Sonntag, 21. Oktober 2012

Fahrtkosten und Rückwärtsgang

Meine Triathlonsaison ist für dieses Jahr beendet, vielleicht kommt noch irgendwas spontanes im Schwimmen oder eine Ergometer-Party, aber richtige Wettkämpfe - eher nicht. Also hatte ich am Samstag einem "Funktionär" (mir fällt gerade kein anderes Wort für jemanden ein, der sich im Ehrenamt um seine Freizeit bringen lässt, damit es allen Mitgliedern gut geht) aus unserem Sportverein geschrieben, dass ich gerne meine Fahrtkosten einreichen möchte. Man muss dazu wissen, dass das Land Vereine dabei unterstützt, wenn sie ihren Sportlern im Amateurbereich die Aufwendungen, die sie im Wettkampfbetrieb haben, bezuschussen.

Nicht, dass ich auf finanzielle Hilfe angewiesen bin, aber ich fände es falsch, diese Mittel ungenutzt liegen zu lassen. Dann sind sie nämlich im nächsten oder übernächsten Jahr, wenn sie vielleicht dringend gebraucht werden, gestrichen. Also bitte ich meinen Verein um einen Fahrtkostenzuschuss. Zwei Drittel davon zahlt der Verein aus eigenen Einnahmen, bis zu einem Drittel davon zahlt das Land. Anschließend spende ich die Gesamtsumme wieder an den Verein, zuzüglich eines fiktiven Wertes, den ich voraussichtlich an Steuern spare, wenn ich spende (meistens so fünfzehn bis zwanzig Prozent).

Ich bin in diesem Jahr knapp über 2.500 km gefahren, etliche Strecken mit mehreren weiteren Sportlern. Bei einem Kilometersatz von 20 Cent sind das rund 500 €, von denen das Land 162 € zahlt, der Verein zahlt 338 €. Anschließend spende ich 650 €, weil ich davon ausgehe, dass ich durch eine Spende von 650 € rund 100 € Steuern sparen kann - der Rest geht zu meinen Lasten, ich will ja schließlich nicht profitieren. Somit hat der Verein durch meine Abrechnung (162 + 150 =) 312 € eingenommen, die er für sinnvolle Projekte verwenden kann, zum Beispiel für die Unterstützung von (in diesem Fall konkret drei) körperlich sehr eingeschränkten Menschen aus einer Pflegeeinrichtung, die unbedingt auf ein Vereinsturnier mitfahren wollen, das nötige Kleingeld dafür aber nicht haben.

Ich bin normalerweise nicht für Schmu zu haben, aber wenn ich höre, dass für diese Menschen kein öffentliches Geld da ist (oder nur einmal pro Jahr), während meine Fahrten aus öffentlichen Mitteln unterstützt werden könnten, dann nehme ich doch dieses Geld an und schenke es denen, die es brauchen. Ich würde normalerweise nie darüber schreiben, aber nachdem sich gerade in der letzten Woche einige Vereinskollegen (nein, nicht vom Triathlon) darüber aufgeregt haben, dass ich Fahrtkosten abrechne, muss ich mal dagegen halten. Die jeweils zugehörigen Spenden in den letzten Jahren haben diese Kollegen -wie könnte es anders sein- großzügigerweise übersehen.

Wie dem auch sei, den einen oder anderen Stinker gibt es ja überall. Ich traf mich also heute nach einer Sportveranstaltung mit dem erwähnten "Funktionär", übergab die Abrechnung, machte vom dortigen Rechner die Online-Überweisung für die Spende klar, bekam die Spendenquittung und quatschte gerade sehr angeregt mit dem Typen (er ist 20 Jahre älter als ich, nicht mein Typ, aber ich liebe es, ihm den Kopf zu verdrehen und mit ihm zu schäkern), als draußen vor der Tür eine Pöbelei los ging.

Ein Rollstuhlfahrer, ein alter Mann, vermutlich über 70, vermutlich nach einem Schlaganfall, bewegte sich mühsam auf dem Gehweg entlang. Mit unserem Verein hatte er nichts zu tun, vermutlich war er bei einer nahe gelegenen Tankstelle und hat sich eine Zeitung geholt - oder sonstwas. Durch das Bürofenster konnte man ihn beobachten und auch hören. Er war halbseitig gelähmt und fuhr rückwärts. Hatte also sein rechtes Bein auf dem Fußbrett, während er mit dem linken sich rückwärts im Rollstuhl sitzend vom Boden abstieß und mit seiner linken Hand durch Bremsen am Greifreifen steuerte. Von Zeit zu Zeit wird er sich umgedreht haben, vielleicht hat er auch spekuliert, dass alle ihn sehen und ausweichen. Ich weiß es nicht; jedenfalls pöbelte eine Radfahrerin, geschätzt Mitte 40, derbst herum, ob er nicht merken würde, dass er rückwärts fährt.

Ich dachte, ich höre nicht richtig. Der alte Mann konnte kaum reden und verteidigte sich mühsam. Ich bekam zunehmend den Eindruck, der Frau ging es nur um Krawall. Sie war von seiner Rückwärtsfahrerei überhaupt nicht betroffen, sie hätte mit dem Fahrrad nicht nur um ihn herumlenken können, sondern die Wege haben sich noch nicht einmal gekreuzt oder gar geschnitten, da er auf dem Gehweg und sie auf dem Radweg fuhr. Am liebsten wäre ich aus dem Büro rausgefahren und hätte ihr ein paar gescheuert, so angepisst war ich von dieser blöden Kuh. Aber natürlich löst man Konflikte nicht mit Gewalt und mein "Funktionär" stand auch noch vor mir und versperrte mir damit den Weg nach draußen.

Allerdings nicht mehr lange, dann öffnete er die Tür und stellte sich, Arme in die Seiten gestemmt, vor das Büro. Er hat kein einziges Wort gesagt, nur geguckt. Das schien gereicht zu haben, um die Frau unsicher werden zu lassen. Sie blubberte noch irgendwas vor sich hin und fuhr mit einem "glotz nicht so" davon. Das möchte ich eines Tages auch mal können: Mich irgendwo hinstellen, ein autoritäres Gesicht machen - und alle benehmen sich. Ob ich jemals dorthin komme?

Kommentare :

nobelix hat gesagt…

Ja, da kommst du hin. Wenn du es willst...denn es ist keine Frage des Aussehens, des Geschlechtes oder der Größe, solch eine Wirkung auf andere Menschen zu haben. Es ist einfach eine Frage des Auftretens - und damit eine Frage der Ausstrahlung.
Jeder kann so werden - wenn er (oder auch sie) das will.

Viele Grüße vom Nobelix,
der einst auf diese Weise sogar eine Demonstration ins Wanken gebracht hat :-)

Florian Dehne hat gesagt…

Dazu fällt mir nur ein: "Leute gibbet". Und zwar sowohl die Pöblerin als auch die Stinker aus dem Verein...

BigDigger hat gesagt…

Frag ihn doch mal, ob er auf eine Karriere bei der Bundeswehr zurückblicken kann. Gerade unter den höheren Feldwebeln soll's Leute geben, die sich nicht mal von den Pickelschultern was sagen lassen, es sei denn, da klebt noch 'ne Eiche drunter. So einen Hund hatte ich mal als Spieß...

Atomjesus hat gesagt…

Das authoritäre Gesicht bekommste bestimmt hin, aber mit dem hinstellen wirds schwer.

Jule hat gesagt…

@BigDigger: Nee. War Kriegsdienstverweigerer und hat in einem Heim für geistig behinderte Menschen seinen Ersatzdienst gemacht.

@Atomjesus: Haha. :P

Michael hat gesagt…

Also, Du hast sowieso schon gewaltigen Respekt unter Deiner Leserschaft. Wenn Du also bei uns ein strenges Gesicht machst (so virtuell ...), dann sind wir alle gleich ganz still ;-)

Aber jetzt mal im Ernst: Respekt kommt nicht vom Gesicht, weil sich jemand Feldwebel-maessig hinstellt. Respekt kommt von was ganz was anderem. So ein bloeder Politiker hat sicher Respekt, weil er/sie Macht hat, aber diese Art von Respekt willst Du ganz sicher nicht.

Mich hat in letzter Zeit diese ganz stille Art von Marina Weissband von den Piraten beeindruckt. Glaubst Du, die hat nur deswegen Respekt bekommen, weil sie streng geguckt hat? Nee, sie hat einfach mit dem, was sie gesagt hat, viele Menschen angesprochen.

Also insofern, sei mal nicht so schuechtern. Warum sollte es Dir nicht "in echt" auch gelingen, Menschen zu begeistern und beeinflussen, wenn Du das mit Deinem Blog auch tust. Aber dazu musst Du freilich bereit sein, denn bisher waehlst Du naetuerlich (noch?) die Anonymitaet. Aber irgendwann koennte ich es mir bei Dir schon vorstellen, dass Du auch anderweitig Einfluss ausueben willst.

Und ueberhaupt: Warum ploetzlich so sensibel? Erst der Hexenkommentar, dann der Frauen-Sexshop und der Rueckwaertsfahrer. Du hast Dich immer schon fuer andere eingesetzt, aber man glaubt zu spueren, wie Dich solche Sachen derzeit nicht nur aufregen (das waere normal), sondern wie es Dich selber ganz tief trifft. Kein Wunder, nachdem was im Krankenhaus passiert ist und man so eine "near death" Situation erlebt. Aber halt den Kopf oben - Du bist viel staerker als Du derzeit denkst.

Liebe Gruesse,
Michael


Dennis hat gesagt…

Hallo Jule,

achte einfach nicht auf das Rummeckern. Fördergelder sind leider immer schneller gestrichen, als wie der Antrag auf mehr Fördergelder bearbeitet wird. Wenn er wieder meckert, denk einfach daran, dass Du Vereinskollegen verhilfst weiterhin Sport ausüben zu können.

Ich vermute, Du könntest jetzt schon ein autoritäres Gesicht machen. Deine Beiträge vermitteln eine Reife, die dazu eigentlich ausreichen müsste.

Liebe Grüße
Dennis

Anonym hat gesagt…

Ich fürchte das wird dir nicht gelingen. Dein Talent ist es, dass sich die Menschen allein durch deine Worte und deine Gegenwart wohler und zuversichtlicher fühlen.

Ist im Grunde doch noch viel wertvoller, oder nicht?

ednong hat gesagt…

Ähm,
mag sein, dass du das hinbekommst.

Aber du weißt schon, dass man vorher lernen muß, sich zu benehmen? ;)

Stephan hat gesagt…

Das ist eigentlich ganz einfach.
Hinsehen, ansehen, und nicht aus der Ruhe bringen lassen. Von niemanden und nichts.
Wenn Du dann noch deinen Teil dazu denkst kommt der Ausdruck von alleine.
Die meisten Menschen können es nicht ertragen lange angesehen zu werden. Sie werden nervös und unsicher und versuchen der Situation zu entkommen.

Asinello hat gesagt…

Ja, Stinker gibt es weißallah in wirklich genügender Menge an wahrlich genug Stellen. Wenn diese possierlichen Schlammschleuderchen dich zum Ziel nehmen, hilft wirklich nur Hornhaut auf der Seele. Wenn ich mir diese Hornhaut als Borke vorstelle und an die Redewendung von der Eiche und dem Borstenvieh denke, strahle ich meist eine erstaunliche Souveränität aus. ;)

"Den Blick" hat @Stephan gut beschrieben. Wichtig dabei: direkter, unbeirrbarer Augenkontakt. Die ruhige Ausstrahlung kommt leichter von alleine, wenn ich mir beim aufmerksamen Zuschauen überlege, welche unangenehme Konsequenz für das beobachtete Fehlverhalten angemessen sei. So viel ist klar: eine Zurechtweisung darf dabei nur noch beiläufigen, informativen Charakter haben. Selbst wenn mir dabei schier garnix einfällt: ich werde sogar meinen Freunden unheimlich.

Ob das für eine Jule Stinkesocke die richtige Methode der Durchsetzung ist, da bin ich zwar nicht so sicher. Aber es kann nicht schaden, diesen "Blick" aufsetzen zu können. Wer auf "gute Kinderstube" verzichtet, fühlt sich meist unwohl, wenn jemand zuschaut und aussieht wie ein Zeuge, der gerade seine Aussage notiert.

Anonym hat gesagt…

Mal provokant gefragt: muss der denn wirklich rückwärts fahren?

Oder anders: es hört sich ja eigentlich etwas unpraktisch an so wie er fährt. Vermutlich wurde er auch nicht auf den rolli vorbereitet und trainiert, wie Jule schon oft mal berichtet hat. Also könnte er mit tipps und training besser vorankommmen?

Anonym hat gesagt…

Leute allein durch Anstarren ausbremsen funktioniert, das ist hauptsächlich eine Frage des Selbstbewußtseins und des Auftretens. Wenn Du mit dem Motto "bitte bitte hau mich nicht" durch die Welt gehst, wird das eher selten klappen.

Ich hab als Fußgänger mit knapp 2 m Höhe und über 100 kg Gewicht einen wahnsinnigen Vorteil: Die meisten Leute trauen sich schlicht nicht, sich gegen deutlich größere Leute aufzulehnen. Das sitzt ganz tief in alten Teilen des Gehirns, kein kleiner Säuger wird sich gegen das Alpha-Tier der Gruppe auflehnen.

Im Rolli hast Du das Größenverhältnis bei den meisten Leuten natürlich schonmal gegen Dich. Entsprechend deutlicher mußt Du da das Alpha-Tier rauslassen: Der Alpha-Löwe winselt und piepst nicht, er brüllt und beißt. Bei so einem Auftritt wie Du beschreibst darfst Du nicht den leisesten Zweifel daran lassen, dass DU das Alpha-Tier bist. Das fängt bei der Körperhaltung und beim Augenkontakt an; Dein Auftritt muß jedem sofort klar machen, dass es überhaupt keinen Sinn hat, auch nur über Widerworte nachzudenken, weil Du sonst (im übertragenen Sinne) brüllst und beißt.

Überhaupt, Augenkontakt. Beobachte mal zankende Katzen, bevor sie laut werden. Sie starren sich gegenseitig in die Augen. Wer zuerst wegsieht oder blinzelt, hat verloren und macht sich aus dem Staub oder wird im blödsten Fall nach allen Regeln der Kunst verprügelt. Das funktioniert bei Menschen (und Hunden) genauso. Man kann viele Menschen völlig aus dem Konzept bringen, indem man ihnen einfach nur stur in die Augen starrt.

Wie es in Deinem Inneren aussieht, ist eine ganz andere Frage. Wenn Du Zweifel an Deinem Alpha-Tier-Status hast, darfst Du die nicht zeigen, auch nicht andeuten, sonst ist Dein Status weg. Im blödsten Fall fühlt sich das andere Alpha-Tier dann auch noch von Deinem Auftritt in seiner Ehre und seinem Rang angegriffen.

Tux2000

Asinello hat gesagt…

@Anonym 23.10. 6:46
"Mal provokant gefragt: muss der denn wirklich rückwärts fahren?"

Mal provokant geantwortet: Wäre der auf dem kräftigen Bein gehopst, hätte sich die Radfahrerin vermutlich auch zur Missbilligung berufen gefühlt.

Die Antwort auf deine Frage kannst du ganz leicht selbst herausfinden, wenn Du an einen ganz normalen Bürostuhl (mit Rollen) herankommst: Setz dich drauf und roll das Ding mit den Beinen vorwärts. Nicht schummeln. Nur mit den Beinen, kein Arm- oder Körperschwung dazu. Wie schnell geht das, wie leicht? So. Haste? Fein. Und nach vier "Schritten" denselben Weg zurück. Dafür reicht vermutlich ein einziger Schwung.

Wenn du einen Arm und ein Bein auf einer Seite bewegen kannst, würdest du einen normalen Rollstuhl mit dem Arm einfach nur im Kreis fahren können. Also nimmste das Bein. Mit dem Arm kannst du dann am Reifen korrigieren. (So, wie es Jule beschrieben hat.) Und für etwas längere Wege wünscht du dir sehr bald einen Satz komfortabler Rückspiegel. Oder einen praktischeren Rollstuhl (zB Hebelwagen). Denn "einseitig" kommste mit dem Standard-AOK-Shopper rückwärts besser voran. Das liegt nicht an Tip oder Training, sondern an einem Vehikel, das theoretisch helfen soll, praktisch aber behindert.