Donnerstag, 7. Juni 2012

Motorisierte Maria

Wahnsinn! Fast ein halbes Jahr nach der Verordnung wurde heute Marias Elektrorolli ausgeliefert. Der Chef des Sanitätshauses lieferte ihn persönlich aus, nachdem am Tag davor ein Mitarbeiter so lange im Stau steckte, dass er auf halber Strecke wieder zurück gefahren war. Es musste etliches eingestellt und vor allem programmiert werden, aber der Service war astrein. Maria und er waren bestimmt zwei Stunden lang beschäftigt, im Haus, auf der Straße, um alles so einzustellen, wie Maria es braucht. Gerade mit eingeschränkter Koordination und wenig Kraft muss das Ding ja so bedienbar sein, dass Maria nicht gleich aus Versehen mit Vollgas gegen die Wand fährt oder die Ampel wieder rot ist bevor sie den Joystick in die richtige Position gedrückt hat.

Irgendwann hatten sie herausgefunden, wie sanft die Mühle anfahren soll, wie verzögert es auf Joystickbewegungen reagiert (um versehentliches Antippen etc. zu ignorieren), ob der Stuhl vorwärts fährt, wenn man den Joystick nach vorne drückt oder vielleicht lieber, wenn man ihn nach hinten zieht oder spiegelverkehrt oder nur auf vorherige Auswahl aus dem Menü rückwärts oder oder oder ... alles kein Problem. Der Sanitätshaus-Chef meinte: "Wenn ich mich da rein setze, gibt es nur An und Aus. Entweder fahren oder halten. Für mich müssen die Gehwege aber dann auch am besten die Maße einer Flughafenpiste haben oder einer sechsspurigen Autobahn. Aber gerade wenn man Kunden mit Koordinationsstörungen hat, kann eine Nuance darüber entscheiden, wie sie mit dem Teil zurecht kommen. Deswegen wird das auch in einer Woche, in einem Monat und etwa in einem halben Jahr noch einmal neu feinabgestimmt."

Dem Sanitätshaus-Chef tropfte am Ende der Schweiß aus dem Gesicht. Bestimmt 30 Mal hat er Maria in den Stuhl gehoben, wieder raus, dann musste am Sitzkissen was gemacht werden, dann an den Fußauflagen, dann musste ständig dieses Steuergerät per Kabel verbunden werden ... ein irrer Aufwand. Warum man das nicht per Bluetooth oder Infrarot oder ähnliches macht? "Es wird Leute geben, die sich da rein hacken und sich dann einen Scherz draus machen, jeden E-Rollifahrer, der vorbei fährt, ins Bahngleis zu lenken oder ähnliches. Und dann muss im Zweifel der Hersteller haften. Die gehen auf Nummer Sicher. Und Nummer Sicher heißt: Kabelgebunden."

Am Ende saß Maria perfekt in diesem Teil und ich glaube, ich kann sagen, es war einer ihrer glücklichsten Momente seit langer Zeit. "Die Akkus müssen eigentlich erstmal eine Nacht durchladen. Weil wir wissen, wie sehnsüchtig die meisten Kunden auf ihren Stuhl warten, wird bei uns kein Stuhl mit leeren Akkus ausgeliefert. Die kommen alle vorher in der Werkstatt eine Nacht an die Steckdose. Das ist zwar aufwändiger, weil man erstmal vieles auspacken und später wieder einpacken muss, aber dafür sind die Gesichter freudiger, wenn die Dinger ausgeliefert sind. Und ich mag freudige Gesichter."

Halb vier war er wieder weg. Zurück blieb Maria, die vor lauter Aufregung rote Ohren hatte und erstmal ihren Blutzucker kontrollieren lassen musste. Um halb sechs machte sie dann das, was sie nach eigenen Angaben seit mindestens fünf Jahren nicht mehr gemacht hat: Alleine losfahren. Sie meinte: "Ich werde keine Kilometer abreißen. Wahrscheinlich setze ich mich in die U3 und schaue mir einmal den Hamburger Hafen von oben an." - Vor zehn Minuten kam sie wieder. Absolut glücklich.

Eine Frage will mir dabei nicht aus dem Kopf: War das nun so eine schwierige Mission? Warum hat es die andere Pflegeeinrichtung, in der Maria vorher wohnte, nicht geschafft, sich um eine angemessene Hilfsmittelversorgung für sie zu kümmern? Ich unterstelle einfach mal: Weil man zu bequem war, weil es Mühen gemacht hätte, weil man ihr einen Freiraum gegeben hätte, den sie vielleicht nicht im Sinne der Einrichtung genutzt hätte. Ich hänge mich mit dieser Einschätzung, die nichts weiter als eine bloße Vermutung ist, weit aus dem Fenster, ich weiß. Aber so ein Verhalten bricht mir das Herz.

Kommentare :

Talia hat gesagt…

Herzlichen Glückwunsch an Maria!
Toll daß sich jetzt so gut gekümmert wird! Wie stehts mit dem Wohnplatz - hab ich da was verpasst?

Dann wünsch ich ihr mal allzeit gute Fahrt!

Sally hat gesagt…

Supi, ich gratuliere Maria ganz herzlich zu ihrer neuen Unabhängigkeit!!!!

Das kleine Detail mit den schon geladenen Akkus finde ich irgendwie süß. Da hat mal jemand mitgedacht. =)

eine Laura hat gesagt…

Oh wie schön! Das ist ja eine wunderbare Nachricht. Herzlichen Glückwunsch zum Rolli, Maria! :)

Dass der Sanitätshausmensch die Akkus geladen hat, weil er freudige Gesichter mag, fand ich aber auch wirklich lieb. :)

Aber es soll Leute geben, die sich reinhacken würden, wenn das nicht kabelgebunden wäre? Heftig. Ich meine, ich kenn dein Blog und deine Erfahrungen im Umgang mit manchen sehr speziellen Menschen, aber das hier ... hätte ich echt nicht erwartet. Naja. Zum Glück ist es kabelgebunden, weshalb das ja nicht passieren kann.

Liebe Grüße
Laura

Banane hat gesagt…

Super!
Ich freue mich für Maria, dass sie endlich ihren Elektro-Rollstuhl hat, der ihr sicherlich eine Menge Lebensqualität gibt.
Der Service des Sanitätshauses ist ja wirklich vorbildlich! - Da sollten sich die Behörden mal eine Scheibe abschneiden.
Also, Maria: Viel Spaß mit deinem Rollstuhl!

Die ganze Sache hat zwar mal wieder viel zu lange gedauert... aber immerhin hat sich die Wartezeit gelohnt!

Ach ja... gibt es inzwischen endlich einen endgültigen Bescheid zur Bewilligung der Leistungen für Maria?

Gruß
Banane

morgendliche Leserin hat gesagt…

Oh man- ich freue mich gerade einen Keks für Maria!

Wolfy hat gesagt…

Yeah! Glückwunsch! Wurde auch mal Zeit, dass Maria alleine losdüsen kann. Werden wir demnächst Berichte hören, in denen sie olle Ferrarifahrer überholt, weil sie ihr zu langsam sind? *g*

@eine Laura:

Ja, solche Leute gibt es. Haufenweise. Die machen sich dann nicht unbedingt einen Kopf über Spätfolgen. Ihnen geht es einfach nur darum, ob sie ein Gerät hacken können oder nicht. Ich wurde Beispielsweise mitte Mai von einem Scriptkiddy angegriffen, wo mein Router aber einen Riegel vor setze (der sich einfach ausschaltete, als er merkte, dass sich da jemand rein hacken wollte).
Und kommen sie rein, dann müssen sie das noch demonstrieren. Am PC unwichtige, auffällige oder für den Rechner lebenswichtige Dateien löschen oder (noch schlimmer) ihn für (halb)illegale Dinge benutzen, Schadsoftware drauf bringen etc.
Bei einem Handy ist es ähnlich und bei anderen Computern dann eben das.

Beim E-Rolli bietet sich eben dann "Fernsteuerung" an.

Taro hat gesagt…

Das klingt doch mal richtig gut, dass das jetzt doch endlich geklappt hat!
Der Service des Sanitätshauses hat mich doch gerade lächeln lassen. Schön, dass wenigstens die sich die Zeit nehmen und sich darum kümmern, dass auch alles richtig "sitzt".
Und mit der U3 hat Maria sich auch noch eine schöne Strecke für ihren ersten "eigenen" Ausflug ausgesucht - ich wünsche ihr jedenfalls alles Gute damit!

ubarto hat gesagt…

das ist ja eine schöne Nachricht! :-)

Und ein dickes einself! für den netten Sanitätshauschef.

Wobei ich zugeben muss, dass ich erstmal als ich dann las, dass Maria ganz alleine losgezogen ist dacht "Uff, ist das nicht gefährlich für sie?" Aber mir dämmerte dann, dass sie erwachsen ist und das ganz alleine ihre Sache ist, was sie macht (und ich kann mir nicht ansatzweise vorstellen, was das für sie bedeuten muss, nach so langer Zeit mal ganz selbstständig unterwegs sein zu können), und dass wahrscheinlich dieses falsch-besorgte Denken oft der erste Schritt Richtung Bevormundung ist.

Vielleicht war das auch ein bisschen der Grund, warum man sich in ihrer früheren Einrichtung nicht um einen E-Rolli bemüht hat? Falsch verstandenes Beschützenwollen? Dann weiß ich nicht, wie es personell in der Einrichtung aussah, ob das Personal überfordert war und die Zeit vielleicht knapp war etc...
Aber wie Jule schreibt, alles eigentlich keine richtigen Gründe.

Johanna hat gesagt…

Oh, das sind ja tolle Neuigkeiten! Ich freu mich sehr für Maria und ihre neu gewonne Freiheit. Echt richtig klasse, dass sie nun endlich ihren E-Rolli hat.

:-)

Kathrin hat gesagt…

Endlich! Wie schön :) (Ich habe übrigens die ganze Zeit den Titel als "Motorisierte Mafia" gelesen und mich gewundert, wo da der Zusammenhang ist...)

Anonym hat gesagt…

Das ist ein irrer Befreiungsschlag, endlich unabhängig dorthin zu kommen wohin man möchte. Kann ich gut nachempfinden.

Daniela hat gesagt…

Das freut mich ganz doll für Maria. Auch von mir Herzlichen Glückwunsch zur neu gewonnenen Freiheit.

Dass das so lange gedauert hat, ist, wenn man das Bohai in Deinem Blog verfolg hat, ein Trauerspiel, um so schöner ist es, das es jetzt endlich geklappt hat.

Die Hilfsbereitschaft des Sanitätshauschefs ist ja wirklich klasse und das mit dem Akku war ja echt süß. Das wäre manchem Geschäft sicher egal.

Somit also, viel Spaß Maria und allzeit gute Fahrt.

BigDigger hat gesagt…

Ach, herrlich! Hat ja auch wirklich lange genug gedauert, dass sie mal selbst ihre "Wahl"heimat erkunden kann. Ich freu mich.
Wenn mich also irgendwann eine Staubwolke überholt, kann's nur Maria sein... :-D

@Laura
Jede Funkverbindung ist sowohl störanfällig wie auch potenziell unsicher. Gerade bei solchen Geräten ist es das höchste Gebot, die Gefahren so weit wie nur irgend möglich zu minimieren. Allein die Möglichkeit, dass sich da jemand reinhacken könnte - unabhängig von der Wahrscheinlichkeit des Eintreffens - verbietet etwas anderes als eine kabelgebundene Lösung.

@ubarto
Ich gehe davon aus, dass das nichts mit falsch verstandener Fürsorge zu tun hatte (erinnere Dich mal bitte an die kalten Duschen...), sondern mit Machtmissbrauch und Sicherung der eigenen Pfründe. Sonst kommen diese "Krüppel" ja noch auf die Idee, sie könnten sich etwas Eigenständigkeit bewahren... ^.^

Dass das Sanitätshaus die Akkus vorgeladen hat, ist ein toller Service. Allerdings auch wohl nicht ganz uneigennützig - als Kunde wird man sich gern daran erinnern... Win-Win-Situation. Und vor allem: Schön, dass sich noch ein Geschäftsführer an das Prinzip "Umsatzsicherung durch Kundenbindung durch Service" erinnert! Das ist wahrlich selten geworden.

Jenny aus Hessen hat gesagt…

oooh, das ist sooooo toll!!!!! freu mich total für maria!

eigtl könntest du auch den namen des anitätshauses nennen, so toller service mus belohnt werden :)

LG

Anonym hat gesagt…

Und nun gründet Maria ihren eigenen Rockerclub ... :D

ednong hat gesagt…

Fein, dass sie endlich ihren E-Rolli hat! Das mit dem Vorladen sollte dazugehören - so etwas nennt sich dann Kundenservice. Und wie beschrieben - man wird sich dran erinnern und gerne auf das Haus zurückkommen.

Dass Maria in ihrer Einrichtung keinen Rolli bekommen hat - klar hat das etwas mit Freiraum und Selbstständigkeit zu tun. Erstmal verliert das Haus dann Macht, zweitens müssen sie sich dann noch darum kümmern und natürlich auch etwas aufmerksamer "verfolgen", wenn sie unterwegs ist. Das macht Arbeit. Und Arbeit kostet Personal udn somit Geld. Also spart man sich das ganze Theater lieber und gibt ihr keinen Rolli.

Dennis hat gesagt…

Hi Jule,

glückwunsch das Ihr es endlich geschafft habt, die Verordnung zu vollenden.
Glückwunsch an Maria für Ihre gewonnene Freiheit.

LG
Dennis

Anonym hat gesagt…

Woooohooooh! Yeah, der Rolli ist endlich da! Maria, ich wünsche dir von ganzem Herzen alles Gute, immer eine sichere Fahrt und viele tolle Stadtbesichtigungen!

Und Jule, könntenst du deinen Idioten-Magneten bitte ein wenig von Maria fern halten? Ich nehm ihn auch, damit ihr eure Ruhe habt!

Ein wunderschönes Wochenende!

M.

P. hat gesagt…

Sowas am Samstag Morgen (beinahe Mittag) zu lesen ist wirklich toll und macht das Wochenende noch schöner!

Ich freu mich einfach nur für Maria .. das wurd auch wirklich Zeit, dass sie das Ding bekommt!

Wünsche ihr eine schöne Zeit mit dem Stuhl und viele viele viele unfall - und störungsfreie Kilometer! :-)

Michi hat gesagt…

Was seeeeehr lange währt, wird endlich gut.

Ich freue mich für dich, Maria! Allzeit gute Fahrt! :)

Jule hat gesagt…

@Talia und Banane: Nein, nichts verpasst. Es gibt noch keinen endgültigen Bescheid. Die nächste vom Gericht gesetzte Frist läuft am 15.06.12 ab. Mal sehen, ob bis dahin was passiert oder was das Gericht dann als nächstes tut.

@BigDigger: Wenn ein Sanitätshaus seine Kunden durch Service zu binden versucht, ist es mir als Kundin sehr, sehr lieb! Dieses Sanitätshaus scheint in der Tat nach dem Werbeslogan des Unternehmens zu handeln, der [Kundenbindung] durch Service verspricht.

@Jenny aus Hessen: Ich nenne hier keine realen Namen, ich möchte nicht, dass am Ende jemand meiner (immerhin auch vorhandenen) merkwürdigen Leser dort anruft und dort irgendeinen Blödsinn veranstaltet. Leider kann man nicht vorsichtig genug sein.

Seemädel hat gesagt…

Freut mich, dass Maria den E-Rolli endlich hat!

Aber das mit dem Wohnplatz - unfassbar. Bekommt ihr dann momentan kein Geld oder nur vorläufig was?

Anonym hat gesagt…

Mit dem funk koennte man es ja so machen, dass man erst im rolli was aufschrauben und dann den funk per schalter aktivieren muss. Zumindest wuerde der dann im servicemodus besser einstellbar sein und im normalmodus alles aus und keiner koennte sich anspnsten ins system reinhacken.

Olli hat gesagt…

Uih, das Ding scheint komplexer zu sein, als ich laienhaft annahem, also von wegen Einstellung. Insofern wäre ichglatt auch mal gespoannt, wie sich so ein Ding fährt. Und einen normalen Rolli würd ich bei passender Gelegenheit/Begelitung/Anleitung auch mal probieren, also sehen wie gut ich im Kurven, bei Stufen usw bin.