Donnerstag, 23. Februar 2012

Gebrauchsanleitung

Ich glaube, man kann gar nicht oft genug darüber schreiben. Nein, nicht über das Wetter (wieso sind draußen 13 Grad plus um diese Zeit?!). Über was anderes:


Gebrauchsanleitung: Rollstuhlfahrer in der Öffentlichkeit

1. Wer in der Öffentlichkeit im Rollstuhl durch die Gegend fährt, fragt, wenn er Hilfe braucht.

2. Wer Hilfe braucht, aber nicht fragen kann, macht anders auf seine Hilfsbedürftigkeit aufmerksam. Derjenige kommt in aller Regel nicht an diesem Tag zum ersten Mal in diese Lage und kann sich entsprechend vorbereiten.

3. Wer Hilfe braucht und das selbst nicht weiß, verhält sich auch ansonsten erkennbar auffällig.

4. Wer freundlich angebotene Hilfe freundlich ablehnt, weiß, was er tut.

5. Wer einen Rollstuhlfahrer ungefragt oder gar gegen seinen Willen anfasst, ist ein Idiot.


Noch deutlicher kann ich es nicht mehr formulieren. Der Grund für das gefühlte 128. Aufgreifen dieses Themas? Einerseits eine Mail aus der letzte Woche, dessen Verfasser meinte, ich sei zu unnachsichtig mit meinen Mitmenschen, die nicht wüssten, wie man mit Behinderten umgehen soll. Andererseits der heutige Tag, an dem ich mich im Dreck liegend in einer U-Bahn wiederfand. Warum?

Ich stand mit Cathleen auf dem Bahnsteig, die Bahn fuhr ein, die Türen öffneten sich, einige Leute stiegen aus. Cathleen und ich rollten zu einer Tür, warteten ab, bis alle ausgestiegen waren. Ich wollte gerade einsteigen, als ich merkte, dass irgendjemand seine Finger an meiner Rückenlehne hatte. Ich drehte meinen Kopf um, direkt hinter mir stand ein älterer Herr. "Ich helfe Dir." - "Nein danke. Lassen Sie mich bitte los."

Er dachte gar nicht dran. "Ich kenne mich aus. Meine Schwester saß auch im Rollstuhl. Du hast ja gar keine Schiebegriffe dran, das ist sehr gefährlich, man hat ja gar keinen richtigen Halt." - "Lassen Sie mich sofort los!"

Der Typ schob mich die zwei Meter vor die Tür, wollte mich umdrehen und mich wahrscheinlich rückwärts in die Bahn ziehen. Mit "lassen Sie mich sofort los" hatte ich doch wohl klar und deutlich zum Ausdruck gebracht, dass ich seine Aktion nicht wollte. Er ignorierte das, also blieben nur noch zwei weitere Eskalationsstufen. Erstens brüllen und die Greifreifen festhalten, zweitens die Greifreifen wieder loslassen und ihm eine Ohrfeige verpassen.

"Sie sollen mich loslassen, habe ich gesagt!" brüllte ich ihn an. Cathleen brüllte dazu: "Sag mal, hörst du schwer oder was?" - Durch den Lärm wurden diverse andere Fahrgäste auf uns aufmerksam. Ein junger Mann sprang von seinem Sitz auf und kam zu uns. "Hallo, hallo, lassen Sie die Frau mal los hier, ja?!" - Und dann das unglaubliche: "Mischen Sie sich da mal nicht ein, die gehört zu mir."

Ja, der Typ sagte allen Ernstes, ich gehöre zu ihm. Ich erwiderte: "Ich kenne Sie überhaupt nicht!" - "Ich helfe dir doch nur beim Einsteigen!" - "Was duzen Sie mich überhaupt?"

Der Typ ließ mich los. Über Lautsprecher kam die obligatorische Aufforderung, sich doch mal ein wenig zu beeilen: "Einsteigen bitte!" - Ich tauschte mit Cathleen einen Blick, wir waren uns ohne ein Wort einig. Wir rollten ein Stück zurück. Der Zugführer schien uns per Kamera zu beobachten. Er wiederholte: "Einsteigen bitte!" - Wir rollten noch ein Stück weiter zurück und drehten uns mit dem Gesicht zueinander. Das war deutlich genug. "In Richtung Mümmelmannsberg: Zurückbleiben bitte."

Die nächste Bahn würde in fünf Minuten kommen. Der Typ war im Wagen, die Türen schlossen sich. Die Bahn fuhr ab. Als die nächste Bahn einfuhr, starteten wir einen neuen Versuch. Cathleen fuhr vorweg, ich hinterher durch die geöffnete Tür. Das Einsteigen selbst dauert höchstens zwei Sekunden. Wäre da nicht ... der nächste, der mich anfasst. Von hinten. Und zwar in dem Moment, wo ich leicht ankippel, um die Vorderräder über den Zwischenraum zwischen Bahnsteig und Wagen zu heben. Durch das Anschieben von hinten drückt er meinen Stuhl vorne runter, der Stuhl bleibt an der Wagenkante hängen.

Normalerweise passiert da nichts. Im schlimmsten Fall geraten die kleinen Räder des Rollstuhls quer zwischen Bahnsteigkante und Waggon, dann kippt der Stuhl halt fünf bis zehn Zentimeter vorne runter, bis entweder die Fußplatte oder irgendein Teil vom Rahmen irgendwo aufschlägt. Das ist mir zwar noch nie passiert, aber wir hatten schon mehrmals so ein Mobilitätstraining, bei dem man das bewusst ausprobieren konnte, um sich selbst die Angst vor diesem Spalt zu nehmen. Es passiert eben nichts schlimmes. Man hält sich am Stuhl fest, um beim Kippen nach vorne nicht aus dem Stuhl zu fallen, dann hält man sich mit einer Hand an der Tür oder an irgendeinem Griff fest, nimmt die zweite Hand an den Greifreifen und kippelt noch einmal neu an. Dabei zieht man die Vorderräder wieder aus dem Spalt. Oder man fragt halt einen Fußgänger, ob er mal helfen kann. Oder man lässt sich auf den Boden fallen, setzt sich hin, holt den Stuhl aus dem Spalt, zieht ihn in die Bahn und setzt sich wieder rein.

Alles kein Problem, wäre da nicht der Typ, der geschoben hat, und der auf diesen plötzlichen und abrupten Stopp nicht vorbereitet war und über mich stolpert. Sich also an meinem Oberkörper abstützt, um nicht über mich hinweg zu fallen. Und dann lag ich im Dreck. Schön auf dem pitschnassen Fußboden der Bahn. Meine Füße hatten sich zwischen Fußplatte und Rollstuhlrahmen verfangen und verdreht. Cathleen hörte nur das Gepolter, drehte sich um. "Was machst du denn?!", fragte sie ungläubig.

Der Typ, der mich geschoben hatte und von hinten auf mich drauf gefallen war, rappelte sich auf und nahm seine Beine in die Hand. Und tschüss. Ein anderer kam angerannt und wollte meine Füße mit Gewalt aus dem Rollstuhl zerren. Bevor er mir noch die Knochen bricht, konnte ich ihn nur überdeutlich anblubbern: "Flossen weg. Ja? Immer mit der Ruhe. Nicht einfach irgendwo anfassen und rumzerren." Unglaublich. Ein anderer Typ zog die Notbremse. Auch das noch - der Zug wäre mit dem Stuhl in der Tür sowieso nicht losgefahren. Solange die Tür blockiert ist ... der Zug fährt ja nicht mit offener Tür. Nur jetzt musste erstmal der Zugführer kommen und die Notbremse wieder freigeben.

Inzwischen krabbelte ich wieder in meinen Stuhl. Ich sah aus wie ein Erdferkel. Der Zugführer kam, ich war schon auf eine Gardinenpredigt gefasst, der war aber nett, er hatte das Spektakel wohl auf seinem Monitor beobachtet. "Haben Sie sich verletzt?", fragte er mich. Und dann: "Hatte der Mann Sie geschubst?" - Ich nickte. "Wohl in bester Absicht, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass da plötzlich einer schiebt." - "Einen Krankenwagen brauchen Sie aber nicht, oder?" - "Um Gottes Willen." - Ein Typ fing an zu pöbeln: "Geht das jetzt bald mal weiter hier oder was?" Er drehte sich zum Fenster und blubberte vor sich hin: "Nur weil die da mit ihrem Rollstuhl nicht in die Bahn kommt, verpass ich meinen Anschlussbus."

Falsch. Nur weil Idioten mich anfassen, verpasst er seinen Anschlussbus. Aber egal. Du hast Recht und ich hab meine Ruhe. Bis ... zur Rückfahrt. Wir nahmen die S-Bahn, nicht nochmal die U-Bahn. Das hatte aber andere Gründe. Jedenfalls stiegen am Mittleren Landweg vier Kontrolleure ein. "Einmal die Fahrausweise bitte", sagte der, der bei uns eingestiegen war. Bevor ich meinen Ausweis rausholen konnte, sagte er zu Cathleen und mir: "Ihr lasst den mal stecken." - Na klar. Rollstuhlfahrer werden sowieso kostenlos befördert, es wäre quasi nur der Nachweis, dass wir wirklich Rollifahrer sind.

Beiläufig bekamen wir mit, wie der Kontrolleur einen Mann, der es sich mit seinem Fahrrad und einem Buch in einer Ecke gemütlich gemacht hatte, ansprach: "Ihre Karte ist nur gültig, wenn Sie Ihren Namen mit Kugelschreiber dort in dem Feld eingetragen haben. Holen Sie das bitte schnellstmöglich nach, okay?" - Der Mann, schätzungsweise Mitte 40, wirkte eigentlich völlig harmlos. Aber: "Hören Sie auf, mich zu belehren, was glauben Sie, wer Sie sind?" - "Ich weiß, wer ich bin. Sie müssten Ihren Namen da bitte noch nachtragen, so ist der Fahrausweis nicht gültig." - "Nun spinnen Sie nicht rum, geben Sie mir meine Karte wieder."

Der Typ versuchte, dem Kontrolleur die Karte aus der Hand zu nehmen. Ich sah die beiden schon ringend auf der Erde. Aber nein, der Kontrolleur ging einen Schritt zurück. "Nun bleiben Sie mal geschmeidig. Ich kann die Karte auch einziehen." - "Das können Sie nicht, ich habe die bezahlt, das ist meine." - "Die Karte bleibt im Besitz des HVV und kann bei missbräuchlicher Benutzung eingezogen werden. Und die liegt vor, wenn Sie die Karte nicht mit ihrem Namen kennzeichnen, so dass sie von verschiedenen Leuten benutzt werden könnte." - "Ich weiß, dass ich da meinen Namen reinschreiben muss und die Karte nur zusammen mit meiner Kundenkarte gilt, Sie sind ein alter Besserwisser, geben Sie mir meine Karte wieder und Sie können sich schon auf eine saftige Beschwerde gefasst machen morgen. Und da werde ich auch erwähnen, dass Sie die behinderten Mädchen hier gar nicht erst kontrolliert haben. Das ist reine Schikane, was sie hier machen. Und jetzt will ich meine Karte wiederhaben."

Er riss sie dem Kontrolleur aus der Hand. Der drehte sich um und ging zum nächsten. Ich konnte mir ein "Unglaublich" nicht verkneifen. Allerdings so leise, dass der Typ nicht noch auf mich losging. Aber er pöbelte weiter: "Die Behinderten können schwarz fahren, aber ich werde hier angemacht, obwohl ich eine gültige Karte habe." - Cathleen und ich guckten aus dem Fenster. - "Ja ja, tut ruhig so als wenn ihr mich nicht hört."

Am Hauptbahnhof trafen wir die vier Kontrolleure wieder. Sie stiegen gerade aus einem anderen Wagen derselben S-Bahn. Ich sprach den einen an: "Beschwert der sich jetzt wirklich morgen?" - "Rechnen muss man mit allem." - "Wollen Sie meinen Namen haben? Falls es sein muss, schreibe ich dazu was." - "Schaden kann es nicht." - "Aber nicht, dass mein Name in die Schwarzfahrerdatei kommt", scherzte ich.

Kommentare :

marina hat gesagt…

unglaublich... es gibt einfach so viele idioten auf dieser welt!!

Mysli hat gesagt…

Falsch verstandene Hilfesetellung. Die Leute meinen, dass sie als brave Pfadfinder noch ihre Gute Tat des Tages erledigen müssen. Auf Ansage allerdings nicht wieder loislassen, dass ist frech.
Hilft es, den Namenhaben zu wollen, zwecks Anzeige wegen Belästigung? Oder ein Schild an den Rolli: "Hände weg, ich bin schon groß!" ;-)
ich kann verstehen, dass du dich über solche Idioten ärgerst, aber leider sterben die nicht aus.

morgendliche Leserin hat gesagt…

Es ist echt dreist, was sich die Leute rausnehmen. Wenn ich als Fußgängerin Kinder mit Rollstuhl begleite, hab ich es auch schon gehabt, dass Leute den Rolli schieben, obwohl ich und das Kind uns das verbitten UND ich mich so dahinter gestellt hab, dass man mich wegschieben musste...

Dass so ein Rolli auch Privatssphäre ist, schnallen die Leute gar nicht. Welchen Fußgänger würden die denn bitte am Rucksack packen und in die Bahn schieben?

kopfschüttelnde Grüße

Ruthy hat gesagt…

Ich würde sagen: Gebrauchsanweisung so groß leserlich auf ein DinA4-Blatt schreiben, daß man's bei gutem Willen wirklich lesen kann. Vielleicht noch sowas wie: ICH MEINE DAS ERNST dazuschreiben, dann einlaminieren und hinten an die Rollilehne tackern.
Echt, manche lernen es scheinbar nie. Und dieser sinnbefreite Motzki ist ja irgendwie auch typisch für heutzutage...

Anonym hat gesagt…

Dir bleibt auch echt nichts erspart Jule... und hier ist echt mal wieder Fremdschämen angesagt... unglaublich!
Ich wünsche dir ein entspannteres Wochenende ohne irgendwelche Leute die dich ungefragt schieben, ziehen, zerren, schubsen, anfassen oder anpöbeln.

Liebe Grüße

*Biene*

Anonym hat gesagt…

Ich weiß, warum ich nicht mit U- und S-Bahnen fahre. Der Anteil an Vollidioten ist mir einfach zu groß.

Alice hat gesagt…

Dass du das alles erleben musst macht mich ein ums andere Mal sehr betroffen. Ich hab zwar auch schon oft überlegt ob ich jemandem im Rollstuhl bei Bus und Bahn helfen soll, aber ich frage ob er/sie Hilfe braucht. Gut, wenn "nein" geblafft wird, tut mir das in meiner Pfadfinderseele weh, hab es ja nur gut gemeint, aber wenn einfadch "Nein, komme klar." gesagt wird, ist es für mich in Ordnung. Ich würde niemals jemanden einfach so anfassen :-O

Anonym hat gesagt…

Leute gibt's, die sollte es nicht geben...

Frank hat gesagt…

Das ist einer der Gründe weshalb ich deinen Blog so mag,
auch ich hatte bzw. habe ein sehr unsicheres Gefühl im Umgang mit Rollis,
man möchte automatisch helfen wenn sie z.B. vor einer Treppe stehen,
aber jetzt weiß ich das ich die Finger weglasse und niemals ungefragt helfe,wenn ich nicht darum gebeten werde.

Wie man allerdings nach mehrfacher Aufforderung nicht seine Finger wegnimmt,
ist mir ein mittelschweres Rätsel.

Anonym hat gesagt…

Der ganz normale Wahnsinn. Hast du dem Opa jetzt eine geklebt oder nicht? Ich würde sowas nicht hier schreiben, am Ende zeigt dich noch irgendjemand wegen Körperverletzung an.

Anonym hat gesagt…

@ Frank: Ja, das sehe ich genauso.


Oft stehe ich immer ratlos neben jemandem im Rolli und mir geht durch den Kopf "soll/muss ich jetzt helfen oder nicht? Und wenn ja, wie?" Ich hab ja echt keinen Plan wie man so ein Ding "sicher" irgendwo rein oder raus bekommt, daher würde mir das nicht im Traum einfallen, ungefragt einzugreifen. Wenn jemand meine Hilfe sichtbar bräuchte würde ich vermutlich fragen wie ich das am besten mache ohne das der/diejenige aus dem Rolli kippt oder sich das Ding irgendwo verhakt.

LG

*Biene*

Anonym hat gesagt…

Da kommste ausem Koppschütteln ja gar nimmer raus.

Ich erinnere mich an ein Erlebnis mit der Ex-Freundin meines Schwagers - auch Rolli-Fahrerin.

Wir besuchten gemeinsam ein Konzert, das in den Hallen des Betriebshofes stattfand. Da lagen halt Kabel in der Gegend und an denen dauerte es halt einen Moment, bis sie ihren Rolli drübermanövriert hatte. Und ich halt so neben ihr und lustig am Quatschen.
Ging wohl irgendwem nit schnell genug - blafft mich von der Seite an: Können sie da nit mal Schieben?
Hab' ich mich umgedreht und ihn gefragt, was er denn davon halten würde, wenn ihn irgendwer auf den Arm nimmt und mal einfach so irgendwo hinträgt.

Die Leute drumrum fanden's witzig - er wohl nit so *g

LG
Mechthilda

b hat gesagt…

Mir fällt dazu ausnahmsweise auf Anhieb nichts anderes zu ein, außer: facepalm

Trotzallem ein schönes Wochenende noch ;)

Sally hat gesagt…

Sowas Dreistes. :-o Als ich das gerade gelesen hab, wurde ich verdammt wütend... Einfach nur irre, was manche Leute meinen, sich herausnehmen zu dürfen. :(

Fühl dich gedrückt, Kuttersocke.

Anonym hat gesagt…

liebe jule -mädels im rolli werden glaub ich immer eher "geholfen"
mein (hardcore)tipp einfach mal paar tage nich waschen...ausserdem schön versiffte klamotten u haare, auch der rolli dreckig u zu r not richtig sabbern u rumrotzen- dann fasst einen keiner so schnell an---:D

hubert hat gesagt…

kennst du eigentlich den facepalm smiley? eignet sich sehr gut an dieser stelle.

m(

es gibt situationen, in denen frage ich menschen ob sie hilfe brauchen. meist dann wenn mir jemand den anschein erweckt von "ich bräuchte eigentlich hilfe aber irgendwie will ich niemanden hier fragen weil die alle so aussehen als würden sie eh nicht helfen wollen"

damit fahre ich meist ganz gut und ich hoffe immer, damit niemanden irgendwie zu treffen.

in meiner vorstellung ist eine welt, in der alle 5 hilfsangebote ablehnen "müssen" schöner als eine, in der jemand tatsächlich benötigte hilfe nicht bekommt weil sie/er sich nicht traut zu fragen.
sehen bestimmt nicht alle menschen so, aber die zumutung "nö" sagen zu müssen scheint ausreichend.

Martina hat gesagt…

Früher hab ich immer gedacht, wenn mir Leute solche Geschichten gehäuft erzählt haben: ach, so gehäuft? der/die übertreibt doch. Aber seit ich selbst als Assi unterwegs bin kann ich leider nur bestätigen, dass das der Alltag für Rollstuhlfahrer ist :(

Ich bin nun keine Rollifahrerin, aber eben Assi und häufig mit Rollifahrern unterwegs. Es ist echt unglaublich, was Leute sich rausnehmen (Son Rollstuhl eignet sich im Bus auch hervorragend als Haltestange ;-) denken einige. Oder son Rucksack schön ins Gesicht des Rollifahrers gedrückt, ist genau die richtige Höhe).

Die Notbremsenzieh-Aktion hätte allerdings auch von mir sein können, wie ich gestehen muss. Zu oft hab ich erlebt, dass die sich schließenden Türen eine imense Kraft aufbringen und alles Mögliche empfindlich *zerquetschen*. Oder die Tür kaputt geht, weil sie den Rolli ungünstig einklemmt. Da wär mir die Notbremse lieber.

Typische Assigeschichte: wenn man die Rampe vom Bus ausklappen muss (weil man jemanden mit E-Rolli begleitet zum Beispiel).. Man bückt sich, hebt die Klappe einge cm an, und irgendwer, der den Bus noch kriegen will, rennt rein (ungeachtet dessen, dass da jemand gebückt in der Tür steht...) und tritt volle Kanne auf die bereits angehobene Rampe und reißt einem schön den Arm aus dem Schultergelenk... "ups. Hab ich gar nicht gesehen".

Da schmunzelt man dann lieber, wenn ein eifriger Mitmensch die Rampe für einen aufklappen will, und gleichzeitig dabei mit dem Fuß auf selbiger steht ;-)


Was Hilfe aktiv anbieten oder warten um die BITTE nach Hilfe angeht: Ich hab die Erfahrung gemacht, bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen kann man das so handhaben. Aber ältere Menschen (so ab 50+ würd ich sagen, die erst durch das Alter von Rollstuhl/Gehwagen abhängig wurden), die würden sich oft eher einen abbrechen, als um Hilfe zu bitten. Ich vermute, das liegt daran, dass sie niemandem zur Last fallen wollen, sich noch nicht damit abgefunden haben, nicht mehr so selbstständig oder mobil zu sein, wie sie es in jüngerem Alter vermutlich waren. Und dort erlebe ich meistens sehr große Erleichterung, wenn ich Hilfe anbiete (ein "NEIN" ist selbstverständlich auch da ein nein, und man kann auch mal 30 Sekunden warten, bis derjenige sich überlegt hat, ob er Hilfe möchte, bzw dies artikulieren konnte.)

Das ist meine Handlungsweise, mit Sicherheit werd ich manches mal daneben liegen und ggf. auch sehr selbstständige Leute nerven, wenn sie von mir als tausendster Person gefragt werden, aber manchmal kann man es als Außenstehender nicht genau erkennen, und ich frage lieber einmal zuviel als zuwenig. Für MICH ist es also so das Richtige - allen kann man es ohnehin nicht recht machen ;-)


Martina

Hubert hat gesagt…

du hast mit der frage nach hilfsangeboten durchaus noch einmal anders ausgedrückt was ich auch sagen wollte.

ich finde das thema wirklich kompliziert, eben weil das trotzdem für den von unnötigen hilfsangeboten "betroffenen" menschen eine nicht geringe zumutung werden KANN.

das ist nicht meine perspektive, vielleicht wäre ich aber auch genervt davon, wenn mir täglich 30 menschen ihre hilfe anbieten würden, zum teil verbunden mit aufgezwungenen gesprächen wenn ich die hilfe "grundlos" ablehne.

wenn ich wüsste alle menschen wären wie jule, ich würde niemandem ungefragt hilfe anbieten. aber ich habe zu oft auch schon hilfe angeboten die so dankbar angenommen wurde. das führt mich zu dem schluss "anbieten wenn es mir nötig scheint kann so falsch nicht sein, wer von hilfsangeboten genervt ist wird diese kaum dankend annehmen"

ich denke das thema ist nicht zu letzt so kompliziert, weil hier zwei unterschiedliche vorstellungen von "normalität" aufeinander prallen.

hilfe wird all denen angeboten, deren situation nicht normal scheint, das heißt häufig aus mangelndem respekt für die normalität von rollifahrerinnen oder sehbehinderten menschen. tatsächlich brauchen und wollen wohl am ehesten die menschen hilfe, für die ihre situation selbst nicht normal ist, also etwa frisch verunfallte oder kranke oder eben auch alte, die sich selbst noch nicht an ihre körperlichen einschränkungen im alltag gewöhnt haben.

für menschen die ihre situation als normal ansehen und entsprechend damit umgehen ist das angebot von hilfe ja nach häufigkeit wohl ungewöhnlich bist störend und ungefragte hilfe führt erst zu problemen. ich würde wahrscheinlich auch stolpern, wenn mich als gehenden menschen plötzlich jemand in die straßenbahn heben wollte oder mich ungefragt eine treppe heruntertragen würde..

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule,
ich habe Deinen Blog vor Kurzem zufällig entdeckt und die letzte Woche gründlich darin gestöbert. Deine Geschichte und die Beharrlichkeit, mit der Du Deinen Weg gehst, sind beeindruckend.
Ich bin blind und habe auch das Problem, dass mich fremde oft einfach so anfassen, ohne dass ich das möchte oder es hilfreich ist. Besonders stört es, wenn man mich beim Aussteigen aus Bus und Bahn am Arm packt, und zwar mit Vorliebe an dem, in dem ich den Stock halte. Das führt dazu, dass ich mit dem Stock nicht vernünftig nachschauen kann, wie breit der Spalt am Bahnsteig ist. Einmal gab’s dadurch den Effekt, dass der Stock nach oben ging ohne dass ich das wollte, und jemanden traf, der einsteigen wollte und wartete, bis ich draußen war. Leider scheint es mir, als ob man das vielen Menschen nicht wirklich erklären kann, denn wenn man anfängt und sagt, dass etwas nicht hilfreich war, ist ihnen das so peinlich, dass keine Verarbeitungskapazität mehr übrig ist um zu verstehen, dass es nicht persönlich gemeint ist, und aus welchem Grund es behindert.
Gute Besserung Dir. Ich werde Deinen Blog weiter verfolgen.



Sandra