Montag, 19. November 2012

Korrekt aber kalt

Ich glaube, fast alle Menschen sind sich einig, dass es absolut abscheulich ist, wenn ein Täter (oder eine Täterin) bei einem gewaltsamen Übergriff die körperliche Unterlegenheit eines Opfers ausnutzt. Das fängt nicht bei den Leuten an, die einem am Boden liegenden Menschen gegen den Kopf treten und es hört gewiss nicht bei einem Fall auf, der ausgerechnet Maria widerfahren ist, die ja bereits in der Pflegeeinrichtung, in der sie lange Jahre wohnte, bevor sie zu uns kam, Erfahrungen mit gewalttätigen Mitarbeiterinnen machen musste.

Maria hat sich in den Monaten bei uns echt gemausert. Sie hat es nach jahrelanger Isolation geschafft, sich ein eigenverantwortliches Leben aufzubauen. Hat Freunde, auch außerhalb unserer WG, gefunden, fährt selbständig mit ihrem E-Rolli überall hin, hilft Ronja und Maja (das sind die Physio- und die Ergotherapeutin, die bei uns im Haus arbeiten) bei ihren Abrechnungen. Sie sieht sehr viel vitaler aus, obwohl sie durch ihre fortschreitende Erkrankung immer schwächer wird. Sie sagt, sie ist glücklich.

Was sehr gut ist, ist, dass Maria völlig klar und orientiert ist. Sie spricht zwar sehr langsam und verwaschen, das hat aber eine körperliche und keine kognitive Ursache. Soll heißen: Sie ist im Köpfchen völlig fit.

Es gibt diese Momente, in denen mir ein eiskalter Schauer über den Rücken läuft und ich gleichzeitig merke, wie in meinem Bauch jemand einen großzügigen Adrenalin-Aufguss auf meinen Ofen schüttet. Es ist das gleiche Gefühl, das ich auch habe, wenn ich mit ansehen muss, wie jemand beinahe vor ein Auto läuft - oder andere Dinge, die man nicht sehen will und vor denen man am liebsten schützend die Hände vor die Augen nehmen möchte.

Einer dieser Momente war zweifelsohne, als Maria am letzten Mittwoch zu mir kam und mir nach einem Fluch über das Wetter und der Frage, ob wir mal wieder gemeinsam einen Nudelauflauf kreieren könnten, nahezu beiläufig erklärte, sie sei gestern abend von ihrer Pflegekraft misshandelt worden. Ich dachte im ersten Moment, ich hätte sie falsch verstanden, aber was sollte man daran falsch verstehen? Sie konkretisierte, sie habe zwei Ohrfeigen bekommen, von einer Pflegerin, die bei uns seit rund vier Monaten in Teilzeit arbeitet. Alter: 53 Jahre. Es sei bisher das erste Mal gewesen. Aber, und das habe sie im Gefühl, nicht das letzte Mal.

Ich fragte Maria: "Wieso fühlst du das?" - Maria sagte: "Die Selbstverständlichkeit, mit der sie mir welche gescheuert hat, das macht sie nochmal. Sie war nicht erschrocken über sich selbst, sie war nicht in Rage, sie war einfach nur in einer Laune, in der man mir mal eine klatscht."

Was wir anfangs als großes Problem vermuteten, nämlich das auch zu beweisen, löste sich überraschend schnell. Frank hatte sofort mit der Polizei telefoniert, und so saßen zu ihrem nächsten Dienstbeginn ein Mann und eine Frau in zivil im Büro. Ich war nicht dabei, Frank erzählte aber hinterher, was da abgegangen ist.

So wie er erzählt, sei die Pflegerin reingekommen, wollte ihren Dienst beginnen, habe normal gegrüßt und sei dann mit den beiden Beamten, ich glaube sie kamen vom Landeskriminalamt, konfrontiert worden. Die beiden waren wohl richtig gut und haben gleich die Katze aus dem Sack gelassen. Man ermittle gegen sie wegen Misshandlung Schutzbefohlener, ob sie dazu etwas sagen möchte. Woraufhin sie sofort Täterwissen preisgab, als sie nämlich erwähnte, dass 'die' doch dummes Zeug erzähle. Der Beamte fragte dann nach: "Ach, 'die' auch? Bisher sind wir nur von einem 'er' ausgegangen. Also schon zwei Fälle? Oder etwa noch mehr?" - Tja, selten dumm gelaufen. Aus der eigentlich saudummen und billigen Nummer kam sie nicht mehr raus. Sie versuchte erst noch, sich rauszuwinden, indem sie meinte, 'die' habe sie gesagt, weil sie überwiegend weibliche Menschen pflege, aber dann erzählte sie nach zwei Minuten, dass sie es nicht mehr leiden könnte, täglich mit Ausscheidungen konfrontiert zu werden.

Ich möchte das mit Blick auf das laufende Verfahren nicht vertiefen. Es ist ohnehin alles gesagt, was gesagt werden muss, um zu verstehen, dass es Menschen gibt, die ich nicht verstehen kann. Cathleen und ich haben Maria in der darauf folgenden Nacht mit zu uns in mein Bett genommen. Wobei "genommen", wenn wir schonmal beim Thema sind, nicht heißt, dass sie nicht zugestimmt hätte. Sie lag zwischen uns in der Mitte, was vielleicht der eine oder andere für abgefahren hält, aber ich bin der festen Überzeugung, dass es ihr sehr gut getan hat.

Die Mitarbeiterin haben wir direkt nach ihrem Geständnis fristlos entlassen und ihr Hausverbot erteilt. Und selbstverständlich hat Frank den Vorfall der Behörde gemeldet und beantragt, dass sie ein Berufsverbot bekommt. Frank sagt: "Ob ich überhaupt so einen Antrag stellen kann, weiß ich nicht. Vielleicht spricht das Gericht ohnehin ein solches Berufsverbot aus. Ich möchte nur nicht versäumt haben, den Anlass zu setzen, aus dem jemand darüber nachdenkt."

Wie wir später erfuhren, haben die Beamten sie mit auf die Dienststelle genommen, aber sie wurde wohl nach kurzer Zeit wieder nach Hause entlassen. Am Samstag haben wir, also alle Bewohner unserer WGs, uns getroffen und sehr ausführlich über das Thema gesprochen. Und ausdrücklich gesagt, dass es wichtig ist, jeden Fall sofort zu melden. Frank sagte: "Meinetwegen auch anonym. Sobald ich weiß, dass es hier im Haus so etwas gibt, werden wir tätig. Nur ich muss es wissen. Wenn niemand etwas sagt, möchten wir davon ausgehen können, dass alles gut läuft."

Ich hätte das von der Frau, ehrlich gesagt, nicht erwartet. Zugetraut ... ich lege für niemanden die Hand ins Feuer. Sie hat davor, sagt Maria selbst, immer korrekt gearbeitet. Aber eben auch "nur" korrekt, nicht herzlich. Sondern eher unnahbar und kalt. Wenn sie sich unterhalten hat, dann nur sehr oberflächlich.

Auch die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden von Frank in einer kurzfristig angesetzten großen Besprechungsrunde informiert. Ich habe am Rand gesessen und zugehört. Und hatte dabei eine junge Frau im Blick, die ebenfalls Maria betreut. Relativ klein und zierlich, ziemlich frech, aber dennoch sehr lieb. Rastalocken. Nach dem zweiten Satz biss sie sich zuerst auf die Unterlippe, dann kullerten die ersten Tränen. Eine andere wurde kreidebleich und hielt sich mit den Händen verkrampft an der Sitzfläche des Stuhls fest, auf dem sie gerade saß. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass das alle mitgenommen hat. Und damit möchte ich sagen: Den jetzt verbliebenen traue ich es nicht zu.

Kommentare :

Alice hat gesagt…

Wie schrecklich. Gut dass Maria den Mut hatte es dir gegenüber zuzugeben. Oft schämen sich die Opfer ja zu sehr...

Taro hat gesagt…

Wenn ich sowas höre, läuft es mir wirklich eiskalt den Rücken runter... :( Gut, dass ihr das so schnell regeln konntet!

Anonym hat gesagt…

Da fehlen einem wirklich die Worte :-( mir kullern jedenfalls grad auch die Tränen.

Ich finde es übrigens überhaupt nicht "abgefahren", dass Du und Cathleen mit Maria in einem Bett geschlafen habt. Das ist Spenden von menschlicher Wärme und Trost auf wunderschöne, elementare Art und Weise.

Dennis hat gesagt…

Hallo Jule,

ich hoffe Maria hat durch diesen traurigen Vorfall nicht an Vertrauen verloren.
Es ist für mich nicht verständlich, dass eine Pflegekraft so etwas macht.
Hoffentlich kommt so etwas nie wieder bei Euch vor. *Daumen drück*

Liebe Grüße
Dennis

Michael hat gesagt…

Das ist wohl wieder mal einer dieser Momente, wo man in Deinem Blog Dinge lernt, die man sich ansonsten einfach nicht vorstellen kann. Man denkt immer, dass Pflegekraefte diesen Job auch tun, weil sie ihn irgendwo auch tun wollen. Oder zumindest, dass sie sich vorher Gedanken gemacht haben, ob sie in der Lage sind, die Belastungen eines solchen Jobs auch wegstecken zu koennen.

Weit gefehlt. Unglaublich traurig.

Auch wenn ich es niemand in Eurer WG wuensche, warum es ausgerechnet Maria treffen muss, die sowieso schon von der Menschheit gewaltig enttaeuscht sein muesste, aber trotzdem irgendwie noch die Kraft hat, positiv zu sein, kann man einfach nicht verstehen.

Tut mir wahnsinnig leid. Man will sich eher nicht fragen, was Maria's Eltern davon halten, dass ihre Tochter in dem Land, was sich urspruenglich angeboten hat, ihr zu helfen, jetzt auch noch weiterhin misshandelt wird.

Anonym hat gesagt…

warum arbeitet man in so einem beruf, wenn man nicht mit ausscheidungen klar kommt? also sorry, aber sowas merkt man doch schon in seinem 2 woechigen berufspraktikum (dass es damals vllt noch nicht gegeben hat, aber diese frau hatte ja trotzdem genug zeit sowas rauszufinden), wenn einem sowas nicht passt.. und: wie kann man nur so wenig mitgefuehl haben? maria wuerde sich den arsch (entschuldigt die ausdrucksweise) bestimmt auch lieber selbst abwischen, aber dann sowas..

BigDigger hat gesagt…

Warum kann das Leben nicht mal einfach sein? Und zwar ganz egal, ob es Leute trifft, die zeitlebens über Gänseblümchenwiesen gelaufen sind, oder andere, die immer Scheiße am Schuh haben, selbst wenn sie nicht mal damit auftreten...

Ich hoffe stark, dass es das letzte Mal war, dass diese "Pflegekraft" ihren "Dienst" verrichtet hat.

Gleichzeitig - und das ist keinerlei Rechtfertigung, sondern Kritik an der Gesellschaft, in der wir leben - ist die Misshandlung von Schutzbefohlenen aber auch ein Symptom für das soziale Versagen in diesem Land. Denn das ist ja nun wahrlich - wer wüsste das besser als Maria - kein Einzelfall.

Zum einen werden wir mittlerweile mindestens seit dem Mauerfall auf das "Jeder gegen jeden" gedrillt - erst waren es Ossis, dann Ausländer, dann die Alten, dann die Arbeitslosen, Moslems, Unterschicht. Es trifft immer die, die sich am wenigsten wehren können, die die geringste oder keine Lobby haben. Sozial kälter als heute war Deutschland seit der Weltwirtschaftskrise 1929 nicht.

Zum anderen - und da kommt diese "Pflegekraft" ins Spiel - stecken gerade solche Arbeitnehmer in einer wenig einfachen Situation. Bei aller Zornesröte, die mir ihr Verhalten und ihre Geringschätzung menschlicher Würde ins Gesicht treibt, mag ich das große Ganze nicht aus den Augen lassen. Und die Wahrheit ist einfach, dass diese Frau einen Scheißjob macht. Er ist nötig, ganz klar, aber es ist keiner, der - außer von den zu Pflegenden - hoch geschätzt wird.

Ja, mir ist bewusst, dass das bei Euch ein anderes Umfeld, ein anderes Arbeiten ist. Aber ich nehme an, sie kam ursprünglich auch nur aus einem dieser typischen, aus Dauerdruck und Schnellabfertigung bestehenden Existenzeinrichtungen. Und dass sie mit 53 und wahrscheinlich schon früher - das lässt ihre Äußerung zu den Ausscheidungen vermuten - schlichtweg verbraucht ist.

Dass es so weit kommt, dass sowohl in der Alten- wie auch der Behindertenpflege Misshandlung zum Alltag gehört, ist ein Problem, das die Gesellschaft geschaffen hat, weil sie kritiklos die kurzsichtigen Reden der Politik hinnimmt. Werden die Lohn(nebenkosten) gesenkt, dann sinkt auch das Geld, das den Einrichtungen zur Verfügung steht. Gleichzeitig hat sich der Staat die Privatisierung aus der Verantwortung gestohlen, in einem Bereich, in dem die Prinzipien der Marktwirtschaft den eigentlichen Bedürfnissen entgegen stehen.

Und als Folge dessen produziert dieses System "Menschen" wie diese Frau. Was zum Teufel ist eigentlich aus diesem Land, dieser Gesellschaft geworden?

Asinello hat gesagt…

Och menno. Als hätte es Maria nicht schon ohne sowas genug zu (er)tragen. Gut, dass sie gleich den Mund aufgemacht hat. Und gut, dass sie Freunde hat, die ihr zeigen, dass sie ihr beistehen und sie liebhaben.

Ob diese Episode nun ein Symptom neoliberaler Kälte ist (aka "Klassenkampf im Armenhaus"), ob sich ein "Arbeistier" als A.....och geoutet hat, oder beides: Noch gibt es Menschen, die auf sozialen Umgang besonderen Wert legen. Es ist gut, wenn solche Menschen dort wirken, wo Menschen auf Menschen angewiesen sind. Wie zB in Jule's WG.

Für eine Pflegekraft, die meint, ihre Anvertrauten mit Demütigung "erziehen" zu dürfen, fehlt es mir seltsamerweise komplett an Verständnis und Mitgefühl. Vielleicht auch, weil ich da oben nichts von Bedauern gelesen habe, nichts von Burn-Out, sondern eher den Eindruck habe, da ahne jemand nicht einmal, was sie da getan hat. Und irgendwie interessiert mich bei solchem Verhalten nur, dass diese Person bitte nie wieder auf hilfebedürftige Menschen losgelassen wird. Auch schade.

Anbei vier virtuelle Sträuße Sommerblumen (mit eigenem Sonnenschein): für Maria, Frank, Cathleen und Dich.

Tinka hat gesagt…

Dieser schreckliche Vorfall tut mir sehr leid für Maria! Ich dachte, dass nun, wo sie in dem neuen Wohnprojekt ist und nicht mehr in der Einrichtung mit den kalten Duschen, alles besser ist. Aber wie es scheint, ist man in der Gesellschaft, wie sie jetzt ist, als pflegebedürftiger Mensch nie 100%ig vor Misshandlung sicher. Aber das darf eigentlich so nicht sein! Ich hoffe, dass die Frau nie wieder als Pflegekraft arbeiten wird. Ich hoffe, dass sie selbst erkennt, dass dieser Job nichts (mehr) für sie ist und sie den Mut hat, in einen Beruf zu wechseln, den sie besser findet, statt auf den für sie sicheren Status quo zu setzten und weiterhin Menschen zu gefährden. Und Maria wünsche ich, dass es nun endlich das letzte Mal war, dass sie misshandelt wurde!

hottizotti hat gesagt…

Erschreckend, das sowas auch bei Euch passiert. Und furchtbar für die, die es getroffenhat.
Wobei gerade Gewalt in der Pflege leider etwas ist, was manchmal schon fast zum Alltag gehört. In vielen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, gleich welcher Art, arbeiten Menschen mit kaltem Herzen und harten Händen. Und das sind nicht per se schlechte Menschen, ganz sicher nicht. Oft sind das Menschen die mal voller Liebe und Enthusiasmus an ihren Beruf herangegangen sind und sich irgendwann ausgelaugt von einem System in dem der Mensch zur "Pflegesache" wird und resigniert von den täglichen Frustrationen nicht mehr anders zu helfen wissen. Auch diesen Menschen sollte irgendwie geholfen werden. Aber selbstverständlich darf man niemals zulassen, daß Wut und Frustration an Schutzbefohlenen ausgelassen wird. Und das muss gar nicht die Ohrfeige sein, Gewalt fängt ja schon weit vor dem Schlag an...
LG
Judi

P. hat gesagt…

"Gewalt fängt ja schon weit vor dem Schlag an..."
.. stimmt, aber wenn ich mir ansehe, WAS da alles schon als Gewalt bezeichnet wird, muss ich doch den Kopf schütteln. Manche Dinge lassen sich gelegentlich nicht vermeiden .. ohne dass da ein böser Hintergedanke feststeckt.

Ansonsten schäme ich mich mal wieder .. nämlich dafür, dass es so viele schwarze Schafe unter "uns" gibt. Das ist etwas, was ich nie werde nachvollziehen können. Jede Pflegekraft, die ein wenig auf sich aufpasst, erkennt den Moment, ab dem es "grenzwertig" werden könnte. Und jede verantwortungsbewusste Pflegekraft drückt in dem Moment 'nen Notpinöppel, geht in Urlaub, nimmt eine Auszeit oder lässt sich versetzen.

Viele liebe Grüße an Maria .. ich hoffe, sie verliert nicht das Vertrauen in ihre anderen Pflegekräfte.

Olli hat gesagt…

Beitrag ausdrucken, an Marias altes Heim schicken, dem Chef so sagen, man kann solche Probleme auch direkt und zielführend lösen.
Wenn den Chef es nicht juckt, dann würde ich mich an den Betreiber wendern. Wenn der so ein m.E: alternativloses Vorgehen nicht befürwortet, dann muß ich wohl an meinem Menschenbild nachjustieren. Zur flaschen Seite hin.