Samstag, 20. Oktober 2012

Rollstuhl-Eingang

Wie öde kann eine Welt doch sein, wenn zwei Wochen lang eine Rollstuhl fahrende Stinkesocke keine Kuriositäten in ihr Online-Tagebuch postet?

Wenn man in einem so einigermaßen kuscheligen Bettchen liegt und von einigermaßen niedlichen Krankenschwestern gepflegt wird, kommt mir hin und wieder die Überlegung in den Kopf, mein Idiotenmagnet könnte doch irgendwo am Rollstuhl montiert sein. Bisher bin ich immer davon ausgegangen, er ist in meinem Körper direkt mit meiner Behinderung verwachsen. Vielleicht könnte eines Tages ein neues Rollimodell, garantiert ohne Idiotenmagnet, eine Marktlücke schließen und zum Verkaufsschlager werden.

Nein, im Ernst: Die Kuriositäten hielten sich in Grenzen. Dafür hat mich ein guter Kumpel aus meinem Sportverein besucht und mir neben stopfender Schokolade auch die Story zu einem jüngsten Erlebnis mitgebracht, das auch mir passieren hätte können. Er hat nicht das gleiche Rollimodell, sondern fährt einen Prototypen, also eine Einzelanfertigung. Aber selbst die scheint es nicht ohne diesen Magneten zu geben.

"Ich komme bei Aldi durch die Eingangstür. Uralter Markt, noch mit Drehkreuz und rechts daneben hängen ein Dutzend orangefarbene Plastiklappen von einer Stange, unter der man seinen Einkaufswagen hindurchschiebt, während man sich selbst durch das Drehkreuz zwängt. Als Rollifahrer hast du da keine Chance. Aber: Das Drehkreuz hat ja eine Paniksicherung. Am Ring drehen, und schwuppdiwupp kann man das zur Seite schieben, durchfahren, und danach wieder hinschieben.

Da das aber wohl zu viele machen, auch gegen die Einbahnstraße und mit mehreren Flaschen Sprit unter der Jacke, haben die in dem Aldi-Markt eine Hupe angebracht. Sobald einer das Drehkreuz verschiebt, gibt es ein lautes Geräusch, etwa wie eine Kindertröte, die man auf dem Jahrmarkt bekommt und bei der Kinder über Stunden fasziniert sind, wenn sich der Papierrüssel auf- und abrollt. Sehr zur Verzweiflung der Eltern. Nur das Ding bei Aldi ist noch gefühlte 10 Mal lauter.

Also vermeide ich natürlich, das Ding zu öffnen und da so einen Lärm zu machen, sondern hole lieber einmal Schwung, Brust auf die Knie und Hände vorweg unter diesen orangenen Lappen hindurch getaucht.

Letztes Mal steht kurz dahinter eine Oma, eine Hand ihre Handtasche, andere Hand eine Packung Apfelsaft, den Mund weit offen. Nach drei Sekunden fängt sie sich, schluckt und sagt: 'Ich finde das toll, dass die heute immer mehr auch auf Behinderte Rücksicht nehmen müssen. Dieser Rollstuhl-Eingang war mir vorher noch nie aufgefallen.'"

Wir haben so derbe gelacht, dass ich mich verschluckt habe. Tränen in den Augen, alles tat mir weh - und meine Bettnachbarin fand das gar nicht witzig. Sie meinte, das Verhalten der alten Dame sei beschämend und zeuge von flacher Intelligenz, zumal sie ja ihre Einkaufskarre kurz zuvor selbst durch diesen "Rollstuhleingang" geschoben hatte.

Herrlich. Mehr fällt mir dazu nicht ein.

Kommentare :

BigDigger hat gesagt…

*lach*
*Bildvorstell*
*wieher*
*nochmalBildvorstell*
*tränenlach*

Barrierefreiheit mal anders. Der Aldi-Markt leistet sich die Freiheit, Barrieren zu besitzen.

Michi hat gesagt…

Nee, oder?!

Ich kann mir gut vorstellen, dass die ganze Aktion etwas ulkig aussieht, auch wenn dein Freund das nicht aus Jux und Dollerei so gemacht hat. Aber beim Kommentar der Oma bin ich abgebrochen :D Zu geil!

(Wann hab ich eigentlich das letzte Mal diese Extra-Eingänge für Rollifahrer, äh Einkaufswagen gesehen? Muss ungefähr drölfzig Jahre her sein...)

Michael hat gesagt…

Ohne Worte. Da weiss man wirklich nicht, ob man lachen oder weinen soll. Vielleicht zusaetzlich zu dem Idiotenmagneten auch eine Kettensaege am Rolli befestigen?

Schoen, dass Du wieder zuhause bist und schreiben kannst.

Jenny aus Hessen hat gesagt…

Seeeehr geil :D

ruolbu hat gesagt…

Was habt ihr denn? Die Frau ist offensichtlich bereit alles was sie kennt und versteht, umzuwerfen und neu zu begreifen! :D
Das ist eine wertvolle Eigenschaft, die einigen Menschen leider fehlt.
Nur wie man es schafft, dass dann noch die richtigen Schlüsse gezogen werden... ach ja

Tamani hat gesagt…

Tja, dann bleibt wohl nur noch die Frage wofür genau die orangenen Plastikteile gut sind. Vermutlich wie die Hubbel auf der Straße: damit die ganzen Rollifahrer nicht immer mit Vollspeed durch den Eingang sausen und dauernd ins Marmeladenregal scheppern...

Asinello hat gesagt…

@Tamani: Die orangenen Plastikteile...
... aus Sicht der Erfinder: Sie klappen nur in eine Richtung, also hindern sie unredliche Kundschaft daran, den Eingang zum Ausgang zu machen - es sei denn, die Leute sind im Limbo-Tanz geübt.
... aus Rolli-Sicht: Das rollstuhlgängige Äquivalent zur sportlichen Hürde: wer beim olympischen Original nicht hoch genug hopst, rammelt genauso dagegen wie Rollifahrer, die sich bei der Supermarkt-Version nicht tief genug ducken.
... aus Oma-Sicht: Ein Hindernis-Parcour, der schon einige Geschicklichkeit erfordert, parallel zum Durchwackeln des Drehkreuzes den Rollator zu entheddern.
Kurzum: die Aldi-Version eines Trimm-Dich-Pfades für Jung und Alt.

P. hat gesagt…

@Asinello: *wegbrech* Danke .. hab mich grad vom Lachflash durch die Oma erholt und musste dann deine Erklärung der orangenen Dinger lesen .. herrlich *Tränen wegwisch*

Olli hat gesagt…

Jessasjamine!
Zusammen mit dem vorherigen Artikel ein Wechsel der Gefühle wie bei besten griechischen Tragödien mit Katharsis usw..