Donnerstag, 26. April 2012

Belämmerter Beginn, exzellentes Ende

Dass jemand krankheitsbedingt eine Vorlesung absagen muss, kann passieren, aber ich bin strikt dafür, dass man einen Mailverteiler anlegt und solche Ausfälle kommuniziert, vor allem dann, wenn so etwas frühzeitig bekannt ist. Oder meinetwegen auch auf einer Internetseite, die jeder noch einmal aufrufen kann, bevor er sich auf den Weg macht. Die meisten meiner Kommilitonen störte der Ausfall wenig; mir jedoch ging es auf den Wecker, weil ich nur für diese eine Vorlesung eine Stunde lang mit einem schweren Rucksack dorthin gegurkt bin und eine weitere Stunde wieder zurück fahren würde.

Am frühen Nachmittag hatte ich einen Termin bei meiner Psychologin, bemerkte auf dem Weg dahin schon, dass in der U-Bahn-Station Mümmelmannsberg der Aufzug defekt ist, allerdings gibt es ja auch eine Rolltreppe. Damit komme ich dann zwar raus, jedoch auf dem Rückweg nicht wieder in den Tunnel hinein, denn alle vier Rolltreppen laufen aufwärts. Aber immerhin hatte ich gesehen, dass der Aufzug defekt ist, so dass ich auf dem Rückweg eine andere Strecke wählen könnte.

Als ich bei meiner Psychologin vor der Tür stand, wartete, wartete und wartete, dachte ich noch so: Lustig wäre ja, wenn die heute auch nicht da wäre. Fünf Minuten nachdem mein Termin beginnen sollte, klopfte ich. Keine Antwort, Tür verschlossen. Also ins Sekretariat: "Achso, ja, nein, die Termine in dieser Woche sind alle abgesagt." - "Sie haben doch meine Telefonnummer, oder? Und meine Handynummer auch. Wenigstens eine SMS könnte man doch erwarten, meinen Sie nicht? Es ist jetzt mindestens das fünfte Mal, dass ich umsonst hierher gurke, weil Sie es nicht schaffen, mal abzusagen." - "Das tut mir Leid." - "Ja, das hat Ihnen die letzten fünf Male auch schon Leid getan, das reicht mir so langsam nicht mehr." - "Was soll ich Ihrer Meinung nach tun?" - "Mir absagen!" - "Sie erwarten doch nicht, dass ich mir ihren Kalender schnappe und zu jedem einzelnen Namen in der Kartei die Telefonnummer raussuche und den Leuten hinterher telefoniere. Dann habe ich den ganzen Tag nichts anderes zu tun. Wenn Sie auf Nummer Sicher gehen wollen, rufen Sie einfach vorher an." - "Was heißt, Sie sagen es nicht ab, lieber lassen Sie alle Patienten hier einzeln vorturnen oder was?" - "Sie arbeitet ja nur halbe Zeit und die meisten Leute sind ja stationäre Patienten." - "Aber dann stimmt es doch nicht, was Sie mir gerade erklärt haben, dass Sie einen ganzen Tag damit beschäftigt wären, den Patieten abzusagen. Dann betrifft es doch nur zwei, drei, vier, vielleicht fünf." - "Hören Sie, ich habe noch andere Dinge zu tun, ich habe Ihnen gesagt, dass es mir Leid tut, aber nun muss irgendwann auch mal wieder gut sein."

"Gar nichts ist gut." - "Dann regen Sie sich halt darüber auf, nur bitte nicht in meinem Büro, ja? Tschüss." - "Jaja", sagte ich, setzte mein freundlichstes Lächeln auf, rollte aus der Tür, zum nächsten Ausgang, nichts wie weg. Ich freue mich schon darauf, den Chefarzt wieder zu treffen. Spätestens beim nächsten Anruf, ob ich mal einem frischen Querschnitt in meinem Alter einen Besuch abstatten und den ein wenig aufmuntern kann, kommt dieses Thema auf das Tablett. Meine Psychologin scheint ja auch machtlos zu sein. Es ist echt unglaublich, was für ein dickes Fell manche Leute haben.

Wegen des defekten Aufzugs fuhr ich mit dem Bus zum Bahnhof Bergedorf, dort war nicht nur der Aufzug defekt, mit dem man vom ZOB zur Verteilerebene kommt, sondern auch der zum S-Bahn-Gleis. Statt des ersten Aufzugs fuhr ich Rolltreppe, alternativ wäre auch noch ein Shuttle-Service mit dem Bus möglich gewesen. Aber zum Gleis gab es keine Rolltreppe. Also wäre eine Möglichkeit, mit einem anderen Aufzug auf ein Bedarfsgleis zu fahren, dort die Notrufsäule zu betätigen und nett zu fragen, ob sie die nächste S-Bahn durch das Bedarfsgleis umleiten. Was in aller Regel klappt. Oder eben: In 5 Minuten würde auch ein Regionalexpress zum Hauptbahnhof fahren. Bingo.

Ich fuhr also mit einem Aufzug zum Fernbahngleis, positionierte mich dort, wo der Wagen 5 zum Halten kommen würde, der Zug kam, die Tür ging auf, in den Doppelstockwagen komme ich ohne Hilfe rein (geht etwa 15 Zentimeter nach unten) - nur eben nicht wieder raus. Die Fahrt zum Hauptbahnhof dauert 11 Minuten, als die Ansage "Wir erreichen in Kürze Hamburg Hauptbahnhof" fertig war, drückte ich auf die Klingel. Im ganzen Zug ertönt daraufhin aus allen Lautsprechern ein "Ding Dong", die Zugbleiter wissen dadurch, dass ein Rollstuhlfahrer Hilfe beim Aussteigen braucht. Vorsichtshalber machte ich das in den nächsten drei Minuten bis zum Anhalten des Zuges noch weitere drei Mal.

Im Hamburger Hauptbahnhof stiegen alle Fahrgäste aus, und da der Zug sofort danach nach Schwerin zurückfährt, stiegen auch die nächsten Leute wieder ein. Von einem Zugbegleiter weit und breit keine Spur. Zum fünften und sechsten Mal klingelte ich. Dann stellte ich mich in die geöffnete Tür, kippelte mich an die auch hier 15 Zentimeter hohe Bahnsteigkante an und blockierte damit die Lichtschranke für die Tür. Irgendwann, spätestens bei Abfahrt des Zuges, würde wohl jemand kommen. Mit offener Tür kann der Zug ja nicht abfahren.

Irgendwann boten mir dann vier Reisende an, mich rauszuheben. Als ich an Wagen 3 vorbei rollte, stand dort die Zugbegleiterin und quatschte mit einer Bekannten. Ich fragte sie: "Entschuldigung, hatten Sie mich nicht gehört oder haben Sie gerade keine Zeit?" - "Ich hab Sie gar nicht gehört!" - "Ja, ich hatte jetzt sechs Mal geklingelt." - "Ja, wissen Sie, Sie waren ja auch gar nicht angemeldet. Sie müssen sich vorher anmelden." - "Das ging leider nicht, es war ja spontan. Zur S-Bahn funktionierte der Aufzug nicht in Bergedorf." - "Ja, nur da kann ich dann auch nichts tun. Wer alleine rein kommt, muss auch alleine wieder rauskommen. Und schließlich sind da ja auch noch zwei Lokführer, die hätten Ihnen ja auch helfen können."

Ich prägte mir den Namen ein, der auf dem Schild an ihrer Weste stand, setzte wiederum mein freundlichstes Lächeln auf und rollte davon. Ich. Will. Mein. Auto. Haben. Immerhin erwischte ich draußen einen Schnellbus, der mich fast bis zur Haustür brachte. Zu Hause angekommen feuerte ich meine Sachen in die Ecke, kurz was essen, aufs Klo, umziehen, wieder los zum Schwimmtraining. Früher war das Schwimmtraining in der Nähe meiner Wohnung, seit ich umgezogen bin, fahre ich ein paar Minuten länger. Und mit öffentlichen Verkehrsmitteln eben noch länger.

Das Problem ist: Der direkte Bus zum Hauptbahnhof fährt nur alle 60 Minuten. Die nächste S-Bahn-Station ist 2 Kilometer entfernt, aber nicht barrierefrei. Die nächste U-Bahn-Station ist 1 Kilometer entfernt, aber ebenfalls nicht barrierefrei. Es gäbe noch eine weitere U-Bahn-Station in 2 Kilometer Entfernung, die barrierefrei ist. Die Alternative ist ein Bus, der etwa 800 Meter von meiner Wohnung entfernt abfährt und mich in 13 Minuten zu einer barrierefreien S-Bahn-Station bringt.

Meistens entscheide ich mich für den Bus. Bis zur Schwimmhalle fahre ich laut Fahrplan mit Umsteigen 38 Minuten. Das ist eigentlich genug Zeit, um nicht auf die Toilette zu müssen. Nachdem ich gerade zu Hause auf dem Klo war und demnach die nächsten 2 Stunden wohl nicht wieder dorthin müsste, entschied ich mich, zu Hause bereits meine Schwimmsachen unterzuziehen und nur eine Sporthose und eine Kapuzenjacke anzuziehen, vorsichtshalber aber eine Hose zum Wechseln einzupacken. Gerade für so überschaubare Wege versuche ich zunehmend, auf Pampers zu verzichten. Vor einem Jahr habe ich das nur für absolute Kurzstrecken (zu Fuß von der Wohnung zur Schwimmhalle, 15 Minuten) gemacht, inzwischen bin ich etwas mutiger und es hatte auch immer geklappt.

Anhand der Vorgeschichte und anhand der Einleitung lässt sich aber bereits erahnen, dass einige Leser heute mal wieder voll auf ihre Kosten kommen werden. Wer sich ekelt, sollte auf das Scrollen vorbereitet sein.

Ich entschied mich für den Bus, rollte dorthin, und bei meinem Glück fuhr dieser heute vier Minuten zu früh ab. Er kam mir an der Ampel so gut wie völlig leer entgegen. Ich dachte noch, eventuell wäre das der vorherige Bus mit 11 Minuten Verspätung - nein. Der nächste Bus war so derbe voll, dass ich nicht mitfahren konnte. Es standen bereits fünf Kinderwagen drin und die Leute mussten den Po einziehen, damit die Tür schließen konnte. Der Fahrer sagte: "Tut mir Leid, ich kann Sie nicht mehr mitnehmen." - "Sind Sie eigentlich fünf oder zwanzig Minuten zu spät?" - "Nee, nur fünf. Das liegt daran, dass es so voll ist." - "Alles klar." - Also war der Bus davor doch früher abgefahren.

Der nächste Bus war ebenfalls überfüllt. Inzwischen stand ich nun fünfunddreißig Minuten an der Haltestelle. Immerhin kam acht Minuten später der nächste Bus und nahm mich mit. Nach 13 Minuten war ich am S-Bahnhof, doch da war leider der Aufzug defekt. Der vierte an diesem Tag. Also rollte ich rund anderthalb Kilometer zur nächsten U-Bahn-Haltestelle und fuhr von dort mit der U-Bahn bis zum Hauptbahnhof. Inzwischen war ich 90 Minuten unterwegs. Eigentlich war ich bereits vor einer Dreiviertelstunde mit Marie verabredet, wir wollten noch eine Kleinigkeit essen, aber das musste nun ausfallen, weil der Trainingsbeginn immer näher rückte. Marie empfing mich am Aufzug zur U1, umarmte mich. "Was war denn bei dir für ein Zirkus?", fragte sie mich. - "Hör bloß auf. Lauter überfüllte Busse, nur defekte Aufzüge und ich müsste demnächst mal zum Klo. Ich hab nix drunter." - "Oh. Ähm, das Klo im Bahnhof ist versifft, da war ich gerade und bin rückwärts wieder raus, wollen wir es bei der Bahnhofsmission versuchen? Oder schaffst du es noch eine halbe Stunde bis zur Schwimmhalle?" - "Naja, eigentlich ja, aber vielleicht wird es grenzwertig. Zwei Stunden..." - "Okay, nicht lange rumtrödeln, die nächste Bahn ist unsere."

In der Tat klappte das alles, alle Aufzüge funktionierten, die Bahn kam sofort, pünktlich zum Trainingsbeginn waren wir in dem Vorraum zur Schwimmhalle. Nadine begrüßte uns mit: "Moin, Schwimmen fällt aus." - "Nadine! Ich habe gerade keinen Sinn für solche Witze." - "Ist kein Witz. Schwimmen fällt aus." - "Und warum?" - "Weil unser Umkleidebereich gesperrt ist." - "Ich denke, wir haben jetzt hier Training!" - "Ja, Tatjana hat vergessen, das anzumelden. Entsprechend ist der Bereich geschlossen und wird gereinigt. Die Behinderten-Umkleide samt WC gehören ja bekanntlich dazu. Ergo: Angenehme Heimreise." - "Das glaube ich jetzt nicht." - "Ist aber so. Tatjana hat den Termin nicht umgelegt, normalerweise wären wir ja gestern dran gewesen und in der anderen Halle. Nur da war ja auch gesperrt." - "Aber dass der Termin verlegt wird, ist doch schon seit Wochen bekannt." - "Ja, bringt nur nichts, sich jetzt aufzuregen, Tatjana hat es verpeilt, hat nicht Bescheid gesagt, kann vorkommen. Sie macht es ja nicht mit Absicht und ist auch umsonst hergekommen. Und hat sich auch schon zwanzig Mal entschuldigt."

Konnte das sein? Ich bin seit Stunden unterwegs und nichts funktioniert? Marie fuhr ohne ein Wort nach draußen. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich setzte mein freundlichstes Lächeln auf. Als Marie draußen war, winkte sie mir zu. Ich fuhr hinterher. "Was machen wir denn jetzt? Weißt du, wo das nächste öffentliche Klo ist?" - "Reeperbahn sind welche, ansonsten in Altona am Bahnhof oder am Dammtor. Andere kenne ich nicht." - "Das kann doch jetzt alles hier nicht sein. So ein Scheißtag. Das fing heute morgen mit der Vorlesung an, meine Psychologin war auch nicht da, und jetzt noch das. Den ganzen Tag nur rumgegurkt für nichts und wieder nichts."

Marie rollte auf mich zu, nahm mich in den Arm, zog mich zu sich ran, gab mir einen Kuss auf die Wange und sagte: "Und ich hab dich trotzdem lieb. Ich würde vorschlagen, wir lassen uns jetzt nicht die Laune verderben, sondern machen uns einen extragenialen Saunaabend bei uns im Garten. Ich rufe jetzt meine Muddi an, die soll da einheizen und dann fragen wir Jana, die neulich schon Feuer und Flamme war, als wir erzählt haben, dass wir eine Sauna im Garten haben, und dann lassen wir uns so richtig verwöhnen. Lassen uns ein paar Drinks an den Pool bringen und bestellen uns eine Pizza und dann schläfst du bei mir und Jana meinetwegen auch, wenn sie will, und morgen früh sieht die Welt schon wieder anders aus."

"Das ist alles total nett, aber ich will jetzt als allererstes aufs Klo." - "Ja, machen wir auf dem Weg. Wir steigen in Altona nochmal aus, das ist nur eine Station, dann gehst du da aufs Klo und dann fahren wir mit der nächsten Bahn weiter. Und wenn es bis dahin zu spät ist, kriegst du zu Hause von mir eine trockene Hose. Abgemacht? Abgemacht. So, keine Widerrede jetzt, Abfahrt."

Auf dem Weg zur Bahn mussten wir an einer roten Ampel warten. Marie nutzte die Minute, um ihre Mutter anzurufen. Die hatte nichts gegen einen Saunaabend, sie wolle nur früh schlafen gehen und wenn wir nicht so laut wären, sei alles okay. An der nächsten Ampel riefen wir Jana an, die zögerte zwar erst, aber Marie kann ja sehr direkt sein: "Raff dich auf, die Sauna ist schon warm ... Letzte Woche wolltest du doch unbedingt ... Was? Du kannst bei mir schlafen ... Ja, bis gleich. Tschau."

Im Aufzug nutzte ich die Gunst der unbeobachteten halben Minute, um einmal zu fühlen, ob noch alles im grünen Bereich ist. Marie sah das natürlich und fragte: "Und? Alles noch da, wo es hingehört?" - "Ich würde mal sagen: 90% davon." - "Igitt." - "Jaja, lass uns mal bitte mit der S 31 fahren, die hat den niedrigeren Einstieg." - "Die andere fährt auch nicht über Altona." - "Ach ja." - "Sei froh, dass deine Hose schwarz ist, dann sieht man wenigstens nichts." - "Mir reicht schon, wenn das einer riecht." - "Das riecht keiner."

Drei Minuten später fuhr die S 31 ein. Marie rollte los. Ich wollte auch, aber ... - "Marie! Warte mal bitte." - "Das ist unsere Bahn!" - "Warte mal bitte!" - "Was hast ... oh. Ja. Ähm." - Marie grinste breit, tat so, als müsste sie irgendetwas moderieren, nahm ihr Smartphone wie ein Mikro in die Hand und laberte los: "Und immer nett lächeln dabei, ja? Es gibt keinen Grund, die Behinderte da anzustarren. Schauen Sie lieber auf den rosa Elefanten, der da hinten am Horizont fliegt. Ist das ein Heißluftballon? Nein, meine Damen und Herren, es ist der Freund von der strickenden Kuh aus dem dritten Baum von links!" - "Och, Marie, sabbel nicht son dummes Zeug." - Es war zwar niemand in unmittelbarer Nähe und sie redete auch nur ganz leise, aber die Situation, in der ich leckerklecker auf dem Bahnsteig einen See hinterließ, war schon ätzend genug, das musste nicht noch kommentiert werden.

Sie rollte direkt neben mich, umarmte mich, sagte: "Schön machst du das. Ich bin so stolz auf dich." Und gab mir schon wieder einen Kuss auf die Wange. - "Was knutschst du mich denn heute in einer Tour?", fragte ich sie. Sie antwortete: "Ich hab dich lieb! Hab ich dir vorhin schon gesagt!" - "Ich bin irritiert." - "Macht nichts, ich hab dich trotzdem lieb. So wie sie dich heute alle schon geärgert haben, brauchst du auch mal jemanden, der dich lieb hat." - "Das ist so süß von dir." - "Eigentlich können wir ja jetzt direkt nach Hause fahren, oder? Klogang hat sich doch erledigt." - "Ich fühl mich so bäh."

Als wir bei Marie zu Hause ankamen, bog zeitgleich Jana um die Ecke. Das passte ja. "Wir fahren gleich in den Garten, nicht erst ins Haus. Jule fühlt sich so bäh." - "Oh. Ih." - "Genau. Kommst du mit?" - Im Garten trafen wir Maries Mutter, die damit beschäftigt war, gefühlte zwei Dutzend Windlichter rund um den Pool aufzustellen und anzuzünden. Es war zwar noch nicht richtig dunkel, aber es sah jetzt schon toll aus. Der Pool war innen beleuchtet, die Sauna auch, der Rest des Gartens war dunkel.

"Jule setzt sich am besten gleich unter die Dusche und zieht sich da aus", befand Marie. Die Mutter kam dazu: "Hallo. Was ist mit Jule?" - "Jule zieht sich gleich unter der Dusche aus. Kleines Malheur." - "Oh", sagte sie, während ich mich von meinem Rollstuhl auf einen an der Wand befestigten Plastiksitz umsetzte und meinen noch trockenen Kapuzenpullover auf einen großen Stein warf. "Soll ich deine Sachen in die Waschmaschine tun?", fragte die Mutter weiter.

"Nö", sagte Marie, rollte zu mir, drehte die Dusche auf und krähte lachend: "Sie duscht gleich mit ihren Sachen." - Scheiße, war das Wasser kalt. Ich erwischte Marie mit einer Hand und zog sie mit ihrem Kopf mit unter den Wasserstrahl. "Mein Handy!", rief sie, griff mit einer Hand auf ihren Schoß und warf Jana, die unbeteiligt daneben stand, ihr Schlüsselbund und ihr Handy zu. Maries Mutter stand daneben und meinte: "Sag mal, euch sticht der Hafer, oder?"

Bei dem kleinen Ringkampf gelang es mir, Marie aus ihrem Stuhl zu ziehen, so dass dieser nach hinten wegrollte und Marie vor mir auf der Erde saß. Gackernd wie ein Huhn. Dann gelang es ihr, mich von dem rutschigen Duschsitz herunter zu ziehen, so dass ich auf sie drauf fiel und wir beide auf den Fliesen saßen. Mir war das eher peinlich, aber die Mutter schüttelte grinsend den Kopf und meinte zu Jana: "Wie im Kindergarten. Ich lass euch lieber mal alleine. Ich habe euch Gläser und Wasser dahinten hingestellt. Und seid bitte nachher nicht so laut. Ich möchte nicht, dass sich die Nachbarn beschweren und ich will auch früh ins Bett, okay?"

Okay. "Jana, fass mal mit an. Ich kriege Jule alleine nicht in den Pool geworfen." Oh nein. Jana und Marie zogen mich auf dem Rücken liegend über die nassen Fliesen in Richtung Pool. Jeder hatte eine Hand, beide ließen mich nicht mehr los. Jana saß im Rolli, Marie krabbelte auf der Erde rum (so eine angeborene Querschnittlähmung ist ja meistens inkomplett und sehr niedrig, insofern sind diese Spifis meistens sehr beweglich) und ehe ich lange nachdenken konnte, war ich im Pool, mit dem Kopf zuerst. Mit Badeanzug, bereits geduschter Sporthose, Socken und einem Schuh. Marie schob sich ihre geduschte Jeans über die Beine, warf ihre Schuhe durch den halben Garten und ließ sich hinterher plumpsen. "Mit Jeans geht nicht, weil da metallische Knöpfe dran sind. Das verträgt sich nicht mit der Chemie im Pool, die werden dann grün. Jana, wo bleibst du, komm ins Wasser, das ist herrlich!"

"Ich muss noch mein Korsett ausziehen. Und duschen wollte ich vorher wenigstens auch nochmal." - "Sieh zu, dass du fertig wirst." - Jana zog sich aus, schmiss ihre Sachen an die Seite, duschte und fragte dann: "Wollten wir nicht auch in die Sauna?" - "Ja, wieso?" - "Baden wir nackt?" - "Wir noch nicht, du ja." - "Alles klar." - Marie fing an, mich im Pool auszuziehen. Schnappte sich meine Hose und tauchte so um mich herum, dass ihr das im zweiten Anlauf gelang.

Ich kürze das an dieser Stelle mal ab, der Beitrag ist schon lang genug: Es war ein sehr lustiger Abend, es wurde auch ziemlich schnell ruhiger, wir hatten insgesamt drei wunderbare Saunagänge, eine geniale Atmosphäre in dem dunklen Garten und dem warmen Pool - und lagen um eins völlig fertig, genudelt und zufrieden zu dritt in Maries übergroßem Bett, kreuz und quer mit mindestens sechs Kissen, dafür aber nur zwei Decken, und haben vor uns hin geschnarcht.

Kommentare :

Sally hat gesagt…

Klingt ebenso bekloppt wie spaßig. :D

Sally hat gesagt…

(zumindest der zweite Teil. :) )

Frank hat gesagt…

Diesen Affenzirkus würde ich nicht mitmachen,
dein Wagen wurde ohne eigene Schuld geschrottet,also müsste dir eigentlich ein Leihwagen zur Verfügung stehen
und zwar auf Kosten der Gegenseite,das ist in deinem Fall nicht möglich,
somit würde ich ein Taxi nehmen.

Finde es ja schön das du Rücksicht nehmen willst,
aber bei all dem Stress der noch in der Uni auf dich zukommt,solltest du mehr an dich denken.

Sollte die Versicherung nicht zahlen wollen,
dann könntest du dir diesen "Luxus" selber gönnen
oder willst du ernsthaft dieses Theater noch 3-4 Monate weiter so haben.

Anonym hat gesagt…

Was bin ich froh, dass ich Treppen steigen kann und meine Blase unter Kontrolle habe - fällt mir zum ersten Mal im Leben so deutlich auf.

Rosa hat gesagt…

Nach dem Tag hast du dir den Abend aber wirklich verdient.

Seemädel hat gesagt…

Hallo Jule,

ich bin vor kurzem durch Rehakids auf deinen Blog gestoßen - und hab ihn erstmal durchlesen müssen, konnte nicht mehr aufhören... toll geschrieben!
Oft hab ich den Kopf geschüttelt über Ämter (kommt beim Lesen bei rehakids auch öfter vor), Eltern, die Crash-Oma und sonstige nette Mitmenschen.
Echt unglaublich, was manche Leute und auch Unternehmen bzw. deren Mitarbeiter sich herausnehmen. Wahrscheinlich sehen sie es so wie deine Verwandtschaft - ab ins Zimmer zuhause oder ins Heim, Ausgang maximal einmal in der Woche als Gruppe in den nächsten Park, dann kann sich auch schonmal kein Rollstuhlfahrer über defekte Aufzüge beschweren oder verlangen, auch mitfahren zu dürfen...

So ein Tag wie deiner heute ist ja schon für mich als Nicht-Rollstuhlfahrerin ätzend, aber ohne Auto und mit ÖPNV... bäh.
Schön, dass der Tag wenigstens noch zu einem positiven Abschluss kam - deine Freunde klingen echt toll :-)

LG vom
Seemädel

Anonym hat gesagt…

Schade. Ich hätte noch 30 Absätze weiter lesen können. Euer Humor gefällt mir. Die strickende Kuh aus Baum 3 - herrlich. Macht weiter so.

Anonym hat gesagt…

Hey Mädel, was für eine blöde Situation mit der fehlenden Kontrolle. Klasse aber, dass alle anderen da so cool reagiert haben.

Anonym hat gesagt…

Die Sekretärin ist unmöglich, die Zugbegleiterin auch und eure Trainerin hätte auch ein wenig besser planen können.

Aber du hast den Unfall mit der Blase auch provoziert. Binde dir eine Pampers um, dann passiert so eine Sauerei auch nicht.

Nobody hat gesagt…

Herrlicher Betrag. Etwas kurz, du schreibst so herzlich. Ich bin aus dem Ärgern und dann lachen nicht mehr raus gekommen. Toll wie ihr das so locker nehmt. "Dann hat sich das auf Klo gehen jetzt ja erledigt." Was waren das noch Zeiten als für dich im T Laden die Welt deswegen zusammen gebrochen ist. Tolle Entwicklung bin stolz auf dich.

Was lernst du daraus? Bei jedem Termin vorher nachfragen ob er Termin auch wirklich gilt und zudem sobald man den Weg nicht zu "Fuss" erreichen kann lieber doch eine Windel auf die Öffis ist in dieser Hinsicht immer verlass.

Neues Auto anschaffen wäre auch mal eine Überlegung das Geld von der Versicherung bekommst du doch bei Totalschaden eh. Zudem kannst du dich dann wieder über die überfüllten Parkplätze und halsbrecherischen Autofahrer aufregen.

Anonym hat gesagt…

@ Anonym "Aber du hast den Unfall mit der Blase auch provoziert. Binde dir eine Pampers um, dann passiert so eine Sauerei auch nicht."

Hm ich finde nicht das das provoziert war... soll sie denn immer mit einkalkulieren das ihr was dazwischen kommt? Auch ist es keine "Sauerei" wie ich finde sondern maximal eine krankheitsbedingte unschöne Nebenwirkung wenn man so unplanmäßig am Toilettengang gehindert wird. Außerdem ist es wie ich finde verständlich das man nicht 24h etwas gegen einen möglichen "Unfall" tragen möchte, zumal ich mir vorstellen kann das das für die Haut usw. nicht gerade gesund ist...

Liebe Jule,
das klingt ja echt nach nem Tag den man sich bis auf den Abend gut hätte sparen können... klang nach nem Freitag den 13. (zumindest wenn ich abergläubisch wäre ;)...) und schon wieder ist x-mal fremdschämen angesagt was die Sekretärin und die Zugbegleiterin angeht.. unglaublich was es für Menschen gibt....

Den Vorschlag mit dem Taxi hier finde ich hingegen echt gut.... meinst du nicht das geht? Das würde dir einen Haufen Stress und Ärger ersparen...

viele Grüße

*Biene*

Sandra hat gesagt…

@Anonym 27.4. 1:12
Was für ein Quatsch!!!
Normal gibt es ja ein WC beim Schwimmtraining...
Man kann doch nicht von Jule erwarten, ne Widel zu tragen nur weil vielleicht alles schief läuft...
Kannst Du ja auch tun...könnte ja passiere, daß Du im Stau steckst, ein Aufzug stecken bleibt, Du drigend mal mußt...und dann???
Glaub´ mir, es gibt Situationen, da ist kein Klo da...
Also bitte: VORSORGEN!!!
Was...Du hast noch keine Tena an???? Also echt...Du provozierst!!!

Anonym hat gesagt…

@1.12: Ich glaub, du hast was überlesen. Sie macht es normalerweise mit der Pampers. Sollte sie ahnen, dass das Stunden dauert, bis sie zum nächsten Klo kommt?

Anonym hat gesagt…

Mach dir nix draus, Jule, sowas passiert. Nicht jedem, nicht oft, aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Marina hat gesagt…

Na super, da kam ja wieder alles zusammen -.-
aber toll geschrieben, kanns mir bildlich richtig gut vorstellen.. der Saunaabend hoerte sich toll an!

Ich finde nicht, dass sie das provoziert hat. Normal haette die Fahrt nicht so lange gedauert. Jule kennt doch ihren Koerper und kann einschaetzen wie lange sie ohne Klo klar kommt. Und man muss sich ja nicht 'behinderter' machen als man ist ;)
Ich finds gut, dass du versuchst so oft wie moeglich auf die Pampers zu verzichten. Solche Unfaelle gibts eben hin und wieder.
Nicht gerade angenehm, aber es gibt Schlimmeres.

Wolfy hat gesagt…

@Frank:

Naja - das teuerste müsste ja der Rolli-Umbau sein, oder? So einfach wuppt man den - neben einem Auto - bestimmt nicht. ;) Und Leihautos sind eben wegen des Umbaus nicht möglich. Mir wäre jetzt zumindest nicht bekannt, dass Werkstädte und Mietwagenleute Rolliumbauwagen anbieten. ;)

@27. April 2012 01:12

...
Papmpers sind ein schönes Hilfsmittel - aber wenn du den ganzen Tag pampers tragen müsstest, wärst du dann nicht froh, wenn du auch mal ohne kannst?
Als Angstmensch kann ich sie jedenfalls verstehen. Wenn ich mir vor Panik fast in die Hose mache, meide ich die Situation trotzdem nicht. Oder versuche das zumindest.

@Jule:

manchmal ist eben alles verhext. Ich wünsche dir viel Glück bei der Beschwerde über die Sekretärin - zur Not aber nicht warten, denn Termine absagen gehört zu ihren Job. Ich nehme mal an, dass das Krankenhaus ihre Patienten eh in einem Datensystem verwaltet und ein Nummernsystem zur Findung verwendet (wäre zumindest der übliche Weg). Da müssten auch deine Nummer stehen.
Und der Kalender sollte immer so geführt werden, damit man den richtigen Patienten finden kann. Im besten Fall ist der Kalender im System die Wahl - da muss man die Einträge dann nur anklicken und hat die richtigen Leute.

Aber manche Menschen sind eben faul. *Kopf schüttel*

Anonym hat gesagt…

Den letzten Abschnitt des Kommentars von anonyp am 27.04 um 01:12 finde ich fast unverschämt.

Natürlich ist Jule diesen Unfall wie Sie es nennen provoziert. Aber möchten Sie mit einer Pampers rumlaufen, wenn diese Strecke im Normalfall gut gehen würde?

Anonym hat gesagt…

Was für ein ätzender Tag! Aber mal ehrlich, Jule - dir geht es finanziell nicht schlecht. Warum tust du dir das an? Manchmal wäre ein Taxi doch tatsächlich angebracht. Muss ja nicht jeden Tag sein. Aber den Stress würde ich mir ersparen, wenn ich die Möglichkeiten hätte.

Anonym hat gesagt…

Ob die Sekretärin deiner Psychologin wohl immer noch glaubt Zeit zu sparen, wenn du sie tatsächlich vor jedem einzelnen Termin nochmal anrufst?
Und was wenn alle Patienten das so machen?

Jens Bonn hat gesagt…

Na, wenn man Dir mangelnde Eigenintiative bei der Psychologin vorwirft - dann ruf doch mal zu Abwechslung täglich da an ob Dein nächster Termin noch steht.

Vielleicht hast Du dann ja jedesmal auch noch zwei drei "dumme" Fragen, die Du der stellen kannst.

die_Uli hat gesagt…

Liebe Jule,
nachdem ich letztes Jahr per Zufall auf deinen Blog gestoßen bin und ihn mit Interesse lese und viel daraus lerne, habe ich schon einige Male Ideen für manche deiner Probleme gehabt. Bin nun einmal Fußgängerin, habe aber zumindest einige Bekannte im Rolli oder mit Gehbehinderung und kenne daher einige der Probleme, mit denen du dich tagtäglich herum ärgerst.
Auch bin ich begeisterte Fahrradschrauberin und habe deshalb manchmal auch Rolli-Tuning-Ideen.

Das vorweg, falls meine Ideen (die ich vielleicht an der einen oder anderen Stelle mal einbringen werde) für dich absurd oder unrealistisch sind, dann ignoriere sie einfach oder erkläre kurz, warum das für dich nicht geht.

Nun aber konkret: schon ein paar mal habe ich bei deinen Inkontinenz-/Kein-Klo-erreichbar-Problemen und auch der Geschichte mit Maria im Kino an folgendes gedacht: Es gibt z.B. bei Globetrotter (Riesen Outdoor-Kaufhaus in Hamburg das meiner Ansicht nach auch für eine sportliche Rollifahrerin einiges zu bieten hat) Pinkeltrichter für Männer und Frauen, tw. mit angeschlossenem Beutel, der dann separat entleert werden kann. Das Ding ist leicht zu reinigen.

Damit können Fußgängerinnen im Stehen pinkeln (auch mit Hose, funktioniert tatsächlich - habe so ein Teil fürs Klettern, weil ich auch manchmal mit Klettergurt gesichert auf Bäumen übernachte), sie sind aber angeblich auch für Rollifahrerinnen geeignet.

Nun weiß ich natürlich nicht, ob das für dich machbar ist und du brauchst ja immer noch eine einigermaßen ungestörte Ecke. Andererseits ist eine solche vielleicht leichter zu finden als ein sauberes Rolli-Klo. Bzw. es könnte dann auch in einem völlig verdreckten Rolliklo benutzt werden, weil du dann immerhin diesen Raum samt Entsorgungsmöglichkeit als Rückzugsraum nutzen kannst.

Das Ding von Globetrotter heißt "Whiz Freedom mit Relief Bag" und kostet 25 Euros.Ob das Geld den Versuch wert ist, musst du selber wissen (ich habe das Teil mal als Gag geschenkt bekommen).

Gruß, Uli

PS: Angesichts der unvermeidlichen Reaktionen auf Inkontinenz-geschichten, finde ich es ganz schön mutig von dir, diese immer noch zu berichten. Mir haben diese Berichte aber geholfen, mir einen Aspekt von Behinderungen und insbesondere Querschnittslähmung zu erschließen, den ich bislang auch eher ignoriert habe.

Leider scheint es - ja von den Fetischsten abgesehen - die meisten Leute schon bei der Vorstellung vor Ekel zu schütteln, das mal etwas Urin daneben geht.

Ich habe da glaube ich tatsächlich einen ganz pragmatischen Umgang, ich finde es nicht lecker, aber auch nicht besonders eklig (zumindest nicht, bevor es stinkt, aber das passiert ja gar nicht so schnell). Unfälle sind Unfälle und werden eben so schnell wie möglich beseitigt (habe mal im Kletterwald gearbeitet, da gibt es gelegentlich Unfälle bei Kindern). Diese Gelassenheit würde ich mir von mehr Menschen wünschen, denn es würde denjenigen das Leben erleichtern, für die Inkontinenz ein Teil ihres Lebens ist.

Der Philosoph Norbert Elias hat sich übrigens unter anderem mit der Veränderung von Schamgrenzen und Ekelgefühlen beschäftigt - in früheren Zeiten waren andere Dinge normal.

Jule hat gesagt…

@Uli: Es gibt das nicht nur diese eine Firma, sondern es gibt diese Pinkelhilfen von verschiedenen Herstellern, teilweise auch als Pappe etc. Das Problem ist, dass ich nicht stehen kann. Das hieße, ich müsste das im Sitzen machen und dazu die Hose dann doch ganz über den Po runterziehen.

Und dann bräuchte ich keine solche Pinkelhilfe, dann könnte ich mich auf die vordere Kante der Sitzfläche setzen und auf den Boden pinkeln. Irgendwo im Gebüsch oder so.

Aber versuch mal, als Rollifahrerin irgendwo im Gebüsch oder ähnliches zu verschwinden. Du bleibst an der ersten Baumwurzel hängen oder es kommen Leute hinter dir her und fragen, ob du Hilfe brauchst. Selbst wenn man sich irgendwo ins Gras setzt, um mit Freunden zusammen ein Kartenspiel zu spielen, kommen schon Leute angelaufen und fragen, ob der leere Rolli seine Ordnung hätte.

Der blödeste Moment ist, wenn es wirklich passiert und die Sauerei hinten aus dem Rolli auf die Erde kleckert. Wenn der Moment vorbei ist, ist das schlimmste überstanden, denn im Sitzen sieht man ja nicht viel, vor allem bei Frauen.

Danke für den Tipp, aber ich glaube, es würde mir nicht weiterhelfen, denn es liegt in erster Linie an der fehlenden Rückzugsmöglichkeit.

die_Uli hat gesagt…

Moin Jule,
ich habe mir schon gedacht, dass du oder deine Rolli-Community diese Pinkeldinger kennen und schon verworfen haben - deswegen habe ich auch lange überlegt, ob ich das überhaupt poste. Das es mehrere Varianten gibt, weiß ich (habe auch ne andere), aber es gibt nicht viele mit angeschlossenem Beutel. Na egal, ob die im Sitzen benutzbar sind, habe ich noch nicht ausprobiert und mit Hose geht es generell auch nur, wenn die nicht so knackeng ist. Und das der typische Aktivrolli nicht so richtig off-road-tauglich ist, war mir schon klar. War halt die Frage, ob sich möglicherweise doch ne Ecke findet, die nicht sofort einsehbar ist.

Nerven dich solche untauglichen Vorschläge oder Fragen eigentlich sehr?

Ansonsten finde ich es schon deprimierend, wie viele Barrieren im Jahr 2012 in der zweitgrößten Stadt eines der reichsten Länder der Erde immer noch die gleichberechtigte Nutzung des öffentlichen Raums verhindern. Denn gleichberechtigt würde jaheißen: es gibt überall dort, wo es öffentliche Toiletten gibt, auch eine barrierefreie und der Nahverkehr ist zugänglich bzw. bei Problemen wie defekten Fahrstühlen, Streckensperrungen etc. wird eingeplant, dass auch Menschen die Bahn nutzen, die keine Treppen steigen können.

Nun wünsche ich dir sehr, dass du bald dein neues Auto bekommst, aber leider gibt es ja viele Menschen mit Behinderungen, die sich kein Auto leisten können oder behinderungsbedingt nicht fahren können und gezwungen sind, sich diesem Chaos tagtäglich auszuliefern.

Zumindest manche Dinge sind in einigen Ländern wesentlich besser - sowohl in Schweden als auch in GB ist die Barrierefreiheit bei öffentlichen Gebäuden und Toiletten wesentlich höher als hier. Selbst in abgelegenen Kleinstädten, Parkplätzen und Provinzbahnhöfen sind barrierefreie Toiletten selbstverständlich, auch Gaststätten und Arbeitsplätze etc. müssen zunehmend barrierefrei gestaltet sein. Zum Verkehr und Wohnen kann ich nichts sagen. In beiden Ländern gibt es aber auch entsprechend strenge Bauvorschriften und Gesetze. Davon ist Deutschland wohl weit entfernt - bislang kommt Barrierefreiheit im gesamten Architekturstudium nicht vor. Und es ist ja nicht nur eine Geldfrage (in der Elbphilamonie werden ja auch zig Millionen versenkt), sondern eine Frage von Wissen und Wollen.

Na ja, lass dich nicht zu sehr stressen oder gar verbittern, vielleicht kommt ja jetzt wenigstens endlich der Frühling.
Schön, dass zumindest dein Studium Spaß macht und du so tolle FreundInnen wie Marie hast.

Jule hat gesagt…

@die_Uli:

Nein, mich nerven solche Vorschläge im allgemeinen nicht, im Gegenteil. Manchmal komme ich dadurch auf Ideen, auf die ich ohne den Vorschlag nicht gekommen wäre. Und sei es, dass die Idee weitere Überlegungen anstößt und Gedanken in eine andere Richtung lenkt.

Und selbst jene Vorschläge, die überhaupt nicht brauchbar sind, warum auch immer, geben mir ein eindeutiges Feedback darüber, wie ich (meine Bedürfnisse, meine Wünsche, meine Ängste, meine Gefühle, ...) als einzelner Mensch oder als Teil einer Randgruppe von anderen Menschen wahrgenommen werde.

Ich möchte, was die Barrierefreiheit in öffentlichen Gebäuden etc. angeht, nicht schimpfen. Es passiert sehr viel, es wäre ein falsches Signal, das missmutig zu übersehen. Aber andererseits darf man natürlich niemals aufhören, auf Missstände hinzuweisen. Was die Bauvorschriften angeht, gibt es ja auch in Deutschland recht eindeutige Bestimmungen. Problematisch wird es beispielsweise, wenn diese mit großzügig verteilten Ausnahmegenehmigungen wieder ausgehebelt werden. Aber dazu schreibe ich sicherlich demnächst nochmal was. :)

Nochmals vielen Dank!

die_Uli hat gesagt…

Hallo Jule,
du hast schon recht, dass sich in puncto Barrierefreiheit einiges tut (ich habe mir auch schon Geschichten von Reisen im unbeheizten, fensterlosen Gepäckwaggon erzählen lassen, das war ja in den 80ern noch die Standardbeförderung bei der Bahn für Rollifahrer). Auch dauert es nun einmal selbst bei gutem Willen, bis alle alten Bahnstationen umgebaut sind. Auch wenn alte ehrwürdige Gebäude mit großen Freitreppen den nachgerüsteten Fahrstuhl in einen Seiteneingang verbannen, finde ich das nachvollziehbar.

Ich habe aber den Verdacht, dass etwas ganz grundlegendes fehlt und dass da Länder wie Skandinavien und Großbritannien weiter sind: nämlich das Immer-schon-mit-denken, dass nicht alle Menschen die gleichen Voraussetzungen haben: wenn also sich Architekten eigentlich keine Ahnung von barrierefreiem Bauen haben, sondern nur die Vorschriften zähneknirschend anwenden und dann auch bei Neubauten irgendwo ein versteckter Extraeingang eingebaut wird oder eben große Umwege nötig sind. Da kennen meine Bekannten einige Beispiele - das Gebäude ist dann zwar formell barrierefrei aber dennoch nur schwer nutzbar.

Oder wenn einfach, wie du es oft beschreibst, bei Ausfällen aller Art gar nicht daran gedacht wird, dass auch Gehbehinderte, RollifahrerInnen und Menschen mit Kinderwagen existieren.

Da habe ich dann immer den Eindruck, dass noch nicht genug angekommen ist, dass Barrierefreiheit kein Almosen sondern ein Grundrecht ist. Zum Glück geht es ja oft auch gut oder Menschen sind hilfsbereit und flexibel, das lässt ja auch hoffen.

Und vielleicht kannst du bei dem hoffentlich anhaltend schönen Wetter ja auch einige kürzere Wege mit wenig Gepäck auch mit dem Handbike zurück legen. Wenn ich lese, dass du für die 10km zur Uni schon planmäßig eine Stunde mit den Öffis brauchst, wäre das Handbike da ja vermutlich sogar schneller oder? Ist natürlich schon eine ordentliche Strecke und Hamburg ist ja auch nicht gerade fahrradfreundlich, aber wenn die Strecke halbwegs ok ist - dann hast du wenigstens schon etwas Sport getrieben, wenn du mal wieder umsonst irgendwo aufschlägst :-).

PS: Wenn dich auch unbrauchbare Vorschläge also nicht nerven, wird ab und an mal was von mir kommen, vielleicht ist ja mal was sinnvolles dabei (ich denke einfach über solche Probleme nach und überlege, ob und wie sie lösbar wären).

Peter hat gesagt…

Hallo Jule,

ich war etwas irritiert als ich von der verschmutzten Toilette gelesen habe.

Bei mir in Bayern ist es so, dass an den meisten öffentlichen Behinderten-WC's ein Hinweis hängt, wo man den Schlüssel bekommt, und dieser Ort ist meist ein Kiosk, Imbiss oder sonstiges Geschäft, welches normal auch an Feiertagen bzw. rund um die Uhr geöffnet hat. Des weiteren glaube ich mal irgendwo gelesen zu haben, dass die Schlösser eben für diese WC-Anlagen europaweit einheitlich sind und im Prinzip jeder Rollstuhlfahrer so einen Schlüssel haben kann. Bin ich da einer Fehlinfo aufgesessen oder stimmt das wirklich?

Gruß in den Norden
Peter

Jule hat gesagt…

Hallo Peter, das stimmt wirklich, allerdings gibt es m.W. keine Verpflichtung, öffentliche Rollitoiletten auch mit so einem Schließzylinder auszurüsten. Es wird dennoch meistens getan.

Was die Toilette im Hamburger Hauptbahnhof angeht, so gibt es hier ein ganz besonderes Problem: Sie gehört zu einer öffentlichen WC-Anlage, für die es Angestellte gibt, die dort reinigen sollen. Alle Besucher dieser Anlage (im Keller) zahlen an einem Drehkreuz 70 oder 80 Cent. Das Behinderten-WC ist nicht im Keller, sondern ebenerdig erreichbar, in einem separaten Raum, und einige Angestellte haben nichts besseres zu tun, als oben die 70 oder 80 Cent abzugreifen und einzelne Leute auf das Behinderten-WC umzuleiten, das sie dann mit ihrem Schlüssel kostenlos öffnen. Ein Schelm, wer denkt, dass diese Angestellten die eingenommenen 70 bis 80 Cent nicht aus der Kitteltasche in die Kasse weiterleiten.

Wie dem auch sei, bei so viel Frequenz und so stark beschäftigtem Reinigungspersonal ist das WC regelmäßig eine Zumutung. Hinzu kommt, dass der Schlüssel auch schwarz gerne verkauft wird, denn so spart sich mancher Bürger, der regelmäßig unterwegs ist, den einen oder anderen Cent an WC-Gebühren. :)

Du siehst, die Welt ist schlecht.

Klaus hat gesagt…

Ein Bus fährt zu früh? Ich dachte, dass Busunternehmen in einer Großstadt wie Hamburg besser organisiert sind. Bei uns in Paderborn (Mini-"Großstadt", 100.000 Ew.) sind die Busse mit einem GPS-Sender ausgestattet. Die Busfahrer sehen am Display genau, ob sie zu früh oder zu spät sind (rote/gelbe und grüne Zeitangabe). Die Zeiten incl. Standort werden an die Zentrale übermittelt, so dass kein Fahrer es mehr wagen wird einfach zu früh abzufahren. Die warten an jeder Haltestelle schön, bis die Zeit im Display grün angezeigt wird. Gerade wenn Busse nur stündlich fahren, darf das eigentlich nie passieren, dass die zu früh abfahren.