Donnerstag, 9. Februar 2012

Nüchtern, sachlich, düster

Nicht mehr fröhlich und optimistisch, sondern nüchtern, sachlich und ein bißchen düster.

Ist das mein Blog? Ist das mein Tagebuch? Ist das meine Seele? Habe ich mich krass verändert?

Ja, ich glaube schon. Ich glaube, ich habe mich verändert. Nicht mehr fröhlich, das möchte ich nicht unterschreiben, aber wesentlich seltener fröhlich als noch vor ein, zwei Jahren, das könnte sein. Und Optimismus - auch davon habe ich zur Zeit auch weniger. Das stimmt auch. Und ich finde es schon faszinierend, was man so alles aus meinen Texten herauslesen kann.

Ich beobachte seit einiger Zeit, dass die Veränderungen der letzten Monate mich sehr anstrengen. Das Wohnprojekt macht mir Spaß, ich finde es toll, keine Frage, aber es ist so viel anstrengender Nervkram damit verbunden, dass mir nahezu täglich die Fröhlichkeit vergeht. Spätestens wenn ich für andere Leute eine gewisse Verantwortung übernehme und versuche, anderen zu helfen, wird es irgendwann frustig, wenn man trotz ganz viel reingesteckter Energie nicht zum Ziel kommt. Wenn man immer wieder für etwas kämpft aber keinen Schritt weiterkommt. Wenn man glaubt, sich ein letztes Mal anstrengen zu müssen, um über die letzte Hürde zu springen, man seine ganze Energie und Kraft und Ehrgeiz mobilisiert und dann dem Kampfrichter einfällt, dass er vergessen hat, die Uhr einzuschalten. Es also heißt: Bitte noch einmal von vorne. Da kann einem schonmal die Fröhlichkeit vergehen und da kann man auch mal vom Optimist zum Realist werden.

Ich würde mich als einen Menschen beschreiben, für den Fairness, Offenheit und Ehrlichkeit unheimlich wichtig sind. Wenn ich mir jetzt nur dieses Theater mit Maria ansehe - ist das fair? Weder in ihrer Einrichtung wurde sie fair behandelt noch jetzt von dem Sozialdienst, der ihr nach wie vor die Zustimmung für diese Wohnform verweigert, ohne dafür je einen sachlichen Grund genannt zu haben. Darf ich darüber reden, darf ich öffentlich darüber schreiben? Sicherlich, das kann mir niemand verbieten, solange ich nicht die Unwahrheit sage, nur fühlen sich dann die nächsten Leute persönlich angepisst und das Verfahren zieht sich noch weiter in die Länge. Ja, man liest meinen Blog und ja, ich muss aufpassen, was ich sage. Das ist nicht meine Welt. Ich komme in dieser Pass-auf-was-du-sagst-Welt nicht zurecht.

Wenn ich was verbockt habe, dann stelle ich mich in den Ring, bekenne mich dazu und notfalls lasse ich mich verprügeln. Leider muss ich immer mehr erleben, dass diejenigen, die sich nicht an Regeln halten, besser klarkommen. Nicht bestraft werden, keine Nachteile bekommen. Wer einen guten Anwalt hat oder sich gut rausreden kann, hat nichts zu befürchten. Klar, ich gehe auch nicht zum Schwimmeister und erzähle dem, dass ich gerade in seine Dusche gepinkelt habe. Aber: Würde er mich nächste Woche abfangen und sagen, er hat das in meinem Blog gelesen, hier ist ein Schrubber, jetzt putzt du mal den Fußboden - dann würde ich eben nicht fälschlich behaupten, dass mein Blog ja nur zu Unterhaltungszwecken diene und das alles nicht stimme. Mir käme auch keine Unfallflucht in den Sinn. Wenn ich einem anderen das Auto zerlege, dann hau ich nicht ab. Dann komme ich für den Schaden auf, den ich angerichtet habe. Und wenn ich keinen Bock hatte, zu einem Termin zu kommen, dann rede ich nicht von defekten Aufzügen, verstorbenen Omas oder ansteckenden Krankheiten. Auch wenn das der eindeutig anstrengendere und manchmal schmerzhaftere Weg ist. Wenn er manchmal Demut und Tränen verlangt. Aber es reißt einem niemand den Kopf ab. Ich möchte aber nicht den Glauben daran verlieren, dass man mit Ehrlichkeit weiterkommt. Das ist mit Blick auf große Teile der heutigen Gesellschaft aber ein großer Konflikt. Und dieser Konflikt verdüstert meine Stimmung in der Tat manchmal.

Marias Verfahren beschäftigt mich zur Zeit, mehr als ich das eigentlich möchte. Ich betone dabei das Verfahren, nicht Maria selbst. Wir alle haben uns für sie entschieden, wir ziehen das jetzt auch durch. Aber es beschäftigt mich eben. Daher gibt es im Moment auch weniger andere Sachen zu lesen - zumal auch nicht viel passiert. Training ist kaum, Freizeiten, Trainingslager auch nicht, man kann zur Zeit wenig nach draußen wegen der Affenkälte, Vorlesungen haben noch nicht begonnen. Es passiert zur Zeit ziemlich wenig anderes.

Mit "auf mich aufpassen" habe ich nicht gemeint, dass ich nicht mehr über mich schreibe. Oder nicht mehr offen über mich schreibe. Sondern ich passe noch mehr darauf auf, dass man nicht so einfach ermitteln kann, wo ich mich gerade aufhalte. Normalerweise hätte ich damit kein Problem, nur muss man ja damit rechnen, dass auch Psychos diesen Blog lesen. Und mit denen habe ich ein Problem. Ich werde also trotz besseren Aufpassens künftig auch wieder mehr über mich schreiben. Heute habe ich zum Beispiel Regelschmerzen, was eigentlich nicht so oft vorkommt.

Einen Feed habe ich eigentlich nicht bewusst abgestellt, ich wüsste auch nicht, wo ich den wieder einschalten sollte. Ich mache mich mal schlau. Und was das Hintergrundbild angeht ... ist es nicht schön, wenn man es ganz sieht? Man kann es übrigens jetzt auch ganz rechts unten in der Spalte finden und anklicken...

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule, ich hoffe mein Kommentar ist dir nicht zu platt und pragmatisch, aber meinst du nicht, dass dir die viele freie Zeit die du im Moment hast nicht extra viel Raum zum Grübeln lässt? Und dir die tatsächlich be****** Situation durch das im Kopf hin und herwälzen für dich noch frustrierender wird? Trotzdem halt ich dir die Daumen, dass ihr das alles geregelt kriegt.

BigDigger hat gesagt…

Kann's sein, dass Du den RSS-Feed rausgefetzt hast? Wär schade drum, gerade wegen der unregelmäßigen Einträge.

Anonym hat gesagt…

Hej Jule,
dass dich das alles sehr belastet, ist ja klar. Vielleicht sogar in gewisser Weise mehr/anders als wenn es um dich selbst geht. Kenne ich von mir, wenn andere ungerecht behandelt werden und ich nichts tun kann, deprimiert mich das mehr, als wenn ich ungerecht behandelt werde.
Ich will nicht sagen: Schotte dich ab, kümmer dich nicht, im Gegenteil, deine Sensibilität und dein Verantwortungsgefühl machen dich ja aus und sind positiv. Aber manchmal muss man sich zur Distanz zwingen, es ist Winter, da braucht man eine dickere Haut. Es wird auch wieder Frühling und Sommer, und bis dahin ist es auch dein Job, auf dich aufzupassen.
Aber das Bild ist das beste Beispiel dafür, dass Dunkelheit nicht düster sein muss :)
E.

strelok hat gesagt…

Es ist per Definition viel schöner, wenn das Hintergrundbild nicht mit einem mitschwimmt... so kann man sich besser auf die inhalte konzentrieren.

Frank hat gesagt…

Kopf hoch Jule,

das hört sich momentan nach jeder Menge Frust bei dir an,
aber ist auch verständlich,erst das menschenunwürdige Theater um Maria,
dann haben sie dein geliebtes Auto geschrottet und über allem schwebt diese Eiseskälte.

Es kommen auch wieder bessere Tage...lasst euch nicht unterkriegen.

Gruß
Frank

BigDigger hat gesagt…

Ich sag jetzt einfach mal:

DANKE!

(Und nicht nur für die Reaktivierung des Feeds!)

Vio hat gesagt…

Fühl dich einfach mal fest gedrückt - ohne Psycho-Hintergedanken natürlich ; )

Meiner Erfahrung nach ist das einzig gute an beschissenen Zeiten, dass sie vorübergehen. Genauso wie die glücklichen Zeiten. Also Kopf hoch! Bald beginnt dein Studium, du wirst viele neue Leute kennen lernen, abgelenkt sein und bestimmt auch wieder fröhlicher!

Anonym hat gesagt…

Frust ist ätzend und wenn man Zeit hat, kommt mann leider oft ins grübeln.
Eins kann ich dir sagen: Ich finde es genauso ungerecht, dass es viele Menschen gibt, die trotz ständigem brechen von Regeln weiter kommen, wohin gegen andere, sich an Regeln haltende, immer wieder Rückschritte machen müssen. Das frustriert!

M.

Monall hat gesagt…

Liebe Jule,

wahrscheinlich kennt jeder jemanden, der immer Dussel hat, dem scheinbar alles zufliegt, dem kein Regelverstoß etwas anzuhaben scheint oder dem ständig wer den Arsch rettet. Insbesondere wenn man selber nie das "Glück" hat, so durchzukommen.

Nenn es Karma oder sonstwie, aber irgendwann trifft es jeden, auch solche Leute. Und auch wenn ich mit eigentlich nicht als Schadenfroh bezeichnen würde, freu ich mich bei solchen Leuten dann doch, wenn ihr Verhalten letztendlich doch auf sie zurückfällt.

Karma is a bitch...

Und Leute wie du, die sich eben an Regeln halten, alles anständig machen und deshalb ständig die Schei**e am Fuß haben, profitieren früher oder später von ihrem Lebenstil.

Lass den Kopf nicht hängen und lass deine Gedanken nicht zu düster werden - das Leben ist zu kurz, um es mit schlechter Laune zu verschwenden

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule,

hadere nicht an Deiner Stimmung. Ich denke der Prozess, den Du durchläufst ist ganz normal. Du hast einen anstrengenderen Alltag als viele andere und findest trotzdem Zeit, Dich für viele und vieles was Dir am Herzen liegt einzusetzen. Und Deine Erfolge geben Dir Recht!

Aber leider kann man eben nicht immer erfolgreich sein. Scheitern gehört zu den nützlichen Erfahrungen im Leben, denn es lehrt einen, Erfolge nicht für gegeben hinzunehmen.

Natürlich ist das Leben ungerecht (wem schreibe ich das?), und deswegen gelingen auch die am besten motivierten und gerechtesten Anstrengungen nicht immer, vielleicht sogar immer weniger. Die Kehrseite des Engagements ist die Enttäuschung. Und leider bekommt man das eine selten ohne das andere. Aber man lernt in diesem Prozess. Man lernt nicht nur, wie man sein Engagement optimiert, sondern man lernt auch, Rückschläge zu ertragen. Und ich lese in Deinem Blog, dass Du das schon längst selber herausgefunden hast.

nom.

annina hat gesagt…

Hey Jule,

warum hast Du Deinen Feed gekürzt? Jetzt kann ich Deinen Blog nicht mehr wie früher in meinem Reader lesen! :((

LG Annina

Banane hat gesagt…

Hi Jule,

ich finde es nach wie vor beeindruckend, mit welcher Energie, mit welchem Optimismus und mit welchem Idealismus du nicht nur dein Leben meisterst, sondern auch noch für viele andere Menschen da bist. (Nicht nur für Maria, sondern auch die vielen anderen Dinge wie z.B. die Schwimm-Aktion mit Sara)
Dass da ein wenig Ernüchterung einkehrt und auch mal Frust aufkommt, wenn die ganzen Bemühungen nichts bringen, weil sich irgendwelche Idioten quer stellen, kann ich sehr gut nachvollziehen. Aber auch das gehört leider zum Leben dazu.
Nicht alle Leute sind so fair, offen und ehrlich wie du - und oftmals kommen Leute, die auf diese Werte scheißen, auch noch sehr gut mit ihrem Verhalten durch, während sich die ehrlichen Leute dann mit genau dieser Scheiße rum ärgern müssen.
Das ist nicht fair - aber das ist nun mal das Leben, mit dem wir irgendwie zurecht kommen müssen.
Das Leben ist eben nicht immer gerecht und wir können daran nichts ändern.

Ich kann dir leider auch keinen guten Rat geben, wie man damit am besten zurecht kommt... aber immerhin kann ich deine Entwicklung gut nachvollziehen, weil es mir auch teilweise ganz ähnlich wie dir geht.

Gruß
Banane

Olli hat gesagt…

Puuh soviel kann ich gar nicht sagen, wenn ich Deine Zeilen so lese Jule, weil ein bißchen häng ich hier auch im Loch.
Drum auch Dank an die anderen Kommentatoren - vielleicht wird es einfach mit zulassen, dass es auch mal deppert ist, drauf vertrauen, das jeder für sich es wieder schaffen kann und motivierend an die alten guten Zeiten erinnern.

Xin hat gesagt…

Kürzlich wurde ich in einem Amt gefragt, warum ich einem fremden Menschen helfen will. Was mich das denn angeht. Wo ist mein Interesse daran? Das war als Vorwurf gemeint. Als Aufforderung sich nicht in die Bürokratie einzumischen. "Du störst" war die Aussage. Und eine ziemlich deutliche Aussage, dass wenn ich weiter störe, man sehen wird, was man gegen mich unternehmen kann.
Ich hatte keine Antwort darauf, warum ich mir das eigentlich antue. Es wäre alles viel einfacher, wenn ich mich nicht kümmern würde, wenn ich nicht stören würde.

Also habe ich mir Gedanken gemacht, warum ich das eigentlich mache. Schon wieder - denn ich sitze ja nicht zum ersten Mal bei einem Amt für andere Leute. Es ist anstrengend, kostet meine Zeit und mein Geld, ein Erfolg ist nicht garantiert. Nicht jeder für den ich mich einsetze schafft es am Ende selbstständig zu werden. Aber jeder hat mindestens eine zusätzliche Chance gehabt.

Inzwischen bin ich der Sache etwas näher gekommen. Ich mache das, weil ich morgens in den Spiegel schauen kann und dem Spiegelbild sagen kann "Ich mag dich, Du bist ein feiner Kerl."

Ich stelle mir vor, wie ich auf der Autobahn fahre. Nicht zu schnell, aber links. Mein Leben läuft komfortabel und in angenehmer Reisegeschwindigkeit. Und wenn ich sehe, dass jemand ins Schleudern kommt, dann bremse ich für denjenigen ab. Das ist keine Entscheidung, das passiert einfach. Da rutscht einem einfach einer über den Weg. Und wenn ich sehe, dass derjenige Probleme hat, wieder in die Spur zu kommen oder verletzt ist, dann halte ich an und helfe. Wie ich mir wünsche, dass mir auch geholfen wird, wenn mir etwas passiert.
Und so komme ich nicht ganz so oft wie Du, leider aber auch ohne einen Frank, den ich mir häufig und auch gerade mal wieder wünsche, weil mich keiner rechtlich berät, immer wieder in Situationen, wo ich Gesetzestexte googlen muss, um für andere Menschen ihre Rechte herauszufinden und beim Amt wieder gefragt werde, was mich das ganze denn überhaupt angeht.

Heute hat sich jemand bei mir bedankt, dafür, dass ich mich etwas um ihn kümmere. Meistens ist es aber ein Lächeln, der Gesichtsausdruck, wenn jemand realisiert, dass er nicht der ganzen Welt egal ist. Dass es Hoffnung gibt, dass sich die Situation verbessert. Der Moment ist die Sache doch wert, oder? Zu wissen, dass man selbst für diesen Moment verantwortlich ist. Am nächsten Morgen in den Spiegel zu gucken und zu wissen, dass das Gegenüber gestern etwas in dieser Welt verbessert hat.