Montag, 19. November 2012

Big Brother am Pflegebett

Spätestens seit letzter Woche ist ein Thema bei uns in den Wohngruppen gegenwärtig und wird selbst von denen diskutiert, die vorher nichtmal im Entferntesten daran gedacht haben, dass so etwas überhaupt möglich sein könnte: Gewalt in der Pflege.

Ich möchte es einerseits nicht verharmlosen, andererseits aber auch nicht übertreiben. Dass selbst bei uns, wo wir sehr genau hinschauen, wer bei uns einen Job bekommt, und wo wir ein sehr gutes Klima haben, ein gewaltsamer Übergriff auf eine absolut wehrlose Person möglich sein könnte, darf man nicht aus den Augen verlieren; andererseits darf man jetzt auch nicht in Hysterie verfallen.

Es gab in den letzten Tagen und auch heute sehr intensive Diskussionen unter den Menschen, die hier wohnen, und viele konnten eine Forderung nicht oft genug wiederholen: So etwas darf nicht sein. Auch wenn es bei Maria "nur" zwei Ohrfeigen waren, waren es bereits zwei zu viel.

Gefahr birgt das Vertrauen, das wir alle den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entgegen bringen, die zu teilweise wehrlosen Menschen in die Zimmer gehen und sie teilweise in intimsten Momenten des Lebens begleiten. Das Vertrauen darauf, dass sie mit mir als Mensch würde- und respektvoll umgehen. Fast alle sind sich diesem Vertrauen und ihrer Verantwortung bewusst und machen einen guten Job. Erzwingen kann ich diesen Umgang aber letztlich kaum, auch wenn der Job davon abhängt, findet selbst das schwärzeste Schaf binnen kürzester Zeit eine neue Möglichkeit, Geld zu verdienen. Hinzu kommt, dass bei einer Aussage-gegen-Aussage-Situation die Unschuldsvermutung gilt, also eine Tat beweisbar sein muss. Und der Druck, bei einer fehlgeschlagenen, nicht beweisbaren Meldung weiterhin und vielleicht in noch stärkerem Maße weiteren Übergriffen mit absoluter Machtlosigkeit und Unterlegenheit ausgesetzt zu sein.

Damit stellt sich noch einmal die Frage, ob bloßes Vertrauen neben einer sorgfältigen Auswahl der Mitarbeiter reichen kann. Die Mitarbeiterin eines Vereins, die bei uns heute auf "behördliche Empfehlung" einen (sehr gut besuchten) Vortrag über das Thema gehalten hat, empfiehlt zusätzlich zu Vertrauen und Auswahl eine Videoüberwachung der Betten und der Bäder.

Ja, richtig gehört und gelesen. Ähnlich wie in Bussen, Bahnen und Tankstellen kann der "Arbeitsbereich" der Pflegekräfte videoüberwacht werden. Die Daten werden im Dienstzimmer mitgeschnitten und nach 48 Stunden automatisch überschrieben. Jedes Zimmer hat dabei sein eigenes Aufzeichnungsgerät in einem Serverschrank, um an die Aufzeichnungen zu gelangen, ist ein Schlüssel nötig, den die Bewohnerin selbst verwahrt. Somit könne nur sie selbst den Zugriff auf diese Daten freigeben.

Ohne Frage wäre der damit erzeugte Beobachtungsdruck vorbeugend gegen gewaltsame Übergriffe. Allerdings muss man hier klar sehen: Es greift in einem ganz erheblichen Maße in die Intimsphäre des Menschen ein, der dort wohnt. Ich masturbiere im Bett oder in der Badewanne. Vielleicht habe ich mal mit jemandem schmutzigen Sex. Und beim Kacken möchte ich auch nicht gefilmt werden. Auch nicht, wenn man das hinterher rausschneiden könnte.

Solange keine Daten da sind, kann sie auch niemand missbrauchen. Sind sie da, knackt vielleicht irgendeiner, der sowieso schon gekündigt hat, kurz vor seinem Abgang das Schloss und nimmt die Aufzeichnungen an sich. Oder schneidet am vorletzten Tag das Kabel durch und verprügelt mich an seinem letzten Tag nochmal so richtig. Oder klatscht mir zur Begrüßung eine, während ich am Schreibtisch sitze, den die Kamera nicht einsehen kann. Oder irgendein Ferkel zapft die Datenleitung unterwegs an und erstellt sich sein privates Heimkino. Ich halte das auf den zweiten Blick für keine so gute Idee.

Ich weiß aber auch keine gute Lösung. Ich glaube, dass wir zwar schon sehr viel besser dran sind als die Bewohner von geregelten Pflegebetrieben: Wir haben ja die Möglichkeit, die Aufträge (bitte einmal waschen, föhnen, ins Bett bringen) gezielt an einen bestimmten Mitarbeiter zu vergeben. Wer das nicht so macht, wie ich das will, kriegt eben keinen Auftrag mehr. Allerdings darf man dabei auch nicht vergessen, dass gerade Menschen wie Maria ihre Aufträge oft schon zwei, drei Monate im Voraus vergeben. Schließlich brauchen alle eine gewisse Planungssicherheit.

Ein erster Schritt ist sicherlich, offen über das Thema zu sprechen, zu sensibilisieren, hinzuschauen, solches Verhalten klar abzulehnen. Aber der letzte Schritt dürfte es nicht sein.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Ja, ich finde dieses Thema auch schwer. Vielleicht sollte man die Mitarbeiter einfach schriftlich darauf hinweisen, dass bei begründetem Verdacht eine Videoüberwachung für einen ungenannten aber überschaubaren Zeitraum eingesetzt werden könnte?

Ohrfeige für Maria? Ich könnte kotzen... Ich hoffe doch, dass es in ihrem alten Heim passiert ist und nicht in eurer Wohngruppe. Denn die sollte doch eingentlich ein besseres Umfeld darstellen. Ich hoffe sie hat viel tolle Ausflüge mit ihrem E-Rolli gemacht.

Liebe Grüße

Anonym hat gesagt…

Nun... Mag ja sein, daß das zulässig ist und bei einigen vielleicht angezeigt. Aber irgendwie... Also ich würde so nicht arbeiten wollen. Und ich glaube, daß letzte mal habe ich als Kind jemanden geschlagen...

Daniel
- trotzdem nachdenklich

Niklas hat gesagt…

Ich kenne Maria nicht persönlich, aber so wie du ihre Behinderung mal beschrieben hast, stellt sich mir die Frage ob sie den Schlüssel überhaupt sicher aufbewahren kann? Müsste ihr den dann nich die Pflegekraft reichen bzw. umdrehn, womit diese Maßnahme redunant würde?

Dennis hat gesagt…

Hallo Jule,

die Videoüberwachung ist wirklich ein sehr heikles Thema. Ihr sucht nach langen Gesprächen das Pflegepersonal aus. Die Personen, die Euer Auswahlverfahren bestehen, wissen bestimmt, dass Euch Menschlichkeit und Pflichtbewusstsein wichtig ist. Auch die eine Pflegekraft, ist durch das Auswahlverfahren gekommen und hat trotzdem zwei Ohrfeigen verteilt. Eine Videoüberwachung kann so was verhindern, aber es ist keine Garantie dafür. Die Videoüberwachung würde in dem Fall auch nur einen positiven Effekt haben, wenn die betroffene Person es innerhalb von 48 Stunden meldet, da es sonst gelöscht ist.
Ihr solltet Euch das gut überlegen, ob Euch so eine Überwachung recht ist. Sie bedeutet einen großen Einschnitt in die Intimsphäre.
Ob der Datenschutz und das Arbeitsrecht so eine Überwachung erlauben wird sicherlich Frank gut beurteilen können.
Ich glaube die Idee mit dem Schlüssel zum Serverschrank ist nur bedingt umsetzbar. Als Beispiel dazu fällt mir Maria ein, dort wäre es der Pflegekraft recht schnell möglich, den Schlüssel an sich zu bekommen.
Ich drücke Euch die Daumen, dafür das Ihr eine gute Lösung findet, damit so ein Vorfall nicht noch mal passiert.

Liebe Grüße
Dennis

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule,

im Strafrecht gibt es kein "Aussage gegen Aussage".

Die Richter sind frei in der Würdigung der Zeugen.

BigDigger hat gesagt…

Dauerhafte Videoüberwachung - nein, das geht nicht.

Was aber geht, sind mündige Bewohner. Solche, die nach einer Misshandlung auch gegenüber anderen den Mund aufmachen, so wie es Maria Dir gegenüber tat.

Unter der Voraussetzung, dass es bereits konkrete Vorwürfe gibt, die durch ein Video lediglich noch visuell zu dokumentieren wären, wäre es aber dann - natürlich nur in Absprache mit dem mutmaßlichen Opfer - doch denkbar, zu Terminen mit der beschuldigten Pflegekraft Minikameras im jeweiligen Bereich zu verstecken, die nach dem Einsatz sofort wieder abgebaut und verwahrt werden (zum Beispiel durch Frank in seiner Eigenschaft als Anwalt?), falls nichts passiert ist. Eine gewisse Planungssicherheit habt Ihr durch Euer Modell ja.

Das ist natürlich Aufwand. Aber bei konkret bestehendem Tatvorwurf hielte ich eine anlassbezogene Videodokumentation des pflegerischen Verhaltens für gerechtfertigt und auch verhältnismäßig, auch für das mutmaßliche Opfer.

Asinello hat gesagt…

Die Idee ist gut - es käme auf die Umsetzung an.

Als Bewohner würde ich gerne selbst entscheiden.

# Will ich "sicher" sein, dass jede filmbare Untat dokumentiert wird (und ich vor Wiederholungen seitens dieser Person hoffentlich künftig besser geschützt bin), dann filmt Big Brother schlichtweg überall und alles. Auch meine Mimik bei Verstopfung und meine Zeichnungen im Tagebuch.
Der Preis dafür: Niemand kann vorhersagen, ob das noch jemand sieht.

# Bevorzuge ich meine Privatsphäre, bleibt das (bisherige) Risiko, Behauptungen erst mal nicht beweisen zu können. Bei installierten Kameras, von denen -fast- nur ich weiß, ob sie laufen, wäre die Gefahr allerdings schon mal geringer. Und ich kann jederzeit ins Büro kommunizieren, dass die Überwachungsmaschine (ab jetzt, heute, eine Woche lang) bitte aufzeichnen soll.
Der Preis dafür: Ein Beweis liegt dann erst beim zweiten Fehlverhalten vor. Besser als nie.

In beiden Fällen muss ich den Betreibern der Anlage vertrauen. Einen Missbrauch ermöglichen, weil ich ihn eigentlich verhindern möchte, kann nicht Sinn der Übung sein.
Letztlich ist das eine Gefühlssache.

# Ist mein Vertauen in hundertprozentige Integrität aller Daten und -ströme (oder ihrer Administratoren) unvollständig oder finde ich Anzeichen eines Hochsicherheitstraktes schlicht unvereinbar mit meiner Vorstellung von einem Wohnzimmer (auch das ist eine Gefühlssache), habe ich zwar ein paar Leitung an den Wänden, aber kein Gerät dran, das irgendwas hören oder sehen könnte. Einfach, weil ich nicht danach gefragt habe.
Der Preis dafür: Eine Umlage, die als Nebenkosten auch von "Linsenallergikern" zu zahlen ist.

Weil es bei "gefühlter Sicherheit / Beobachtung" eben zu allererst um Gefühle geht, fände ich es (als WG-Mitglied bei Euch) ideal, wenn ich - ohne Begründung - jederzeit selbst entscheiden könnte, ob und wann Big Brother bei mir ein- oder ausgebaut wird. So oft ich will. Spätestens am nächsten Wertag wird das umgesetzt (verspricht die Firma).

Für diese Möglichkeiten (gerade weil Verzicht und Meinungsänderung möglich ist) würde ich die Umlage wohl gern bezahlen, solch eine Umsetzung würde meine Künstlerseele zu elegischer Lobeshyme inspirieren.
Wie ich eure bisherigen Lösungen kenne, wäre ein Hymnus zu gering und es käme wohl eine Ode heraus.

Just my 2 Cent.

Anonym hat gesagt…

@Dennis
Eine Videoüberwachung verhindert keine Übergriffe. Sie kann sie höchstens dokumentieren, was dann die Kündigung vereinfacht.

Trotzdem möchten weder die Pflegekräfte unter Dauerbeobachtung stehen, noch die Bewohner.

Bei diesem sehr persönlichem Verhältnis zueinander kann man keine technische Lösung für ein soziales Problem favorisieren. Das geht nur über Vertrauen.

Ein richtig gutes Videosystem wäre zu aufwendig und es schafft weder Vertrauen noch Sicherheit.

Anonym hat gesagt…

Anlage selbst aufbauen und für jeden Bewohner physikalisch separate Hardware, jeder Bewohner entscheidet selbst (per Schalter oder Fernbedienung), wann aufgenommen wird. Dann kannst du dirs im Bett oder der Wanne gutgehen lassen und wenn jemand kommt, dem du nicht 100% vertraust, wird aufgezeichnet. Hinweis an die aufgezeichnete Person nicht vergessen, datenschutzrechtlich erforderlich, auch wenn es vermutlich den Fahndungserfolg zerstört. Oder: einfach behaupten, dass aufgezeichnet wird mit einem Kameraimitat an der Decke, das dürfte die bremsen, die schlagen würden, wiederum um den Preis, dass sich die Pfleger allesamt etwas unwohl und beobachtet fühlen dürften.

ednong hat gesagt…

Hm,
schwieriges Thema. Und zweischneidig - jede Medaille hat nun mal 2 Seiten.

Meine Idee wäre auch eine anlaßbezogene Überwachung/Kontrolle. Also grundsätzlich Cams in den Räumen, aber der Bewohner hat die Möglichkeit - z. B. mittels Code - die Cams ein- oder auszuschalten. So könnte man gezielt aufzeichnen, Rest ist Privatsphäre.

Eine Aufzeichnung erfolgt dann verschlüsselt und ist nur mit einem Code sichtbar (also das Bild). Dazu kann der Bewohner die Speicherungsdauer bestimmen. Zu steuern wäre das ganze dann über ein Webfrontend.

So oder so ähnlich könnte ich mir das vorstellen. Letzlich geht es um eine Beleg-/Beweissammlung, die nur bei Anwesenheit der entsprechenden Pflegekraft notwendig ist. Und die Privatsphäre in der Zeit drumrum ist dann noch gewährleistet.

Asinello hat gesagt…

"Hinzu kommt [...] der Druck, bei einer fehlgeschlagenen, nicht beweisbaren Meldung weiterhin und vielleicht in noch stärkerem Maße weiteren Übergriffen mit absoluter Machtlosigkeit und Unterlegenheit ausgesetzt zu sein.! (Jule)

Ob eine Meldung Erfolg hat, hängt davon ab, wie ernst sie genommen wird. (Ihr seid keine Strafverfolgungsbehörde, also müsst ihr nicht auf gerichtsfeste Bewise bestehen.) Wichtig ist auch, wessen Belange Vorrang haben. Da bin ich bei Euch sehr zuversichtlich. Ihr wisst genau, wer für wen da ist.

Leugnen ist gutes Recht Angeschuldigter. Die Unschuldsvermutung ist eine Sache des Strafrechts, die aufs Arbeitsrecht durchschlägt. Das betrifft dann die Frage, ob eine Beschwerde allein genügt, nicht nur fristlos zu kündigen (wozu ein zerrüttetes Vertrauensverhältnis genügt - ich nehme mal an, Ihr habt eine entspr. Klausel für Kündigungsgründe in die Verträge eingebaut) sondern auch ein Berufsverbot verlangen zu können. Was Unschuldige zB davor schützt, aus purer Antipathie angeschwärzt zu werden, hilft leider auch Tätern.
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"Erzwingen kann ich diesen Umgang aber letztlich kaum, auch wenn der Job davon abhängt, findet selbst das schwärzeste Schaf binnen kürzester Zeit eine neue Möglichkeit, Geld zu verdienen." (Jule)

Der - durchaus sinnvolle - Schutz der Unschuldsvermutung schafft leider eine breite Grauzone. In dieser kann einerseits das Gerücht sexuellen Missbrauchs eine Existenz ruinieren, andererseits kann unbeweisbare Misshandlung jahrelang durchgehen. Beides ist sehr unbefriedigend.

Schlimm ist das für alle, die Hilfe benötigen. Gerade, weil Schikane und Gewalt an Wehrlosen in professionellen Einrichtungen (mit ihren eingeschliffenen Strukturen permanenter Überlastung) oft so selbstverständlich geschieht. Weil Fließband-Strukturen Pfleglinge zu Arbeit machen und Pflegekräfte zu Malochern. Weil in Wirtschaftsbetrieben. die "Pflege produzieren", das Menschliche schnell verloren gehen kann. Und weil viele Kollegen lieber wegsehen als die Arbeit dieser Schicht auch noch machen zu dürfen.

Das ist nicht etwa erst seit gestern oder dem Mauerfall so, das ist durchgehend. Das gab es sogar in den Goldenen 70ern (trotz Wirtschaftswachstum und "Wohltaten für Alle"). Wenn ich annehme, dass von den vorhandenen Missständen ein konstanter Prozentsatz (als Aufreger des Tages) in die Öffentlichkeit gerät, habe ich den Eindruck, derzeit nähme das zu.

Als Arbeitgeber auf ein Klima zu achten, das Misshandlungen schon von ornherein unwahrscheinlich macht, ist unwirtschaftlich.
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So lange bei Euch auf ein gutes Arbeitsklima mit annehmbaren Bedingungen für alle Beteiligten wert gelegt wird, und so lange bei Euch Beschwerden ernst genommen werden (und auch Konsequenzen haben), so lange braucht Ihr vielleicht nicht auch noch zusätzlich Überwachung bis in die hintersten Winkel. Der Kommentar vom 20.11., 16:04 bringt es gut auf den Punkt: Es ist eine soziale Frage, die besser sozial als technisch beantwortet wird.

Was mittelfristig sinnvoll sein könnte: Regelmäßige Beurteilung der Pflegekräfte durch die Betreuten. Zum Beispiel Noten, deren Gesamtergebnis für Betreute als farbige Balken sichtbar sind, während an Arbeitgeberstelle auch die Kommentare zu lesen sind. (Wo so etwas eingerichtet wird, bietet sich auch an, die Pflegekräfte zu befragen, ob ein Board für sie sinnvoll wäre.)

Anonym hat gesagt…

Ich kann nicht wirklich beurteilen, ob man sich - gerade als pflegebedürftige Person - mit einer permanenten Überwachung sicherer fühlt oder sogar geschützter ist.

Aber ich denke, dass ich die gängige Technik beurteilen kann. Dazu gleich mehr. Und ich denke, die Rechtssituation ist so, dass Arbeitnehmer in aller Regel über eine Videoüberwachung informiert werden müssen. Das ist ein Warnschuß für Übeltäter, und vor allem ein kaum zu übersehendes Mißtrauensvotum. Ich möchte nicht unter Dauerüberwachung arbeiten müssen.

Was die Technik angeht: Man kann fast jede Technik austricksen. Hängt ihr in jeden pflegerelevanten Raum eine Kamera, stellt sich die böswillige Pflegekraft bewußt so in die Sichtlinie, dass nichts zu sehen ist. Oder sie stellt die Linse zu. Also zwei Kameras, damit das nicht mehr "versehentlich" passieren kann. Noch besser drei oder vier, damit in jedem Fall jeder Vorfall zu sehen ist. Die Kameras müssen entweder sehr lichtempfindlich sein oder mit IR-Scheinwerfern arbeiten, damit wirklich alles sichtbar ist, auch ohne Beleuchtung.

Nehme ich nur Badezimmer und ein kombiniertes Wohn- und Schlafzimmer an, bin ich pro Wohnung schon bei sechs bis acht Kameras. Damit die böse Pflegekraft nicht einfach die Aufzeichnungen verschwinden lassen kann, muß außerhalb der Wohnung in einem gesichterten Raum aufgezeichnet werden. Das hindert einen Gewalttäter natürlich immer noch nicht daran, erstmal die Kameras und dann den Bewohner zu zerkloppen. Spätestens hier bräuchte man einen Wachdienst, der rund um die Uhr aufpaßt und bei solchen Aktionen sofort auf der Matte steht. Vandalensichere Kameras helfen ein wenig, die sind hart im Nehmen, wenn auch nicht unzerstörbar. Nebenbei lösen diese auch das Problem, dass die böswillige Pflegekraft bei einfachen Kameras stumpf das Kabel abziehen oder kappen kann.

Dann bleibt noch das Problem mit den Leuten, die sich an den Aufzeichnungen aufgeilen oder den in den Aufzeichnungen zu sehenden Personen schaden wollen. Das verschiebt das Vertrauensproblem zum Wachdienst. Wer hindert einen Wächter daran, mit dem Smartphone vom Monitor abzufilmen? Funk-Lösungen aller Art fallen natürlich sofort flach, sonst campieren die Perversen stumpf mit einem Empfänger und einer Richtantenne vor dem Haus. Also feste Leitungen. Die müssen auf ganzer Länge vor Manipulationen (Abgreifen der Live-Bilder) geschützt werden.

An die Aufzeichnungen kommt am besten keiner ran, außer mit ausdrücklichem und nicht erzwungenem Einverständnis des Bewohners. Eine verschlüsselte Aufzeichnung ist vom Ansatz her keine schlechte Idee, der Bewohner muß dann mit einem Token plus Kennwort die Aufzeichnung freigeben. Treibt man das noch etwas weiter, könnte man für die Freigabe fordern, dass ein oder zwei andere Bewohner mit ihren Token plus Kennworten bestätigen, dass niemand gezwungen wurde. So etwas verschlüsselungstechnisch sicher aufzubauen, ist allerdings ein riesiges Projekt. Und ich hab noch gar nicht berücksichtigt, ob die Bewohner überhaupt Token und Tastaturen nutzen können oder nicht.

Acht Video-Datenströme in Echtzeit aufzuzeichnen UND ernsthaft zu verschlüsseln ist auch für aktuelle Hardware keine leichte Übung. Sollen dann 10 Wohnungen überwacht werden, fallen schon 80 Video-Ströme an. Vermutlich endet das darin, dass für jede Wohnung ein getrenntes Aufzeichnungsgerät (Rackmount-PC) existiert. Das wird richtig teuer, richtig häßlich, und vermutlich nicht besonders wirksam sein.

Wie wäre es mit Notruf-Tastern? Keine Überwachung, dafür sofort Alarm und hoffentlich kurze Zeit später Hilfe vor der Tür. Hilft natürlich nicht, wenn die böswillige Pflegekraft körperlich überlegen ist und den Bewohner stumpf vom Notruf-Taster fernhält.

Oder endlich eine soziale Lösung für ein soziales Problem? Überraschende Besuche als Stichproben-Kontrolle während der Pflege durch andere Vertrauenspersonen (bevorzugt Mitbewohner). Ist dann etwas faul, lösen die Vertrauenspersonen Alarm aus. Das ist sicherlich auch kein Optimum (Privatsphäre, Intimität), aber vielleicht ein Ansatz für eine Lösung.

Tux2000