Samstag, 3. März 2012

Paranoide Behinderte

Wer glaubt, ich hätte irgendwann alles erzählt und alles erlebt, zieht den Sinn und die Zukunft meines Internetblogs, meines Online-Tagebuchs, in Zweifel. Gerade wenn ich in alten Beiträgen blättere (vorhin habe ich einen gesucht), freue ich mich plötzlich über Details, die ich zwischenzeitlich schon wieder vergessen oder gar verdrängt hatte.

Gestern wollte ich mit Marie (nicht Maria) zur Uni. Ab April beginnen regulär unsere Vorlesungen, wir sind beide schon extrem aufgeregt. Vorher ist noch etlicher Papierkram zu erledigen, für den wir auch noch persönlich in die Verwaltung eiern müssen, einiges davon hängt mit unseren Behinderungen zusammen. Aber: Wir sind zum Glück nicht die ersten Rollstuhlfahrerinnen, die in Hamburg studieren, entsprechend gut organisiert war man vor Ort. Wir trafen eine Beraterin, die uns alles mögliche zum Thema "Studieren mit Behinderung" erzählte und anschließend mit uns zusammen zu den einzelnen Stellen ging, bei denen wir irgendwas beantragen, ausfüllen oder einreichen mussten. Durchblick hatte ich zwar ehrlich gesagt nicht, aber das wird wohl noch kommen. Sie meinte: "Im Moment werden Sie nur Bahnhof verstehen, das ist völlig normal."

Mit Marie verstehe ich mich nach wie vor sehr gut, bevor wir los fuhren, war ich bei ihr zum Mittagessen eingeladen. Es war schon eine komische Situation, denn obwohl ich vorher schon ein paar Mal bei ihr zu Besuch war und sie auch schon bei mir, mit der Familie hatte ich sonst eher nur "beruflich" zu tun, denn ihre Mutter ist ja meine Hausärztin. Es war aber sehr nett und nach den ersten drei aufregenden Minuten auch sehr ungezwungen, die Eltern haben mir beide sogar das "Du" angeboten. Anschließend hat uns die Mutter zum Bahnhof gefahren.

Und einmal pro Tag muss bei mir irgendwas vorfallen, passieren oder schief laufen, sonst ist die Welt nicht in Ordnung. Manchmal, wenn ich auf meine Finger schaue, denke ich, sie sind nicht nur vom Rollifahren auf der Straße dreckig, sondern da klebt noch etwas anderes dran.

Jedenfalls sollte die S-Bahn, die wir bekommen wollten, in drei Minuten abfahren, wie eine Anzeigetafel auf einer Verteilerebene im Bahnhof anzeigte. Und zwar von Gleis 5. Wir mussten nach oben, und während wir auf den Aufzug warteten, gesellte sich ein älteres Paar zu uns, beide mit einem E-Scooter. Die Tür öffnete sich, Marie und ich rollten bis an die gegenüber liegende Wand durch und drehten uns mit dem Gesicht wieder zum Ein- und Ausstieg, dann kam die Frau dran. Sie wollte unbedingt noch mit in die Kabine, obwohl es kaum passen würde. Vermutlich wäre alles schneller gegangen, wenn wir kurz alleine hochgefahren wären.

Nein, die Frau rangierte ihren E-Scooter im Rückwärtsgang in die Lücke. Zentimeter für Zentimeter. Vor, zurück, vor, zurück, nochmal halb wieder raus, wieder zurück, noch drei Millimeter. Oben fuhr bereits die S-Bahn ein. Ich schaute Marie an, die verdrehte die Augen. Ich sagte: "Was meinste, fährt die nächste auch von Gleis 5?" - "Ich hoffe es mal."

Dann endlich war sie drin, drückte versehentlich nochmal auf "Tür öffnen" statt auf "Start", dann fiel ihr noch ein, dass sie ja noch die Handtasche brauchte, die ihr Mann draußen während ihres Rangiermanövers festgehalten hatte und dann fuhr der Aufzug endlich los. Oben fuhr die S-Bahn weg. Super, nun hatten wir alle Zeit der Welt. Bevor wir oben ankamen, pupste ich. Zwei Mal. Laut. Marie unterdrückte ein Kiechern, ich sagte: "Entschuldigung."

Was ich nicht wusste: Die Frau war Amerikanerin und verstand kein Deutsch. Sie starrte mich entsetzt an und sagte dann: "Are you being gross?" - "Pardon me!" - "I hope you don't do that to anybody else. You are disgusting." - Ich hatte keinen Nerv, mich auf Englisch zu erklären, dass ich das nicht kontrollieren kann und es meistens vorher noch nicht mal merke. Zugegeben, es ist schon eklig, wenn das jemand in einer geschlossenen Aufzugskabine macht. Aber die Tür ging auf und die Frau rangierte nach draußen. Wir stellten uns an das Ende des Bahnsteigs, die Frau rollte zum Anfang. Kurz danach kam ihr Mann.

Am Hauptbahnhof mussten wir umsteigen. Marie wollte noch in einen Jackenladen, als wir wieder rauskamen, kamen die beiden E-Scooter-Leute auf uns zu, der Mann hielt sein Gefährt an und stieg aus. Er konnte frei laufen, wenngleich das Gangbild etwas an das eines aufgezogenen Plastiksoldaten erinnerte. Er hatte eine weiße Schirmmütze auf dem Kopf und sein Bart erinnerte ein wenig an den des Almöhi. Er ballte eine Faust und während er auf mich zu wankte, murmelte er: "You farted right in my wife's face! I'm unlucky on it!"

Oh nein. Ein Verrückter. Vom Gesicht kann jawohl nun wirklich keine Rede sein. "Excuse me, Sir." - Er kam mit bedrohlicher Miene auf mich zu. Ich sagte: "Wait, wait. Listen." - Er pöbelte: "That was my wife's face." - "No, I farted accidently because of my ..." - Bevor ich mich versah, holte er auch schon aus und verpasste mir mit der Faust einen Schlag gegen den Hals. Einige der umstehenden Leute kreischten. "I may be right in a chair but I'll kick your ass!" - Er traf nicht richtig, ich nutzte die Möglichkeit, mich abzuwenden und zu fliehen. Mit großer Chance wäre ich schneller als er. Er stolperte hinter mir her, holte zum zweiten Schlag aus. Diesmal traf er mich von hinten halbherzig an der Wange, man kann schon sagen, dass es weh tat, mit dem zweiten Arm schubste er mich weg. Nun hatte ich genug Schwung, um ihm zu entkommen. Nach zwanzig Metern drehte ich mich um. Marie war in die andere Richtung geflüchtet. Ich befand mich knapp unter einer Brücke in der Mitte der Wandelhalle. Alter Schwede. Mein Herz raste. Der Typ war stehen geblieben und gestikulierte wild und pöbelte in der Gegend rum. "I punched her! I punched her! Get off right now, you nasty slapper!"

Dann trottete er in seinem humpelnden Gang zu seinem E-Scooter zurück, setzte sich rein und fuhr los. Für ihn schien die Sache nun erledigt zu sein.

Für mich auch? Ich rollte langsam zu Marie zurück. Sollte ich die Polizei rufen und ihn anzeigen? Am Ende wird der Mist ohnehin eingestellt, weil er zurück in Amiland ist und dafür sitzen wir zwei Stunden in irgendeiner Wache, während wir eigentlich einen Termin in der Uni haben. Marie sah das nach zwei Minuten genauso und entsprechend machten wir uns auf den Weg zur U-Bahn, immer Ausschau danach haltend, ob uns der Verstörte noch einmal über den Weg rollte. Als wir gerade aus dem Bahnhofsgebäude kamen, joggten uns drei Polizeibeamte entgegen. Einer hielt kurz an und damit waren uns sämtliche Entscheidungen abgenommen. "Ist jemand von Ihnen gerade angegriffen worden? Oder haben Sie was beobachtet?"

Das alles gestaltete sich aber insgesamt weniger kompliziert als befürchtet. Eine Beamtin nahm die Anzeige auf und schrieb alles mögliche in ihr Notizbuch, ich musste am Ende unterschreiben, dann durften wir weiter. Der Chaot musste allerdings mit auf die Wache...

Als ich das zu Hause beim gemeinsamen Abendessen erzählte, sagte Frank nur: "Du kriegst bald Hausarrest."

Kommentare :

BigDigger hat gesagt…

Ich hoffe, das Ganze wird den amerikanischen Behörden übergeben. Darauf dürften nach US-Recht 2-5 Jahre Knast stehen.

Anonym hat gesagt…

Mit dem US-Recht kenne ich mich nicht aus. Meinst du wirklich @BigDigger?

Ich kann mir nur vorstellen, dass in Deutschland die Socke fürs Furzen zu 20 Sozialstunden verurteilt worden wäre und der andere wegen schwerem Schicksal und mangelnder Schuldfähigkeit das Gericht als freier Mann verlassen hätte.

Anonym hat gesagt…

[ironie on]

Tja selber Schuld. Was frisst du auch ständig so viele von diesen Bohnen?!

[ironie off]

Lucie hat gesagt…

Nur so als Hinweis: Dein Blog ist der einzige, bei dessen Lektüre ich mir regelmäßig mit der Hand vor den Mund schlagen und mit weit aufgerissen Augen den Kopf schütteln muss. Du scheinst ein eingebauten Psychopathen-Magneten zu besitzen...

Horst hat gesagt…

@Lucie
Vermutlich trägt sie ein T-Shirt drunter: "Alle Psychopathen zu mir!" Behinderte wirken aber erfahrungsgemäß anziehend auf Psychopathen. Diese sehen in ihnen die einzigen Leute, die Verständnis für ihre angeknackste Denkweise haben müssen und auch nicht wegrennen können.

Alice hat gesagt…

Es ist doch wirklich nicht die Möglichkeit! Aber ich versichere dir, auch wenn du es bestimmt selbst weißt, dass das nur ein trauriges Beispiel ist und solche Handgreiflichkeiten auf gar keinen Fall Usus bei US-Amerikanern sind. Ich bin wirklich fassungslos. Wirklich... so was ist mir noch bei keiner Nationalität begegnet. Was für ein Armutszeugnis. Mann... ja, auch wenn er alt und selbst behindert ist, ich hoffe sie haben ihn gefunden, denn das... geht ja echt gar nicht. Tut mir echt leid für dich, Jule :(

BigDigger hat gesagt…

@Anonym (20:41)
Abhängig vom zuständigen Bundesstaat liegt die Strafe für Assault/Battery zwischen 92 Tagen und 2 1/2 Jahren Haft, variabel nach oben bei besonderen Umständen (wie Angriff auf ein Kind, Behinderten, Vorstrafenregister etc.). Eine konkret zugefügte Verletzung ist, anders als in Deutschland - dafür nicht Voraussetzung.
Und ja, Amerikaner, die im Ausland Straftaten begehen, können in den USA angeklagt und verurteilt werden. Und zwischen den USA und Deutschland gibt es ein Rechtshilfeabkommen.

Mercury hat gesagt…

Moah... du arme Oo Ist ja echt nicht zu glauben, wieviel Pech du hast...

Hoffentlich verknacken sie den Typen ordentlich und du kriegst Schmerzensgeld.

lg

Hubert hat gesagt…

unfassbar. und absolut erstaunlich mit welcher fassung du das trägst!

Mike hat gesagt…

Sag mal Jule...

Wann stellt die Hamburger Polizei eine/n persönliche/n Beamten/in für dich ab?
Würde sich doch so schön langsam rentieren :-)

LG
Mike

Snake hat gesagt…

mei, irgendwie triffst du oft auf geistig ziemlich kranke Personen. Auf jedenfall ein sehr gestörtes Verhalten von dem Typen, mich wundert es das keiner der Umstehenden körperlich eingegriffen hat.

Schade das das Verfahren net in USA weiterverfolgt wird. Die Amis sind da sehr bedacht drauf, dass ihre Leute keinen Schaden durch rechtliche Schritte von anderen Ländern ausgeliefert werden.

Aber mal dran gedacht dir Personenschutz zu besorgen, lohnen würde es sich wohl ;)

Daniel hat gesagt…

Unfassbar, mit welchen tiefen Problemem manche Mitmenschen offenbar belastet sind. Aber unabhängig davon, dass dieser spezielle Zeitgenosse wohl nicht mehr so ganz alle Blätter am Baum hat, scheint es auch ganz allgemein große Unterschiede zu geben, was im amerikanischen und europäischen Alltagsleben als "unnormal" und "belästigend" empfunden wird - und da man in einigen US-Bundesstaaten meines Wissens sogar wegen sexueller Belästigung verhaftet werden kann, wenn man irgendwo in der Öffentlichkeit pinkelt (selbst wenn man dabei darauf achtet, niemandem den direkten Anblick irgendwelcher körperlichen Privatbereiche zuzumuten), kann es natürlich schon möglich sein, dass ein rektales Seufzen in Gegenwart anderer tiefe diplomatische Schwierigkeiten heraufbeschwört...

Weißt Du, was für den Mann, der Dich geschlagen hat, herausgekommen ist? Hat er eine Anzeige bekommen? Oder wird sich alles folgenlos im Sande verlaufen?

Anonym hat gesagt…

Ich frage mich nur grade wie du "right in her face" gefurzt haben sollst.. so als querschnittsgelaehmter, kann ich mir vorstellen, ist das relativ schwer zu machen.. ausser man haelt seinen kopf zur rechten zeit halt da hin.. aber naja..

mfmfmf hat gesagt…

"I'm unlucky on it!"
Ich vermute, dass du da bei der Rückübersetzung einem falschen Freund aufgesessen bist.
unglück haben <> to be unlucky
unglücklich sein <> to be unhappy

*krz* Achtung Achtung, hier spricht die Karmapolizei. Bitte den Deppenmagneten ausschalten, ich wiederhole: Den Deppenmagneten ausschalten *krz*

Olli hat gesagt…

Also, bei rektalem Seufzen wo sich das als solches fühlende Opfer noch an die Situation und an die andere beteiligte Person erinnern kann, liegt eine wirklich erhebliche Belästigung doch gar nicht vor...
Der sah wohl den Sturm im Wasserglas als bedrohlichen Tsunami.