Sonntag, 26. Februar 2012

Bevormundung

"Noch deutlicher kann ich es nicht mehr formulieren", schrieb ich in einem zugegebenermaßen provozierend als "Gebrauchsanleitung für Rollstuhlfahrer" genannten Beitrag vor einigen Tagen. Nach einigen der zahlreichen Kommentare und wegen einiger unmissverständlicher Mails muss ich aber in einem Punkt noch einmal erklärend nachlegen, denn mein "Punkt 4" war nicht so deutlich, wie ich es gehofft hätte: "Wer freundlich angebotene Hilfe freundlich ablehnt, weiß, was er tut."

Ich habe absolut nichts dagegen, dass mir jemand Hilfe anbietet. Im Gegenteil, meistens finde ich es nett. Dass es manchmal nervt, wenn ich bei einer Stunde Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln dreißig Mal angesprochen werde, ist etwas, was ich wohl kompensieren muss. Und solange alles freundlich bleibt, ist es okay und dann bleibe ich auch freundlich. Eine ganz einfache Frage: "Kann ich Ihnen helfen?"

"Nein, vielen Dank", wäre meine Standardantwort. Oder: "Nein danke, ich komme zurecht."

Das war und ist nicht mein Problem. Mein Problem ist die "Bevormundung", die ich empfinde, wenn jemand ohne zu fragen einfach hilft oder sich über meine Ablehnung hinwegsetzt und mich vielleicht dabei noch in Gefahr bringt. Ich bin mir dessen bewusst, dass viele Menschen sich nicht trauen, benötigte Hilfe zu erbitten. Aber selbst wenn das bei mir so wäre, wenn ich dann die angebotene Hilfe ablehne, dann denke ich mir doch etwas dabei. Es kann nicht sein, dass mein Wort weniger zählt als die Einschätzung meiner Mitmenschen.

Genau dasselbe passiert gerade bei Maria: Sie braucht, um innerhalb ihres Zimmer einmal von einer Ecke zur anderen zu fahren, locker zwei Minuten. Sobald der Boden uneben wird oder der Wind weht oder sonstige kleinste Hindernisse in die Quere kommen, ist sie aufgeschmissen. In ihrer früheren Einrichtung hat man sich bevormundend stets dagegen gesperrt, jetzt hat Maria einen Elektrorollstuhl für draußen bei ihrer Krankenkasse beantragt.

Ein Selbstgänger, sollte man meinen. Oder anders ausgedrückt: Die Entscheidung lässt sich in wenigen Minuten nach Aktenlage treffen. Aber nein ... nach sechs Wochen Bearbeitungszeit lehnt eine große Ersatzkasse den ersten Elektrorollstuhl ihres Lebens ab. Begründung: "Nach gutachterlicher Feststellung sind Sie mit einem Aktivrollstuhl ausreichend und zweckmäßig versorgt."

Okay, da hat jemand geschlafen. Oder war im falschen Film. Das Problem sollte sich fast am Telefon beheben lassen, sollte man meinen. Irrtum. Auf telefonische Nachfrage glaubt der Sachbearbeiter dem Gutachter mehr als Maria (oder Frank, der für sie dort angerufen hat): Wenn der Gutachter das so feststellt, seien der Kasse die Hände gebunden. Vielleicht, so der Sachbearbeiter, ließen sich mit regelmäßigem Training die so wichtigen Komponenten Kraft und Ausdauer noch erhöhen.

Ähm. Ja. Ohne Worte. Das ist schon so dumm, dazu fällt mir nichts mehr ein, was man hier ungestraft schreiben dürfte. Da Frank sie als Anwalt nicht vertreten darf, will Maria nun morgen mit dem Anwalt sprechen, der sie auch in der Sache mit ihrem Wohnplatz vertritt, und versuchen, über ihn beim zuständigen Sozialgericht einstweiligen Rechtsschutz zu beantragen.

Kommentare :

b hat gesagt…

Da verlassen mich bald alle guten Geister... Das kann doch echt nichtmehr wahr sein. Ich meine es ist weiß Gott nicht das erste Mal, dass ich sowas in der Art mitbekomme. Ein großer Teil der Menschheit ist einfach nur noch von Blödheit verfolgt oder verfällt in eine absolute Form von Intoleranz. Wenn man schon nichtmehr in der Lage ist selbstständig das Offensichtliche zu sehen, kann man sich karikiert die Kugel geben. Von mir aus auch Löcher buddeln und Bäume pflanzen ums etwas humaner auszudrücken. Ich hab keine Ahnung ob ich da lachen oder weinen sollte....

Anonym hat gesagt…

Na da fällt mir nur ein, wofür ihr denn überhaupt nen Rolli braucht, mit ein bißchen Übung und Anstrengung könntet ihr doch sicher auch auf dem Hosenbodenrutschend vorankommen...
Oh man das ist doch so absurd. Drücke Maria echt die Daumen,dass sie möglichst schnell einen vernünftigen E-Rolli kriegt.

Mike hat gesagt…

Man versucht es halt mal.
Nach dem Motto, "Die hat bislang noch keinen E-Rolli gebraucht, also wird sie wohl jetzt auch keinen brauchen..."

das "Gute" daran ist ja, dass die Kasse ausdrücklich abgelehnt hat, so das jetzt juristische Schritte eingeleitet werden können. Die hätten ja noch 6 Monate lang prüfen können...
So wie die Gutachterei wegen ihrem Wohnort. Da gibt es dann irgendwann das Gutachten zum Gutachten, welches das Gutachten über die Begutachtung beurteilt. und nach zwei Jahren Hin- und Herbegutachtung passiert immer noch nichts und verklagen kann man den ganzen Saftladen auch nur schwer, weil ja "etwas getan wird".

by the way: was ist eigentlich aus dieser Überprüfungsaktion bei euch geworden (oder darfst Du darüber grade nicht bloggen *zwinker* )

LG
Mike

baka hat gesagt…

huhu..

oh man.. die arme MAria..
naja.. erstmal kann sie gegen die Ablehnung ja Widerspruch einlegen...

am besten schreibt ihr Arzt und Physiotherapeut auch was damit..
und sie soll im Widerspruch mit der Teilhabe an der Gesellschaft argumentieren..

hat der gutachter sie denn gesehen?
ich würde auf einen Termin bestehen..

ich wünsche ihr viel Erfolg...

lbg baka

Banane hat gesagt…

Wofür zahlen wir eigentlich Krankenversicherungsbeiträge, Sozialversicherungsbeiträge, usw., wenn Diejenigen, die auf entsprechende Versicherungsleistungen angewiesen sind, absolut notwendige Hilfsmittel nicht oder erst nach einem zähen Kampf bekommen?

Wenn ich höre, wie irgendwelche Ämter, Krankenversicherungen, usw. mit Maria umgehen, kann ich gar nicht so viel essen wie ich kotzen könnte.

Würdet ihr Marias Leben nicht gerade großzügigerweise aus eigener (Vereins-)Kasse finanzieren, säße sie auf der Straße und könnte sich mangels Elektrorollstuhl noch nicht mal unter eine Brücke bewegen, um wenigstens vor dem Regen geschützt zu sein. Und das vom erbettelten Geld (Mitleid sei Dank... denn sie ist ja nett, aber nutzlos) gekaufte Essen könnte sie dann mangels Hilfe nicht mal zu sich nehmen und müsste trotzdem jämmerlich verhungern, wenn nicht gerade ein übereifriger Helfer vorbei kommt, der ihr ungefragt Essen in den Mund schiebt bis sie daran erstickt... (Sorry, aber ohne Sarkasmus kann man das doch nun wirklich nicht mehr ertragen.)
Das wäre doch eigentlich ein gefundenes Fressen für irgendwelche Medien, die da noch nicht mal übertreiben müssten, um daraus eine schöne Schlagzeile zu machen. - Veielleicht würde das ja den entsprechenden Stellen mal Beine machen.

Dafür freut es mich unheimlich, dass die Sache mit Ronja klappt, wie ich im vorletzten Eintrag lesen konnte... ich wünsche ihr auf jeden Fall alles Gute mit ihrer neuen Tätigkeit!

Und bezüglich der Leute, die dich aus lauter falsch verstandener Hilfsbereitschaft in die Bahn werfen, glaube ich auch mal wieder, im falschen Film u sein.
Gibt es kein gesundes Mittelmaß mehr (nämlich einfach fragen, ob man helfen kann, wenn man es für nötig hält und helfen, wenn man gefragt wird), sondern nur noch die Extreme (wegschauen oder trotz eindeutigem Nein "helfen" und dabei Leute in den Dreck werfen)?

Fazit: Die Welt wäre so schön, wenn es die Menschen nicht gäbe.

Ich wünsche Maria (und natürlich auch euch), dass es hier endlich sinnvoll weiter geht... und ich wünsche dir, dass du schnellstmöglich wieder ein Auto bekommst und die zwangsweise autofreie Zeit möglichst gut überstehst.

Gruß
Banane

hubert hat gesagt…

facepalm. mehr fällt mir zu marias situation nicht ein. natürlich. sie braucht keinen elektrischen rollstuhl weil sie früher auch keinen brauchte.

deine "gebrauchsanleitung" bestätigt mich darin, weiter dort hilfe anzubieten wo ICH glaube dass sie nötig ist. Wenn die/der mensch sie dann doch nicht braucht, umso besser für mich (ich muss nicht helfen) und auch viel schöner für den menschen.

Sally hat gesagt…

Ein absolutes Unding. -.- Ich drück euch die Daumen für das Widerspruchsverfahren.

Johanna hat gesagt…

Oje, die unsichere Situation von Maria macht mich als Leserin ja schon ganz kirre, wie soll es da dann ihr selbst gehen? Ist doch unfassbar, wie praxisfern solche Entscheidungen über Hilfsmittel getroffen werden. *mitgrummel*

Ich drücke fest die Daumen, dass ihr da gemeinsam (was ich übrigens echt klasse finde, wie solidarisch ihr seid in der WG) einen Weg findet, die bürokratischen und engstirnigen Behörden in Bewegung zu bringen.

Olli hat gesagt…

Leider wohl Teil des normalen Wahnsinns in Deutschland :-(
Aber wieso darf Frank sie in der Angelegenheit nicht vertreten?