Sonntag, 24. Juni 2012

Die Nummer 26 war es

Endlich haben wir eine gefunden. Die Rede ist von einer (weiteren) Assistentin für Maria, die wir seit Wochen suchten. Nach 25 Bewerbern und wochenlanger Suche ist sie seit Montag dabei und sie scheint ein absoluter Glücksgriff zu sein. Es geht nicht um Pflege, sondern um Assistenz, also nicht um Waschen, Nahrungsaufnahme, Klogang, ins Bett bringen, sondern um alles andere, was Menschen täglich machen, wobei Maria aber Hilfe braucht.

Die Bewerberin, die bis zum 30.06. noch als Praktikantin da ist und ab 01.07. fest anfängt, kommt eigentlich aus der Pflege, ist also eine examinierte Kraft, ist aber mit gerade 24 Jahren bereits genervt von der Fließbandarbeit im Krankenhaus und hat sich ausdrücklich auf die Assistenzstelle (und nicht auf einen Pflegejob) beworben. Sie meint, sie sei sich (wörtlich) fürs Arsch-Abputzen nicht zu schade, aber wenn man vor lauter Ärschen keinen Mund mehr sehe, kränkelt das System. Sie meinte, sie war vorher auf einer Station für 48 Patienten zuständig und habe fast ausschließlich Betten bezogen. War sie mit dem letzten fertig, ging es beim ersten wieder los. Zum Reden sei sie nie gekommen, sie habe mehrmals einen Schrittzähler dabei gehabt und habe in einer Schicht rund 25 Kilometer Fußweg abgerissen... nur Druck, nur Leistung, nur Gemecker. Kenne ich irgendwoher, höre ich nicht zum ersten Mal.

Sie ist ein absolutes Energiebündel. Wie ein Pingpongball. Keck, laut, freche Hamburger Schnauze, lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen, Pippi-Langstrumpf-Pigtails (allerdings in blond), etwa 160 groß, Jeans, Top, Sneakers. Oder barfuß. Null Berührungsängste, pragmatisch, erfrischend unkompliziert, offen für alles. Nicht lange sabbeln, sondern tun. Aber trotzdem geduldig, bescheiden, zurückhaltend, wenn es um Maria geht. Maria sagt: "Sie nimmt mich absolut ernst, aber die hat null Respekt vor meiner Behinderung. Und genau das finde ich gut." - Maria hat ihre neue Assistentin nach wenigen Stunden ins Herz geschlossen.

Die Assistentin meinte: "Ich habe noch nie einen Assistenzjob gemacht. Ich bin sehr gespannt darauf, wie das im Alltag ist." - Und dann warf sie gleich die erste Frage in den Raum: Als Krankenschwester wäscht und pflegt sie einen Patienten so wie sie es gelernt hat. Günstigerweise erklärt sie ihm vorher, was sie macht. In einigen Einrichtungen bestimmt auch der Patient oder darf zumindest mitreden. Als Medium würde sie Bauchschmerzen bekommen, wenn Maria einer boxt. Und als Assistentin ist sie irgendwo dazwischen: Sie blättert auf Kommando die Zeitungsseite um, beantwortet eine Mail, wählt die Telefonnummer, die Maria anrufen möchte, geht mit ihr shoppen und hilft ihr beim Klamotten anprobieren, backt nach ihrer Anweisung mit ihr zusammen einen Kuchen, druckt Einladungen zur Geburtstagsfeier aus und verschickt sie, putzt die Schuhe, schraubt eine neue Glühbirne ein, heftet die Stromrechnung weg, ...

Was ist aber, wenn Maria von ihr illegale Dinge möchte? Damit sei jetzt nicht unbedingt gemeint, dass sie Maria dabei hilft, bestimmte Pornos aus dem Internet auf die Festplatte zu kopieren. Sondern wenn Maria loszieht und einen Brückenpfeiler mit Graffiti vollsprühen will. Wenn sie das in Marias Auftrag macht, als ihre Assistentin - wird sie dann auch bestraft? Oder nur Maria, weil, sie ist ja eigentlich nur die handelnde Hand? Weil Marias Hand das nicht kann.

Ein interessanter Ansatz. Die Antwort ist klar, nur es zeigt sehr deutlich, wo dieses Assistenzmodell an seine Grenzen stößt: Sobald es um Handlungen geht, die ein Arbeitgeber nicht von seinem Arbeitnehmer verlangen kann. Weil es Gewissens- oder Glaubenskonflikte gibt, um Ehre oder sexuelle Selbstbestimmung. Oder nur um sichere Arbeitsmittel. Oder Strafbarkeit.

Und damit steht und fällt eine brauchbare Assistenz mit der Assistentin oder dem Assistenten selbst. "Schmeiß meinen Ex raus, tritt ihm in den Hintern, mach die Tür zu, steche anschließend mit meinem Taschenmesser in das Foto von ihm an meiner Pinnwand und wirf drei Gläser an die Wand. Und dann machst du das Fenster auf uns schmeißt seine Rosen samt Vase im hohen Bogen nach unten."

Das kommt vielleicht nicht ständig vor. Aber mal Hand aufs Herz: Wieviele Dinge macht man täglich, von denen man froh ist, dass man sie nicht nur alleine kann, sondern auch, dass sie niemand mitbekommt?! Fängt beim Nasepopeln an.

Kommentare :

ednong hat gesagt…

Wow. Also erstmal Respekt, dass ihr/Maria jetzt ihre Assistenz gefunden hat. Ich hoffe, das ist der Glücksgriff, den ihr euch erhofft habt. Und er ist so taff, wie du ihn beschreibst. Klingt ja wirklich cool.

Ich vermute mal auf Grund ihres Alters, dass sie nicht ewig bleibt. Aber hoffentlich lange, lange, wenn sie so gut ist.

Dazu hätte ich dann gleich auch mal eine Frage: Wieviele Stunden arbeitet so eine Assistenz den? Rund um die Uhr? Oder wechseln die sich im Schichtsystem ab? Oder hat Maria da tatsächlich nur Anspruch auf 8 h Assistenz pro Tag - und darf dann die restlichen 16 h sehen, wie sie ihren Tag geregelt bekommt?

Und klar - die rechtliche Frage ist witzig formuliert. Und man sieht - vielleicht kann man einiges davon mittels Arbeitsvertrag regeln. Und klar ist so ein System mit Grenzen versehen - wenn die Assistenz, aus welchen Gründen auch immer, bestimmte Dinge nicht machen kann oder will. Oder sollte. Ist schon schwierig, da ja sicher auch nicht jede Assistenz rechtlich so fit ist, alles korrekt einschätzen zu können.

Wolfy hat gesagt…

Na endlich. Ich drücke euch die Daumen, dass der Glücksgriff ein langer Glücksgriff bleibt. :)

Frank hat gesagt…

Ich sehe ednong hatte den gleichen Gedanken wie ich,
würde mich auch interessieren wie das mit der Arbeitszeit der Assistentin geregelt ist,
was ist am Wochenende,was ist im Urlaub?
Wohnt die Assistentin bei euch?

Johanna hat gesagt…

Hört sich sympathisch an, die neue Assistentin. :-)

Der Frage mit den Arbeitszeiten schließe ich mich mal an. Hat Maria nur diese eine Assistentin und den Rest übernimmt euer hausinterner Dienst? Läuft ja wahrscheinlich über das persönliche Budget und daher kenn ich es, dass es da ein Team von Assistenten gibt, die sich dann abwechseln.

Liebe Grüße, Johanna

Dennis hat gesagt…

Mein Glückwunsch an euch, dass ihr die Suche nun endlich erfolgreich abgeschlossen habt.
Aber auch mein Glückwunsch an die Bewerberin, die eurer Vertrauen gewinnen konnte.
Beim Lesen bekam ich das Gefühl, dass nicht nur ihr nun glücklich seid, sondern auch die Bewerberin.
Vom Gesprächverlauf, den du geschildert hast, gehe ich stark davon aus, dass sie sich für einen Pflegejob entschieden hat, um
Menschen zu helfen und nicht um "Fließbandarbeit in einem Krankenhaus" zu machen.
Wenn man schön öfters mit Pflegepersonal zu tun hatte, ist es schön zu erfahren, dass es immer noch junge Leute gibt, die den
Job auch mit dem Herzen ausführen wollen.

Michael hat gesagt…

Glueckwunsch. Das scheint ja wirklich gut zu passen.

Aber Jule: Vielleicht willst Du nicht doch lieber Jura studieren? ;-) Interessante Diskussion zur Haftungsverantwortung eines Assistenten. Habt Ihr das eigentlich irgendwie vertraglich geregelt? Oder leiten sich die genannten Einschraenkungen direkt aus deutschem Recht ab? Eigentlich klar, dass man vom Assistenten nichts sittenwidriges oder ungesetzliches verlangen kann, aber ich kann mir vorstellen, dass der Assistent sich da auch rückversichern will, dass er/sie nicht gleichzeitig seinen Arbeitsvertrag verletzt, wenn er/sie sich weigert, diese Arbeit auszuführen.

Michi hat gesagt…

Schön, dass es mit der Assistenz endlich geklappt hat! Ich wünsche euch und vor allem Maria eine gute Zeit mit ihr!

Aber die Frage zu den "illegalen" Dingen ist tatsächlich interessant, auch wenn ich mir mangels Ahnung kein abschließendes Urteil darüber anmaßen kann. Allerdings ist es meines Wissens nach z.B. beim Bund auch so, dass ein Vorgesetzter keine gesetzeswidrigen Befehle erteilen darf. Ich denke, hier wird die Lage ähnlich sein.

@Namensvetter: Wieso Jura studieren, Jule hat mit Frank doch schon den mindestens besten Juristen der Welt im Hause *g*

grinseliese hat gesagt…

Ich finde ja man kann durchaus Pferdeschwänze oder Rattenschwänze sagen und braucht da kein englisches Pendant für (sorry dass ich heute pingelig bin)

Nobody hat gesagt…

Hallo Jule.

Schön das Ihr endlich eine Assistentin für Maria gefunden habt. Auch wenn Ihr etwas länger suchen musstet so sieht das Ergebnis doch gut aus.

Ich frage mich aber eher wie die gute Dame bezahlt wird. Immerhin hat Maria ja noch kein Geld zugestanden bekommen. Was ist denn aus dem Fall geworden? Zumal ich für 2631,87 Euro mit den Nebenkosten nicht wirklich mehrere Assistenzkräfte Vollzeit beschäftigen könnte. Von Montag bis Sonntag komme ich da schon so auf 80 Stunden bedarf.

Seemädel hat gesagt…

Super! :-)

Ich hab aber auch Fragen zum praktischen Ablauf: Die Assistenz ist ja nicht für Pflegeaufgaben zuständig. Wie läuft das, wenn Maria z.B. gerade mit ihrer Assistentin eine Mail schreibt und dann etwas trinken will - muss sie dafür eine Pflegekraft rufen? Oder wenn sie unterwegs ist und auf die Toilette muss oder was essen möchte? Darf dann nur eine Pflegekraft mit (du schriebst mal irgendwo, dass Pflegeleistungen nur von Pflegefachkräften erbracht werden dürfen, und es ist ja nicht jeder wie eure Nr. 26 examinierte Pflegekraft - heißt das im Umkehrschluss, dass Menschen, die mit 24-Stunden-Assistenz alleine leben, als Assistenten nur Pflegekräfte einstellen dürfen)? Und als was würde es gelten, wenn Maria Lust hätte, etwas zu kochen? Bei der Pflegestufe gehört ja auch Haushaltsführung (wozu die Nahrungszubereitung gehört) zum Aufwand, der berücksichtigt wird.
Wie man sieht, bin ich auf dem Gebiet komplett ahnungslos...

Fragende Grüße vom
Seemädel

Michael hat gesagt…

@Namensvetter: Stimmt, mit dem Frank hat die Wohngemeinschaft wohl einen guten Anwalt permanent verfuegbar (haette ich auch gerne). Aber ich beobachte beim Lesen des Blog immer wieder, das Jule ein gewisses Faible fuer rechtliche Sachverhalte hat, die sie zum Teil mit grosser Liebe zum Detail beschreibt. Ist natuerlich klasse, wenn man das Recht auf seiner Seite hat, aber nicht jeder hat die Geduld, auch niederzuschreiben, warum das so ist (oder auch nicht, wenn man etwas mal nicht darf). Ich find's jedenfalls immer wieder interessant.

Jule hat gesagt…

@ednong: Maria braucht keine 24 Stunden Assistenz, sondern nur für bestimmte wiederkehrende Verrichtungen. Deshalb wird auch keine 24-Stunden-Assistenz bezahlt und der Vorteil unseres Projektes ist, dass sich mehrere Leute, die nur teilweise Unterstützung brauchen, mehrere Kräfte teilen. So wird es für alle billiger.

@Frank: Die Assistentin ist nicht alleine, sie wohnt nicht bei uns. Es gibt reguläre Dienstpläne mit Zeiten, zu denen jemand anwesend sein muss und wo jemand in einer gewissen Zeit vor Ort sein muss. Die Aufträge werden einzeln online vergeben. Hierzu gab es schonmal einen sehr ausführlichen und genau beschreibenden Text.

@grinseliese: Das finde ich auch und ich kannte sie auch als "Rattenschwänze", bis mir jemand erzählte, dass in einigen Landstrichen "Rattenschwänze" nicht die zwei seitlichen Pferdeschwänze sind, sondern diese kleinen geflochtenen Zöpfe, die in den 90ern bei Jungs in waren. Schaust Du? Und bevor da jemand wieder was missversteht...

@Seemädel: Wir machen es unkompliziert. Wir haben für die ganzen Leute Pflegekräfte beschäftigt und Assistenzkräfte. Beide arbeiten nach Auftragslage und disponieren ihre Aufträge selbst und handeln sie mit den Auftraggebern (Pflegebedürftigen) aus. Grundsätzlich werden Pflegeleistungen nur von examinierten Pflegekräften erbracht, was aber nicht heißt, dass eine Assistentin nicht auch mit jemandem unterwegs auf die Toilette gehen darf. Oder dass eine Pflegekraft nicht reden darf, nicht den runtergefallenen Schlüssel unter dem Bett suchen kann oder die Vorhänge zuzieht. Und etwas kochen ist nicht zwangsläufig Pflege, das kann auch Assistenz sein. Was nur nie sein darf: Eine Assistenz wird niemals eine Spritze geben, Infusionen anhängen, ... Vergleiche das damit, als wenn du deine pflegebedürftige Oma im Heim besuchst. Wenn du die zum Eis essen mitnimmst oder zum Stadtbummel, wirst du auch nicht von unterwegs die Pflegekraft anrufen, um deine Oma aufs Klo zu setzen. Wie ihr das mit der Insulinspritze oder den Tabletten hinbekommt, müsst ihr dann vorher absprechen. So ähnliches ist es hier halt auch.

Seemädel hat gesagt…

Oh, hab erst jetzt die Antwort gesehen - danke, Jule!
Es ist also nicht so, dass das ein in Stein gemeißeltes Gesetz ist, sondern durchaus noch Raum für Absprachen ist, so wie ich das verstehe. Privat dürfte ich theoretisch doch der Oma die Insulinspritze geben, wenn ich mir das zutraue - aber klar, irgendwo muss dann halt eine Grenze zwischen Assistenz und Pflege sein, wenn es über den privaten Bereich hinausgeht.

Olli hat gesagt…

Bei den Beamten ist es meines Wissens nach so, dass sie bei Zweifeln an der Rechtmäßigkeit des Auftrags das dem Vorgesetzten sagen können (müssen), wenn der dann den Auftrag wiederholt, sind sie bei der Ausführung aus dem Schneider. Zumindest bei allem, was nicht klar und für jeden erkennbar Straftaten sind.
Sonst säßen ja zB viele Finanzbeamte im Bau, weil sie auf Weisung der vorgesetzten gegen Steuerpflichtige entscheiden und meinen, das eine Urteil des BFH, das genau diesen Fall pro Steuerpflcihtigen entschied, sei ja nur eine nicht bindende und wegen einem Detail (wohl unterschiedliche Außentemperaturen oder so *hüstel) auch nicht vergleichbare Einzelfallentscheidung.