Mittwoch, 15. August 2012

Schlimmer als jede Ehekrise

Vor etwa drei Monaten kam in unsere Trainingsgruppe eine knapp 24jährige Frau, Rollstuhlfahrerin mit angeborener Querschnittlähmung (Spina bifida), wollte bei uns mittrainieren, war eigentlich mal in der (professionellen) Gruppe "über" uns, hatte da aber wohl, wie sich jetzt herausgestellt hat, zunehmend persönliche Probleme.

Heute nun ist sie (auch) aus unserer Trainingsgruppe rausgeflogen. Die Verantwortlichen haben die Reißleine gezogen, sozusagen als letztes Mittel, um Schaden von anderen Teilnehmern abzuhalten. Und ich muss sagen: So sehr ich dafür bin, aufeinander zuzugehen, sich gegenseitig zu verstehen, Rücksicht zu nehmen, den anderen zu respektieren und zu akzeptieren - so sehr begrüße ich diese Entscheidung. Es mag überheblich und anmaßend klingen, aber dennoch bin ich froh, dass das Drama ein Ende hat und sie weg ist.

Sportlich war sie mittelmäßig, eher leicht unterdurchschnittlich, persönlich kam man gut mit ihr klar, solange es auf einer oberflächlichen Gesprächsebene blieb und man ihrer Meinung war. Womit wir bei dem Thema wären, das sich wie ein roter Faden durch unsere gemeinsamen letzten drei Monate schlängelt: Kritikfähigkeit und Selbstreflexion. Fehlende Kritikfähigkeit und kaum vorhande Selbstreflexion. Und sowas ist verdammt anstrengend.

Ich halte mich für einen sehr geduldigen Menschen und es dauert verdammt lange, bis mir der Geduldsfaden reißt, aber hätte nicht in der letzten Woche Tatjana die Weichen für einen Rauswurf gestellt, hätte ich mir überlegt, meine weitere Trainingsteilnahme davon abhängig zu machen, ob diese Person vor Ort ist. Das soll bitte keiner falsch verstehen, ich habe und hätte niemandem die Pistole auf die Brust gesetzt. Ich hätte das für mich entschieden, ohne großes Theater. Und hätte mir eine andere Trainingsgruppe gesucht, vielleicht gemeinsam mit einigen anderen Leuten.

Dass jemand mal Scheiße baut, ist völlig normal. Ich würde eher einen Menschen komisch finden, der nie etwas verkehrt macht, als jemanden, dem hin und wieder mal ein Fehler passiert. Ja, ich mache auch Fehler und ja, ich mache vielleicht sogar mehr Fehler als andere Menschen. Aber wenn ich einen Fehler gemacht habe, dann kann ich dazu stehen. Ja, Kritik kann hart sein und ja, Kritik stecke ich manchmal nicht sofort weg. Und manchmal bin ich aus für mich sachlichen oder persönlichen Gründen auch anderer Meinung. Manchmal bis zu einem Kompromiss, manchmal auch nur noch einen Moment, bis ich einsehe, dass meine Haltung unsinnig, auf Kosten anderer, lieb- oder respektlos ist - manchmal bin ich auch nicht mal bereit, einen Kompromiss zu finden, weil ich von meiner Meinung nicht abweichen kann oder will. Das alles gehört zu mir, zu meiner Persönlichkeit.

Was wir in unserer Trainingsgruppe hinter uns haben, lässt sich kaum beschreiben. Ich nehme am Training teil, weil ich etwas lernen, mich verbessern möchte. Also nehme ich die Kritik von unserer Trainerin an, zumal sie die immer sachlich und respektvoll rüberbringt. Und klar, man kann mal anderer Meinung sein, auch das ist ihr recht, schließlich will sie uns zu selbständigen Menschen trainieren. Beim Rennen muss ich auch eigene Entscheidungen treffen. Aber es kann doch nicht sein, dass man jeden noch so klitzekleinen Ratschlag ausdiskutiert. Die nun rausgeflogene Sportlerin meckert rum, dass sie eine gewisse Geschwindigkeit nicht erreicht und Tatjana sagt: "Hast du schonmal probiert, deine Handhaltung zu ändern? Sie ist sehr ungewöhnlich." - "Ja, das funktioniert nicht, das mache ich schon immer so seit 10 Jahren, daran liegt das nicht."

Tatjana teilt Kleingruppen ein. Grundsätzlich: "Wieso darf ich nicht mit xy zusammen in die Gruppe, immer bekomme ich Leute, die mich nicht fordern, ich will mit yz zusammen trainieren." - Oder, wie im Kindergarten: "Wieso darf diejenige heute eine Runde weniger fahren als ich?"

Nach dem zwanzigsten Zwischenfall platzt Tatjana der Kragen und es kommen dann Kommentare von ihr wie: "Wenn du meinst, dass du bei mir nichts mehr lernen kannst, dann such dir doch bitte eine andere Trainerin." - Worauf die ehemalige Teamkollegin dann angefangen hat zu heulen. Niemand verstehe sie, alle seien gegen sie, ihr würde aus ihrer Behinderung ein Nachteil gestrickt, niemand glaube an ihre Leistungen, die Haltung der Trainerin sei ursächlich für ihre Mittelmäßigkeit.

Es folgen mehrstündige Gespräche, in denen Tatjana ihr erklärt, dass sie Kritik annehmen muss, dass sie ihren eigenen Standpunkt überdenken muss. Bei allem Respekt vor ihrer Sensibilität, ein gesunder Dialog müsse noch möglich bleiben. Die Sportlerin bittet Tatjana, Kritik weicher zu formulieren, was anfangs Erfolg hat, jedoch bald scheitert, weil eine Trainerin, die auf dem Mountainbike nebenher strampelt, ruft: "Und JETZT schalten und SOFORT mit dem Sprint beginnen, und sofort wieder hochschalten, das dauert viel zu lange, das muss zackiger kommen."

So ist das nunmal. Sie hat mich trotzdem lieb, trotz des rauen Tonfalls. Ein Chirurg im OP ruft auch nur "Zange", "Tupfer", "saugen" und nicht: "Verehrte Schwester, hätten Sie die Güte, das Erbarmen und die Zeit, mir die vierunddreißigste Zange von links geöffnet und mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen in meine rechte Hand zu legen? Ich wäre Ihnen sehr verbunden." - Außerhalb des Trainings redet sie ja nicht so forsch.

Und wenn das alles nicht klappt, kann es eben auch mal sein, dass Tatjana sagt: "So, anhalten." - Worauf hin besagte Kollegin dann sagte: "Du kannst mich mal, ich fahr jetzt weiter." - Und Tatjana dann umdreht und sich um andere Leute kümmert, hinterher aber angeschwärzt wird beim Vereinsvorstand. Nee, echt nicht.

Am besten war die Aktion mit der Klobürste, die stellvertretend für mindestens zwei Dutzend ähnliche Fälle steht: "Ähm, xy, würdest du bitte die Klobürste benutzen, wenn du das WC benutzt hast? Das ist eklig." - "Ich war das nicht." - "Du warst doch aber gerade auf Klo." - "Nein, ich war nicht auf Klo." - "Entschuldigung, ich habe doch gerade gesehen, dass du hier aus dem Raum gekommen bist." - "Ich war nur Hände waschen." - "10 Minuten lang?" - "Ich war nur 2 Minuten drin." - "Das stimmt nicht, ich warte seit über 10 Minuten darauf, endlich auf Klo zu können. Und das ging nicht, weil du es besetzt hast." - "Ja, dann habe ich eben 10 Minuten Hände gewaschen." - "Und da war das Klo schon dreckig? Als wir vorhin abgeschlossen haben, war es doch noch sauber. Da war ich nämlich als letzte drauf und ich habe es sauber hinterlassen." - "Vielleicht hast du es ja auch nicht sauber gemacht." - "Ja vielleicht. Ist gut, ich habe keinen Bock, mit dir darüber zu diskutieren."

"Das sieht dir ähnlich, andere beschuldigen, nur um von sich selbst abzulenken." - "Es reicht!" - "Nein, ich musste mir deine Vorwürfe auch anhören." - "Ich möchte mit dir über das Thema nicht mehr sprechen." - "Aber ich mit dir. Du hörst mir jetzt mal zu. Ich finde das unmöglich, dass du mich vor anderen Leuten als diejenige hinstellst, die hier das Klo nicht saubermacht. Wie ein kleines Kind. Und ich sag dir was: Ja, ich habe das Klo nicht saubergemacht. Aber es war vorher auch schon dreckig." - "Du hast doch gerade abgestritten, überhaupt auf dem Klo gewesen zu sein. Das ist das, was hier ständig zu Stress führt." - "Ich habe nie gesagt, dass ich nicht auf dem Klo war. Ich habe gesagt, ich habe lange Hände gewaschen. Aber ich habe nicht gesagt, dass ich nicht auf dem Klo war. Was willst du mir hier eigentlich unterstellen? Du denkst wohl, nur weil ich behindert bin ..." - "Überleg dir genau, was du jetzt sagst, ich sitze auch im Rollstuhl." - "Ja aber erst seit drei Jahren. Ich seit dreiundzwanzig."

Und so lief alles. So liefen alle Gespräche. Und sollte es mal so sein, dass alles Rauswinden nichts brachte, kam: "Ich hab das anfangs nicht richtig verstanden. Aber du musstest ja gleich ein Drama draus machen." - Ich kann es nicht mehr hören. Cathleen sagte immer: "Schlimmer als jede Ehekrise."

Kommentare :

Michael hat gesagt…

Auch, wenn Dir wahrscheinlich ganz anders zumute ist: Die Frau tut mir wahnsinnig leid. Normalerweise sagt man ja, dass Sport gut ist fuer Stressabbau, aber bei ihr hilft scheinbar nur noch eine lange Therapie. Die ist ja ein rollender Komplex. So ein Mensch kann einem nur leid tun, und ich sage das nicht, weil sie auf zwei Raedern unterwegs sein muss.

Aber ein Sportclub ist eben keine Selbsthilfegruppe, drum kann ich Eure Reaktion sehr gut verstehen.

Aber man fragt sich wirklich, wie jemand wie Jule, fuer die ihr Unfall inmitten ihres Lebens ein extremer Einschnitt war, sich in kurzer Zeit zu einer positiven Lebenseinstellung durchgerungen hat und sich auch als Mensch enorm schnell weiterentwickelt hat, waehrend bei der Dame wohl irgendwas komplett schief lief.

Wie gesagt, das ist wohl etwas fuer einen Therapeuten, aber nicht fuer eine Sportgruppe, selbst wenn (oder gerade weil) es eine Behinderten-Sportgruppe ist, denn da hat man fuer solche einen Bullsh.. wohl schon gar keine dauerhafte Geduld.

Daniela hat gesagt…

Ein bißchen mußte ich eben schmunzeln, als ich den Blog-Eintrag gelesen habe, denn als Trainerin einer Hundesportgruppe habe ich vor einigen Jahren eine ähnliche Situation auch schon mal erlebt. Nix konnte man ihr recht machen, jede Kritik und Anregung wurde ausdiskutiert oder mißverstanden und jede gute Trainingsumgebung, die der Verein bieten konnte, wie ein Wintertraining in einer Reithalle (für einen Hundesportverein wirklich wie ein 6er im Lotto) wurde, ohne Kenntnisse der Begebenheiten, schlecht geredet.

Ich schätze mal, so was kommt immer mal wieder in Trainingsgruppen aller Art vor und die einzige Konsequenz, die man als Trainer da ziehen kann, ist diese Person aus der Gruppe raus zu werfen. Denn neben der Tatsache, daß so was an den eigenen Nerven zehrt, es raubt einem Energie, die man gescheiterweise den anderen Trainingsteilnehmern zugute kommen lassen sollte. Es stört das Training und verhindert einen guten, für alle produktiven Trainingsverlauf und nicht zuletzt, es nervt einfach unendlich, wenn man immer und ewig solche Diskussionen führen muß, als Trainer und auch als Trainingsteilnehmer.

Ob einem so ein Mensch leid tun sollte, naja, ich weiß nicht, sie ist ein erwachsener Mensch und somit für sich selbst verantwortlich und muß somit auch mit den Konsequenzen leben, die ihr Verhalten nach sich zieht.

Ich kann Deine Erleichterung, daß diese Frau Eure Gruppe verlassen hat, absolut verstehen und wünsche Dir weiterhin viel Spaß beim Training und sportliche Erfolge bei den Wettkämpfen.

VG
Daniela

ednong hat gesagt…

Puh,
aber so etwas gibt es natürlich auch unter NIcht-Behinderten. Und ich gebe dir absolut Recht, solche Personen sind sehr anstrengend. Und ich vermute mal, eigentlich wollen sie gar nicht so sein.

Und dieses Nicht-so-sein-Wollen ist das eigentliche Problem. Da muß sie sich einfach weiterentwickeln, sonst driftet sie immer weiter in ein Iglu, aus dem sie nicht mehr herauskommt.

Dennis hat gesagt…

Hallo Jule,

ich kann die Reaktion von Tatjana sehr gut verstehen. Es sieht so aus, als wäre dort kein richtiges vertrauen in Tatjanas arbeit als Trainerin vorhanden. Das Vertrauen und die Anweisungen von der Trainerin bedingungslos zu akzeptieren ist doch eigentlich die Basis für eine gute Zusammenarbeit. Okay, es gibt wahrscheinlich auch mal Anweisungen, Kritiken und Tipps bei denen es sich lohnt zu diskutieren. Wenn man gar nicht dafür offen ist, dann braucht man auch keine Trainerin. Tatjana wird euch nicht kritisieren weil es ihr spaß macht, sondern um euch zu helfen.
Mein Bauchgefühl sagt mir, dass Tatjana die Kleingruppeneinteilung nicht willkürlich macht, sondern nach durchdachten Trainingszielen. Ich hoffe mein Bauch liegt da nicht so falsch. In diesem Fall kann man einfach die Wünsche (ich möchte mit xy zusammen trainieren) nicht immer berücksichtigen. Wenn das Mädel gerne mit xy und anderen als kleine Gruppe trainieren möchte und dabei eh nicht auf Tatjana hört, könnte sie die Trainingspartnerinnen auch Fragen, ob sie nicht Lust hätten außerhalb der Trainingszeiten zusammen etwas zu trainieren. Wenn es ihr nur um die festen Trainingszeiten und die abgesperrte Strecke geht, wäre es sicherlich kein Problem dieses Tatjana mitzuteilen.

Das mit der Toilette klingt wie ein kleiner Streit bei einem älteren Ehepaar das schon ewig verheiratet ist und immer wieder über den Punkt streitet. Vielleicht hat sie euch einen Ehering aufgesteckt, als die in die Gruppe kam. ;-)
Das was sie dort in dem Gesprächausschnitt von sich gab ist schon etwas schockieren. Für sie ist ihre Behinderung von Anfang an eine Lebenssituation, mit der sie groß geworden ist und daher eigentlich kein Problem darstellen sollte. Es ist meiner Meinung nach ziemlich mies und verletzend was sie da sagte.

Liebe Grüße
Dennis

Alice hat gesagt…

Michaels Kommntar gefällt mir "Eine Trainingsgruppe ist keine Selbsthilfegruppe."

... diese Selbstdarsteller sind so anstrengende Menschen, ich hab schon mehr als ein Mal ein Team verlassen, weil mir solche Diskussionen schon beim ZUHÖREN, ich war nicht mal involviert, zu asntrengend geworden sind. Menschliche Unruherde sind nichts für mich. Ich kann dich verstehen. Und Tatjana auch.

sunnysmiling hat gesagt…

Ja klar, nur weil jemand erst seit 3 Jahren im Rollstuhl sitzt, ist derjenige weniger behindert. Das leuchtet echt total ein.
*Ironie aus*
Es gibt Menschen, über die kann man nur den Kopf schütteln.