Mittwoch, 3. Oktober 2012

Menschen im Hier und Jetzt

Unsere Bevölkerung wird immer älter, vor allem durch höhere Lebenserwartung und niedrige Nachwuchsraten. Damit nimmt automatisch auch die Anzahl der an Demenz erkrankten Menschen zu. Schon heute fehlt es bei ihrer Versorgung an allen Ecken und Kanten. Die Neuordnung der Pflegeversicherung, aus der bezahlt werden soll, dass sich jemand um diese "Menschen im Hier und Jetzt" kümmert, war überfällig.

Allerdings: Eine ehrgeizige Suche nach nachhaltigen Lösungen habe ich mir anders vorgestellt. Selbst die von den Finanzierungsproblemen losgelöste Suche nach einer respektvollen Bezeichnung für eine Gruppe mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind, hat man in den Monaten intensiver Suche nicht gefunden. Und so bleibt es übergangsweise bei "Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz". Pfui.

Und in allen Fällen testet man bis 2015. Und hat auch nur bis dahin eine gesicherte Finanzierung über eine Beitragserhöhung von 0,1% ab 2013 gefunden. Soll heißen: Dass dringend etwas getan werden muss, ist allen klar. Antworten hatte aber keiner. Und so probiert und testet man erstmal - und sucht weiter.

Positiv, ich will ja nicht nur meckern, sind jedoch aus meiner Sicht einige Ansätze, die sich unter anderem auf Erfahrungen stützen, wie wir sie mit unserer großen WG gemacht haben. Ab 2013 unterstützt die Pflegeversicherung die Gründung solcher Wohngruppen, in der sich mehrere Pflegebedürftige ihre Pflege und Assistenz selbst organisieren, mit einmalig bis zu 20.228 € für Umbaumaßnahmen. Bisher waren es 2.557 €.

Da es bei uns im Haus offiziell drei WGs gibt, hätte unser Trägerverein auf dem Wege knapp 61.000 € erhalten können - statt 8.500 €. Nachträglich gibt es diese Leistung aber nicht mehr, insofern dürfen wir uns allenfalls darüber freuen, mit unserem positiven Beispiel Wege geebnet zu haben.

Was jedoch funktionieren wird: Diejenigen von uns, die nur für bestimmte und einzelne alltägliche Verrichtungen die Hilfe einer Pflegekraft oder einer Assistenz benötigen und kein trägerübergreifendes (also mischfinanziertes) "Persönliches Budget" in Anspruch nehmen, können für Hilfen im Alltag, die nicht direkt Pflegeleistungen sind, aber mit ihnen im Zusammenhang stehen (Nebenleistungen), zusätzlich bis zu 200 € pro Monat erhalten. Wie die Pflegekassen das umsetzen, bleibt abzuwarten.

Und unser Trägerverein, der ja gemeinnützig und damit ohne die Absicht, Gewinne zu erzielen, arbeitet, kann auf Antrag durch die Pflegeversicherung finanziell für bestimmte Projekte mit entsprechend anerkanntem Konzept unterstützt werden. Bisher war das nicht möglich, da wir, so die Begründung, nicht "themenübergreifend" tätig sind und uns nur der Hilfe für wenige Indikationsgruppen widmen. Allerdings reden wir hier von keinen Unsummen, sondern in der Regel von drei- bis vierstelligen Anschubfinanzierungen für irgendwelche Dinge, die sich später selbst tragen, andere Kosten minimieren oder auf Umwegen in irgendeine öffentliche Kasse wieder Geld hineinspülen (dazu das nötige anerkannte Konzept).

Was bleibt noch? Ein noch ganz wichtiger Punkt: Die Pflegekassen müssen künftig innerhalb von fünf Wochen begutachtet und entschieden haben, wenn jemand einen Antrag stellt, sonst müssen sie ohne Entscheidung pauschal eine festgelegte Summe vorleisten. Ich kann nicht mitreden, weil ich keine Pflegeleistungen aus der Pflegeversicherung erhalte, sondern bei mir die Unfallversicherung zuständig ist. Allerdings habe ich aus dem Freundeskreis schon von Fällen gehört, in denen eine Entscheidung über ein halbes Jahr auf sich warten lassen hat. Auch wenn dann nachgezahlt wird: Wer hat schon so viel auf der hohen Kante, dass er eine Pflegekraft (oder mehrere) mal eben ein halbes Jahr vorfinanzieren kann?

Und noch etwas: Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, die auch für die Begutachtung von Pflegebedürftigen zuständig ist, muss einen Verhaltenskodex erstellen und sich an diesen halten. Traurig, dass das sein muss, weil da eigentlich nur drinstehen wird, wie man respektvoll miteinander umgeht. Es muss aber sein: Aus den letzten sechs Monaten kenne ich zwei Fälle, in denen der Pflegebedürftige den Gutachter vor die Tür gesetzt hat, weil er sich nicht benehmen konnte.

Einmal gab es dumme Kommentare zu einer Packung Kondome im Nachtschrank, als der Gutachter sich zeigen lassen wollte, ob Handschuhe und Desinfektionsmittel vor Ort sind (im Sinne von: Wer vögeln kann, braucht keine Pflege), ein anderes Mal weigerte sich der Gutachter, Koordinationsstörungen zu berücksichtigen, weil die Türrahmen nicht verschrammt seien. Hätte die Pflegebedürftige solche Koordinationsstörungen in den Armen, würde sie mit ihrem Rollstuhl öfter mal gegen die Türrahmen krachen. Danach sehe das aber nicht aus. Fakt war aber, dass die betroffene Frau ganz offensichtlich nicht mal ein Glas zum Mund führen konnte, die Erkrankung immer mit Koordinationsstörungen einhergeht, die Erkrankung zweifelsfrei und seit Jahrzehnten stetig fortschreitend dokumentiert war.

Zusammenfassend möchte ich also sagen: Dass privat organisierte Wohngruppen für pflegebedürftige Menschen künftig besser gefördert werden, finde ich (wie überraschend) gut. Dass Menschen mit Demenz künftig besser gefördert werden, auch. Klauseln, wie wir miteinander umgehen, sind immer ein Armutszeugnis. Und die beschlossene gedeckelte Finanzierung der Neuerungen für maximal vier Jahre zeigt einerseits die Ratlosigkeit zu diesem Thema - gibt aber andererseits die Hoffnung, dass innerhalb der nächsten vier Jahre doch noch ein etwas größerer Wurf gelingt.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Was genau ist denn respektlos an der Bezeichnung "demenzkrank"?

Michi hat gesagt…

Klingt ja so, als würde die Politik mal was Vernünftiges zustande bringen... Dass euer Projekt da als Modell dient, find ich klasse!

Aber welchem politisch überkorrekten Hirn ist denn der Terminus "Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz" entsprungen? Warum nennt man die Dinge nicht einfach beim Namen und sagt, Herr X oder Frau Y sind dement?

Asinello hat gesagt…

Vielleicht hat die geistige Umnachtung des Alters bei mir schon längst begonnen. Wenn dem so ist, kann es mir zunehmend gleichgültiger sein, ob das Schwinden meines Hirnschmalzes nun Vergreisung oder Verblödung genannt wird. Ein Fremdwort wie Senilität hätte ich vielleicht in jungen Jahren schon nicht kapiert, sodass ich heute froh sein kann, wenn mir der Unterschied zwischen Altersheimer und Demenz kaum etwas ausmacht. Wenn ich als "tüddelich", "wunderlich" oder als "Mensch mit eingeschränkter Alltagskompetenz" bezeichnet werde, bekomme ich das zwar gerade noch mit, aber wer weiß schon, ob meine verdörrenden Synapsen morgen noch glimmen.

In diesem heimeligen, altersmilden Dämmerlicht ist es schön, vom Sessel aus der gemütlich knarrenden Euphemismus-Tretmühle zuzuschauen, die so hübsch beharrlich in Gang gehalten wird. Während die Mühle anheimelnd knarrt, durchblättere ich im verbliebenen schütteren Geiste Watzlawicks "Anleitung zum Unglücklichsein" (1983, das is ja sowas von 80s), und wirklich: Ich finde das Rezept noch wieder:
Wenn etwas das Problem gewiss nicht löst, probiere einfach "mehr desselben".

Da ich in meinem degenerativen Zustand schon längst nicht mehr Humor von hysterischer Heiterkeit unterscheiden kann, freue ich mich gerade wie ein kleines Kind über die aktuelle Neufassung betont achtungsvoller Bezeichnungen.

Die zielen zwar nach wie vor mit demselben Blick auf dieselben Träger derselben Ausgrenzungmerkmale (zB Neger - Schwarze - Farbige - Menschen mit afroamerikanischem Migrationshintergrund -oder- Krüppel - Invalide - Behinderte - Menschen mit Behinderungen oder, mit einem perfiden kleinen Grabkreuz an der Altersgruppe: Greis - Alter - Senior - 60+).
Zwar ist auch die jüngste nettere Wortwahl in guter alter Konditor-Tradition nur eine neue Schicht Zuckerguß auf der Gesellschaftstorte, die bitteschön ordentlich geschichtet sein darf, und bei der ein "Wir" besonders gerne daran festgemacht wird, welche Krümel eben nicht dazugehören.

Aber gerade die jetzige Form finde ich ausnehmend putzig. Nicht nur, weil ich angesichts der semantischen Verrenkungen so oft an vollendetes Ballett hinter der Wursttheke denken muss. Sondern auch, weil die euphemistischen Yogaübungen endlich mal eine Form hervorgezwirbelt haben, die sich kreativ weiterverwenden lässt.

Ich brauche nicht mehr sinnieren, wie ich noch höflich genug über jene Damen und Herren sprechen kann, die gerade mit neuer Schönfärberei davon ablenken, dass zB die Krankenkassen ihre Überschüsse dem Beschubsen der Bedürftigsten verdanken, und zugleich nicht eine/r der Verantwortlichen auf die kluge Idee verfällt, das wertvolle Geld mal für anständige Leistungen auszugeben.

Dank des schönen neuen Neusprech ist es mir vergönnt, dort Menschen mit Vorstandshintergrund zu erblicken, social callenged people, sowie Menschen mit parlamentarischer Lebenserfahrung und einige Mitbürger mit barrierefreien Cranialräumen. Lauter ehrenwerte Damen und Herren also, deren Position allein schon für ausgemachte Kompetenz bürgt (und jede Unterstellung einer Anlehnung an Shakespeare's Marcus Antonius würde mein Anwalt scharf zurückweisen).

Diese ganze feine Gesellschaft mal in genau die schönen sprachlichen Schnitte zu kleiden, die sie selbst zu sittsamer Zier hervorgebracht haben - das versöhnt mich mit so manchem Unbill.
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Und wenn dann noch ein paar gnädige Brosamen in den WGs Eures Projektes (sprich: sogar mal an der richtigen Stelle) landen, dann bin ich nicht nur heiter, sondern auch froh.

Anonym hat gesagt…

@Asinello: Danke für "barrierefreie Cranialräume", der Begriff gefällt mir RICHTIG gut :-))))

Kathia hat gesagt…

Des erhöhte Betreuungsaufwand wird nicht nur für demenziell Erkrankte, sondern auch für z.B. geistig behinderte Erwachsene. Trotzdem ist die Benennung nicht wirklich schön, nur leider braucht jedes Kind einen Namen.

Monika hat gesagt…

Ich wollte gerade die Begrifflichkeit "eingeschränkte Alltagskompetenz" genauer erläutern.

Wie meine Vorschreiberin Kathia auch schon bemerkte, gibt es noch mehr Menschen die aus den Unterschiedlichsten Gründen in diese Gruppe fallen.

Die Begrifflichkeit wird an 13 verschiedenen Punkten festgemacht und könnte theoretisch sogar Menschen außerhalb von Behinderungen und dementiellen Erkrankungen treffen. Häufigster Fall dabei Menschen mit therapieresitenten depressionen.
Menschen die zB unter psychotischen störungen leiden und sich oder andere gefährden mit ihrem unkontrolliertem Verhalten.
Menschen mit einer Tag-Nacht-Umkehr jegwelchen Urspungs diese auch stammt.

Und da ein Begriff ja etwas erklären aber die Erklärung auch nicht zu eng gefasst sein darf, ist wohl dieses Ungetüm entstanden.

Liebe Grüße,
Monika


Dennis hat gesagt…

Hallo Jule,

das Thema Demenz ist auch nicht gerade einfach. Seit dem Du diesen Beitrag geschrieben hast überlege ich, wie ich das am besten schreiben kann. Mit diesem Thema verbinde ich persönlich sehr viele Emotionen, sowie positive und negative Momente.

Bis es eine menschliche und passende Bezeichnung für die Gruppe gibt, wird sicherlich noch sehr viel Zeit vergehen.
Ein Wohnprojekt ist für Menschen mit Demenz deutlich besser als ein Pflegeheim, da in einer Kleingruppe eine deutlich bessere Betreuung stattfinden kann. Meine Erfahrungen beziehen sich auf die häusliche Betreuung und Pflege und der Umgang von dem Pflegepersonal in Kliniken mit Demenzerkrankten. Ganz grob gesehen ist aber ein Wohnprojekt sehr ähnlich mit der häuslichen Betreuung und eine Klink ähnlich mit einem Pflegeheim. Im Wohnprojekt kann einfach mehr auf die Bedürfnisse der Bewohner eingegangen werden und die Betreuer sind eigentlich immer die gleichen, was für die Bewohner einfacher sein wird.

Ich hoffe die finanziellen Verbesserungen werden auch wirklich umgesetzt. Vor allem auch die Wartezeit bei der Einstufung in eine Pflegestufe. Di e Einstufungen von der Person, die ich mit betreut hatte, ist leider zulange her, als das ich dort eine Aussage machen könnte. Der Bauch sagt, dass die Einstufung in die Pflegestufe 1 länger dauerte als der Antrag für die Erhöhung der Stufe.

Die Aussage vom medizinischen Dienst bezüglich der Türzarge ist einfach nur mies. Der Job dieser Menschen ist nicht einfach. Es gibt da bestimmt so einige Menschen, die versuchen die Leistungen unberechtigt zu bekommen, aber alle Menschen so erst Mal anzusehen ist schlecht. Es ist doch Logisch, dass drauf geachtet wird, dass die Wohnungseinrichtung ganz bleibt und nicht jedes Mal mit dem Rolli wo angeeckt wird.

Falls der Text ein wenig konfus ist, tut es mir leid. Es ist nicht einfach für mich über das Thema Demenz zu schreiben.

Liebe Grüße
Dennis