieder an den Verein, zuzüglich eines fiktiven Wertes, den ich voraussichtlich an Steuern spare, wenn ich spende (meistens so fünfzehn bis zwanzig Prozent).

Ich bin in diesem Jahr knapp über 2.500 km gefahren, etliche Strecken mit mehreren weiteren Sportlern. Bei einem Kilometersatz von 20 Cent sind das rund 500 €, von denen das Land 162 € zahlt, der Verein zahlt 338 €. Anschließend spende ich 650 €, weil ich davon ausgehe, dass ich durch eine Spende von 650 € rund 100 € Steuern sparen kann - der Rest geht zu meinen Lasten, ich will ja schließlich nicht profitieren. Somit hat der Verein durch meine Abrechnung (162 + 150 =) 312 € eingenommen, die er für sinnvolle Projekte verwenden kann, zum Beispiel für die Unterstützung von (in diesem Fall konkret drei) körperlich sehr eingeschränkten Menschen aus einer Pflegeeinrichtung, die unbedingt auf ein Vereinsturnier mitfahren wollen, das nötige Kleingeld dafür aber nicht haben.

Ich bin normalerweise nicht für Schmu zu haben, aber wenn ich höre, dass für diese Menschen kein öffentliches Geld da ist (oder nur einmal pro Jahr), während meine Fahrten aus öffentlichen Mitteln unterstützt werden könnten, dann nehme ich doch dieses Geld an und schenke es denen, die es brauchen. Ich würde normalerweise nie darüber schreiben, aber nachdem sich gerade in der letzten Woche einige Vereinskollegen (nein, nicht vom Triathlon) darüber aufgeregt haben, dass ich Fahrtkosten abrechne, muss ich mal dagegen halten. Die jeweils zugehörigen Spenden in den letzten Jahren haben diese Kollegen -wie könnte es anders sein- großzügigerweise übersehen.

Wie dem auch sei, den einen oder anderen Stinker gibt es ja überall. Ich traf mich also heute nach einer Sportveranstaltung mit dem erwähnten "Funktionär", übergab die Abrechnung, machte vom dortigen Rechner die Online-Überweisung für die Spende klar, bekam die Spendenquittung und quatschte gerade sehr angeregt mit dem Typen (er ist 20 Jahre älter als ich, nicht mein Typ, aber ich liebe es, ihm den Kopf zu verdrehen und mit ihm zu schäkern), als draußen vor der Tür eine Pöbelei los ging.

Ein Rollstuhlfahrer, ein alter Mann, vermutlich über 70, vermutlich nach einem Schlaganfall, bewegte sich mühsam auf dem Gehweg entlang. Mit unserem Verein hatte er nichts zu tun, vermutlich war er bei einer nahe gelegenen Tankstelle und hat sich eine Zeitung geholt - oder sonstwas. Durch das Bürofenster konnte man ihn beobachten und auch hören. Er war halbseitig gelähmt und fuhr rückwärts. Hatte also sein rechtes Bein auf dem Fußbrett, während er mit dem linken sich rückwärts im Rollstuhl sitzend vom Boden abstieß und mit seiner linken Hand durch Bremsen am Greifreifen steuerte. Von Zeit zu Zeit wird er sich umgedreht haben, vielleicht hat er auch spekuliert, dass alle ihn sehen und ausweichen. Ich weiß es nicht; jedenfalls pöbelte eine Radfahrerin, geschätzt Mitte 40, derbst herum, ob er nicht merken würde, dass er rückwärts fährt.

Ich dachte, ich höre nicht richtig. Der alte Mann konnte kaum reden und verteidigte sich mühsam. Ich bekam zunehmend den Eindruck, der Frau ging es nur um Krawall. Sie war von seiner Rückwärtsfahrerei überhaupt nicht betroffen, sie hätte mit dem Fahrrad nicht nur um ihn herumlenken können, sondern die Wege haben sich noch nicht einmal gekreuzt oder gar geschnitten, da er auf dem Gehweg und sie auf dem Radweg fuhr. Am liebsten wäre ich aus dem Büro rausgefahren und hätte ihr ein paar gescheuert, so angepisst war ich von dieser blöden Kuh. Aber natürlich löst man Konflikte nicht mit Gewalt und mein "Funktionär" stand auch noch vor mir und versperrte mir damit den Weg nach draußen.

Allerdings nicht mehr lange, dann öffnete er die Tür und stellte sich, Arme in die Seiten gestemmt, vor das Büro. Er hat kein einziges Wort gesagt, nur geguckt. Das schien gereicht zu haben, um die Frau unsicher werden zu lassen. Sie blubberte noch irgendwas vor sich hin und fuhr mit einem "glotz nicht so" davon. Das möchte ich eines Tages auch mal können: Mich irgendwo hinstellen, ein autoritäres Gesicht machen - und alle benehmen sich. Ob ich jemals dorthin komme?