Freitag, 30. November 2012

Versuch macht kluch

Vor rund einem halben Jahr habe ich von Cathleen und ihrer Arie mit dem Unternehmen berichtet, das sie bis einschließlich April mit Pampers beliefert hat. Ihre Krankenkasse, bei der sie über die Mutter familienversichert ist, stellt die Versorgung mit "saugenden Hilfsmitteln zur Kontinenzförderung" im Raum Schleswig-Holstein und Hamburg über ein Unternehmen sicher, das für alle Mitglieder die Aufträge bekommt. Rechtmäßig ist das seit einiger Zeit: Die Krankenkasse darf bestimmte Leistungen aus Wettbewerbsgründen gezielt an ein Unternehmen delegieren.

Bis April hat Cathleen ein vernünftiges Markenprodukt aus dem unteren Preissegment in ausreichender Menge über dieses Unternehmen, das vorher schon Ausschreibungsgewinner bei der Krankenkasse war, zur Verfügung gestellt bekommen. Ab Mai wurde neu ausgeschrieben, seitdem würde sie über das Unternehmen nur noch ein absolutes Billigprodukt (Hausmarke) bekommen - in abgezählter Menge. Sofern sie weiterhin ein Markenprodukt erhalten möchte, könnte sie zuzahlen: Mit rund 100 Euro pro Monat wäre sie dann bei. Ich hatte in meinem Beitrag schon einmal davon erzählt.

Damals hat Cathleen gesagt, sie zahle lieber 50 Euro pro Monat selbst (so viel kostet ihr Markenprodukt beim Mitbewerber) und habe keinen Stress, als eine Klage anzustrengen, bei der dann haarklein mit verschiedensten Leuten ausdiskutiert wird, wie oft sie in die Windeln machen darf und ob das Bier beim Kneipenbummel drin ist. Es war ja früher schon einmal die Rede von einem Miktionsprotokoll, für das Cathleen ihre Windeln wiegen sollte, um die Ausscheidungsmenge jeweils aufschreiben zu können.

Nachdem die alte Kostenübernahme ihrer Kasse mit dem 30.04.12 abgelaufen war, hatte Cathleen keine neue mehr beantragt und die Lieferungen gestoppt. Die letzte Lieferung war aus dem Februar 2012. Somit war das Thema eigentlich durch. Cathleen verzichtet nun jeden Monat auf knapp die Hälfte ihres Taschengeldes, um dem Theater zu entgehen und vernünftig versorgt zu sein. "Lieber gehe ich einmal ins Kino und bin attraktiv, als zweimal ins Kino mit nasser Hose und nach Pipi stinkend." - Ich hätte die ja alle verklagt, aber das ist ihre Entscheidung.

Nun kam aber gestern der Hammer: Vermutlich ganz aus Versehen schickt das Unternehmen, das ab Mai Cathleen nicht mehr versorgt, einen Brief, in dem Cathleen darum gebeten wird, "die Dauerverordnung von Ihrem Arzt unterschrieben und abgestempelt unter Verwendung beiliegenden Freiumschlages zurück zu senden." - Verordnungszeitraum: Rückwirkend ab 1. Mai (!) dieses Jahres.

Ich will ja nicht behaupten, dass das Absicht war, frei nach dem Motto: Versuch macht kluch. Aber ich möchte auch nicht wissen, bei wievielen Leuten, die in Einrichtungen wohnen, die Pflegekraft die Einzelheiten gar nicht kennt und fürsorglich das Schreiben dem Hausarzt vorlegt. Ich kann dazu nur sagen: Ich bin froh, dass meine Unfallfolgen nicht über eine Krankenkasse reguliert werden.

Kommentare :

baka hat gesagt…

Ja.. die Versorger sind oft Krass...

Cathleen sollte mal versuchen bei ihrer KK ein persönliches Budget für die Inkontinenzversorgung zu beantragen...

me... hat gesagt…

Hi,
ja, das Krankenkassensystem ist echt doof. Ich habe ein ähnliches Problem mit Medikamenten: es gibt zwei, die ähnlich sind aber mein Arzt meint das einer wäre besser wirksam und gleichzeitig auch noch viel besser verträglich (ich vertrage das andere nämlich schlecht) (wieweit das stimmt kann ich nicht beurteilen, da ich es noch nicht genommen habe). Es ist nur in Deutschland nicht zugelassen, aber in vielen anderen Ländern schon. Man darf es auch in Deutschland nehmen, wenn man ein Rezept hat. Aber ich kriege nur ein Privatrezept und muss die Kosten dann selber tragen. Bei der Krankenkasse kann man einen Antrag stellen, dass die Kosten dann trotzdem übernommen werden, aber die Mitarbeiter haben mir schon gesagt, dass das nichts bringen wird. Dabei ist dieses Medikament billiger als das andere, welches die Krankenkasse zahlt. Ich könnte verstehen wenn es um die Gefährlichkeit des Medikaments ginge, aber ich krieg es ja so auch verschrieben.
Und dann gibt es auch noch viele Ärzte sich bei mir immer über ihr Budget beschweren. Sie können keine Medikamente verschreiben, wegen ihrem Budget. Ich mache den Ärzten auch keinen Vorwurf, aber dem Krankenkassensystem. So kriege ich auch viele Privatrezepte für Medikamente die eigentlich auch auf Kassenrezept erhält sind... aber die Ärzte möchten/können es eben nicht verschreiben. Echt doof...
Sorry, ich hoffe das war jetzt nicht zu weit vom Thema weg. Ich sollte rückwirkend ein Rezept unterschreiben lassen wollte noch keiner von mir.
Irgendwie ist es doof, wenn man seine Hilfsmittel oder Medikamente selber zahlt, weil dann erreicht die Krankenkasse ja ihr Ziel. Aber was will man sonst machen. Also verstehe ich, dass Cathleen das so macht.

Amy hat gesagt…

Ich glaube, herausgelesen zu haben, dass ich monatlich für den selben Verein zahle, bei dem auch Cathleen versichert ist. Mit denen habe ich auch schon so meine Erfahrungen gemacht und würde ich dem Fall definitiv auch klagen bis die Herrschaften von der Versicherung müde werden, die Klagen zu beantworten... aber der Lieferant setzt dem Ganzen ja noch die Krone auf, wow. Habt ihr das der Kasse mitgeteilt? Interessiert die bestimmt, was ihre Lieferanten so treiben...

Sally hat gesagt…

Wahnsinn. Da bin ich froh, dass ich jetzt für meinen Kram endlich eine darauf Ordnung habe... : O

Sally hat gesagt…

Blöde Siri. "darauf Ordnung" = "Dauerverordnung".

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule, zumindest in Pflegeheimen in Baden-Württemberg läuft das anders ab: die Einrichtung sucht sich einen Hersteller vernünftiger Proddukte, der die ganze Einrichtung beliefert. Der Hausarzt stellt pro Quartal eine Verordnung für jeden inkontinenten Heimbewohner aus. Dafür zahlt die Kasse einen pauschalen Betrag. Das bedeutet, bei Bewohnern mit hohem Bedarf zahlt die Einrichtung (nicht der Bewohner!) drauf, bei Bewohnern mit geringem Bedarf bleibt ein Überschuss. Wenn die Einrichtung Glück hat, gleicht sichs einigermaßen aus.
Liebe Grüße Angelika

Sarah hat gesagt…

Hmmm...
Ich denke, die Notwendigkeit ließe sich durchaus plastisch dokumentieren. Ich hardere auch regelmäßig damit, dass eine angemessene Versorgung meiner Liebsten nur mit satten Zuzahlungen zu haben ist. Wenn die Kasse das infrage stellt, könnten die Einlagen nach Gebrauch einfach vakuumverpackt (die Geräte kosten nicht die Welt), mit Datum und ggf. tara beschriftet, eingesandt werden. Muss ja nicht täglich sein, ließe sich ja auch über 1 bis 4 Wochen sammeln um Frachtkosten zu sparen.
Ich denke, das würde helfen, diese leidigen Diskussionen zu vermeiden.
Liebe Grüße
Sarah