Mittwoch, 18. Januar 2012

Expertenmeinung

Im August hatte ich es am Rande in meinem Beitrag "Behinderte Schweine" erwähnt: Vier Leute aus meinem Sportverein sind in ein barrierefreies Wohnhaus nach Bergedorf gezogen. Im Gegensatz zu unserem Wohnprojekt, zu dem auch das Angebot von Pflege und Assistenz gehört, handelt es sich dort um ein Mehrgenerationenhaus mit Einzelangeboten für ältere Menschen (Kartenspielen, Hausnotruf). Es sind dort auch keine Wohngruppen, sondern einzelne Wohnungen. Allerdings: Gemeinschaftsräume gibt es dort auch. Vielleicht hatte man etwas nettes im Sinn, als man das Haus baute, vielleicht wollte man auch nur eine Marktlücke schließen. Ich weiß es nicht.

Jedenfalls gibt es dort seit dem Einzug vor einem halben Jahr durchweg Ärger, weil Brandschutzauflagen nicht beachtet sein sollen, ein Brandschaden am Gebäude (bei dem Feuer wären fast einige Leute draufgegangen) seit einem halben Jahr nicht behoben wurde, diverse Baumängel noch offen sind ... ob so etwas passieren kann und sollte, lasse ich mal dahingestellt. Ich finde nicht. Was mich aber mal wieder maßlos aufregt und was mich vermuten lässt, es ging eher um die Marktlücke als um ein ernsthaftes Projekt, ist ein Artikel in der örtlichen Presse, auf den ich heute über einen Link aufmerksam wurde. In dem Artikel steht mit Bezug auf eine Prüfung durch die Behörden wörtlich: "Weshalb dem Experten nicht auffiel, dass sich Rollstuhlfahrer in dem angeblich barrierefreien Bau nicht bewegen können, da es im gesamten Gebäude nur eine automatisch öffnende Tür gibt, konnte [die Sprecherin] nicht beantworten."

Unglaublich. Und nun? Ganz einfach: "Wegen der Genehmigung des Gebäudes im sogenannten vereinfachten Prüfverfahren habe man nur begrenzte Handlungsmöglichkeiten. Der Vermieter sei verantwortlich." - Und: "Aufseiten der Vermieter ist man sich indessen keiner Schuld bewusst: [Das] Architekturbüro und die bauausführende Firma haben nach den geltenden baurechtlichen Bestimmungen gebaut."

Das alles gewinnt deshalb an Brisanz, weil sich die ganzen Rollstuhlfahrer auf den Experten verlassen mussten. Grund: Es war nicht möglich, das Gebäude vor Unterzeichnung des Mietvertrages zu besichtigen. In Hamburg herrscht eine solche Knappheit bei barrierefreiem Wohnraum, dass alle Wohnungen schon Monate vor Fertigstellung komplett vermietet waren. Wer wieder ausziehen will, muss mit einer Wartezeit von mehreren Jahren rechnen. Der reinste Wahnsinn.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Ohne Link auf den Artikel behaupte ich, du hast dir das ausgedacht. Oder glaubst Du, die Behinderten nehmen drei mal pro Tag jemanden mit, der ihnen die Haustür aufhält?

Zuya hat gesagt…

http://www.bergedorfer-zeitung.de/bergedorf/article134195/Der_Pfuschbau_an_der_Holtenklinker_Strasse.html ^^

Anonym hat gesagt…

Also, jahrelang auf Auszug warten muß da garantiert keiner, höchstens wissen die Bewohner nicht, wohin sie stattdessen ziehen sollen.

Anonym hat gesagt…

Naja. Wenn der soziale Wohnungsbau in Hamburg zum Erliegen gekommen ist, ist das unschön. Wenn es wirklich keine Wohnungen zum billigen Preis gibt, muss das Sozialamt für die Leute halt die höhere Miete zahlen. Die meisten Behinderten bekommen ja sowieso schon Sozialhilfe, weil sie die wegen der nötigen Größe teurere Wohnung nicht aus eigenen Mitteln finanziert bekommen. Ob das Amt da nun 200 € mehr zahlt...

Mike hat gesagt…

@Anonym 21:08
Das Problem beim behindertengerechten bauen ist nicht primär der Preis, sondern die schlichte Verfügbarkeit entsprechenden Wohnraumes! Wo nix ist kann man nix mieten!

Mike

Yvi hat gesagt…

In Hamburg herrscht allgemein Wohnungsmangel. Grundstücke sind unbezahlbar geworden. Sozialer Wohnungsbau scheint auch politisch nicht ins Konzept zu passen. Die günstigen Stadtteile wie die Schanze etc. werden zu Kultgegenden und damit teuer.

Sozialbau lohnt also nicht. Barrierefrei noch viel weniger. Die geringen Fördersummen und KFW Kredite reichen da nicht aus. Barrierefrei bauen kostet Geld und vor allem kostet es Platz und Platz ist einfach nicht da und nicht bezahlbar.

Zudem hat Hamburg noch viel Altbausubstanz (sehr schöne) die zu recht geschützt ist und nicht mal schnell barrierefrei werden kann.

Es bleibt also nur der Bau von Großwohnanlagen in Randgebieten oder sozialen Brennpunkten. (Mal etwas übertrieben). Da würde ich mit einer Behinderung nicht unbedingt wohnen wollen.

Natürlich ließe sich das durch höhere Mieten verbessern. Aber nur langfristig und drastisch. Es müsste sich eben für die Investoren erstmal überhaupt lohnen solche Projekte zu starten.

Dazu kommen die 300 Millionen Vorschriften für barrierefreies Bauen. Sanieren geht im Grunde fast gar nicht. Viele Dinge, die für die Bewohner kein Problem wären, entsprechen aber nicht den Vorgaben somit gibt's keine Zuschüsse.

Alles nicht so einfach. Mal schnell umziehen ist da nicht drin.