Sonntag, 8. April 2012

Osterhäschen

Die Fremde vor der Tür Teil 2: Es ging hiernach noch munter weiter. Ich hatte sie duschen geschickt, weil sie seit mittags weder ihre Tabletten genommen noch eine Toilette von innen gesehen hatte und entsprechend ... sagen wir mal ... sie roch nicht gerade nach einem Märchenwald. Eine Stunde lang hatte es gedauert, bis sie ihre Klamotten ausgezogen, sich unter die Dusche gesetzt, eingeseift, Haare gewaschen, abgebraust hatte. Und dann kam der Brüller. Sie saß auf dem Duschsitz, nackt, bis zur Brust in ein großes Handtuch eingewickelt und rief nach mir. Als ich um die Ecke guckte, meinte sie: "Kann ich mich irgendwo kathetern?"

"Ähm, wie jetzt. Nach dem Duschen? Warum machst du das denn nicht davor?" - "Ich wollte mich so nass und eklig wie ich war, nirgendwo hinlegen." - "Wieso hinlegen? Kannst du das nicht im Sitzen?" - "Sonst macht das meine Mutter immer im Liegen und ich selbst kann es auch nur im Liegen und nur im Notfall, falls das mal niemand anderes tun kann, haben die Ärzte gesagt."

Ich kriege einen Föhn. "Sag mal, du kannst es alleine und dann lässt du das jemand anderen machen? Warum machst du das denn nicht selbst? Dann bist du doch unabhängig von anderen Leuten. Das ist doch das wichtigste!" - "Naja, schon, aber wie soll ich das machen? So viele Hände habe ich doch gar nicht frei und überhaupt, es ist ja nicht überall ein Bett oder eine Liege." - "Wieso Hände frei? Wovon redest du?" - "Naja, erstmal alles auspacken." - "Was denn auspacken? Du wäscht dir die Hände, setzt dich aufs Klo, spreizt deine Schamlippen, siehst den Harnröhreneingang, nimmst den Katheter aus der sterilen Hülle, steckst das Ding in deine Harnröhre, ohne vorher noch irgendwo anders gegen zu kommen, wartest, bis alles leer ist, ziehst das Ding ganz langsam wieder raus, wartest dabei jedes Mal, sobald wieder ein Tropfen kommt, Hose hoch, spülen, nochmal Hände waschen, fertig. Eine Sache von höchstens zwei Minuten."

"Und die Handschuhe?" - "Was willst du damit?" - "Naja, muss doch steril sein!" - "Was muss steril sein? Der Katheter? Der ist steril. Und wenn du ihn nur dort anfasst, wo du anfassen sollst, bleibt er auch steril." - "Meinst du?" - "Na sicher. Ich kenne nur ganz wenige, die sich Handschuhe anziehen und dann meistens nur, weil sie es eklig finden, wenn sie sich aus Versehen über die Finger pinkeln." - "Ich seh doch aber den Eingang gar nicht." - "Dann guckst du bei den ersten zehn Mal in einen Spiegel und dann weißt du doch, auf welcher Höhe der ist. Der ist doch nicht jeden Tag woanders." - "Können wir das mal ausprobieren?"

Und so stand die Stinkesocke nachts um zwei mit einer wildfremden Person im Bad und übt das Pipi machen. Und siehe da, es hat funktioniert. Auf Anhieb und einwandfrei. Und als wir fertig waren, sagte ich: "Supi. Und nun ziehen wir uns eine Pampers an. Schonmal gemacht?" - "Nö, noch nie. Warum sollte ich das tun?" - "Weil ich heute nacht keinen Freischwimmer in meinem Bett machen will?" - "Wo schlaf ich denn?" - "Ja, entweder mit in meinem Doppelbett oder auf dem Fußboden auf einem Gästebett, also auf einer Luftmatratze." - "Luftmatratze", entschied sie. - "Okay, die wird aber auch nicht vollgepisst." - "Mach ich nicht." - "Nee, nur du hast seit heute mittag deine Tabletten nicht mehr genommen, was meinst du, was passiert, bis du wieder einen einigermaßen vernünftigen Wirkstoffspiegel im Blut hast?" - "Keine Ahnung?" - "Ja. Aber ich. Kannst echt froh sein, dass hier im Haus jemand dein Präparat nimmt. Wieso gehst du ohne deine Medikamente auf Reisen?" - "Hab ich gar nicht drüber nachgedacht. Bist du böse mit mir?" - "Nee, nur ich würde gerne irgendwann mal schlafen. Ich blas dir jetzt noch das Bett auf, da ist zum Glück eine elektrische Pumpe eingebaut, und dann zeig ich dir noch, wie du dir selbst so eine Klebewindel anziehst und dann möchte ich bis 10 Uhr nur noch geweckt werden, wenn du stirbst oder das Haus brennt."

Ihr standen schon wieder Tränen in den Augen. Ich nahm sie in den Arm und sagte: "Ist nicht böse gemeint. Aber ich möchte jetzt wirklich schlafen, okay? Wir sind 60 Kilometer mit dem Handbike gefahren und ich bin wirklich alle." - "60 Kilometer?"

Und auch auf die Gefahr, dass mich der folgende Satz in der aktuellen Abstimmung bei der Deutschen Welle um fünf Prozentpunkte zurück wirft: Was waren wir beide um 10 Uhr froh, dass ich ihr gezeigt habe, wie man eine Pampers anlegt. Häschen hat nämlich regelmäßig jeden Morgen um 8 Uhr Stuhlgang. Und wer denkt, das ist doch prima vom Häschen: Nee, ist es nicht. Häschen wacht nämlich erst um 10 Uhr auf!

Und Häschens erster Satz war: "Lange nicht mehr so gut und so lange geschlafen." - Für alles, was danach kam, habe ich mir dann eine Pflegekraft geangelt. Was war ich froh, dass mir eine junge Frau helfen konnte, meinen Besuch wieder stadtfein zu bekommen. Anschließend übten wir dann noch endlose Male, wie man vom Boden wieder in den Rolli kommt - was sie am Ende noch nicht ganz alleine konnte, zumal auch der Rollstuhl noch anders eingestellt werden musste - aber immerhin wusste sie, wie es geht.

Am Nachmittag wollten wir gemeinsam mit einigen Leuten über das Volksfest. Mein Besuch kam keinen Bordstein hoch, in keine S-Bahn rein, geschweige denn raus und an Rolltreppe fahren war erst recht nicht zu denken. Aber auf dem Volksfest hatte sie ihren Spaß. Hat sich in insgesamt drei Fahrgeschäfte reintragen lassen (diejenigen, die immer kontrollieren, ob die Bügel richtig sitzen, haben sich tatsächlich gefreut, zwischendurch mal ein paar Mädels auf Händen tragen zu dürfen) und war am Ende wirklich begeistert. Anfangs hatte sie Zweifel, ob sie mit ihrem Querschnitt nun wirklich in ein Karrussel dürfte - aber der Arzt hätte gemeint, sie dürfe. Und da sie früher auch immer gerne in irgendwelche Fahrgeschäfte gegangen ist ...

Seit einer Stunde ist sie wieder weg. Ihre Eltern haben sie auf ihren Wunsch mit dem Auto nach Hause geholt. Sie meinte, es seien sehr viele Eindrücke gewesen und sie würde nun alles daran setzen, auch einige Rollstuhlfahrerinnen kennen zu lernen, um das eine oder andere dazu zu lernen. "Bist du mir böse wegen des Überfalls?" fragte sie zum Schluss. - "Nein. Es war okay. Aber lass uns das nächste Treffen bitte vorher verabreden." - "Auf jeden Fall."

Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits möchte ich ihr natürlich helfen. Damit sie Dinge dazu lernt, die ihr das Leben einfacher machen. Damit sie mehr Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein bekommt. Damit sie mit ihrer Situation besser zurecht kommt, denn niemand kann mir erzählen, dass sie ihr neues Leben akzeptiert hat. Vermutlich hat sie es nicht mal realisiert. Und da sind wir auch beim andererseits: Andererseits kann es doch nicht sein, dass die Gesellschaft diese Leute sich selbst und ihren "Artgenossen" überlässt, um ein paar Euro in der Krankenversicherung zu sparen. Eine Querschnittlähmung ist kein Fall. Und schon gar nicht pauschal. Und schon gar keine Fallpauschale.

Kommentare :

BigDigger hat gesagt…

"Du bist ein guter Mensch, Charlie Brown!"

Mit Deinem "Andererseits" triffst Du den Kern.

Joachim hat gesagt…

Versagt da unser Gesundheitssystem / die Krankenkasse (weil das Ziel wohl im Wesentlichen nur ist, dass man sich selbstständig im Bett umdrehen kann) oder das Krankenhaus, das nichts taugt?

Spätestens jetzt weiß ich, wieso man uns schon im ersten Semester eingebläut hat, dass man bei Unfällen etc. auf Arbeits/Wegeunfall hinweisen soll :/

Jule hat gesagt…

@Joachim: Nur wenn man privat vom Pferd fällt und irgendwo im Wald vom RTW abgeholt wird, ist das höchstens noch ein Waldwege-Unfall, aber die BG zahlt natürlich trotzdem nicht.

Die Krankenkasse oder das Gesundheitsministerium hat Spardruck (oder macht sich selbst welchen) und sagt: Für eine Querschnittlähmung gibt es pauschal noch ... €. Genauen Wert kenne ich nicht, bekomme ich demnächst aber mal raus. Dann kalkulieren seriöse Häuser und stellen fest: Dafür kriegen wir das nicht hin.

Und dann kommen alle frischen Querschnitte in Häuser, die sich das zutrauen, einen frischen Querschnitt nach sechs Wochen wieder zu entlassen und die Schuld dafür auf das System zu schieben.

Andrea hat gesagt…

Moin Jule,

unser Gesundheitssystem ist an vielen Stellen pervers. Bei Frühchen ist es so, daß sich die Krankenhäuser um sie reißen, weil sie viel Geld bringen. Damit tut man den Frühchen nur keinen Gefallen. Alle wissen, daß zur bestmöglichen medizinischen Versorgung von Frühchen Erfahrung und Routine gehört und es nicht ausreicht, alle Jubeljahre ein Frühchen zu verarzten. Und statt hier das bestmögliche für die Würmer zu machen und ihnen womöglich üble Spätfolgen zu ersparen, gibt es eine schöne Lobby, die Dollarzeichen in den Augen hat und der das ziemlich egal ist, was aus den Kreaturen wird, solange sie ordentlich dran verdient ! (Ich weiß gar nicht, wie der aktuelle rechtlichen Stand ist - irgendwie hab ich da den Überblick verloren).
Bei den Querschnitten wird es evtl. ähnlich sein. Viel Geld verdienen, sofern man "wirtschaftlich" arbeitet und die Aufenthaltszeit im Krankenhaus zu kurz wie möglich hält.

Solche Rechnungen sind meines Erachtens total schizophren. Ein Frühchen mit Komplikationen und Spätfolgen verursacht über all die Jahre Folgekosten, was auf die Dauer teurer wird. Aber die zahlt natürlich nicht das Krankenhause.
Bei Querschnitten ist die medizinische Versorgung abgeschlossen (doofe Frage: Gibt es da medizinisch eigentlich was zu machen ? Außer, wenn es zu Begleiterscheinungen eines Unfalls kommt ?). Und den Rest darf dann im Rahmen einer Reha oder ambulanten Nachsorge gemacht werden... . Hier gehts nur um Zahlen (bitte Scharze statt Rote) und nicht um Menschen und ihre Schicksale.

Verrückte Welt.
Beste Grüße, Andrea

Jana hat gesagt…

Oh man, was für eine Geschichte! Ich finds sooo prima von dir dass du ihr geholfen hast. Die Arme scheint wirklich hilflos zu sein und noch gar nicht so recht angekommen in ihrem "neuen Leben"!
Bin gespannt, ob du wieder von ihr berichten wirst.

Jens hat gesagt…

In meinen Augen gibt es viele Probleme mit Krankenkassen:

1) Die Krankenkassen sind nur noch zur Gewinnoptimierung da. Wenn da am Ende des Geschäftsjahres die Umsätze nicht stimmen .... Beispiele gibt es ja dafür genug - wie oft liest man, dass Anträge jeglicher Art erstmal pauschal abgelehnt werden - ohne Prüfung der Rechtmäßigkeit oder Notwendigkeit - in der Hoffnung den Antragsteller damit abzuschrecken. Danach kommen dann die Paragraphenhürden und der Vorschriftendschungel zum Einsatz.

2) Es gibt deutlich zu viele Krankenkassen. Wenn man die Zahl der Krankenkassen sich betrachtet und dann mal anschaut wieviele Vorstände jeweils durch gefüttert werden, und das dann hochrechnet - mit dem Geld könnte sehr viel sinnvolleres gemacht werden.

Ich bin der Meinung das Krankenkassen zumindest für die gesetzlich versicherten auf ein absolutes Mindestmaß herunter geschrumpft werden müssten. Der Beitrag sich am Notwendigen ausrichtet und die zu bezahlenden Maßnahmen und Erstattungen nicht von Kaufleuten sondern von Ärzten und fachlich kompetenten Leuten errechnet werden müssen mit Spielraum für andere Umstände.

Rosa hat gesagt…

Ich weiss, das unser Gesundheitssystem immer schlechter wird, aber ich will es einfach nicht glauben... Vor allem, weil das gesellschaftlich auch noch ziemlich kurzsichtig gedacht ist. Selbst mit ihrem Querschnitt kann sie doch (wie Jule und andere zeigen) sehr selbstständig werden, einen Beruf lernen, ihr eigenen Geld verdienen und einen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft bringen. Aber wie soll sie das schaffen, wenn man ihr nichtmal zeigt, wie sie allein aufs Klo gehen kann.

Anonym hat gesagt…

Jule, ich finde es (mal wieder) fantastisch, was du für "fremde" Leute machst. Aber du kannst nicht jeden Bedürftigen persönlich an die Hand nehmen und es ihnen zeigen. Nichtsdestotrotz kann man sich auf die Krankenkasse nicht im geringsten verlassen. Wäre es nicht vielleicht auch in deinem Sinne (damit nicht regelmäßig neue Problemfälle vor der Tür stehen), wenn du mal aufschreiben würdest, welche Hilfen du konkret bekommen hast und was man definitiv braucht. Wer weiß wie viele arme Leute es noch gibt, durch die gegend rollen und garnicht wissen, wie man sich selbst kathetert oder in den Rolli zurück bringt. Vielleicht gespickt mit hilfreichen Videos (die man vielleicht im Netz findet?). Ich kann mir vorstellen, das es vielen Hilfreich sein wird. Ihr seid ja nun ein paar Leute mehr, so das ihr viele Infos zusammen tragen könnt. Vielleicht traut sich der Ein oder Andere mal an seine Krankenkasse heran, die ja individuelle Einschränkungen ausgleichen soll.

Liebe Grüße und schöne Ostern!

peter hat gesagt…

Hallo Jule,
ich konnte die beiden Posts nicht ganz lesen aber ich wollte dir mal schnell schreiben, dass ich es total gut finde, dass du dem Mädel geholfen hast.
DAS ist es, was unsere Gesellschaft braucht: Menschen die helfen!

Es ist so wichtig, von seiner eigenen Kraft etwas an andere Menschen abzugeben, die sie auch dringend brauchen.
Und glaube mir, die Kraft und Energie kommt zurück!

Aber zur Hilfe für die junge Frau: Gibt es denn bei euch nicht irgend eine Anlaufstelle (FED; Stadt/Landkreis, Sozialhilfe, evtl. Lebenshilfe etc.) die du auf diesen Fall aufmerksam machen kannst.
Sie braucht doch noch viel Hilfe und die ganze Familie wahrscheinlich auch.

Grüße erstmal
Peter

Sally hat gesagt…

Soso, sie soll nur im Notfall selbst aufs Klo gehen? Ich stelle mal die Theorie auf, dass man selbst dabei wesentlich vorsichtiger vorgeht als jemand Fremdes... Was die Hygiene angeht. Wenn Muddi mal stinkig oder gestresst/ nicht bei der Sache ist, hat Töchterlein schneller einen Infekt sitzen, als sie gucken kann... Gewagte Behauptung, auch nicht zu verallgemeinern, weiß ich... Ans Bein pinkeln wollte ich damit jetzt auch keinem. ;)

Ich hab in meiner Lernphase den Schminkspiegel meiner Oma zerlegt. :D