Freitag, 31. August 2012

Abendlied


So legt euch denn, ihr Brüder, in Gottes Namen nieder; kalt ist der Abendhauch. Verschon uns, Gott! mit Strafen und lass uns ruhig schlafen! Und unsern kranken Nachbarn auch!

Vollmond ist. Sagt zumindest mein Smartphone. Man sieht es auch, wenn man aus dem Fenster guckt. Oder auf das Foto hier oben. Ja, es ist ein Foto, eben gerade aufgenommen. Man sieht es aber auch, wenn man die Leute beobachtet. Vor zwei Stunden lief einer mit freiem Oberkörper durch die Straße. Bei 12 Grad.

Matthias Claudius sorgt sich in seinem "Abendlied" um seinen kranken Nachbarn. Das in Deutschland wohl bekannteste Boulevardblatt sorgt sich hingegen heute um den Umgang seiner Leser mit behinderten Menschen. "Wie gehe ich richtig mit Behinderten um?" ist da in fetten Lettern zu lesen.

Experten kommen zu Wort und erklären uns erstmal, wie wir richtig miteinander zurecht kommen: Man soll mir bitte nicht mitleidig über den Kopf streichen oder mir ungefragt Geld zustecken. Unterhaltungen führt man mit mir am besten nicht in Babysprache.

Statt darüber nachzudenken, ob ich an meinen Rollstuhl gefesselt sein könnte, sollte man mich lieber fragen, wie lange er mit einer Batterieladung fährt. Und Leute, deren Behinderung nicht offensichtlich ist, fragt man lieber nicht direkt, ob sie behindert sind - sondern lieber, ob sie besondere Unterstützung brauchen.

Vor Rollstuhlfahrern sollte man sich nicht hinknien, und bei Kindern im Rollstuhl sollte man die Eltern fragen, was die Kleine so mag. Auf keinen Fall sollte man gespieltes oder übertriebenes Mitleid zeigen. Und falls jemand einen spastischen Anfall kriegt (was ist das?), darf man ihn fragen, ob er ein Glas Wasser haben möchte.

Gut, dass wir darüber mal gesprochen haben. Sind das wirklich Dinge, die die Nation verunsichern und die sich nur von Experten beantworten lassen?

Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.

Kommentare :

Mastacheata hat gesagt…

Sind das wirklich Dinge, die die Nation verunsichern und die sich nur von Experten beantworten lassen?
Anscheinend, sonst würde die Auflagenstärkste Tageszeitung Deutschlands wohl nicht darüber berichten.

Ob wir dazu Experten brauchen? - Wir sind in Deutschland, also holt man sich für sowas am besten sogar selbsternannte Experten.

Aber mal ganz ehrlich: Wer für den ganz normalen Umgang mit Rollstuhlfahrern Hilfe braucht, der hat auch sonst im Umgang mit anderen Menschen dringend Nachhilfe nötig.
Ich kann ja verstehen, dass es für die meisten von uns Fußgängern eine ungewöhnliche Situation ist mit einem Rollifahrer zu reden.
Aber von einem Problem mit dem Gehapparat auf irgendwelche geistigen Probleme zu schließen ist doch komplett daneben. Der/Die RollstuhlfahrerIn kann doch noch genauso mit mir reden wie jeder andere Fremde.

Das mit dem Glas Wasser wenn jemand gerade eine Spastik hat verstehe ich allerdings nicht. Hat das irgendwelche realen Hintergründe oder ist das nur ein toller Ratschlag um von der wahrscheinlich unangenehmen Situation abzulenken?

Anonym hat gesagt…

Dann weiß ich jetzt auch, warum ich so schlecht geschlafen habe.

Gruß

loxia

Günther hat gesagt…

Jule, du wirst mir unheimlich. Deine offene Kritik ist doch nicht ohne Grund in eins der berühmtesten deutschen Gedichte eingebettet und damit verflochten. Ich würde dich zu gerne mal kennen lernen und mich mit dir unterhalten. Wenn ich jetzt behaupten würde, ich wäre der 1.000.000 Seitenaufrufer gewesen, gibt es dann eine Chance auf "Meet the Maker"?

Das, was da geschrieben wird, führt meines Erachtens lediglich zu weiterer Distanz. Ich unterrichte neuerdings auch Schüler, die eine körperliche Behinderung haben. Das war früher nicht vorgesehen, sie hatten ihre "eigene" Schule.

Ich wäre bei meinem ersten Rollstuhlfahrer nie auf die Idee gekommen, den anders zu behandeln als den Rest meiner Klasse. Es war anfangs ein ungewohntes Bild in meinem Kopf und ich habe zwei Mal hingeschaut. Genauso wie ich zwei Mal hingeschaut hatte, als der erste Schüler ein Smartphone oder einen Laptop mit in den Unterricht gebracht hatte.

Ich habe über die Jahre die Erfahrung gemacht, dass behinderte Schülerinnen und Schüler wirklich anders sind. Sorry, wenn ich das so deutlich sagen muss. Sie sind oft (nicht immer) wirklich anders. Meistens sind sie nach einem Jahr Klassensprecher. Oder dessen Vertreter. Warum? Bestimmt nicht aus Mitleid.

Sondern weil sie oft Fähigkeiten haben (müssen), die weit über das in dem Alter übliche Maß hinaus gehen. Mit Menschen reden, Hilfebedarfe analysieren, benennen, einfordern, steuern, Konflikte lösen, sich für schwächere Menschen einsetzen, zuhören können, mitfühlen können, abwägen können - ihr Gefühl für Ungerechtigkeiten, Ausgrenzung und (gesellschaftliche) Zusammenhänge, für das Befinden und die Laune ihres Gegenüber ist oft bestechend, wenn nicht sogar beängstigend.

Und zugleich faszinierend. Und, wenn man es genau nimmt, beschämend, denn diese Fähigkeiten sind deshalb so stark ausgeprägt, weil sie damit täglich Dinge kompensieren müssen, die Menschen ihnen entgegen halten, die mit ihnen umgehen auf dem Niveau des zugrunde liegenden Zeitungsartikels.

Talia hat gesagt…

Es war sogar ein blauer Mond vergangene Nacht - Anfang des Monats hatten wir schon einmal Vollmond. Da gibt es auch einen recht bekannten Evergreen dazu.

Sehr schön finde ich ja irgendwie daß Neil Armstrong als erster Mensch auf dem Mond gerade während dieses nicht allzu häufigen Ereignisses beigesetzt wurde - irgendwie passend für ihn.

Heike hat gesagt…

Hallo Jule,

nachdem Du jetzt des bayrischen mächtig bist:
http://www.youtube.com/watch?v=ZtlAb2pG1uI

Es hat sich scheinbar auch 30 Jahre nach diesem Sketch nicht viel geändert.

Liebe Grüsse,
Heike

Sally hat gesagt…

Supi. Ich geh irgendwo in die Fußgängerzone und nehme eine Freundin mit, die die Aufgabe hat, mich zu erschrecken. Muss ich dann kein Mineralwasser mehr kaufen? Das wär'doch die Idee! ;)

Dennis hat gesagt…

Hi Jule,
der Artikel in dem Boulevardblatt war typisch für das Blatt. Der erste Absatz, der in der Onlineversion sogar fettgedruckt ist, sagte schon sehr viel über die Qualität des Artikels aus, wenn man von der Überschrift absieht. Nach dem ersten Absatz habe ich das nicht weitergelesen.

Den Mond hast Du gut hinbekommen. Ich selbst hatte da leider zu spät dran gedacht, da wurde der Mond schon zu sehr von der Sonne angestrahlt.

Liebe Grüße
Dennis

seemaedel hat gesagt…

Ah ja... das meiste sagt einem ja auch der gesunde Menschenverstand - sollte man zumindest meinen...

Zu dem "nicht hinknien" hab ich aber jetzt doch eine Frage: In welcher Position "sollte" man sich denn mit einem Rollstuhlfahrer unterhalten? Ich versuche eigentlich grundsätzlich, mit meinen Gesprächspartnern auf Augenhöhe zu gehen. Natürlich nicht, wenn es nur eine ganz kurze Frage ist oder jemand Wildfremdes auf der Straße und ich würde auch eher in die Hocke gehen als auf die Knie.
Aber im Stehen länger als 30 Sekunden mit jemandem zu reden, der sitzt, mag ich eigentlich nicht, das hat für mich irgendwie was von "von oben herab". Das gilt aber bei mir ganz allgemein, egal ob die andere Person im Rollstuhl sitzt oder ob sie halt gerade am Esstisch/ auf dem Sofa... sitzt, wenn ich komme.

Raeblein hat gesagt…

Huhu Jule

sehr schöner Post, aber du siehst mich verwirrt.
Also ich habe in meiner Ausbildung zur Krankenschwester gelernt das man bei Rollstuhlfahrern immer versucht einigermaßen eine Ebene zu bekommen, damit sie sich nicht so "von oben Herab" behandelt und angesprochen fühlen.
Und in der Altenpflege wird es aktuell genauso gelehrt.
Ist das also etwas das du als Faustformel nicht gut fändest ?

bis bald
Raeblein

BySu hat gesagt…

Ich behandle alle Menschen gleich - gab auch in meinem Bekanntenkreis Menschen, die körperlich behindert waren.

Klar stellt man mal (aus der Sicht des Behinderten) blöde Fragen, aber grundsätzlich haben wir uns gut verstanden.

Man kann ein Thema auch überdramatisieren. Man kann es auch kurz fassen: Du Mensch, ich Mensch - haben wir uns doch einfach lieb, wenn Du (respektive ich) kein komplettes A... ein unnetter Mensch bist ;-)

Jule hat gesagt…

@Mastacheata: Von einem spastischen Anfall habe ich noch nie etwas gehört. Ich kenne nur jede Menge Spastis, die bei Aufregung (oder anderen auslösenden Faktoren) halt angespannter sind als beim Chillen, aber da von einem Anfall zu sprechen, halte ich persönlich, ohne die letzte wissenschaftliche Meinung zu kennen, für Käse. Und was das Glas Wasser dabei soll ... wohl nur ablenken.

@seemaedel, @Raeblein: Die Empfehlung stammt nicht von mir. Ich persönlich finde es albern, wenn jemand vor mir auf die Knie fällt und sich die Hose dreckig macht, nur um mit mir auf Augenhöhe zu sein. Es sei denn, er will mir einen Heiratsantrag machen... Aber mal im Ernst: Natürlich ist es angenehmer, auf Augenhöhe zu sprechen. Am liebsten ist es mir, wenn sich jemand auf einen Stuhl setzt, wenn es ein längeres Gespräch wird. Beim Hinhocken würde ich mir ein wenig wie ein kleines Kind vorkommen. Aber sonst: Ich lege viel mehr Wert darauf, dass ich denjenigen sehen kann. Es gibt auch Leute, die wollen sich mit mir unterhalten und stellen sich permanent hinter mich. Das kann ich gar nicht leiden. Manchmal ist es auch netter, einfach mal einen Meter weiter weg zu gehen, damit der Blickwinkel nicht ganz so steil ist. Das ist auch ein Kompromiss.

Aber insgesamt ist das was persönliches und immer verschieden. Ich glaube, man sollte einfach auf seinen Bauch hören und das nicht dramatisieren. Ich möchte auch einfach keine Regeln aufstellen, denn wie gesagt, jeder empfindet das anders. Wenn mir was absolut nicht passt, wie das Hinter-mir-Stehen, dann kann ich mich schließlich auch umdrehen. Blöd wird es erst, wenn derjenige dann wieder in meinen Rücken wandert. Dann sag ich halt einfach: "Du, ich fände es angenehmer, wenn wir uns beim Reden ansehen. Ich mag das nicht so gern, wenn Du hinter mir stehst."

Anonym hat gesagt…

> Sind das wirklich Dinge, die die
> Nation verunsichern und die sich
> nur von Experten beantworten
> lassen?

Solange die Nation sich vom KÄSE-Blatt bilden lässt und das Hirn schon vorm Kauf abgegeben hat:
Scheint so ;)

Sogar die großen Vorbilder der Nation (siehe http://wirbt-fuer-bild.de/) werden das teilweise bildend finden... Da lernt man wie man Flugzeuge fliegt und mit Menschen umgeht. Letzteres etwas, was das Blatt regelmäßig nicht interessiert.

Tja, kein Link zu Deinem Blog im Artikel? Ist das gut oder eine verpasste Chance? :D

Grüße
Alexander

BigDigger hat gesagt…

Echt jetzt?
Du befasst Dich mit Totholz, in das man nicht mal Fischabfall einwickeln kann, weil man damit den Fisch beleidigt?

Besonders schön finde ich ja den Punkt 2:
"Niemand ist „an den Rollstuhl gefesselt“"
Und im Artikel "Sepp ballert sich zu Gold" steht dann:
"Der Bayer, mit Glasknochen an den Rollstuhl gefesselt, seelenruhig: (...)"
Gleichentags, über den Siebenjährigen, dessen Kinderarzt eine Hirnhautentzündung nicht erkannte und deshalb zu Schadenersatz und Schmerzensgeld verurteilt wurde:
"Weil ein Arzt pfuschte, ist der Junge sein Leben lang an den Rollstuhl gefesselt."
Am 10. August über "siamesische Zwillinge":
"Nach der OP hätte jede von ihnen nur einen Arm und ein Bein gehabt, sie wären ihr Leben lang an den Rollstuhl gefesselt gewesen."

Muss ich über die Witwenschüttler und Leichenerstbefrager noch mehr sagen?

Jule hat gesagt…

@BigDigger: Fängt ja schon damit an, dass sie im zweiten Absatz sagen, man soll nicht "Behinderte" sagen, das aber selbst in der Überschrift tun.

Bettina @ Liburuak hat gesagt…

Ich habe deinen Blog gestern erst entdeckt, stundenlang darin geblättert und, ganz abgesehen von allem was du sonst so schaukelst, bin ich schwer beeindruckt von deinem Schreibstil. Die 15 Punkte in Deutsch kamen nicht von ungefähr ;). Die Verknüpfung hier mit dem Abendlied hat mir besonders gut gefallen.

Zu dem Bild-Artikel sagt man wohl besser nichts. Was für ein Quatsch mit Soße.

Anonym hat gesagt…

Wie lange fährt denn dein Rolli mit einer Batterieladung? Was? Keine Batterien? Handbetrieb?

Komm, lass dir mal übers Haar streichen. Armes Schweinchen. Hab dich lieb.

Anonym hat gesagt…

Ich krieg auch einen spastischen Anfall. Wenn ich so einen Scheiß lese.

Die größte Unverschämtheit ist, zu predigen, dass jeder Mensch individuelle Bedürfnisse hat, aber dann der Gruppe der "Behinderten" zusammenfassend gute Ratschläge zuerkennen zu wollen.

Dem Blatt ist auch nichts heilig.

P. hat gesagt…

*hihi*
Ich hab den "Bericht" auch gelesen und dabei direkt an dich gedacht und mir überlegt, was du wohl dazu sagen würdest ;)

Scheinbar waren da wieder einige Praktikanten am Werk, die sonst nicht wussten, was sie schreiben sollten.
Die meisten Fragen stellen sich mit gesundem Menschenverstand nichtmal ..

Falls wir uns irgendwann doch mal über den Weg laufen sollten, melde ich allerdings jetzt schonmal an, dass ich mich lieber vor dich knie als den Stuhl zu nutzen. Das kommt aber nur davon, weil ich Stühle an sich nicht mag und zuhause auch lieber auf'm Boden sitz ;)

PS: Schöner Vollmond :)

Michi hat gesagt…

Und nachdem das Klopapier mit den vier Buchstaben jetzt mal richtig was für das Verständnis zwischen Rollifahrern und Fußgängern getan hat (Friedensnobelpreis folgt...), kann man dortselbst jetzt auch Behindertenwitze lesen: http://www.absolutobsolet.blogspot.de/2012/08/von-handicap-helden-judo-zwillingen-und.html (via Bildblog)

*Kopf->Tisch*

seemaedel hat gesagt…

Danke für die Antwort, Jule!
In den Dreck knien würde ich mich auch nicht gerade, vermutlich würde ich eher in die Hocke gehen, wenn es länger als 1 Minute dauert und kein Stuhl in der Nähe ist. Aber ich gehe auch in die Hocke oder beuge mich vor, wenn ich am Nebentisch beim Mittagessen jemanden was fragen will, weil ich es einfach gut finde, mit den Leuten auf Augenhöhe zu sein, auch wenn es "nur" um eine ganz banale Frage wie "kommst du nach dem Essen mit ins Dorf" o.ä. geht.
Hinter die Person stellen? Sowas gibt's? Da wär ich noch nicht mal auf die Idee gekommen... *kopfschüttel* *fassungslosbin*

LG seit neuestem aus dem nahen Lübeck ;-)
Seemädel

Seemädel hat gesagt…

Oh, und @ Michi: Eine super Beschreibung für die Zeitung mit den 4 Buchstaben^^ Kannte ich noch nicht, muss ich mir aber unbedingt merken.

Asinello hat gesagt…

Den Inhalt des BLÖK-Artikels hast Du besser getroffen als das Blatt selbst. Chapeau.

Hübsch.

Die BLÖD möchte uns also beibringen, dass man mit Menschen umgehen darf wie mit Menschen. Statt das zu sagen, bemüht das Qualitätsblatt "Experten", die uns die schwierige Aufgabe erklären: "Behandeln Sie ihn wie jeden anderen auch."

Genau. Halten Sie einfach (für den Fall eines spastischen Anfalls) ein Glas Wasser und eine Notrufnummer parat, fragen Sie Eltern zwanglos, was der/die Kleine so mag, seien Sie ganz natürlich. Man wird es Ihnen danken.

Derweil bedienen "Experten" freundlicherweise die Annahme, dass es sich bei Behinderten eben doch um eine besondere Spezies handele, um Andersartige, deren besondere Welt für Normalos ohne Fachwissen nicht zugänglich sei.

(seufz) Einer Gesellschaft, die ausgrenzt, das Ausgrenzen abzugewöhnen, ist keine leichte Aufgabe.

Den Blickwinkel, aus dem "Normalität" darin besteht, jeden Menschen als einzigartig wahrzunehmen, hätte das Blatt (sogar unter Verweis auf den "Experten" Stephen Hawking) vielleicht dennoch mitliefern können. Aber das hätte Recherche erfordert: Zuhören bei der Eröffnung der Paralympics.
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Dabeigewesen war das beste unserer amtierenden Staatsoberhäupter. Der hatte in London zugehört, und er ging im Interview die schwere Aufgabe mit den Mitteln des geübten Predigers an.

Um Herrn Gauck bestmöglich zu verglimpfen, zitiere ich seine eindrucksvollsten Worte möglichst direkt.

Der Herr Bundespräsident "möchte natürlich zeigen, dass wir zweierlei nötig haben: Einmal den Respekt vor Menschen, die Hochleistung bringen wollen, und aber noch dabei sich noch mehr anstrengen müssen als andere."

Für Herrn Gauck "sind behinderte Sportler eigentlich ein Symbol für unser Dasein in der politischen Welt." Um diese Metapher zu erklären, erwähnt er zunächst demotivierte Menschen, politisch Erlahmte, und fährt fort: "Wenn ich mal das Bild von Behinderten nehme, deren Leben ist nun -weiß Gott- nicht rosig, sondern sie haben ein deutliches Handicap. Und dann machen sie etwas daraus! Und gehen an ihre Leistungsgrenzen, erweitern diese Leistungsgrenzen."

Etwas später erwähnt Herr Gauck, dass "wir" ja dieses Jahr "über sechs Millionen in die Förderung von Behindertensport" geben, freut sich aber "vor allem über die unendlich vielen freiwilligen Helfer in den Vereinen, denn hier brauchen natürlich unsere behinderten Sportler mehr Assistenz als die Sportler, die total gesund sind." -

"Es reißt mich mehr mit", gesteht er, und fährt fort: "Es ist einfach für mich noch faszinierender: Diesen Mut dieser Menschen zu sehen, und auch diesen, dieses "Ja zu einem Leben, das nicht perfekt ist - aber es ist mein Leben, und ich will es gestalten". Das ist toll."
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Während ich das auf mich wirken lasse, blättere ich in einer echten Zeitung. Dort finde ich einen Verriss von Trash-TV-Dokus, der den gegebenen Anlass nutzt, den "üblichen" Blickwinkel auf Kleinwüchsige zu thematisieren. Irgendwie habe ich den beruhigenden Eindruck, es sei für die Autorin selbstverständlich, ihre Mitmenschen zu achten.

Dass der Verriss einfach nur ein Rant ist, und dass die Autorin nicht missionieren, sondern einfach nur granteln mochte, hat mich wohltuend mit der Wucht geballter Kompetenz versöhnt, die uns medial während der Paralympics umwehte.