Sonntag, 29. Januar 2012

Ziemlich beste Freunde

"Am liebsten den um 20.20 Uhr." - "Nein, der ist ausverkauft. Für 23.10 Uhr hätten wir noch Karten." - "Okay, dann gehen wir vorher noch was essen. Wir sind 16 Rollstuhlfahrer und eine Begleitperson, also 17 Leute insgesamt. Gibt es da schon Gruppenrabatt?" - "17 Rollstuhlfahrer? Unmöglich. Wir haben nur zwei Rollstuhlplätze." - "Wie jetzt? Kommen Sie schon, wir wollen den sehen. Wir setzen uns auf die normalen Sitzplätze um." - "Sie brauchen doch die Rollstühle im Evakuierungsfall." - "Wir krabbeln raus, wenn es brennt."

Eine Kollegin blickt ihr von hinten über die Schulter. "Das ist Saal 1, der hat acht Rollstuhlplätze. Das sind aber trotzdem nicht genug. Wieviele sind Sie?" - "16 Rollis, ein Fußgänger. Und wir wollen alle zusammen sitzen." - "Puh. Aber Sie können sich alle umsetzen, ja?" - "Klar. Wir haben ja auch eine Fußgängerin, die kann uns helfen." - "Dann buche doch die beiden Reihen vor den Rolliplätzen komplett für die Gruppe und dann müssen die Rollstühle so an die Seiten geschoben werden, dass die Notausgänge frei bleiben. Das passt schon, die sind ja alle schmal und klein."

"Dann reserviere ich Ihnen jetzt diese Reihen hier", sie zeigte auf ihren Bildschirm, "komplett für Sie alleine und bekomme 128 €. Zahlen Sie bar oder mit Karte?" - "Mit Karte." - Der Drucker spuckte 17 Eintrittskarten aus. Bingo.

Um 20.30 Uhr trafen wir uns mit allen Leuten, mit dabei auch Simone, Yvonne, Cathleen, Sofie, Nadine, Kristina, Merle, Sarah und Jana, bei einem Italiener im Stadtteil St. Georg. Maria war auch dabei und ließ sich von Nadine schieben - das nächste, was Maria braucht, ist ein elektrischer Rollstuhl, damit sie unabhängig mobil ist. Sobald die andere Arie mit dem Zimmer geklärt ist, nehmen wir das in Angriff.

Sofie und ich fragten, ob er Platz für 16 Rollstuhlfahrer hätte, was er aber sofort verneinte. Also fuhren wir weiter zu einem leckeren Hamburger Burgerladen, wo sofort jemand die Stühle von vier Tischen wegräumte und meinte, wir sollten uns einfach schon an die Tische setzen und von dort bestellen, obwohl es eigentlich ein SB-Restaurant ist. "Ich bringe Ihnen das an den Tisch."

Maria saß zwischen mir und Sofie und wurde von uns abwechselnd gefüttert, das klappte problemlos. Ihre Cola trank sie mit einem Stohhalm. Maria war die Attraktion unter den anderen Gästen: 16 Rollstuhlfahrer auf einem Haufen ist ja sowieso schon ein seltener Anblick, aber dann wird eine auch noch gefüttert... Ein Mann starrte uns bestimmt 10 Sekunden lang mit offenem Mund an. Irgendwann hielt ihm Sofie auf eine Entfernung von geschätzten acht Metern eine Gabel mit drei aufgespießten Pommes am ausgestreckten Arm entgegen und sagte: "Wollen Sie auch was?" - In dem Moment drehte er sich um und merkte, dass die Kassiererin schon seit einer halben Minute auf ihn wartete und ihn bereits mehrmals angesprochen hatte, was er denn wünschte, denn er wäre dran.

Vor dem Kino wird gebaut, ein Wirrwarr aus Baustellenzäunen und Absperrungen galt es zu umfahren, natürlich war überall Kopfsteinpflaster oder nicht geräumter Schnee. Um 22.30 Uhr kamen wir aber dennoch im Kino an. Einige wollten sich beim Popcorn anstellen, andere mussten noch auf die Toilette. Unter anderem Maria, und das war ohne Pflegerin gar nicht so einfach. Nadine konnte sie wegen ihrer eigenen Behinderung nicht hochheben. Also hatten die beiden, die am stabilsten im Stuhl sitzen, das Los gezogen: Sofie und ich. Wie es am Ende funktionierte, führe ich lieber nicht weiter aus. Ich sag nur so viel: Es hat funktioniert und zum Glück hat es keiner gesehen.

Der Film, "ziemlich beste Freunde", war genial. Ich habe lange nicht so einen tollen Film gesehen. Zeitweise ist er sehr rührend, zeitweise bedient er diejenigen Klischees, über die man als Rollifahrer bestens lachen kann, überwiegend ist er aber so lustig, dass man minutenlang aus dem Lachen nicht mehr rauskommt. Wir haben fast unter den Stühlen gelegen. Einfach irre und unbedingt sehenswert. Wir hatten Tränen in den Augen und wussten am Ende nicht mehr, ob sie vom Lachen oder vom Weinen kamen. Keine Action, keine Schrecksekunden, nicht unter der Gürtellinie ... absolut nach meinem Geschmack.

Alle 17 fanden den Film toll. Und nicht nur wir: Der Saal war bis auf den letzten der 961 Plätze ausverkauft. Am Ende klatschten alle - und es war keine Premiere.

Der krönende Abschluss kam von Maria: "Bei unserer Klo-Aktion dachte ich schon, ekliger kann der Abend nicht mehr werden. Und dann kam die Szene in dem Film, wo es darum ging, wer dem Hauptdarsteller den Enddarm leert." - Wie war das mit der digitalen Ausräumung? Hier wird die Wurst noch mit der Hand gemacht! In diesem Sinne: Guten Appetit!

Kommentare :

Annike hat gesagt…

Ich war auch drin, der Film ist wirklich der Hammer :)
Liebe Grüße
Annike

Alice hat gesagt…

Wir gehen am Freitag rein :)

Cool, dass das Kino so flexibel war. Ich muss aber ehrlich sagen, dass es reichlich "mutig" war mit der großen Gruppe ohne Reservierung und vorherige Ankündigung im Kino/Restaurant aufzulaufen. Wir haben ja, Gott sei es gedankt, keine Rollstühle, und trotzdem, wir reservieren immer um Umständlichkeiten aus dem Weg zu gehen ;) Die erlebt man mit den ganzen Rollstühlen ja noch eher. Aber ich bin immer froh bei dir auch mal von netten Menschen zu lesen, die euch das Leben erleichtern und nicht erschweren.

Liebe Grüße

jesse hat gesagt…

Hei: Nicht Spoilern!

Ich versteh das nicht das Restaurants abwinken wenn da 17 Leute ankommen. Ich mein... evtl ist es etwas stressig kurz mal die Stühle wegzuräumen. Aber wollen die alle kein Geld?

Salike hat gesagt…

Ich würde einfach mal sagen, wenn man unangemeldet an einem Samstagabend bei einem Restaurant auftaucht, muss man damit rechnen, dass alle Plätze belegt sind. Vor allem, wenn man nicht einen Tisch für 2, sondern einen Tisch für 16 Leute haben will.

Die Frage ist, ob Jule & Co. damit gerechnet haben. Das schreibt sie nicht.

Jule schreibt auch nicht, dass sie vom Kino abgewiesen wurden, wenn ich das richtig interpretiere. Sondern, dass eine Person vorher Karten gekauft hat und man sich dann um 20.30 Uhr am Restaurant getroffen hat, um vorher noch "etwas essen zu gehen". Das schien okay zu sein, als es hieß, der Film um 20.20 Uhr sei ausverkauft. Und wenn man sich erst beim Italiener trifft, spricht das auch dafür, dass vorher nicht alle im Kino waren, sondern nur einer oder zwei.

Was mich jetzt aber noch interessieren würde, und da sind solche Andeutungen schon doof, ist, was für eine Sauerei in der Toilette passiert ist. Habt ihr da auf den Fußboden gepinkelt oder was? Das fände ich dann nämlich eine Frechheit von Euch. Ihr bekommt so viel Geld, um Maria zu pflegen, nehmt aber ins Kino niemanden mit, sondern verschmutzt lieber den Raum, den andere auch noch nutzen wollen. Wenn ihr es nicht schafft, sie auf Klo zu setzen, dann muss entweder jemand dazu geholt werden oder sie muss zu Hause bleiben! Es ist doch ein Unding, wenn ihr die Kosten, die Euch zur Verfügung gestellt werden, damit minimiert, dass ihr die Putzfrau bemüht, die von dem Kinobetreiber / der Allgemeinheit über die Eintrittspreise bezahlt wird, obwohl die Allgemeinheit schon über die Sozialhilfe für Euch bezahlt. Denkt mal drüber nach!!!

Nachtnebel hat gesagt…

Ich glaube, den Film möchte ich auch sehen.

@ Salike:
Um Himmels Willen! Wo bitte hat Jule angedeutet, sie hätten das Klo versaut?
Es war umständlich, als zwei Rollifahrer maria aufs Klo zu setzen, siche,r und vielleicht auch nicht appetitlich, weil ich davon ausgehen, dass maria sich nicht selbst den Hintern abputzen kann, aber warum muss das bedeuten, dass die Bescherung auf dem Boden gelandet sein soll?

Anonym hat gesagt…

@Salike, wolltest du nun einfach nur irgendwas schlechtes in den Text hinein interpretieren, oder glaubst du das wirklich, was du da schreibst?

Jule hat nur geschrieben, dass es schwer war, Maria auf Toilette zu bringen. Ebenfalls hat sie geschrieben, dass das erste Restaurant keinen Platz für 17 hatte. Das kann auch einfach an der Größe des Restaurants liegen (oder wo sollen die 17 Stühle hin?). Sie haben doch noch eins gefunden und wurden sehr nett bedient. Also warum (schon wieder) so einen provokanten Motzkommentar?

Salike hat gesagt…

"Wie es am Ende funktionierte, führe ich lieber nicht weiter aus. Ich sag nur so viel: Es hat funktioniert und zum Glück hat es keiner gesehen."

"Bei unserer Klo-Aktion dachte ich schon, ekliger kann der Abend nicht mehr werden."

- Sie haben etwas ungewöhnliches getan und einen unüblichen Weg gewählt.

- Sie kann nicht öffentlich darüber reden, obwohl sie sonst alles schreibt.

- Es durfte niemand sehen.

- Es war verdammt eklig.

Fazit: Auf den Boden zu pinkeln scheint das zu sein, was ich mir noch am ehesten vorstellen kann, wenn man jemanden nicht auf das Becken gehievt bekommt. Und was man noch als ehesten Kompromiss eingeht. Ansonsten hätte sie doch schreiben können, dass sie den Arsch abputzen mussten. Das wird Maria, die das täglich hat, wohl nicht besonders eklig finden.

Vielleicht / Hoffentlich kann Jule das ja auch einfach relativieren.

Steffen hat gesagt…

Vielleicht hat Maria auch einfach auf den Fußboden gepinkelt und die anderen beiden haben es aufgewischt? Oder in eine Flasche? Oder auf eine Windel, die sie hinterher weggeworfen haben? Vielleicht haben sie sie auch auf das Waschbecken oder auf den Mülleimer gesetzt oder den Mülleimer vor ihren Rolli gezogen und sie von dort aus pinkeln lassen. Oder in einen Bodenabfluss - und haben mit Wasser nachgespült. Es gibt doch noch mehr Möglichkeiten.

Und selbst wenn das die einzige Möglichkeit war: Wenn ich lese, wie eingeschränkt Maria und im gewissen Maße auch die anderen sind, und die Maria darf zum ersten Mal seit Jahren selbständig wieder ins Kino ... gib mir einen Lappen, ich putz es weg. Es ist (noch) eine einmalige Sache, beim nächsten Mal werden sie sich wohl etwas anderes überlegen.

Anonym hat gesagt…

Und selbst wenn der Boden es abbekommen hat... ich glaube kaum, das sie es so zurück gelassen haben....

b hat gesagt…

Vielleicht ist das auch alles total irrelevant was ihr redet ? :>
Ihr wisst nur das was Jule schreibt, nicht mehr und nicht einen "Scheissdreck" weniger. Ihr wart nicht dabei und ihr könnt euch, mit allergrößter Warscheinlichkeit, nichtmal in irgendeiner Form die Situation vorstellen. Eine eigene Meinung zu vertreten ist was gutes, aber dann spart euch auch einfach die haltlosen Behauptungen.

Anonym hat gesagt…

Ich kann mich den Ausführungen von Salike nicht so ganz verschließen, muss aber sagen, mir ist es völlig egal, was die da machen. Ich halte Jule für so erwachsen, dass die so eine Sauerei auf jeden Fall wieder beseitigt hätten.

Jule hat gesagt…

Den Film kann ich nur wärmstens empfehlen. Er ist echt gut. Ich werde mir den sicherlich noch ein zweites Mal ansehen. Im Kino. Und die DVD möchte ich sowieso haben...

Wir wussten, dass wir nicht reserviert hatten und daher war es nichts mehr als ein Versuch, spontan irgendetwas zu finden. Irgendwas klappt schon, und wenn wir uns im Bahnhof irgendwo in die Fressmeile setzen. Wollen wir wirklich richtig essen gehen (und nicht nur den Hunger stillen und einen Moment quatschen), reservieren wir auch.

Und was die Diskussion um den Fußboden angeht und um die Gelder, die aus öffentlichen Kassen fließen: Im Moment fließen weder Gelder noch andere Sachen, schon gar nicht auf Fußböden. Es gab einen Papierkorb, in dem eine Mülltüte hing - und der Rest der Tüten lag als Rolle unten im Korb. Also haben wir einen Müllbeutel abgerissen und Maria geholfen, auf dem Rolli sitzend in die Mülltüte zu pinkeln, diese anschließend über dem Klo ausgeleert und entsorgt. Dazu mussten wir sie untenrum komplett ausziehen und im Intimbereich anfassen und sie auf der Kante sitzend festhalten ... okay?!

b hat gesagt…

Und genau die Rechtfertigung wäre eigentlich nicht nötig gewesen.

b hat gesagt…

Mal eine andere Frage, ich glaub du hattest es schonmal geschrieben, aber ich finds nicht mehr. Wie heißt nochmal die genaue Krankheitsbezeichnung von Maria ? Am besten könnte ich den Fachausdruck verwerten.

Michi hat gesagt…

Der Film ist absolut toll :)
Genauso wie dein Blog :)

lg

wheelman hat gesagt…

hi, mein filmtipp für dich ist SOULSURFER
fetter rocknRollgruss

Anonym hat gesagt…

Ich finde auch, dass du dich nicht hättest rechtfertigen müssen (sollen?). Es kann doch nicht sein, dass man einem so etwas an den Kopf haut. Ich gehe ja auch nicht davon aus, das jemand in die Ecke kackt, wenn er mir erzählt, er hätte kein Klo gefunden.....

Jule hat gesagt…

Ich finde auch, dass ich mich nicht rechtfertigen muss. Aber ich habe es trotzdem getan, denn ich möchte nicht im Raum stehen lassen, dass wir Toiletten beschmutzen, und der eine oder andere hätte mein Schweigen dazu vielleicht doch so ausgelegt. :)

@Michi: Danke!
@wheelman: Den will ich auf jeden Fall auch noch sehen.
@b: Das habe ich noch nirgendwo geschrieben, was meinst du mit "verwerten"? Was hast du vor?

b hat gesagt…

Mich informieren, bevor ich anfange Mist zu labern. Ich lese mir in Moment ne Menge über geistige und körperliche Gesundheit durch und versuche Zusammenhänge zu finden. Ernährung, Sonne, Sport blablabla. Bei einer Querschnittslähmung brauch ich mir nichts durchlesen, weil es meisst durch mutwillige Fremdeinwirkung passiert. Ich habe ehrlich gesagt absichtlich "verwerten" geschrieben. Dachte mir schon das du da ne Menge reininterpretieren kannst :)

Jule hat gesagt…

Dann informiere dich mal über zerebellare Ataxien. :)

b hat gesagt…

Ich hab dir Mal ne E-Mail an das "nurfürspam" Postfach geschickt, es wird noch ein bisschen Umfangreicher. In den Kommi's zu chatten macht wenig Sinn. Ich hoffe dort kommt überhaupt noch was an. ^^

Jule hat gesagt…

Dort ist etwas angekommen und ich antworte mal so:
a) korrekt
b) 14.

Sally hat gesagt…

Der Blindfisch und ich gucken uns den Film heute an - bin schon gespannt. =)

Jule hat gesagt…

@Sally: Er wird dir gefallen. :)

Olli hat gesagt…

Nette Leute in dem Hamburger Burgerladen - aus eigenen sehr guten Erfahrungen nehme ich mal an, es handelt sich um das Schwesetrunternehmen des Hamburger Betriebes, der vor allem Rindfleisch und nicht als Schnitzel anbietet.