Montag, 22. Oktober 2012

Hexen und Vibratoren

Kurz vor meinem letzten Aufenthalt in der Klinik saß ich mit einer anderen Rollstuhlfahrerin zusammen in einem öffentlichen Linienbus, genauer gesagt in der Linie 232. Die Frau, geschätzt etwas älter als ich, saß in einem elektrisch angetriebenen Rollstuhl. Auch wenn ich nicht automatisch jede Rollstuhlfahrerin und jeden Rollstuhlfahrer, der in öffentlichen Verkehrsmitteln neben mir steht, anspreche, und auch selbst keinen gesteigerten Wert darauf lege, dass sie oder er mich anspricht, kamen wir ins Gespräch. Ich erfuhr eher beiläufig von ihrer Erkrankung, einer spinalen Muskelatrophie.

Es war davon auszugehen, dass diese Frau niemals laufen, vielleicht sogar niemals alleine sitzen lernen konnte. Entsprechend unproportional war ihr Körperbau. Ein im Verhältnis riesiger Kopf zu einem schmalen, kurzen Rumpf und eher kurzen Armen und Beinen ist natürlich der Tatsache geschuldet, dass Knochen kaum wachsen, wenn sie nicht bewegt (und durch die gegensätzlichen Muskeln in die Länge gezogen) werden, salopp ausgedrückt.

Mir fiel ein Mädchen auf, vielleicht 5 oder 6 Jahre alt, das uns gegenüber an der Tür des Busses lehnte und uns anstarrte, wenngleich es um größtmögliche Unauffälligkeit bemüht war. Kurz darauf kam die Mutter dazu, nahm das Mädchen an die Hand - der Bus war kurz vor jener Haltestelle, an der die beiden aussteigen mussten. Das Mädchen sagte zu ihrer Mutter: "Mama, ich habe Angst vor der Frau mit der blauen Jacke. Das ist bestimmt eine Hexe."

Die Mutter war sichtlich bemüht, zu hoffen, dass das niemand gehört hatte. Man merkte, wie sie angestrengt versuchte, die letzten zehn Sekunden bis zum Aussteigen möglichst schnell vergehen zu lassen, und vermutlich haben sie für diese Frau, die unsere Blicke in ihrem Rücken gespürt haben musste, endlos gedauert. Okay, die Mutter kann nur begrenzt etwas dafür, wenn das Kind so etwas äußert, und ich bin mir sicher, das wurde hinterher aufgearbeitet. Ich hoffe nur, mit einer Erklärung und nicht mit einem Verbot.

Insofern bin ich sehr froh, nicht von Geburt an im Rollstuhl zu sitzen. Dadurch konnte ich zwar mal laufen und muss, nach ihrem Wegfall, diese Fähigkeit entsprechend auch stärker vermissen als all jene Rollifahrer, die das nie konnten - gleichwohl sorgte diese Fähigkeit aber bei mir für halbwegs unauffällige Körperproportionen und setzt mich nicht der Gefahr aus, dass kleine Kinder mich als Hexe sehen.

Ich finde es krass. Ich habe das zum ersten Mal so heftig selbst miterlebt. Dass Leute starren oder beschämt weggucken, ist nichts neues. Obwohl ich es nicht verstehen kann: Selbst vor meinem Unfall hätte ich vielleicht interessiert geguckt, ich hätte vielleicht nicht verstanden, warum die Körperproportionen anders sind, warum jemand verwaschen redet, sabbert oder laut schreit. Aber ich hätte das als Individualität eines Menschens zur Kenntnis genommen. Mit Sicherheit nicht so bezeichnet, aber so wahrgenommen. Berührungsängste ja, bestimmt, in Form einer ausgeprägten Distanz, wie ich sie auch zu anderen, nicht behinderten Menschen hatte. Aber Furcht und Schrecken?

Vielleicht hatte ich inzwischen "zu viel" mit Menschen zu tun, die eine Behinderung haben. Vielleicht erlaubt mir mein gelebter offener Umgang mit meiner Behinderung aber auch, inzwischen über viele Ängste und Vorurteile meiner Umwelt hinweg zu sehen. Vielleicht habe ich durch diesen Blog viele dieser Ängste und Vorurteile kennen gelernt, vielleicht hat ein zunehmend offenerer Umgang unter Menschen mit und ohne Behinderungen inzwischen die eine Angst oder das andere Vorurteil abgebaut.

Und doch hat mich ein Fernsehbeitrag im ZDF zum Thema Sexualität und Behinderung vor kurzem wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Drei junge Frauen, ebenfalls mit spinaler Muskelatrophie, erzählten, dass ihr (behinderter) Körper oft erstmal als ein zu therapierender Körper wahrgenommen wird, der eine medizinische Herausforderung darstellt; aber nicht mit Lust oder Sinnlichkeit in Verbindung gebracht wird.

Im ersten Moment dachte ich: Toll. Ein aufklärender Beitrag, der mal das eine oder andere Tabu beleuchtet und somit für ein bißchen mehr Nähe sorgt. Aber dann kam die Ernüchterung, als die Sprecherin erzählte: "Heute steht für die drei ein besonderer Ausflug an, zum Frauen-Sexshop in Köln." - Und damit war bei mir alles vorbei. Warum ist das bitte ein besonderer Ausflug? Alleine das Wort "Ausflug" impliziert in diesem Zusammenhang ja schon eine Befreiung aus einem Käfig. Und die ist dann auch noch außergewöhnlich, besonders. Scheiße. Also doch keine Normalität. Sondern etwas verkrampftes.

Klar, ein Besuch im Sexshop bricht ein mehr oder weniger großes Tabu. Egal, ob man als Rollstuhlfahrerin oder Fußgängerin dort auftaucht. Und ich hoffe, lediglich darauf bezog sich dieser Satz. Denn das Tabu darf es gerne auch dann noch geben, wenn alle geschnallt haben, dass eine Behinderung keinen Einfluss darauf nimmt, ob jemand einen Vibrator haben möchte oder nicht.

Kommentare :

Tamani hat gesagt…

Guten Morgen,
versuchst du gerade die "verlorenen" zwei Wochen wieder auszuholen? ;)
Ich sehe es genauso, Menschen mit Behinderung, gleich welcher Form sind nicht angsteinflößend, jedenfalls für uns Erwachsene. Auffallend teils, das schon und die wenigsten können sich wohl davon freisprechen sie nicht ab und an anzugucken. Allenfalls die, die absichtlich weggucken.
Ich kann jedoch nachvollziehen, dass es für Kinder angsteinflößend sein kann, wenn sie zuvor noch nie jemanden gesehen haben, der so ausschaut wie zum Beispiel die von dir beschriebene Frau. Das Kind kann sich mit seinen 5 Jahren ja eben nicht erklären, warum die Frau einen, im Vergleich zum Gesunden, so verformten Körper hat.
Das mit der Hexe würde ich gar nicht mal als so speziell ansehen: wir haben bald wieder Halloween. Überall sehen die Kinder Hexen, Kürbisse, Vampire und was nicht noch alles.
Ich vermute einfach, das Kind konnte überhaupt nicht verstehen was mit der Frau ist. Und eine Hexe ist etwas mystisches, was was man auch nicht wirklich verstehen kann.
Und zu guter letzt: es gibt ja auch gute Hexen. ;)

Tamani

Ps: Freut mich, dass du schon wieder so im Tipplaune bist. =)

Dennis hat gesagt…

Hallo Jule,

irgendwie ist es traurig, was das Kind dort gesagt hat. Die Situation wirkt recht typisch. Wahrscheinlich gab es mal ein ähnliches Aufeinandertreffen, wo das Kind aus Unwissenheit die Eltern fragte und als Antwort etwas bekam damit die Fragerei aufhört.

Liebe Grüße
Dennis

letterkerl hat gesagt…

Ausflug.

Ich werde auch immer wieder gefragt, ob mich manchmal "Leute mitnehmen".

Traurig aber wahr.

Banane hat gesagt…

Hi Jule,

ich kann durchaus verstehen, dass du die Geschichte mit dem Mädchen ziemlich "krass" fandest.
Aber ich sehe das nicht so eng.

Ich kenne z.B. die Geschichte eines Fahrradfahrers, der im Winter eine Sturmhaube auf hatte und damit einen kleinen Jungen am Straßenrand erschreckt hat, der ihn für einen Bankräuber hielt.
Möglicherweise hat dieses Mädchen nur irgendwo in einem Kinderbuch, auf einem Halloween-Plakat, o.Ä. ein Bild einer Hexe mit verzerrten Körperproportionen gesehen und das eben nun auf die Frau in der Bahn projeziert.
Aber selbst ohne so eine direkte Verbindung haben kleine Kinder einfach manchmal Angst vor unbekannten Dingen, die sie nicht einordnen können. Aus Sicht des Mädchens war diese Frau vielleicht einerseits schon klar als Frau erkennbar, aber gleichzeitig sah sie doch so anders aus als alle Menschen, die sie bisher gesehen hat. Dass so etwas eine gewisse Verwirrung auslösen kann, ist wohl durchaus nachvollziehbar.

Ich glaube also nicht, dass hinter dieser Angst des Mädchens und der alles Andere als schmeichelhaften Bezeichnung als Hexe irgendeine Boshaftigkeit steckt. - Und ich glaube noch nicht mal, dass das ein gutes Beispiel für gesellschaftlich verankerte (Berührungs-)Ängste gegenüber behinderten Menschen ist.
Dazu ist dieses Mädchen einfach noch zu jung.
Kinder in diesem Alter ängstigen sich möglicherweise vor Männern mit langen Bärten, wenn ihnen die Gesichichte vom Räuber Hotzenplotz vorgelesen wurde, o.Ä.

Ansonsten gibt es natürlich viel zu viele Vorbehalte, Berührungsängste, usw. gegenüber behinderten Menschen. - Und da hilft eben nur mehr Kontakt zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen... und zwar gerade im Kindesalter, wo dann möglicherweise eben die eine oder andere Erklärung nötig ist, dass die vermeintliche Hexe nur eine ganz normale Frau ist, die eben aus gewissen Gründen anders aussieht als andere Menschen und mit Hilfe eines E-Rollis von A nach B kommen kann.

Gruß
Banane

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule,

ich hab die Reportage gesehen. Ich fand einiges auch ein wenig seltsam, vor allem, da sie ja auch aktiv nach Sexualpartnern über Partnerbörsen gesucht haben. Aber es ist eben seltsam, weil es ein ungewöhnlicher Anblick ist und man sich erstmal fragt, wie Sex usw denn in so einer Situation gehen soll. Aber wie du schon mal bei Maria geschrieben hattest (wie gehts ihr eigentlich?), jeder hat das Bedürfnis nach Intimität und dann sollte eben der Pfleger ganz normal den Virator anreichen, wenns nicht alleine geht.

Anonym hat gesagt…

Ich hab die Sendung auch gesehen und hab mich gefragt, was du wohl darüber denken würdest. Ich habe mich auch sehr über das in der Sendung erwähnte Dating Portal gewundert, in dem sich behinderte Frauen sowie nicht behingerte Männer mit einem seltsamen Fetisch für behinderte Frauen kennen lernen können...Sachen gibts...

Janua hat gesagt…

"setzt mich nicht der Gefahr aus, dass kleine Kinder mich als Hexe sehen"
Ich hab hier so einen kleinen Racker, und erlebe, wie Kinder die Welt erleben. Solch einen Satz wie den von dem Kind finde ich persönlich in Ordnung. Das Kind benennt, wie es etwas wahrnimmt und was ihm Angst macht.
Kinder sind häufig konservativ (Das kenn ich, das mag ich) und reagieren auf alles, was ihnen un-normal vorkommt. In vielen Ausprägungen.
Eine komische Haarfarbe, ein schräger Pullover, dunkle Hautfarbe, Rollstuhl, nicht gehen können - wären alles Gründe um von unserem Kind als "Hexe" wahrgenommen zu werden.
Für denjenigen, der das hört, nicht angenehm, wird mensch doch in dem Moment von einer Person zu einem angsteinjagenden Fabelwesen.

Für uns ein Gesprächsanlass. Und eine Erinnerung, unseren Kindern die Vielfalt der Welt zu zeigen.

Anonym hat gesagt…

Hi!
Also ich bin von Geburt an behindert und habe recht normale Proportionen, mal abgesehen von sehr dünnen Beinen (die du vermutlich auch hast) und etwas verschobenen Kniescheiben.
Deine Begenung mit dem Kind fand ich niocht schlimm, denn das Kind war noch so klein, dass es sich die Situation wohl nicht anders erklären konnte. Und ich finde es auch nicht schlimm, wenn Kinder in diesem Alter gucken und sich vielleicht sogar umdrehen. Wäre das Gegenüber in dieser Situation ein Teenager oder sogar Erwachsener ist das für mich was anderes.
Und den von dir angesprochenen Beitrag des ZDF hab ich auch gesehen und fand ihn nicht so gut, denn sie haben dort nur drei Frauen porträtiert, die alle eher schwer behindert sind und auf fremde Hilfe angewiesen sind, aber die nicht so schwer behinderten, die alleine Leben und selbstständig sind, aber deren Sexualität durch die Behinderung trotzdem eine andere ist, werden außen vorgelassen. Ich finde diese Sendung tendiert oft dazu, die Normalität, die Behinderte leben zu sehr zu betonen, so dass es wieder unnormal wirkt. Ich selbst brauche keine Assistenz, aber auch ich bin oft beim Arzt und sehe meinen Körper nicht als etwas an, an dem nur therapiert wird. Mich würde mal Marias Meinung zu dem Beitrag interessieren. Er läuft noch in der Online-Mediathek.
Liebe Grüße F.

BigDigger hat gesagt…

Ich sehe die Begegnung mit dem Mädchen wie die Mehrzahl hier auch eher entspannt. Eine 5- oder 6-Jährige hat logischerweise auf Grund Ihres Alters noch lange nicht die Lebenserfahrung. Sie kennt nur das, was sie schon mal gesehen hat, und das, was man ihr erzählt. In dem Alter war jedes Auto, das vorbeifuhr, für mich "Pixipixi" oder "Minimint"...

Ich hoffe aber, dass die Mutter da nach dem Aussteigen nicht einfach so drüber weggegangen ist, was diesen Eindruck vertiefen könnte, sondern ihr erklärt hat, warum Deine Busnachbarin keine Hexe ist.

Asinello hat gesagt…

"Die ist bestimmt eine Hexe." - "Oder eine Fee." (und in die Verwirrung nachgesetzt) "Oder einfach nur eine Frau in einer blauen Jacke, die etwas seltsam aussieht."
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Der Sexshop hat etwas zutiefst verruchtes. Selbst für viele Leute, die dort ihr "Spielzeug" kaufen. Natürlich ist das besonders. Für das "Durchschnittspublikum" erst recht. Die Formulierung allein ist IMHO daher nur halb so doof wie sie für sexuell entkrampfte Menschen klingt.

Interessant finde ich allerdings, dass das Etikett "Behinderung" nicht nur meint, dass irgendwas (meist Offensichtliches) daran hindert, sich so zu bewegen wie die meisten Leute: Wenn jemand nicht richtig laufen kann, wird sie vermutlich auch nicht geradeaus denken können. Und natürlich sind Behinderte asexuell: Schließlich fallen sie bei den meisten Menschen automatisch aus dem "Beuteschema fürs Balzen" heraus.
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Liebe Jule: Bitte erwarte von Deiner Umwelt keinen IQ oberhalb von Zimmertemperatur, keinen Horizont jenseits der Nasenspitze, und auch keine Beobachtungsgabe für das Offensichtlichste. Erstaunlich vielen Menschen genügt der Kopf im Alltagsleben, um eine Frisur darauf zu tragen, und bei manchen (innen und außen polierten) Hohlschädeln taugt er nicht einmal dazu.

Sven hat gesagt…

Ich kann mich auch Banane nur anschließen und will Dennis widersprechen.
Hexen werden einfach oft als Frauen mit ungewöhnlichem Äußeren dargestellt. Markant ist z.B. meist die krumme Nase, aber auch ein Buckel. Sicherlich gibt es auch andere Darstellungen.
Wenn also ein junges Kind eine solche Einordnung trifft, muss da sicher nichts Böses dahinter stecken.
Die Erklärung, dass die Eltern dem Kind sowas explizit beigebracht haben, halte ich für abwegig und geradezu bösartig.
Sicher kann es auch solche Eltern geben. Die hätten sich dann aber für die Äußerung des Kindes nicht geschämt.

Im ersten Moment hatte ich überlegt, wie ich mich als Vater in der Situation verhalten hätte. Jetzt gerade finde ich es total klar. Einfach kurz sagen, dass die Frau keine Hexe, sondern eine ganz normale Frau mit ungewöhnlichem Äußeren ist, vor der man keine Angst haben muss.
Wenn man gerade im Stress und kurz vorm Aussteigen ist, fallen einem aber manchmal einfach nicht die richtigen Worte ein. Scham kann einen mental auch ziemlich blockieren.

Yvi hat gesagt…

Also ich persönlich fänd einen Besuch mit 2 mir unbekannten anderen Menschen und einem Fernsehteam in einen Sexshop schon auch durchaus einen besonderen Ausflug. Auch ohne Behinderung.

Christiane hat gesagt…

Wir reden hier von einer ca. 6jährigen, Kinder sind in dem Alter noch gar nicht so weit in einem so großen Bereich zu reflektieren, analysieren, zu hinterfragen und sprechen einfach frei von der Seele.

Ich finde es nicht schlimm, ich finde es sogar sehr gut - denn nur so kann man Berührungsängste, Unwissenheit & Vorurteile abbauen :-)

Olli hat gesagt…

Ja, der Laden in Köln ist bekannt, da dürfen nur Frauen rein. Bis auf einen Tag, da können Frauen Männer mitbringen.