Donnerstag, 20. September 2012

Opfer einer Fallpauschale

Die Fallpauschale bringt es mit sich: Während vor ein paar Jahren frische Querschnitte noch lange genug im Krankenhaus und vor allem in der anschließenden Reha verbrachten, bekommt die Behandlungseinrichtung heute von der Krankenkasse in der Regel nur noch eine pauschale Summe. Was dazu führt, dass einige Kliniken, die sich eigentlich auf Querschnittlähmungen spezialisiert hatten, den "Standard-Querschnitt" auf Krankenkassenrechnung gar nicht mehr aufnehmen, sondern nur noch komplizierte Fälle (beispielsweise hoch gelähmte Patienten, die dauerhaft beatmet werden), behandeln. Privatpatienten haben, ebenso wie Unfallopfer, bei denen eine Unfallversicherung das Krankenhaus anhand der tatsächlichen Behandlungsdauer vergütet, ebenfalls noch eine Chance.

Der Rest wird in Krankenhäusern behandelt, die sich eben nicht auf Querschnittlähmungen spezialisiert haben - mit der Folge, dass sie nach drei bis sechs Wochen wieder zu Hause sind und im Alltag alles andere als zurecht kommen. Sie können mit ihrem Rollstuhl nicht umgehen, trauen sich nicht auf die Straße, kommen vom Fußboden weder ins Bett noch in den Rolli. So haben wir aktuell eine junge Frau Anfang 20, die vom Pferd gestürzt ist und zum Glück bei ihren Eltern lebt. Alleine wäre sie permanent von einem Pflegedienst abhängig. Als sie aus der Klinik kam, war sie nicht mal in der Lage, sich alleine vom Rollstuhl auf die Toilette umzusetzen. Und sie hat die gleiche Lähmungshöhe wie Jana, die völlig selbständig ist und überhaupt keine Hilfe durch Dritte braucht.

Davon abgesehen, dass sie körperlich absolut unfit ist, geht es ihr psychisch zur Zeit so schlecht, dass sie eigentlich in eine Klinik gehört. Das würde bei Aufnahme wohl eine neue Fallpauschale auslösen, nur glaube ich nicht, dass man mit ihr in der Psychiatrie die Mobilität mit dem Rollstuhl üben würde. Es ist zum Heulen. Zum Glück hat der Vater einen halbwegs kühlen Kopf behalten und drängt sie nun zum Sport. Schwimmen, meinte er, könnte sie auf jeden Fall lernen, und so tauchte er irgendwann mit ihr bei unserem Schwimmtraining auf, wurde von Tatjana in eine Anfängergruppe geschickt - und nachdem die dortige (laufende) Übungsleiterin zurückmeldete, dass sie dringend Kontakt zu Rollstuhlfahrern braucht, haben sich Marie, Cathleen, Jana und ich ein paar Mal mit ihr getroffen. Sie ist sehr nett, sehr schüchtern und eben völlig überfordert. Was inzwischen dazu führt, dass sie spätestens jeden zweiten Tag bei irgendeinem von uns vor der Tür steht, weinend, nach Halt suchend. Und irgendjemand fährt sie dann kurz vor Mitternacht wieder nach Hause. Anstrengend. Nicht sie, sondern ihre beschissene Situation.

Weil wir wissen, dass es für sie noch anstrengender wird, wenn wir sie auf Distanz halten würden, was wir eigentlich tun müssten, um uns selbst zu schützen, machen wir genau das Gegenteil und laden sie im Moment ständig zu uns ein. Sei mit uns zusammen, lerne mit uns zusammen, wie du mit deiner Behinderung zurecht kommst, und fühle dich wohl. Eigentlich kann es nicht irgendeines Menschen Wille sein, was hier passiert, aber dennoch passiert es. Inzwischen sind wir aus dem Tal der Tränen raus, inzwischen ist sie so weit, dass sie einen bissigen Ehrgeiz entwickelt hat, Fortschritte zu machen. So kommt sie inzwischen selbständig auf das Klo und auf den Beifahrersitz. Vorgestern haben wir mit ihr geübt, wie sie im Sitzen alleine eine Hose über ihren Po bekommt. Im Liegen konnte sie es, aber im Sitzen nicht. Ich glaube, es waren 70 Versuche. Ab dem 50. Versuch wurde sie aggressiv. Am Ende konnte sie es.

Heute nun treffen wir uns abends für einen DVD-Abend bei Marie. "Ziemlich beste Freunde" gibt es inzwischen ja zu kaufen, vielleicht schaffen wir es auch für eins der letzten Male in diesem Jahr in den Pool, vielleicht sogar in die Sauna. Sobald der erste Nachtfrost kommt, wird das Wasser abgelassen. Und auf jeden Fall wollen Marie, Cathleen, Jana und ich mit der jungen Frau den Transfer vom Fußboden in den Rollstuhl üben. Das muss sie können. Ob sie will oder nicht.

Kommentare :

ednong hat gesagt…

"Fallpauschale" - allein schon das Wort macht mich leicht aggressiv.

Wieviel mit so einem, in der Höhe nicht nachvollziehbarem Betrag abgegolten wird, ist einfach ein Unding. Und zeigt, dass Menschen nicht als Menschen, sondern als Fälle abgehandelt werden.

Ach dieses marode System, an dem man Jahrzehnte vorher durch kleine Änderungen soviel hätte erreichen können. Und heute nur stumpf von einem Loch zum nächsten Loch herumflickt. Traurig.

Der Point. hat gesagt…

Ich finds super von euch, dass ihr sie so sehr unterstützt. Ich denke, wenn sie erst mal angekommen ist in ihrer neuen Situation wird sie dann auch keine Belastung, sondern Bereicherung sein. Solange haltet die Ohren steif, passt auf euch auf und weiter so! :)

Daniela hat gesagt…

Ein Trauerspiel wie hier Menschen als Fälle behandelt und abgestempelt werden.

Und ich finde es toll, daß ihr der jungen Frau helft, wenigstens ein bißchen im Leben zurecht zu kommen. Dafür von mir ein Dankeschön an Euch 4.

LG
Daniela

ruolbu hat gesagt…

Ihr seid toll

BigDigger hat gesagt…

Ich denke mir dabei: Müsste das nicht eigentlich eine Marktlücke sein, "Lebenslernhilfe"? Ist ja eigentlich nur eine spezielle Form der Krankengymnastik. Sowas muss doch krankenkassentechnisch förderbar sein, oder? Einfach eine Instanz (oder ein Verein...), der Menschen mit frischer Bewegungseinschränkung (um nicht "Behinderung" zu sagen) an die Hand nimmt und lehrt, mit der neuen Situation zurecht zu kommen. Wäre wahrscheinlich billiger als dauerhafter Pflegebedarf.

Wenn's Pferdeflüsterer gibt... ^^

Johanna hat gesagt…

Vielleicht wäre Ergotherapie was, für die junge Frau? Das müsste die Krankenkasse doch zahlen...

Ne gute psychologische Betreuung ist schwierig zu finden, weil grad in so Ballungsgebieten wie Hamburg sicherlich lange Wartezeiten gibt. Nichts desto trotz find ich's wichtig, dass sie dahingehend was unternimmt. Ist ja nett von euch, dass ihr sie unterstützt - aber als Dauerlösung kommt das doch nicht wirklich in Frage, oder?

Banane hat gesagt…

@BigDigger
Warum sollte die Krankenkasse denn noch zusätzlich eine "Lebenslernhilfe" bezahlen, wenn mit der Fallpauschale nach deren Verständnis längst Alles erledigt ist und der frische Querschnitt ins Leben entlassen werden kann?

Und nun zum eigentlichen Thema:
Schön, dass ihr euch um diese junge Frau kümmert. - Auch wenn das eigentlich überhaupt nicht eure Aufgabe ist und unser Gesundheitssystem hier mal wieder auf voller Linie versagt.
Ich wünsche der jungen Frau auf jeden Fall alles Gute und hoffe, dass sie auch dank eurer Hilfe möglichst gut mit ihrer Behinderung zurecht kommt und dass ihr dadurch ein selbstständiges Leben möglich ist.

Gruß
Banane

Rosa hat gesagt…

Schon bevor ich die anderen Kommentare gelesen habe, dachte ich mir, ihr solltet das der Krankenkasse als Ergotherapie in Rechnung stellen (unabhängig davon, dass mir klar ist, dass ihr das nicht für Geld macht sondern aus Menschenfreundlichkeit).

Sally hat gesagt…

Ich könnte kotzen, wenn ich sowas lese. Hier geht's leider wieder nur ums Geld, nicht um den Menschen..... Kann sie sich wenigstens kathetern - falls sie's muss?

Blogolade hat gesagt…

Wieso gibts keine "Fallpauschale" über ein Rollitraining, wo sie diese grundlegenden Dinge lernt? Wieso gehört das nicht automatisch zur Grundversorgung eines Querschnitts? Das ist doch alles scheiße! Wo kann ich mich beschweren? Wo muss ich unterschreiben?

Martin hat gesagt…

BigDigger hat da nen guten Ansatz. Ihr könntet die fehlende Lebenshilfe ersetzen und die Leistung aufbringen. Dabei würde ich aber die Abrechnung mit den Krankenkassen einfach übergehen und das ganze privat berechnen. 15-20 EUR die Stunde sind nicht zu viel, und wenns am Ende 20 Stunden sind, bringt das sicher jeder Querschnitt gerne auf.

So wie Fußgänger Heilpraktiker oder Psychotherapeuten wegen der guten Leistung einfach selbst bezahlen, könnte ich mir das hier genauso vorstellen. Also wäre zu überlegen, ob man sich nicht einfach von dem Gedanken, dass die Lebenshilfe die KV zahlen muss, lösen sollte.

Und wer könnte diese Leistung besser und motivierender erbringen als ihr?

Dennis hat gesagt…

Hallo Jule,
irgendwie ist die Entwicklung vom Gesundheitssystem recht negativ. Wenn es so weiter geht, haben wir bald ein System wie in den USA. Wo sich nicht mehr alle eine Krankenversicherung leisten können, geschweige eine Behandlung.
Bei den Milliarden, die die Krankenkassen zurzeit horten, sollte eine Vernünftige Behandlung und Reha doch allemal bezahlbar sein.
Es ist aber klasse, dass Ihr dem Mädel hilft :)

Liebe Grüße
Dennis

Anonym hat gesagt…

Herrje, da kommen mir echt die Tränen, wenn ich sowas lese, das ist so schrecklich dass Menschen, die Hilfe brauchen vom System so alleine gelassen werden ;-(

Aber es scheint ja so, als würde zumindest die Familie Unterstützung bieten (die Idee vom Vater mit dem Schwimmen war ja schonmal wirklich super), und dass Ihr ihr helft ist auch große Klasse *knuddelt-alle-mal* Ich hoffe, Euch nimmt das Helfen selber nicht zu sehr mit!

Anonym hat gesagt…

Hi Jule,
ich finde es große Klasse, dass Ihr die Frau nicht hängen lasst, so wie es unser Gesundheitssystem gerade macht. Ich frage mich nur, ob die "Pauschalisierung" langfristig nicht mehr Kosten verursacht (siehe Depression und mangelnde Lebensfähigkeit) als eine vernünftige Reha gleich zu Beginn. Schliesslich spart es ja Kosten, wenn man selbständig leben kann und evtl sogar wieder einer Arbeit nachgehen und in die Sozialsysteme einzahlt statt auf Dauer von diesen abhängig zu sein.

Ist die genannte Frau eigentlich das "Osterhäschen" oder nochmal wer anderes?

Olli hat gesagt…

Ich weis schon nicht mehr, welche Variante von das habt ihr echt doll gemacht ich in dem Fall noch schreiben könntem, drum beschränke ich mich auf abstraktes Lob in verschärfter Form für alle Beteiligten.

Daneben mlchte ich noch hinterfragen, ob vielleicht mit den Konstrukt Fallpauschale anders umgegangen wird, also wohl gedacht wurde und sinnvoll wäre.
Offensichtlich entlassen Krankenhäuser frische Qeurschnitte dann, wenn bei ihnen Kosten in Höhe der Fallpauschale aufgelaufen sind, sozusagen wohl, um nicht in die miesen zu kommen.
Aber warum bin ich mir nur so sicher, dass sie zB bei ambulanten OPs Leute, die sich schneller als fallpauschaliert erholen, nicht länger im Krankenhaus halten? Damit haben sie dann weniger Kosten, als sie per Pauschale bekommen.

Anonym hat gesagt…

Ich weiß der Kommentar kommt ein paar Jahre zu spät, aber ich schreib ihn trotzdem. Fallpauschalen sind der größte Mist, den sich das deutsche Gesundheitssystem ausgedacht hat. Was bei einem einfachen gebrochenen Arm oder einem Blinddarm noch gehen mag ist in Fällen wo es komplizierter wird einfach nicht mehr praktisch umsetzbar. So ein komplizierterer Fall ist sicherlich der frische Querschnitt und da gibt es sicherlich noch mehr Beispiele. Ich frage mich wirklich warum man nicht ein doppeltes System oder sowas macht. Für einfachere Sachen halt die Pauschalen, die auch ihren Sinn haben, denn sie wurden ja nicht eingeführt um Patienten zu ärgern oder gar zu diskriminieren. Denn, dass sie zumindest diskriminierend wirken können, sieht man ja an Beispielen, wie diesem hier oder den Windeln von Cathleen. In "härteren" Fällen sind die Pauschalen einfach nicht ausreichend, dafür sind manche Verletzungen/ Einschränkungen einfach zu individuell. Klar kann es Querschnitte geben, die nach 6 Wochen mobil und was weiß ich nicht alles sind, aber das kann nicht jeder sein. Jeder Mensch wird mit so einer Situation anders umgehen und das wird auch jedweden Erfolg und Fortschritt beeinflussen. Da hilft keine Pauschale sondern eher ein individuell angepasster Kontenplan oder so etwas in der Art.
Mit freundlichen Grüßen und in der Hoffnung das liest noch jemand A.