Montag, 2. April 2012

Der erste Tag

Semesterbeginn war ja schon vor einigen Wochen, aber heute hatte ich meinen ersten offiziellen Tag. Was soll ich sagen? Ich bin erschlagen.

Erstmal von den ganzen Leuten, die mich beim Aufnahmetest gesehen haben, die mich wegen meines Rollstuhls wiedererkennen, die ich aber nicht wiedererkenne. Schließlich ist es einfacher, sich das Gesicht einer Rollstuhlfahrerin zu merken als über hundert Gesichter der anderen Leute. Entsprechend oft hörte ich heute: "Hey, wir kennen uns! Du warst doch bei dem Test, freut mich, dass du ihn bestanden hast!"

Die meisten Leute habe ich aber noch nie zuvor gesehen und wenn man den Worten des ersten Dozenten Glauben schenken darf, wird bereits im ersten Semester erheblich gesiebt. Mit Marie und mir hatte noch keiner Probleme, allerdings gibt es noch eine junge Frau, die eine andere schwere Behinderung hat und bereits den ersten Eklat für sich beanspruchte.

Plötzlich gab es in einer Ecke des Hörsaals Lärm, alle drehten sich um, ein junger Mann meinte, er müsse sich übergeben. Grund dafür war das Gesicht einer Kommilitonin. Ich wusste nicht, was das sollte, aber der Lärm und das Rumgerenne einzelner Leute störte so sehr, dass es die komplette Aufmerksamkeit diverser Leute auf sich zog. Plötzlich wurde rumgepöbelt, ich schaute Marie an, die schüttelte nur den Kopf und irgendwie hatte ich schon gehofft, ich wäre aus meinem Kindergarten meiner Schule raus - und dann geht das hier genauso los. Mindestens ein Typ machte da hinten einen Zwergenaufstand.

Dann kam die junge Frau nach vorne und bat den sichtlich irritierten Dozenten, was sagen zu dürfen, wenn sie schon den Anlass liefert, die Veranstaltung zu stören. Ähm, ja, sie bekam ein Mikro in die Hand gedrückt und ... was soll ich sagen ... she made my day. Sie sagte, sie heiße Melanie, sei 21 Jahre alt und habe als Jugendliche in dem Betrieb ihrer Eltern ausgeholfen, als ein Kessel explodiert ist und das heiße Wasser darin ihren Körper, vor allem ihr Gesicht verbrüht hat. Nach etlichen Hauttransplantationen wachsen keine Haare mehr auf ihrem Kopf, ihr Gesicht sehe "wirklich schlimm und abrtig" aus. Wenn sie morgens in den Spiegel schaue, fühle sie sich manchmal wie ein Nacktmull. Manchmal aber auch wie ein Mops und Möpse werden ja manchmal auch ein bißchen geliebt... Bevor es nun Spekulationen gäbe, ob in ihren Hautfalten auch Parasiten wachsen würden oder weitere Reaktionen wie der Brechanfall des jungen Mannes kommen, möchte sie die Gunst der Stunde nutzen und dem ersten Mobbingversuch "ihre verkrüppelte Stirn zeigen". Wenn es sein müsse, setze sie sich in die hinterste Ecke, aber wir sollten ihr doch bitte die Chance lassen, das Studium fachlich zu verkacken und nicht schon wegen ihres Aussehens. Sie träume jede Nacht von ihrer Karriere als Nacktmodel, das seien immerhin acht Stunden pro Tag und somit ein Drittel ihres Lebens. Morgens wache sie als Nacktmull auf und habe die anderen zwei Drittel vor sich. Die anderen zwei Drittel reichten aber nicht, um sich zu erschießen - immer wenn es kurz davor sei, bekomme sie wieder den viel versprechenden Anruf von Heidi Klum.

Hut ab. Plötzlich klopften die ersten Leute auf die Tische, etliche standen nach und nach von ihren Stühlen auf. Sowas habe ich noch nicht erlebt. Malanie fragte dann: "Ist noch irgendwo Platz für mich? Dahinten war es irgendwie nicht so toll." - Sie fand ihren Sitzplatz und der Typ, der vorher diese Kotzattacke demonstriert hatte, stand auf, nahm seine Sachen und ging unter einigem Protest der daneben sitzenden Leute nach draußen. Keine Ahnung, ob der nochmal wiederkommt. Was mich ein wenig überrascht hat: Der Dozent hat zu der ganzen Sache gar nichts gesagt, sondern hat danach sofort mit seinem Kram weitergemacht.

Sein Kram: Erfolgreich studieren. Wie man sich organisiert, strukturiert, was erlaubt ist, was nicht, wo man sich welche Hilfe holen kann, was erwartet wird und was nicht. Wobei "was nicht erwartet wird" sich eher schnell abhandeln ließ.

Die Mehrzahl der Leute scheint sehr nett zu sein, alle sind irgendwie noch sehr schüchtern und zurückhaltend, allerdings waren Marie und ich schon mit einer Sechsergruppe einen Kaffee trinken. Und die waren definitiv alle sehr nett.

Morgen geht erstmal das Gerenne und Gehacke los, wer welche Kurse darf und wer wann welche Praktika machen kann. Wir müssen bestimmte Pflichtkurse belegen, zwischen etlichen dürfen wir wählen, das eine oder andere spannende scheint schon im ersten Semester dabei zu sein.

Am tollsten war am Nachmittag die "Einführung in die medizinische Terminologie", die uns noch das ganze Semester hindurch begleitet. Die Einführung. Hinter mir blökt eine los: "Was ist denn das? Einführung verstehe ich ja, aber Termino ... häh?"

Ich freue mich auf morgen!

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Viel Glück und Spaß beim Studium. Es kann zwar manchmal hart sein sämtliche Transkriptionsfaktorem für die DNA Reparatur zu lernen, aber letztendlich macht es richtig Fun.

Kerstin hat gesagt…

Wow, die Reaktion dieser Frau ist echt unglaublich mutig! Da kann man nur klatschen und aufstehen. Respekt.

Viel Spaß und Erfolg beim Studium! Ich komm jetzt ins dritte Semester (bei mir gehts erst in zwei Wochen los) und kenne das leider mit dem Kampf um einen Seminarplatz... Da freut man sich doch sehr, wenn man dann einen Platz bekommt ;)

Frank hat gesagt…

Man kann wohl nur erahnen,was diese Frau schon alles an Demütigungen erfahren hat,wie viel Selbstbewußtsein ist nötig um so auf das geschehene zu reagieren
und wir jammern über 5 Cent beim Benzinpreis.

Anonym hat gesagt…

Oh je, so ein unmögliches Verhalten grade von jemandem, der vermutlich mal mit kranken Menschen arbeiten will... Ich hoffe stark, er überdenkt sein Sozialverhalten, bevor er Kontakt zu Patienten hat.
Mein Respekt gilt deiner Kommilitonin! Und dir wünsche ich wie meine Vorschreiber viel Spaß und Erfolg im Studium!

Anonym hat gesagt…

Wow, Hut ab vor Melanie. Ist ja unglaublich taff.
Dir alles Gute für das Studium. Ich habe eine Bekannte die vor 1,5 Jahren angefangen hat Medizin zu studieren und kann (in etwa) einschätzen wie viel Lernstoff auf einem zukommt. Aber bestimmt auch viel Spaß.
LG
Bea

maike hannah hat gesagt…

Ich wünsch dir viel, viel Freude beim Studieren. :)

Ella hat gesagt…

Schön, dass es nicht nur bei den Juristen solche Sozialtalente gibt.

Viele hat es aber dann nach dem 1. Semester rausgesiebt, weil man die Prüfungen eben nicht besteht, wenn man die zur Verfügung stehende Zeit damit verbringt, seine Kommilitonen anzuglotzen.

Wie kommst Du eigentlich in der Uni-Bibliothek zu Recht? Hier sind die Gänge zwischen den Regalen so schmal, dass nicht mal ein Krückengänger durchpasst. Man müsste also um jedes Buch fragen.

Summasumarum eine ziemlicher Popanz, wenn man 10 / 12 Bücher immer wieder braucht

Nina hat gesagt…

Hallo Jule,

ich wünsche Dir alles, alles Gute für's Studium! Viel Spaß, viele nette Leute, alles, was dazu gehört!

Nina

BigDigger hat gesagt…

Der Spacken erübrigt jeden Kommentar - der spricht für sich.

Aber mal so nebenbei: Du hattest Daniela Katzenberger hinter Dir sitzen? :D

Jule hat gesagt…

Danke!

@BigDigger: Sei schlau, stell dich dumm?

@Ella: Ich hoffe, ich brauche meine Kommilitonen nicht zu oft für die einfachsten Dinge des Lebens. Ich muss gestehen: Ich war noch nicht drinnen. In der Bücherei.

Rosa hat gesagt…

Der da raus ist, braucht auch nicht wiederkommen, mit dem Sozialtalent wird er kein guter Arzt, egal wie gut er fachlich ist.
Zu der Reaktion des Dozenten: gewöhn dich dran, das sind jetzt Wissenschaftler, keine Lehrer mehr, also keine Pädagogen, die meisten kümmern sich nur um ihren Stoff.
Ich wünsch dir auch viel Erfolg bei deinem Studium.

Martina hat gesagt…

Wow... das was Frank gesagt hat, ging mir auch durch den Kopf in Bezug auf deine Kommilitonin...


Dir viel Spaß im Studium! Und was die Bücher angeht: was das angeht, kann man das Büro für Chronisch Kranke und Behinderte sehr gut fragen, mit deren Hilfe dürfte es für dich zum Beispiel möglich sein, dass du dir Bücher länger ausleihst als sonst regulär erlaubt (und nicht jedesmal 2-3 Stunden einfachen Fahrtweg mit Öffis brauchst...) oder dass, wenn du dort (oder im Betty-Hirsch-Raum in der Stabi - da darf man dann auch Bücher anderer Bibliotheken haben und hat Platz, freien Drucker usw) arbeitest, ein Bücherwagen zur Verfügung gestellt wird, auf dem du die Bücher lagern darfst, damit du sie nicht jedesmal neu aus den Regalen suchen musst (und nicht dran kommst, weil zu hoch..). Da hilft Frau Gattermann (macht sies noch?) und ihre Mitarbeiter sehr gut! Aber ich meine mich zu erinnern, dass du den Kontakt zu dem Büro hast (Nimm das in Anspruch! Das Studium ist schon ohne (logistische) Einschränkung eine heftige Herausforderung, und aufgrund der Mobilität von dir nicht einfacher - das ist Nachteilsausgleich!)

Auch müsstest du theoretisch deine Seminare als "Härtefall" vorher wählen dürfen, weil ja sowas wie *von A nach B kommen* deutlich umständlicher ist und sorgfältig geplant werden muss. Ach, was erzähl ich, das weißt du vermutlich eh längst alles ;-)


Also bleibts bei: viel Spaß :)

Martina

Banane hat gesagt…

Hi Jule,

ich wünsche dir viel Erfolg im Stdium!

Und Hut ab vor Melanie!

Gruß
Banane

Krischan hat gesagt…

Normalerweise muss ein Dozent nicht moderieren, die nach den ersten Wochen übrig gebliebenen Kommilitonen werden erstaunlich schnell erwachsen (oder werden erzogen).

Beim Zwicken und Zwacken in Studium und mit den Dozenten nicht die Fachschaftsvertretung, also die selbstorganisierten Studienten vergessen: ihr habt da sicher einen Fachschaftsrat, der gern Mittler und Vermittler spielt (ähnlich wie Anwälte haben die oft einfach Ahnung, wo man etwas schneller wie erreicht).

Olli hat gesagt…

Terminologie - ist das das, wo früher gelehrt wurde, wie man Rezeote und Verordnungen fast unlesbar ausfüllt?
Heute geht das dank Druckern ja zum Glück nicht mehr...
Und Melanie ist wohl auch eine sehr bewundernswerte Frau, genauso wie Jule.