Donnerstag, 22. November 2012

Feen sitzen nicht im Rollstuhl

Nachdem ich meine erste Lektion gelernt habe, nämlich dass mein Studium nur durch Selektion, großer Distanz und erheblichem Egoismus durchzuhalten ist, bin ich zur Zeit etwas entspannter. Sätze wie "Prüfung A ist strategisch wichtiger als Prüfung B", "Nein, ich bin bereits ausgelastet" und "Was kümmern mich deine Probleme" gehören üblicherweise nicht zu meinem Repertorium (wie man unschwer erkennt, verdrängt der Überfluss an lateinischen Vokabeln sogar von Zeit zu Zeit mein innig geliebtes Schulfranzösisch). Viel weiter noch: Ich lehne solche Überlegungen, erst recht solche Haltungen, ab und kann mich mit ihnen nicht identifizieren. Sie entsprechen nicht meinem Verständnis vom gesellschaftlichen Miteinander.

Somit habe ich eigentlich nur drei Möglichkeiten: Die erste wäre, mich gegen meine Überzeugung zu einem anderen Menschen zu entwickeln, der ich, zumindest im Moment, nicht sein möchte. Die zweite ist, mein Studium hinzuschmeißen, wobei ich meinen Kampfgeist allerdings schon vor meinem inneren Auge sehe, wie er, derzeit noch lässig auf einem Stuhl sitzend und halbinteressiert beobachtend, bereits eine Augenbraue hochzieht und einmal tief seufzt. Und die dritte wäre, mir im Dienste der Wissenschaft eine zweite Persönlichkeit zuzulegen und jeweils für Privat- und Berufsleben hin- und herzuschalten. Ob das allerdings gelingt, ohne dass die beiden Persönlichkeiten in mir sich gegenseitig bekämpfen und ich meinen Blog von "Aus dem Leben einer Stinkesocke" zu "Aus dem Leben von Jekylline und Hydewitzka" umbenennen muss, bleibt aktuell unbeantwortet.

Und das ist mal wieder nicht das einzige Schlachtfeld: Dass es in meinem unmittelbaren (magnetischen) Umfeld grundsätzlich immer schräge Vögel geben muss, ist ja inzwischen bekannt. So darf es auch niemanden wundern, wenn auch aus der unüberschaubaren Menge meiner Kommilitonen der eine oder andere Halb- oder Vollhirni es bis zu einer Erwähnung in meinem Blog schafft. Marie ist ja ebenfalls mit einem solchen Magneten ausgestattet, steckt das, genauso wie der Stress des Studiums, aber wesentlich leichter weg und ist auch wesentlich abgebrühter als ich, wenn es darum geht, ihre Stellung zu behaupten. Mir kommt es zumindest so vor.

So sitzen wir in einer "Lerngruppe" zwischen zwei Vorlesungen in einem mehr oder weniger guten Café der Klinikgastronomie, hinterste Ecke. Neben Marie und mir sind noch vier andere Leute dabei, insgesamt dreimal männlich und dreimal weiblich, also alles gut aufgeteilt. Weil alles sehr eng ist, haben Marie und ich uns auf die vorhandenen Sessel umgesetzt. Marie hat ihre Schuhe ausgezogen und es sich im Schneidersitz bequem gemacht. Da es nicht sehr warm ist, hat sie sich mit einer Fleecejacke quasi zugedeckt.

Nach etwa einer halben Stunde passiert das, wovor kein Querschnitt sicher ist: Marie pupst. Zwar nicht laut, aber durchaus wahrnehmbar. Sie sagt: "Oh, tschuldigung." Womit das eigentlich erledigt sein müsste. Ist es aber nicht: Der Typ neben ihr beginnt, ihr das Knie zu streicheln (!), woraufhin Marie, und das meine ich mit der beschriebenen "Abgebrühtheit" nur keck antwortet: "Was ist denn mit dir los, willst du mit mir gehen?"

Sowas macht sie, ohne eine Miene zu verziehen und ohne der Situation nach dem Satz noch irgendwie Beachtung zu schenken, geschweige denn eine Antwort abzuwarten. Ich hätte um ein Haar mein Getränk ausgespuckt und musste mich extrem zusammenreißen, nicht loszuprusten. Der Typ antwortete: "Nein! Ich wollte dir nur sagen, dass du dich nicht schämen musst, das kann doch jedem mal passieren."

Marie: "Ich weiß, kannst du trotzdem mal mein Knie wieder loslassen?"

Ich gucke Marie mit großen Augen an. Der Typ, seine Hand noch immer an ihrem Knie, fährt fort: "Ich habe gelesen, dass jeder Mensch pro Tag im Durchschnitt sechs Blähungen abgehen lässt. Frauen wie Männer, wobei die Frauen das gerne leugnen, weil es ihnen peinlich ist. Ich finde das toll, dass du einen so offenen Umgang damit pflegst."

Ich war mir nicht sicher, ob er das ernst meinte, was er da gerade sagte, oder ob er Marie damit bloßstellen wollte. Marie wohl auch nicht, daher sagte sie: "Ich bin querschnittgelähmt, daher habe ich nur wenig Einfluss, wann das passiert."

Daraufhin kam der erste Brüller: "Jedenfalls ist mir ein taktvoller Feenfurz lieber als wenn sich eine fette Bache neben mir lautstark irgendwas schwabbelndes in ihren Scheuerschlüpfer presst."

Und als hätte es noch nicht gereicht, sagte ein anderer Typ und beendete damit unsere kleine gesellige Runde: "Deine Flatulenzpräferenz in allen Ehren, aber weißt du, wo schon der erste Denkfehler ist? Feen sitzen nicht im Rollstuhl, und wenn doch, kennen sie zumindest eine Kollegin, die sie mit ihrem Zauberstab dort wieder rausholt."

Kommentare :

Paul hat gesagt…

"Jekylline und Hydewitzka" ist die coolste Wortneuschöpfung, die ich seit langem gelesen habe :D

me... hat gesagt…

Oh Gott, und das werden hinterher mal Ärzte... :(

Das positive daran dass du es berichtest (nicht an der Sache selber): Ich werde mir nächstes Mal wenn ich beim Arzt bin und falsch (herablassend meine ich) behandelt werde einfach denken, dass es offensichtlich auch Leute ins Medizinstudium schaffen, die zu nicht sehr viel fähig sind (in mancher Hinsicht zumindest).

Bombadil hat gesagt…

"... meinen Blog von "Aus dem Leben einer Stinkesocke" zu "Aus dem Leben von Jekylline und Hydewitzka" umbenennen..." hat allein das Lesen gelohnt, an einem Tag, an dem nix klappt.
Und wo ich gerade beim Lesen bin: hast Du einen Tip, wie ich die restlichen unverbundenen Blogger finden kann? Ich würde da auch gerne mal reinlesen.

Hans hat gesagt…

Bah, was für ein Arschloch!!

Jekylline und Hydewitzka, darüber konnte ich noch lachen, genauso wie Maries cooles "willst du mit mir gehen".

Und bis zur Flatulenzpräferenz fand ich das alles auch noch ... sagen wir mal ... hinnehmbar. Der erste Hoschi hat einen kleinen Haschi, aber den haben wir ja alle mal. Feenfurz ... wie hat der mit 13 sein Abi gekriegt!?

Nur das mit dem Zauberstab, das ist eine bodenlose Frechheit. Ich will mal zu seinen Gunsten annehmen, dass er einfach nicht nachgedacht und sich voll ins Fettnäpfchen gesetzt hat. Aber da ist mindestens eine Entschuldigung und ein Blumenstrauß fällig.

Anonymus hat gesagt…

Jekylline und Hydewitzka ... Mädel, manchmal haust du Sachen raus, wie kommst du bloß auf sowas?

Wenn ich deine Texte so lese, echt, manchmal denk ich: Du bist sooo süß!!!

Ich will ja nicht aufdringlich sein und ich will auch nichts von dir, aber hin und wieder habe ich echt das Bedürfnis, dich mindestens drei Stunden am Stück durchzuknuddeln.

BigDigger hat gesagt…

"wobei ich meinen Kampfgeist allerdings schon vor meinem inneren Auge sehe, wie er, derzeit noch lässig auf einem Stuhl sitzend und halbinteressiert beobachtend, bereits eine Augenbraue hochzieht und einmal tief seufzt."

Ein wirklich herrliches Bild, ich hab herzhaft gelacht und bewundere Dich ob Deiner sprachlichen Malereikünste!

Was den einen Typen angeht, hat Maries Flatulenz wohl seine anale Phase getriggert... und da ist der Kopf das einzige, was ich schüttle. Und der andere mag zwar in der Sache durchaus richtig liegen (denn von einer echten Fee hätte ich erwartet, dass sie Dir die Nebenwirkungen Deiner "neuen" Fortbewegungsart erspart), aber zu seinen Gunsten will ich mal davon ausgehen, dass es ihm nur darum ging, dem Knietatscher eine reinzuwürgen, ohne darüber nachzudenken, welche unfeine Logik sein Ausspruch hat... und dass er beim späteren Nachdenken darüber einen knallroten Kopp bekommen hat!

Anonym hat gesagt…

Sach ma, Jule, du furzt doch auch immer so überraschend und überrascht - wenn Marie, Cathleen und du in einer Runde seid, entschuldigt ihr euch gegenseitig bei den anderen oder gilt da "Feuer frei"?

Tamani hat gesagt…

Nach dem Physikum wird alles besser. Wird dir nahezu jeder Medizinstudent sagen und auch ich gehe mit dieser Meinung völlig konform. Wie heißts so schön? "Aller Anfang ist schwer." Und das trifft meines Erachtens nach auch und ganz besonders aufs Medizinstudium zu. Du brauchst dir also weder eine zweite Persönlichkeit zulegen, noch zu schmeißen und schon gar nicht mutieren. Am Anfang hat man oft den Eindruck, dass das alles gar nicht zu schaffen ist, aber andere vorher haben es ja schließlich auch irgendwie geschafft. Ich weiß das klingt jetzt ziemlich abgedroschen, aber manchmal hilft es sich genau das vor Augen zu führen und Mantramäßig aufzusagen. ;)
Nach einer Weile hat man dann den Bogen raus. Medizin studieren ist Bulimie-lernen; es mag frustrierend sein, aber so manches lernt man nur für die Prüfung (im Eiltempo) und vergisst es hinterher dann eh wieder. Du bist doch im neuen Modellstudiengang oder?
Nicht aufgeben, wenn die ersten Hürden erstmal überwunden sind wirds besser.
Und Meidzinstudenten unter sich reden im Übrigen meist überalles, auch beim Essen, was viele Nichtmediziner oft ziemlich eklig finden.
Den letzten Feenkommentar hätte sich der jenige sicherlich schenken können, aber das zuvor kam mir gar nicht mal so ungewöhnlich vor. Derjenige hat es vermutlich gut gemeint und war noch etwas unsicher, aber dass auch über für die meisten Leute "unappetitliche" Themen geredet wird (zB. Exkremente jeder Art, Magendarmgrippen mit allen Details, Blut, Präpsaalthemen, usw.) ist wohl eine unter Medizinstudenten übliche Art. Vor dem Essen, während dem Essen, nach dem Essen... Was nun natürlich nicht heißen soll, dass es nicht auch noch andere Themen gäbe.

Anonym hat gesagt…

Deswegen sind viele Mediziner ja auch im Triathlon aktiv, da wird auch nur über solche Ekelthemen geredet. Insofern ist Jule da schon ganz richtig. Grüße von einem Stammleser!

Anonym hat gesagt…

also bei uns ist das mit dem egoismus aber anders.. also ich mein vllt kenn ich auch nur die richtigen leute (und eine handvoll ca. ist da auch anders gestrickt, von 180...), aber uns wurde von anfang an gesagt, dass man nur als team durchkommt und sich gegenseitig mit ziehen soll.. der eine ist halt in dem einen fach gut und der andere im anderen..

ruolbu hat gesagt…

Am Ende des ersten Absatzes sagst du "Sie entsprechen nicht meinem Verständnis vom gesellschaftlichen Miteinander." und beziehst dich damit auf drei beispielhafte Aussagen. Mich hat das aufmerksam gemacht und ich würde dazu gerne etwas nachfragen.



"Prüfung A ist strategisch wichtiger als Prüfung B"

Was ist daran auszusetzen? Ich habe keinen Einblick in deinen Studienalltag und was diese Aussage für dich konkret bedeutet. Ich kann nur von meinem Studium berichten - das mit Sicherheit nicht so stressig ist wie deines - und dort erlebe ich es dennoch öfters, dass ich mir zur Prüfungszeit stark ausgelastet vorkomme und einer Prüfung mehr Aufmerksamkeit zukommen lasse als einer anderen. Zumal ich den Luxus besitze, eine Prüfung ohne Konsequenzen um 2 Monate ans Ende ver vorlesungsfreien Zeit zu verschieben. Wie gesagt, ich habe keinen Einblick in dein Studium ;)



"Nein, ich bin bereits ausgelastet"

Ich finde das ist ein äußerst wichtiger Satz, den ich immernoch versuche zu verinnerlichen, ohne ihn zu missbrauchen. "Nein" sagen ist kein Fehlverhalten. Mit "Ja" kann man anderen Menschen helfen oder Arbeit abnehmen, man kann sich zusätzlich damit aber auch schaden. Verstehe ich dich hier vielleicht nur falsch?



"Was kümmern mich deine Probleme"
Hier gebe ich dir Recht. Man kann nicht immer jedem mit allem helfen. Aber ich kann Ellbogenmentalität und gnadenlose Rücksichtslosigkeit (an sowas erinnert mich diese Aussage nunmal am ehesten ^^) auch nicht leiden.



btw. Ich bin nicht der Erste aber...
"Aus dem Leben von Jekylline und Hydewitzka", Hut ab, würde ich lesen, alleine wegen dem Titel. ;)

ednong hat gesagt…

Gott, bloß die Jule nicht 3 Stunden durchknuddeln. Nachher gewöhnt sie sich noch dran und schreibt vor Sucht hier gar nix mehr ;)

Oh man, herrlich. Und wenn man dann noch bedenkt, dass das angehende Mediziner sind ...

Und du steckst das auch schon ganz cool weg, so wie sich das anhört.

Anonym hat gesagt…

feen sitzen doch wirklich nicht im rollstuhl. feen fliegen naemlich und ich hab noch keine fee sitzend fliegen sehen..

Anonym hat gesagt…

Ehrlich gesagt fand ich den dummen Spruch am Ende nicht so schlimm wie die sexuelle Belästigung davor. Und nichts anderes ist es, einem anderen Menschen ungefragt ans Knie zu grabschen und nicht mal aufzuhören wenn die Person das offensichtlich nicht will.

Zum Studium: Du bist im zweiten Semester, oder? Ich glaube an dem Punkt überlegt jede das Studium zu schmeißen, ging mir mit meinem Informatikstudium genauso. Da wird noch viel durchgekaut dessen Sinn sich nicht sofort ergibt und das meiste kannst du sogar nach der Prüfung vergessen. Wenig später wird aber alles besser.

Dennis hat gesagt…

Hi Jule,

Studenten, die eine reine Ego-Sichtweise haben, gibt es reichlich und das nicht nur bei den Medizinern. Meine Zeit als Student ist zwar schon eine Weile her, aber ich glaube der Anteil an egoistischen Studenten wird sich nicht verringert haben. Ich habe dort auch nur Bekanntschaft mit den Ego-Leuten im Wiwi-Bunker gemacht und da kam dann auch zum Egoismus noch einiges an Hochnäsigkeit hinzu.
Das Medizinstudium hinzuschmeißen, würde nichts ändern, denn die Ego-Leute trifft man überall. Eine zweite Persönlichkeit brauchst Du nicht.
Die beide angehenden Mediziner aus Eurer Lerngruppe müssen wohl lernen im Umgang mit Menschen. Ob die beiden wohl mit den zukünftigen Patienten auch so sprechen würden?

Liebe Grüße
Dennis

Jule hat gesagt…

@ruolbu: Ich meine damit, bisher andere Einstellungen gehabt zu haben, die ich über den Haufen werfen muss.

Wenn ich geprüft werden soll, ob ich den Lernstoff verstanden habe, gehe ich davon aus, dass ich diesen Lernstoff vorher lernen und bei der Prüfung können soll. Wenn ich mich dann bewusst entscheiden muss, benötigten Stoff gar nicht erst anzuschauen, weil es wichtigere Dinge zu lernen gibt, muss ich etwas von mir verlangen, was nicht meinem Verständnis von Studieren entspricht.

Und was die Auslastung angeht, gibt es gewisse Aufgaben, die gemacht werden müssen und an denen sich alle beteiligen müssen. Ich kann von anderen Menschen nur dann einen Beitrag erwarten, wenn ich selbst auch einen Beitrag leiste. Wenn Kommilitonen auf mich zukommen und ich von vornherein gleich sagen muss: "Sorry, ich bin ausgelastet, ich übernehme NICHTS davon", finde ich das unsozial, denn "meine" Arbeit bleibt damit an anderen Leuten hängen.

Olli hat gesagt…

Ja, wenn manhier so lliest ist Jule wirklich eine coole, bemerkenswerte, sympathische, anziehende und durch ihr gewitztes Wesena uch angenehm herausfordernde Person.

Aber knuddeln?

Nein, das finde ich selbst als witziges hier einfach reinkommnetiertes Gedankenspeiel zu viel.

Lieber könnte ich mir eine möglichst barrierefreie (Stadt-)Rundfahrt mit ihr da vorstellen, wo ich mich (oder andere stammlesende Fans sich) auskenne(n).