Mittwoch, 24. Oktober 2012

Doppelt so behindert

Irgendwie fühle ich mich gerade ein bißchen falsch verstanden. Und wenn ich es noch einmal durchlese, verstehe ich auch, warum. In meinem Posting fehlen mindestens zwei entscheidende Sätze.

Ich fand nicht krass, dass das geschätzt 6-jährige Mädchen in meiner "Kollegin" eine Hexe gesehen hat, weil die Körperproportionen nicht die sonst üblichen waren. Ich fand es auch nicht krass, dass das Kind das geäußert hat. Ich weiß auch noch nicht einmal, was dieses Kind mit dem Wort "Hexe" verbindet, mit Sicherheit nicht alle geschichtlichen, kulturellen und religiösen Hintergründe, die ich damit verbinde. Das meinte ich gar nicht.

Für mich ist es krass, dass ein Kind sich vor jemandem fürchtet und der Mutter nichts anderes einfällt als zu hoffen, dass diese Situation bald vorbei sein möge. Selbstverständlich kann ich nicht erwarten, dass die Mutter adäquat mit der Situation umgeht. Aber warum nicht? Weil sie selbst unsicher ist!? Was spricht dagegen, das Kind auf den Arm oder wenigstens an die Hand zu nehmen und ihm vor Ort zu erklären, dass die Frau keine Hexe ist?

"Nein, Schackeliene, die Frau ist keine Hexe! Die Frau hat eine Behinderung. Ihre Beine und ihre Arme sind nicht richtig gewachsen als sie ein Kind war."

Das wäre mich Sicherheit pädagogisch noch verbesserungswürdig, aber ich schreibe ja auch ein Tagebuch und keinen Elternberatungsblog. Was ich sagen möchte: Hätte das Kind gesagt: "Mama, die Frau hat Oma Elfriede die Tasche geklaut!", dann hätte Mama doch auch gesagt: "Nein, Schackeliene, die Tasche sieht nur genau so aus wie die von Oma. Es gibt mehrere solche Taschen. Der Oma gehört eine und der Frau gehört auch eine. Die Oma hat ihre Tasche noch."

Warum macht man das bei behinderten Menschen nicht? Man ist überfordert, weil Behinderungen noch immer etwas fernes, mysthisches, verhextes, verdrängtes, unberechenbares sind. Man kann mit Sicherheit nicht erwarten, dass sich jeder Mensch eingehend mit dem Thema "Behinderungen" befasst, aber ich möchte einfach erwarten können, dass meine Anwesenheit keine Sprach- und Ratlosigkeit auslöst! (Und wehe, jetzt kommentiert jemand, dass es ja auch meine "Kollegin" war, die als Hexe bezeichnet wurde!)

Oder einfach unbeherrschte Reaktionen. Gerade heute telefonierte ich mit unserer Schwimmtrainerin. Ich schwimme im Moment noch nicht wieder, ich könnte es sicherlich tun, nur möchte ich nichts riskieren. Das, was dieses verdorbene Lebensmittel da alles durcheinander geworfen hat, muss erstmal stabil wieder in Ordnung sein, bevor ich leicht bekleidet in einen großen Wasserbassin klettere, den ich mir mit vielen anderen Menschen teile.

Kurzum: Eine junge Frau, eine andere Teilnehmerin, 19 Jahre alt, ist in ihrem Rollstuhl nicht so schnell. Einen Arm kann sie wegen einer Spastik so gut wie gar nicht einsetzen, den anderen auch nur begrenzt, so dass sie nur mühsam vorwärts kommt. Sie träumt aber auch ganz gerne vor sich hin. Ein Trainer löst dieses Träumen immer recht charmant auf, wie ich finde, nämlich mit: "Überall, wo kein Schnee liegt, darf schneller gefahren werden."

Heute jedenfalls trottete ein anderer Badegast, weiblich, hinter dieser Frau hinterher und sagte: "Kannst du mal zur Seite fahren, ich habe nur für 90 Minuten bezahlt?" - Und als das binnen 2 Sekunden keinen Erfolg hatte, schnappte die Frau sich die Griffe des Rollstuhls und schob die Rollstuhlfahrerin zur Seite. Und zwar kackfrech links ab in einen Gang zu den Umkleidekabinen, obwohl sie eigentlich geradeaus zu den Rolli-Umkleiden wollte. So wie man am Samstag morgen einen Einkaufswagen in einen Seitengang schiebt, den irgendein Dussel mittig im Hauptgang, mitten im Weg, abgestellt und vergessen hatte. "Und das ohne vorher zu blinken", fügte die Trainerin in der Erzählung am Telefon sarkastich hinzu.

Unsere Trainerin bekam das nur aus der Ferne mit, nahm aber ihre Beine in die Hand und die Verfolgung auf und stellte die Frau noch auf dem Gang zur Rede. Sie antwortete, dass sie nichts gegen Behinderte habe, sie habe selbst einen kranken Bruder. Dennoch sei diese Frau mindestens doppelt so behindert wie ihr Bruder und man könne doch nun sicherlich auch keine unbegrenzte Rücksichtnahme erwarten.

Tja, dazu, so erzählte sie mir am Telefon, fiel ihr nichts weiter ein als: "Willste paar auffe Fresse?" - Und das wollte sie wiederum nicht zu laut sagen, schließlich habe man doch so viel Anstand, sich nicht an fremdem Niveau zu orientieren (die Betonung liege auf "fremd").

Kommentare :

BigDigger hat gesagt…

Ach Julchen, halten wir die beiden Dinge doch mal auseinander...

Das Erlebnis im Bus siehst Du meiner Meinung nach ein wenig zu eng, und das wirst Du erst nachvollziehen können, wenn Du selbst Nachwuchs hast. Kleine Kinder reißen solche Schoten, ja, das sagst Du ja selbst. Aber solche Dinger kommen für Eltern, die im Kopf mit ganz was anderem beschäftigt sind und auf sowas gar nicht achten, quasi "out of the blue". Vor einer größeren Menschenmenge. Alle Augen sind auf dich gerichtet (okay, Du merkst das vielleicht gar nicht mehr, weil Du das gewohnt bist, aber nenn mir mal bei genau dieser Frau abgesehen von der Schote ihres Sprösslings auch nur eine Sache, die im Alltag sämtliche Blicke auf sie ziehen... wäre sie Dir aufgefallen, hätte das Kind den Spruch nicht gebracht?). Und unter diesem Druck erwartest Du, dass jemand sich die goldrichtige Reaktion aus dem Ärmel schüttelt? Erinnere Dich mal an Dein Posting vom 13.2.2009 - was wäre da die "richtige" Reaktion von Dir gewesen und was die "falsche"...?

Ich hab's beim letzten Mal schon gesagt: Ich hoffe, dass die Mutter ihrer Tochter das noch erklärt hat, nach dem Aussteigen, außerhalb der peinlichen Drucksituation. Das zu unterlassen, wäre tatsächlich schlimm, weil sich sowas dann verfestigt. Falls sie das doch noch getan haben sollte, sehe ich kein Problem.

BigDigger hat gesagt…

Und über die zweite Situation - die ja nun gänzlich anders war als die im Bus - gibt's keine zwei Meinungen.
Das war meiner Ansicht nach keine Unbeherrschtheit, sondern fehlender Respekt (und das mit dem Bruder halte ich für eine leere Schutzbehauptung).

Das wollte ich noch hinzufügen.

Christiane hat gesagt…

BigDigger - das sind zwei sehr gute Kommentare. Ich kann mich dir nur anschließen.

Ich bin selbst Mutter von zwei Mädchen (2 + 3 Jahre) und so manches Erdloch war schon erwünscht, nur leider nicht vorhanden.
Ebenso vermeide ich es mittlerweile Situationen in der Öffentlichkeit zu klären, solange es noch zeitnah möglich ist.

Beispiel:
Steige ich eh die nächste Haltestelle aus, dann rede ich mit meinen Kindern nach dem Aussteigen, in Ruhe.
Fahre ich noch eine weitere Stunde, dann versuche ich es direkt zu klären, aber in sehr gedämpfter Lautstärke, ...

denn komischerweise meint immer jeder Hinz & Kunz sich in solche Gespräche einmischen zu müssen und einen selbst als pädagogischen Volldeppen hinzustellen.

Wobei ich mittlerweile zumindest bei einem Kind aus dem Schneider bin, sie gibt keine Kommentare mehr von sich sondern stellt Fragen - und hätte sich vermutlich an die Frau gewandt "Wieso siehst du aus wie eine Hexe?" ... und da bin ich mir sicher, dass auch nicht jeder so offen mit seiner Behinderung umgeht wie du, liebste Jule, sondern vermutlich das 3jährige wissbegierige Kind angeblafft oder ignoriert hätte - und wer steht wieder als Volltrottel da? Die Mutter ;-)

Asinello hat gesagt…

Wir können gar nicht wissen, was es war, das dem Mädchen Angst gemacht hat. Waren es die unüblichen Proportionen des Körpers, oder vielleicht die Stimme, der Tonfall, die Kopfhaltung, das Gesicht, ein Blick, eine Handbewegung?

Es kann durchaus sein, dass der erste flüchtige Eindruck nur der Blickfang war und das Beängstigende etwas, das bei etlichen anderen Leuten auch zu beobachten sein kann, die mit durchschnittlichen Proportionen durch die Welt schlurfen. Oder etwas, das irgendein Toon im Fernsehen angestellt hat, und daran wurde das Kind erinnert. Kinder schauen anders. Das offensichtlich wichtigste Merkmal an Deiner flüchtigen Bekanntschaft kann aus Sicht des Mädchens etwas völlig anderes sein als aus Deiner Sicht (oder aus meiner, als zufälliger erwachsener männlicher Beobachter).

Da hilft naklar Nachfragen und Beruhigen. Dabei muss es nicht falsch sein, das um ein paar Sekunden zu verschieben: Erstens ist die "bedrohliche" Person dann weit weg (das Kind kann sich sicherer fühlen). Zweitens ist dann genug Zeit für eine Sache (sicheres Aussteigen erfordert Aufmerksamkeit). Drittens bleibt der Frau im Rollstuhl erspart, mindestens für die Dauer der Beruhigungszeremonie weiter angestarrt zu werden (womöglich noch von einigen anderen Leuten, die das mitbekommen).

Ideal wäre es natürlich gewesen, wenn die Situation mit ein bis drei Sätzen geklärt gewesen wäre. Aber solche "Sternstunden der Pädagogik" sind wohl eher die Ausnahme. Jedenfalls habe ich noch keine Eltern erlebt, die 24/7 "sozial adäquat plus pädagogisch ideal" handeln.

Schlimm fände ich es, wenn das Kind sich heimlich fürchten würde und ein paar albtraumreichen Nächten entgegensehen könnte, weil es sich nicht (mehr) traut, das doofe Gefühl der Ängstlichkeit auszusprechen. Zum Beispiel, weil es oft genug ("Guck da nicht hin!") gemaßregelt worden wäre. Dass das Mädchen die Empfindung seltsamer Befremdung überhaupt in Worte gefasst hat, obwohl die seltsame Frau das vielleicht hören kann, sehe ich eher positiv.

Trotz dieser vielen schönen Konjunktive könnten natürlich auch andere die Wirklichkeit beschreiben. Vielleicht hat das zarte Kindlein ja seine ersten Reflexe auf die Wirkung eine Deppenmagneten geäußert (der im Rollstuhl deiner "Kollegin" gewiss auch eingebaut ist) und wird sich fortan mit jedem magisch-magnetischen Kontakt in Absurdität steigern...

Asinello hat gesagt…

Für die Situation im Schwimmbad wäre als Antwort vielleicht angemessen gewesen: "Doch. Mindestens doppelt soviel. Sie dürfen sich jetzt dort entschuldigen. Und dann gehen Sie mir aus den Augen." Das wäre mir allerdings spontan gewiss nicht eingefallen. Ich habe selbst für diese schwache Reaktion ein geraumes Weilchen gebraucht.

Das Dumme an der Dummheit ist eben, dass sie so ansteckend ist.

Ein einziger Blick eines komplett merkbefreites Lümmels kann genügen, einigen sonst klugen und gesitteten Menschen alle Zivilisation auszutreiben und in ihnen die rohe Lust auf "körperliche Argumentation" zu wecken.

Das aber hat keinen Zusammenhang mit rollenden Magneten. Dummheit tobt sich jederzeit, überall, ohne Ansehen der Person und unabläsig aus. Einhalt kann man nur der eigenen gebieten.

sven hat gesagt…

Warum kann man als körperlich und geistig wenig behinderter Mensch (sind wir nicht alle ein bischen b....?) nicht mit Menschen mit großen Einschränkungen nicht so umgehen wie mit "seinesgleichen"?
Weil sie anders sind.
Weil großer Mensch das als kleiner Mensch nicht gelernt hat.
Weil sie anders sind.
Weil Behinderungen auch im 21. Jahrhundert tabuisiert sind.
Weil sie anders sind.
Weil man über "sowas" nicht redet.
Weil sie anders sind.
Weil man sich mit "sowas" nicht beschäftigen mag.
Weil sie anders sind.
Weil Menschen mit "sowas" nicht normal sind.
Weil sie anders sind.
Weil die mittalterliche Angst vor Unerklärlichem noch immer in den Köpfen ist.
Weil sie anders sind.
Weil in jedem Aberglauben wohnt.
Weil sie anders sind.
Weil auf sie besondere Rücksicht genommen werden sollte, was zusätzlichen Aufwand bedeutet.
Weil sie anders sind.
...
Kann nach Belieben fortgesetzt werden.

Man kann mich gern verbessern, aber ich wüsste nicht, dass es in der Menschheitsgeschichte eine Gesellschaftsform außer evtl. der Urgesellschaft gab, in der "Andersartige" ohne Vorbehalte integriert waren und "normaler" Bestandteil der Gesellschaft waren.

Tamani hat gesagt…

Hallo,
ich könnte mir vorstellen, dass der Frau vorallem die plötzlich zu teil gewordene Aufmerksamkeit unangenehm war. Quasi, dass jetzt "alle" (aus ihrer subjektiven Sicht) auf ihre Antwort warten. Hätte ihr Kind sie leise gefragt, hätte sie vermutlich geantwortet.
Alles in allem ist das aber natürlich auch nichts was es wirklich besser macht.
Ein offener Umgang ist immer besser und Kinder fragen eben nunmal auch unangenehme Fragen, auf die man nicht immer die perfekte Antwort weiß.
Die zweite Frau hingegen war einfach nur respekt- und anstandslos. Mag ja sein, dass sie für eine gewisse Zeitspanne bezahlt hat. Und ich kann auch verstehen, dass sie diese möglichst effizient nutzen möchte. Wenn also irgendwelche tüdeligen Gäste vor ihr an der Kasse stehen und ihr Portmonee, ihre Schwimmkarte oder ihr Seepferdchen nicht finden, könnte ich ihren Unmut durchaus nachvollziehen.
Ich könnte mir gut vorstellen, dass der Bruder "nur" eine dicke Brille trägt oder einen Stock zum Gehen braucht. Wenns um die eigene Verwandschaft geht tragen ja viele Leute gern etwas dicker auf. Aber ich möchte da auch nicht unterstellen wobei die Formulierung "doppelt so behindert" schon etwas merkwürdig ist. Ist dann jemand, der mit einem Auge nichts sieht schon "halb so behindert" wie jemand der völlig blind ist? Dem würde ich jedenfalls nicht zustimmen...
Aber es wäre wohl des öfteren nicht verkehrt, wenn so manche Leute mal einen Tag selbst erleben würden wie sie mit anderen umgehen.

Viele Grüße

Tamani

Ulli hat gesagt…

Das mit dem Kind - ich habe (noch) keine eigenen Kinder, bin aber immer mal wieder mit den Kindern von Freunden unterwegs und ja, es kommt zu Situationen, wo man am Liebsten im Erdboden versinken möchte und nicht weiss, wie man da als Eltern wieder rauskommt. Ich hatte Dein Posting durchaus so verstanden, dass Du die Reaktion der Mutter nicht so richtig gut fandest, aber vielleicht hat sie (eigentlich) das gleiche Abkommen mit ihrem Kind wie ein Arbeitskollege meiner Mutter, der seinem vierjährigen Sohn erklärt hatte, dass man nicht über anders aussehende Menschen spricht, während sie daneben stehen, dass er aber gerne mit ihm zu Hause über alles sprechen wird. Ergebnis? Das Kind sah in einer Tram zum ersten Mal einen Afrikaner, zeigte mit dem Finger auf ihn und krähte: "Gell Papa, über DEN reden wir zu Hause!"

Ich gebe Dir Recht, die Mutter hätte es souveräner lösen können, aber manche Menschen sind einfach nicht souverän (wie ich auch schon feststellen musste, als ein Kind in der Ubahn mich anstarrte und dann laut und deutlich seine Mutter fragte, "warum die Frau so dick ist". Muttern hat so getan, als ob sie es nicht gehört hätte - Kind hat die Frage noch drei Mal gestellt.... Sie hätte doch einfach etwas in die Richtung von "jeder Mensch ist anders" sagen können, aber dazu war sie nicht souverän genug. Vielleicht vergleiche ich Äpfel mit Birnen, aber ein anderes Beispiel habe ich nicht und eigentlich wollte ich Dir nur sagen, dass manche Eltern mit manchen Situationen einfach überfordert sind.

Zu der Schwimmbadtante: DOPPELT behindert? Gibt es da eine mathematische Formel dafür, mit der man ausrechnet, wie behindert Menschen sind? Was ist denn das für eine Aussage? Und was glaubt sie eigentlich, wer sie ist, dass sie andere Menschen aus dem Weg schubsen darf? Manche Menschen machen mich wirklich sprachlos...

Und ganz zum Schluss: es freut mich sehr, dass Du das "Grillabenteuer" überstanden und überlebt hast! Du hast wirklich wunderbare Freunde und Freundeseltern um Dich herum und auch Deine Zimmergenossin ist mit Gold nicht aufzuwiegen!



FR hat gesagt…

Ich finde, die beiden Dinge gehören schon irgendwie in dieselbe Kiste. Bitte nicht falsch verstehen, das Verhalten des kleinen Kindes ist mit dem der Frau im Schwimmbad nicht vergleichbar. Dem kleinen Kind kann und will wohl niemand einen Vorwurf machen, die Frau hätte ich aus meinem Schwimmbad rausgeworfen.

Die Autorin, Jule, beschreibt einen Idealzustand, an dem sie sich orientiert, und betont mehr als ein Mal, dass ihr klar ist, dass sie den Idealzustand nicht voraussetzen kann. Ich verstehe das nicht so, als wenn sie der Mutter einen Vorwurf macht. Sie beschreibt, dass sie perplex war und sich eine andere Reaktion gewünscht hätte.

Insgesamt kann weder die Situation im Bus noch die im Schwimmbad befriedigen. Welche Fragen wir uns alle stellen müssen, zeigt ihr Text sehr gut auf.

Und dennoch werden Kindermund-Situationen immer wieder zu Peinlichkeiten führen. Das ist auch gut und richtig so. Kinder halten der Gesellschaft unbeirrbar einen Spiegel vor. Aber genau das beschreibt Jule: Die Stellen, an denen das Miteinander verbessert werden muss.

Da ist auch Jule in der Pflicht, da sind wir alle in der Pflicht. Jule hat bereits zur Diskussion angestoßen und die Situation aus ihrer Perspektive geschildert.

Sven hat gesagt…

BigDigger hat das Wesentliche schon gesagt. Dem kann ich nur zustimmen.
Ansonsten würde ich das mit der "Angst" auch nicht überdramatisieren wollen. Das Kind von Freunden hatte letzte Weihnachten plötzlich Angst vorm Weihnachtsmann. Also vor Männern mit dicken, weißen Bärten.

Die Mutter dürfte ihr Kind auch recht gut kennen und einschätzen können, ob sie vor lauter Angst auf den Arm genommen werden muss oder es vielleicht doch nicht so schlimm ist.
"Angst" kann sehr unterschiedlich stark ausgeprägt sein.

Das mit der Frau im Schwimmbad ist, meiner Meinung nach, etwas ganz Anderes. Das ist fehlender Respekt vor Menschen. Einen Menschen, der einem im Weg ist, einfach in einen Seitengang zu schieben, ist eine Verletzung seiner Würde.

Dennis hat gesagt…

Hallo Jule,

leider ist nicht bekannt ob die Assoziation durch das Kind selbst entstand oder durch die Mutter. Doch leider ist es recht oft der Fall, dass es durch die Eltern dazu kommt. Einige Eltern wollen sich einfach nicht mit einigen Themen auseinander setzen, wenn Kinder neugierig sind. Es ist sehr schade, dass Eltern sich nicht die Zeit nehmen um diese Fragen beantworten und ggf. Ängste nehmen.

Die Frau im Schwimmbad ist auch recht seltsam. Gänge in Schwimmbädern sind doch eigentlich breit genug um an einer Rollifahrerin vorbei gehen zu können. Es wirkt irgendwie als wollte die Frau ein wenig Macht ausüben. Wenn sie wirklich einen so kranken Bruder, hätte sie sicherlich nicht so respektlos gehandelt und das Mädchen in einfach in den nächsten Gang geschoben.

Liebe Grüße
Dennis

Schrödingers Katze hat gesagt…

Kleine Kinder sagen oft, wie Ulli oder BigDigger auch schon zurecht gesagt haben, Dinge, für die man als begleitender Erwachsener am liebsten im Boden versinken möchte. Kleine Kinder haben den Filter noch nicht, den uns unsere Erziehung bringt. Sie kennen kein "Das sagt man nicht" oder "Man starrt nicht so" und sie können auch oft ihre Lautstärke nicht einschätzen, den richtigen Moment etwas (nicht) zu sagen nicht erkennen und wissen nicht, wann es "genug" ist. Mich wundert eher, dass sie nicht noch mehrmals "Gell, Mama? Mamaaaaaa. Maaaama. Die Frau ist eine Hexe, ja? Die sieht doch genau aus wie die Hexe XY aus dem Bilderbuch im Kindergarten. Mama *amärmelzupf* MamaMamaMama" gesagt hat ;)

Eigentlich - also, theoretisch und so - ist es gar nicht schlecht, wenn ein Kind in der Lage ist, seine Ängste zu artikulieren. Dann kann man mit dem Kind darüber sprechen und wenn man Glück hat, erzieht man es so zu einem selbstbewussten und offenen Menschen. Das Problem ist in diesem Fall doch eher die Situation an sich, der Zeitpunkt. Und ich wette, der Mutter wäre auch lieber gewesen, das Kind hätte am Abendbrottisch oder beim Zähneputzen oder beim Zudecken gesagt "Du Mama, die Frau heute im Bus. War das eine Hexe?". Dann hätte nämlich auch die Mama Zeit gehabt, einmal kurz durchzuatmen, sich Gedanken zu machen was sie darauf jetzt sagt und dann mit dem Kind zu sprechen. Denn leider bringt einem "Muttersein" keinen Knopf, der clevere Antworten in peinlichen Situationen wie von selbst ausstößt (und nicht jeder ist im Alltag so im Thema "Menschen mit Behinderung" oder "Political correctnes" drin, dass er wie aus der Pistole geschossen eine total tolle Antwort parat hat).

Ich hoffe, die Mutter ist mit dem Kind ausgestiegen und hat sich die ein oder zwei Minuten genommen, die es vermutlich gebraucht hat, um dem Kind zu erklären, dass die Frau natürlich keine Hexe ist, dass es Hexen in echt nicht gibt (und auch keine sprechenden Elefanten), dass die Frau eine Behinderung hat und deswegen anders aussieht, dass das gar nicht schlimm ist und das Menschen eben alle anders aussehen.

In vielen dieser Situationen kommt das, was bein Kind vorne rauskommt, übrigens nicht von den Eltern sondern aus dem Kindergarten, aus der Schule, aus (Bilder)Büchern oder aus dem Fernsehn. Und auch Eltern dürfen dann so verdattert sein, das in der Situation nichts sinnvolles mehr rauszuholen ist. Ich kann nur hoffen, dass die Mutter das mit dem Kind in Ruhe aufgearbeitet hat (nicht die Situation, sondern die Grundannahme des Kindes). Das würde dem Kind sicherlich gut tun.

Nun, die Situation im Schwimmbad... ich finde nicht, dass die wirklich vergleichbar ist. Im Bus hast du ein Kind, mit viel Fantasie, das versucht sich seine Umwelt über die Mittel zu erklären die es hat, und eine, in dem Moment überforderte, Mutter.
Im Schwimmbad hast du einen erwachsenen Menschen, der der Meinung ist, einen anderen Menschen nicht nur zur Seite drängeln zu dürfen (das typische "Darf ich da mal eben..." das auch zwischen Fußgängern immer wieder vorkommt), sondern gar den anderen Menschen anfassen und in den nächsten Gang schieben zu dürfen.
Entschuldigung??
Kinderstube? Respekt? Anstand? Privatsphäre? Mädel (also die Dame, nicht du), kneif die Arschbacken zusammen, atme durch und nimm dir die drei Sekunden mehr Zeit, die du jetzt brauchst, um von A nach B zu kommen. Oder zieh die Plautze ein und schieb dich dran vorbei. Himmel! Das Verhalten ist einfach unverschämt und respektlos. So, wie einem Rollstuhlfahrer 50 Cent in den Kaffee zu werfen, mit dem er an der Bushaltestelle sitzt und... auf den Bus wartet. Frag meine Kommilitonin *kopfschüttel*

Danke für dein Blog und schön, dass es dir wieder besser geht. Du scheinst die Scheiße (no pun intended) ja magisch anzuziehen.
Viele Grüße
Schrödingers Katze

Steffi hat gesagt…

Hallo Jule,

sei bitte nicht so streng mit der Mama. Meine Tochter ist 5 1/2 Jahre alt und wenn ich ganz ehrlich bin, ich hätte in dem Moment wahrscheinlich nicht anders gehandelt.

1. weil mir spontan vielleicht nichts richtiges eingefallen wäre.
2. weil ich deine Blicke und die einiger anderer Fahrgäste in meinem Rücken gespürt hätte und mir das unangenehm gewesen wäre bzw. mich zusätzlich verunsichert hätte.
und 3. und das ist eigentlich der springende Punkt: Ich finde, das ist kein Thema, was man schnell beim Busaussteigen klären kann.
Um meiner Tochter das genau zu erklären würde ich mit ihr irgendwo ruhig sitzen wollen und ihr dabei in die Augen sehen können.

Im Endeffekt geht es doch darum, einem Kind klarzumachen, dass auch jemand, der "komische" Körperproportionen hat, mit einem E-Rolli fährt und vielleicht eigenartige Laute von sich gibt, auch ganz normale Menschen sind. Das ist für mich nicht mit einem Satz getan.

Ob die Mutter die Situation mit ihrer Tochter geklärt hat, können wir jetzt natürlich nicht wissen. Ich kläre solche Situationen später mit meiner Tochter zu Hause ganz in Ruhe.

Die Situation im Schwimmbad... da fällt mir gar nichts dazu ein. Das ist einfach respektlos und unfair.

Liebe Grüße
Steffi

janua hat gesagt…

Über "Gell Papa, über DEN reden wir zu Hause!" hab ich Tränen gelacht

ok, ich bring hier mal einen Klassiker, den unser Racker im letzten Jahr mehrmals gebracht, damit ihr auch was zum Lachen habt:
"Guck mal, die ist ganz alt, die ist doch sicher schon gestorben" (laut und vernehmlich, gerne auch gerufen)
Jepp, nix wie versinken. Und dann klären, mit dem Kind, manchmal auch noch in Hörweite.

Letzten Endes gehts bei beiden Beispielen um gelebte, reflektierte Inklusion. Kinder können prima mit Anders-Sein umgehen, wenn wir es mit ihnen besprechen. Is nicht immer ein Spaziergang, aber bitter nötig.
Und wenn sie's lernen, dann lernen sie hoffentlich auch respektvollen Umgang (oder auch schlicht und einfach MANIEREN) - re Schwimmbadsituation.

Übrigens finde ich es gut, dass die KOmmentare deinen Text als Diskussionsangebot aufnehmen und nicht, dass du dich rechtfertigen müsstest.

Anonym hat gesagt…

Heute im Bus habe ich mich an dieses Posting hier erinnert und musste mal was dazu schreiben, weil ich finde, es gibt auch positive Erlebnisse zwischen Kindern und Rollifahrern.

Auf dem Weg nach hause bin ich mit dem Bus gefahren. Dort stieg auch ein älterer Rollstuhlfahrer ein, dem ein Bein fehlte. In dieser Bucht, in der Rollstühle im Bus stehen dürfen, stand eine Mutter mit ihrem Kindergarten in zwei kleinen Jungen. Einer der Jungen fragte den Mann ganz direkt "Was ist mit dir passiert?" Nicht ängstlich oder abwertend, einfach neugierig, weil er das wohl nicht kannte. Der Mann war es wohl gewöhnt, das zu erklären und hat ihm dann gesagt, dass er das Bein verloren hat, weil er von einem Auto angefahren wurde. das verband er gleich mit der (nett gemeinten) Ermahnung an die Kinder, immer gut aufzupassen, damit ihnen das nicht auch passiert. Die Kinder haben das ruhig und vollkommen in Ordnung in meinen Augen aufgenommen und die Mutter kam nicht so sehr in Erklärungsnot, wie in deinem Beitrag. Ich weiß nicht, ob es etwas genützt hat, das zu schreiben, dass nicht alle Menschen so sind wie du es beschrieben hast, hast du ja auch gesagt. ich wollte nur auch mal ein positives Beispiel anführen. Nicht alle kleinen Kinder sind Monster^^

Xin hat gesagt…

Die Situation mit dem Kind hätte ich auch nicht lösen können, obwohl ich eher direkt und offensiv an so etwas herangehe.

Natürlich erklärt man dem Kind später, dass die Frau keine Hexe ist, aber aus Deinen Beiträge erkennt man ebenfalls eine subjektive Weltsicht - die solche "Typen" wie die Beschriebene im Schwimmbad ja auch forcieren.

Du bist aber auch sensibel für "besondere Ausflüge" im vorherigen Post. Die Chance, dass die Erklärung an das Kind nur eine Nuance verkehrt ist, die Wahrscheinlichkeit, dass die Erklärung für die Behinderte so aufgefasst wird, dass sie auf ein zu erklärendes Objekt reduziert wird (was sie in dem Moment nunmal eben auch ist), ist einfach zu groß.

Es ist eine zweischneidige Sache: Ein Behinderter möchte nicht durch seinen Behinderung definiert werden. Die Behinderung soll Teil des Gesamtpakets sein und nicht als Makel aufgefasst werden. Gleichzeitig ist man aber unglaublich sensibel. Die Chance für die Mutter etwas vor Ort binnen 10 Sekunden richtig zu machen, sehe ich nicht. Das Kind hat die Mutter quasi schon ins Fettnäpfchen geschubst, 10 Sekunden reichen einfach nicht, um unvorbereitet aus der Situation zu kommen und dabei streifenfrei zu glänzen.
Eher wahrscheinlich ist, dass man direkt ins nächste Fettnäpfchen stolpert, die Situation in eine kleine Katastrophe verwandelt und aus der Situation aussteigt und euch damit zurücklässt. Da ist nix zu retten - also lieber Fettnapf statt Katastrophe - so einfach ist die Rechnung.

Der Umgang mit (unbekannten) Behinderten ist für mich als Fußgänger deswegen kompliziert, weil man so soviel falsch machen kann. Man weiß einfach nicht, ob die Person sich über ihre Behinderung definiert (da hast Du ja auch schon berichtet), darüber frustriert ist und mit Samthandschuhen angefasst werden will/muss, ob ihm das Thema peinlich ist oder ob derjenige offensiv damit umgeht und den Humor besitzt, über sein Anderssein zu lachen.
Ich denke da an Akne bei Pubertierenden und als mein Cousin mich im Alter von 4 vor versammelter Mannschaft auf die roten Punkte im Gesicht ansprach. Den Humor dafür hatte ich in dem Moment auch nicht und war eher dankbar, dass seine Mutter anschließend keine ausführliche Erklärung lieferte, dass Kinder irgendwann pubertieren und die Hormone überkochen und sich für das andere Geschlecht interessieren und wegen der Hormone sich diese roten Punkte, die man Pickel nennt, im Gesicht bilden und so weiter.
Ich war froh, dass das Thema zügig vom Tisch war und wollte in dem Moment auch nicht das Objekt sein, an dem mein Cousin lernt, was Pickel sind, weil mir da das Selbstbewusstsein fehlte, mich als mehr als meine Pickel zu verstehen, wenn man so über mich sprach.

Die Wahrscheinlichkeit hier Mist zu bauen, ist hoch und versehentlich nochmal "nachzusetzen", vor allem wenn man nur noch 10 Sekunden Zeit hat, diese Bombe zu entschärfen...