Samstag, 7. April 2012

Straßentraining im Regen

Cathleen, Nadine, Kristina, Merle, Marie und ich standen im überdachten Bereich der Sportanlage neben unseren Rennrollstühlen und überlegten zusammen mit Tatjana, unserer Trainerin, noch einmal, ob wir es wirklich wagen sollten. Sie hatte einen Trainingsplan für uns geschrieben, war eigentlich davon ausgegangen, dass mehr Leute kommen würden zu unserer nächtlichen Trainingseinheit, aber bei diesem bescheuerten Wetter waren nur die harten Kämpferinnen da. Selbst bei den parallel trainierenden Fußgänger-Triathleten lief alles auf Sparflamme. Vier Grad über Null und Regen. Zwar kein Wind und es schüttete auch nicht (wenngleich es eindeutig mehr war als leichter Nieselregen) - aber dennoch konnten sich alle etwas schöneres vorstellen. Andererseits: Wenn wir schonmal hier sind, um diese Zeit den langen Weg zum Elbdeich auf uns genommen haben, dann sollte man auch durchstarten. Schließlich kann man sich im Wettkampf das Wetter auch nicht aussuchen.

Tatjana gab uns unsere Trainingsaufträge, bekam dann aber von uns die Bitte, vor Ort zu bleiben und Tee zu kochen. Bei dem Wetter mit Funk im Ohr und Begleitfahrzeug zu trainieren, wäre eine absolute Zumutung geworden, zumal die meisten von uns wegen der langen Winterunterbrechung sowieso erstmal wieder in ihre Form zurückfinden mussten. Dass die fetten kalten Tropfen aus dem Helm über den Kopf laufen oder direkt in den Nacken tropfen, ist ja eine Sache, dabei aber noch einen Knopf im Ohr zu haben, über den ständig Wasser ins Ohr tropft und dazu führt, dass man irgendwann noch ein Knistern und Knacken im Ohr hat und nichts mehr versteht und alles juckt - bäh nee *schüttel*

Wir sollten ganze 150 Minuten unsere Ausdauer nach einem festen Schema hinter dem Ofen hervor locken. Da wir uns auf den kleinen Kurs verständigt hatten, würden wir etwa ein Dutzend Mal bei Tatjana vorbei kommen und hätten dann jeweils gerne heißen, aber dennoch sofort trinkbaren Tee zum Aufwärmen. Man durfte echt nur wenige Sekunden anhalten und musste sofort weiter, ansonsten fing man zu frieren an. Und Frieren ist bekanntlich ein böser und hinterhältiger Feind von Bewegen.

Nein, der Regen hörte nicht auf, nach zwei Stunden kam ich mir vor wie ein aufgeweichtes Stück Brot, komplett nass bis auf die Knochen, sah von dem an den Rädern hoch spritzenden Schmutz aus wie nach einem Schlamm-Catch-Wettbewerb und freute mich auf die warme Dusche und auf mein Bett. Dennoch empfand ich das Training als das beste des letzten halben Jahres und es hat unter Garantie richtig viel gebracht. Nach 45 Minuten hatte ich mal für kurze Zeit den Moment, in dem mich mein Körper zum Aufgeben überreden wollte, aber danach lief alles wie von selbst.

Als wir zu sechst unter den Duschen standen bzw. saßen und ich endlich den ganzen Sand aus den Haaren, der Nase und den Ohren gespült hatte, habe ich endlich seit langer Zeit mal wieder dieses positive Gefühl der körperlichen Erschöpftheit in mir gespürt. Nicht völlig fertig, sondern ein wohliges "ich habe was geschafft". Und ich spürte, obwohl und vielleicht gerade weil niemand redete, dass es den anderen genauso ging. Und diese ruhige und entspannte Stimmung hätte noch endlos so weitergehen können, wäre da nicht plötzlich die Alarmanlage eines Autos losgegangen, nachdem bereits auf dem Parkplatz das Licht durch den Bewegungsmelder eingeschaltet worden war. Tatjana, die natürlich nicht mit unter der Dusche war, rannte durch den Flur und sah am anderen Ende des Grundstücks einen Typen weglaufen. Was der wollte, wissen wir nicht. Das trötende Auto war unbeschädigt, Radio war sowieso nicht drin, vielleicht hatte er es auf den pitschnassen Rennrolli abgesehen. An den anderen Fahrzeugen war auch nichts zu sehen.

Ich frage mich zwar, was jemand mit einem Rennrolli will, da es sich um Maßanfertigungen handelt, aber in letzter Zeit werden diese Dinger verstärkt geklaut. Vor drei Wochen gerade haben zwei Typen in Hannover (vor genau jener Sportakademie, in der wir auch schon mehrmals zum Trainingslager waren) einem Basketballspieler seinen 14 Tage alten Sportrolli aus dem Kofferraum geklaut, während er auf dem Fahrersitz saß und auf seine Mitspielerin wartete, die noch in der Halle war. Kofferraum auf und tschüss. Zwei windige Typen, die sich sicher sein konnten, dass er als Querschnittgelähmter gewiss nicht hinterher rennt.

Tja, wenn schon Inklusion, dann doch ganz. Warum sollte man Rollstuhlfahrer nicht auch bestehlen? Die Behinderten haben es mit ihrem ständigen Geschrei nach Eingliederung in die Gesellschaft doch nicht anders gewollt.

Kommentare :

Ivonne hat gesagt…

Schön das dir das Training so zugesagt hat. Mir ist es allerdings schon beim Lesen total kalt geworden *fröstel*.

Aber was um alles in der Welt wollen denn solche Typen mit geklauten Rennrollis anfangen? Verkaufen kann man diese Maßanfertigungen ja wohl eher weniger und wer bitte würde das auch kaufen wollen?
Der Diebstahl aus dem Kofferraum heraus, während der Typ im Auto saß ist einfach nur oberdreist, aber wie du selbst geschrieben hast - die Verfolgung durch den Eigentümer war ja nicht zu befürchten.

Ich wünsche dir und deinen Freunden schöne Ostertage liebe Jule und freue mich schon auf deine nächsten Blogeinträge.

Anonym hat gesagt…

Manchmal komme ich mir vor, als wäre ich im falschen Film. Ich lese was bei dir und denke: Das kann doch nicht wahr sein. Sowas macht keiner. Und dann ertappe ich mich beim googeln. Und finde das:

http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Diebe-stehlen-Gelaehmtem-den-Rollstuhl

Und schäme mich. Für meine Zweifel an dir und an der Gesellschaft. Und für meine Mitmenschen, die froh sein sollen, wenn sie mir nicht begegnen. Ich bin ein friedvoller Mensch, aber bei solchen Sachen geht mir die Faust in der Tasche auf.

Anonym hat gesagt…

Sag mal Jule, kommt bei solchen Anlässen nicht auch manchmal ein wenig das Kind wieder in dir zum Vorschein? Ich weiß noch, wie wir uns früher mit Matsche beschmissen und im Dreck gewälzt haben. Meistens im Sommer am Strand. Schade, dass man erwachsen ist und vermutlich seinen Job verlieren würde, würde jemand von einem ein Foto machen, wie man mit seiner besten Freundin nachts ein Schlammbad nimmt und sich mit Sand bewirft. Lustig fände ich es aber trotzdem.

Könnte es sein, dass dieser Sport, in dem es ja bekanntermaßen sehr rauh zugeht, was die Benimmregeln angeht (du hattest ja mehrmals drüber berichtet), für dich auch ein Ventil ist und ein Ausgleich zu der Position, die du unfreiwillig in deinem Alltag als Rollstuhlfahrerin einnimmst (also immer unter Beobachtung etc.)?

Alice hat gesagt…

Super, dass du wieder "on the road" bist.

Wenn du "Fußgänger-Triathleten" schreibst, sind damit dann körperlich eingeschränkte Triathleten, aber eben nicht im Rollstuhl sitzende gemeint, oder die "normalen" Triathleten, also die ohne Einschränkung? Sorry, wenn das wieder so politisch unkorrekt klingt, mit dem "normal", du weißt, wie es gemeint ist.

Anonym hat gesagt…

So, Jule, nun mal Eier in den Kuchen: Was willst du mit einer nächtlichen Tour im Regen bei 4°C erreichen? Eine Lungenentzündung? Dein Ableben? Wärest du meine Tochter, hätte ich das nicht erlaubt! Ich hätte dich im Keller eingesperrt bis es wieder hell geworden wäre.

Und nun mal wieder ernsthaft: Was tun Sportler nicht alles, um schön zu werden. Ich bin "normale" Triathletin und werde von meinen Leuten immer blöde angeguckt, wenn ich von Eisbädern erzähle. Machst du sowas auch? Also eiskaltes Wasser in die Wanne, ein paar Packungen Eis rein und dann den Kreislauf auf das vorbereiten, was ihn beim Bad im See erwartet? Oder betreibst du deinen Sport so professionell dann doch nicht?

Welchen Tee gab es?

Und habt ihr danach gleich mit Sachen geduscht oder vorher alles ausgezogen? Ich stell mich nach so einem Einsatz immer gleich in voller Montur in die Dusche und entkleide mich dort nach und nach, um den groben Schmutz auch gleich rauszuwaschen. Spritzt ihr euch auch so voll mit dem Sand von der Straße?

Ich hab übrigens gelesen, dass ihr auch im Fahren rotzt. Darf ich so gemein sein und darauf hinweisen, dass ihr dabei uns gegenüber im Nachteil seid? Wir können beim Laufen nämlich weiterlaufen, ihr müsst die Hände von den Greifreifen wegnehmen. Oder zumindest eine Hand, aber dann bringt die zweite ja auch nichts mehr. Na komm schon, nicht beleidigt sein, immerhin rollt ihr wesentlich schneller als wir laufen.

Mach weiter so Jule. Freu mich über jeden Beitrag zum Triathlon. Und freilich auch über alle anderen.

Kerstin

Rosa hat gesagt…

Respekt davor, dass ihr bei dem Wetter trainiert. Ich war heute mit dem Fahrrad in der Stadt und das hat voll gereicht, seit ich daheim bin, lieg ich mit einer Wolldecke und dem warmen Laptop auf dem Schoss auf der Couch ;-)
Viele Grüße
Rosa

Anonym hat gesagt…

@ Alice: sie meint damit "nichtbehinderte" Triatlethen. In einem Post vom letzten Jahr schrieb sie, dass eben mehrere Vereina an der Strecke trainieren und ihr Rollstuhlsport-Verein da mit eingeklinkt hat.

@ Jule: ich wünsch dir noch ganz viel Spaß beim Training die ganze Saison über. ich kann total nachvollziehen, wie gut das tut, wenn man endlich mal wieder raus kommt und sich bewegen und körperlich verausgaben kann. Sitze jetzt seit 4 Monaten am Schreibtisch und schreibe meine Abschlussarbeit für die Uni. Wie gern würd ich mal wieder Sport machen! aber es fehlt einfach die Zeit.....

Liebe Grüße aus München,
Star

Jule hat gesagt…

@Ivonne:
Ich habe keine Ahnung, was diese Leute damit machen. Bei dem BuLi-Spieler aus Hannover kann es natürlich auch immer jemand gewesen sein, der ein Interesse daran hat, dass der Beklaute nicht spielt. Oder dass derjenige das alles nur erfunden hat, weil sein neuer Stuhl schlecht passte. Oder dass es sich um Leute gehandelt hat, die nur mal in die Zeitung kommen wollten und der Stuhl taucht demnächst irgendwo wieder auf. Oder oder oder. Zum Glück ist bei uns nichts weg gekommen. Und frohe Ostern wünsche ich dir auch!

@Anonym 12.34:
Ich will zwar keine großen Töne spucken und wer weiß, ob ich in fünf, sechs Jahren noch immer der Meinung bin, aber: Wenn ich einen Job hätte, in dem ich nicht mehr ich selbst sein dürfte, würde ich mich nicht wohl fühlen. Vielleicht würde ich es sogar drauf anlegen, wegen so einer Aktion gefeuert zu werden. Ich weiß, es ist leicht gesagt, viele Leute stehen unter Druck und können sich so etwas nicht leisten. Aber ich finde es schlimm - solange man niemandem etwas zu Leide tut. Und das tut man mit einem Schlammbad wohl nicht. Zu deiner Frage: Bei der Lisa, die bei uns trainiert, ist das so, würde ich sagen, bei mir eher nicht.

@Alice: Die Fußgänger sind bei mir diejenigen ohne jede körperliche Behinderung. ;)

@Kerstin: Eisbäder habe ich noch nicht gemacht, schließlich dürfen wir ja immer mit Neo schwimmen und merken unsere Beine nicht. Und haben eh Kreislaufregulationsstörungen. Also ... was solls. Es gab Kamillentee. Und ja, wir sehen auch immer aus wie die Erdferkel. Ich ziehe mich aber meistens vor dem Duschen aus und spüle die Klamotten danach aus, ich finde das effektiver, da man selbst in dreckigen Klamotten nicht sauber wird. Und das mit dem Vorteil sehe ich noch nicht: Ihr müsst beim Weiterlaufen Muskeln bewegen, wir hingegen können uns zum Rotzen rollen lassen - ohne ein Watt Energie.