Samstag, 1. Dezember 2012

Kodex gegen Porsche

In meinem Eintrag, in dem es um einige Neuerungen in der Pflegeversicherung ab 2013 geht, habe ich unter anderem positiv bewertet, dass der Medizinische Dienst der Krankenversicherung, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, die als medizinische Begutachtungsstelle für alle gesetzlichen Krankenkassen arbeitet, einen Verhaltenskodex erstellen und sich an diesen halten muss. In diesem Fall bezog sich das auf Begutachtungen durch die Pflegekassen.

Damit soll wohl verhindert werden, dass sich Gutachter dieser Institution daneben benehmen. Es ist traurig, dass so etwas nötig ist, aber es ist nötig, wie eine gestrige Begutachtung einer achtzehnjährigen in unserem Wohnprojekt beweist. Grundsätzlich finden bei uns solche Begutachtungen nur noch dann alleine statt, wenn derjenige, der begutachtet werden soll, das ausdrücklich wünscht. Das Gegenteil ist meistens der Fall: Eine Pflegekraft und ein unabhängiger Zeuge sind meistens zusätzlich mit im Raum. Und so gab es gestern auch drei Zeugen für jene Unverschämtheit, die dem Gutachter einen sofortigen Rauswurf beschert hat. Näheres muss ich mir sparen, denn das hat natürlich ein Nachspiel und ich war auch nicht selbst dabei.

Ich greife das aber auf, weil ich heute einen Artikel in der Süddeutschen gelesen habe, in dem ein von einer Krankenkasse beauftragter Gutachter, der prüfen sollte, ob ein Mann, der sich selbst so gut wie gar nicht mehr bewegen kann, einen Rollstuhl nebst mehrerer Sonderausstattungen bekommen dürfe. Der Gutachter habe gesagt, er fahre auch nur einen Opel Zafira, obwohl er lieber einen Porsche Cayenne hätte.

Genau diese Haltung hatte auch unser Gutachter von gestern an den Tag gelegt. Es kann doch wohl nicht sein, dass solche Vergleiche gezogen werden. Was interessiert, welches Auto der Gutachter fährt? Hier geht es darum, zu entscheiden, ob eine Behinderung ausgeglichen werden muss, ob sie ausgeglichen werden kann und ob der Ausgleich der Behinderung einigermaßen wirtschaftlich möglich ist. Dazu gibt der Gutachter seine Stellungnahme ab, optimalerweise schriftlich und begründet, und damit ist gut.

Wenn er den Eindruck hat, der Antrag schießt über das Ziel hinaus, wird es doch ein Leichtes sein, das darzustellen und zu begründen. Dann kann die Krankenkasse das ablehnen und der Mann kann die Entscheidung vor Gericht anfechten und sich einen Gutachter nehmen, der nicht von dem bezahlt wird, der möglichst nicht bezahlen will. Und wenn er meint, kann der Gutachter seine persönlichen Präferenzen bei der Fahrzeugwahl ja mit seinem Arbeitgeber besprechen. Oder sich einen anderen Job suchen, dann kann er sich auch ein anderes Auto kaufen. Ich bin es echt satt.

Kommentare :

Ruthy hat gesagt…

Ich hab mir grade auch die Lesermeinungen zu dem Artikel angeschaut. Bin am überlegen, dieser "lieben" Krankenkasse auch eine Mail zu schreiben, daß ich froh bin, nicht bei denen versichert zu sein. Hab nur heute keinen Kopf mehr für's formulieren.
Echt, manchmal könnt ich ko...

me... hat gesagt…

Ich finde es sehr gut dass du dich um so was kümmerst. Also das Bewusstsein dafür hast, auch wenn es dich nicht selber betrifft und auch noch drauf aufmerksam machst. Du bist sicher eine sehr gute Ärztin*, wenn du fertig bist. (Natürlich hoffe ich, dass du dich dabei nicht selber fertig machst oder so...).

*Ärzte müssen ja auch oft "Gutachten" also Berichte über Patienten für die Krankenkasse etc. schreiben. Und auch sonst denke ich es.

Amy hat gesagt…

Unglaublich. Ich finde es unvorstellbar, wie jemand auch nur auf den Vergleich eines notwendigen Nachteilsausgleichs mit einem Luxusauto kommen kann. Vielleicht stumpft man einfach ab, wenn man tagein - tagaus Leid in seinen unterschiedlichsten Formen sieht und harte Fakten gegeneinander abwägen muss, um zu beurteilen, ob die Leistung, die der Chef eigentlich lieber abgelehnt hätte, notwendig ist? Aber selbst wenn, dann ist es wirklich, definitiv Zeit für einen Jobwechsel. Unfassbar! Gut, dass sich da jetzt was tun wird - ich bin gespannt, ob du dann über eine Verbesserung berichten kannst...

Rosa hat gesagt…

Jetzt habe ich zu lange überlegt, ob ich einen Kommentar mit einem Link zu dem Artikel unter deinen Stiftungsblogeintrag schreibe, um darauf hinzuweisen, wie notwendig solche Stiftungen leider sind. Schrecklich, was sich die Krankenkassen hier erlauben.

seemaedel hat gesagt…

Unglaublich, aber leider kein Einzelfall...

P. hat gesagt…

Aus eigener Erfahrung - dummerweise häufen sich diese seltsamen Typen beim MDK. Es wird auf jeden Scheiß geachtet, nur nicht darauf, ob die Leute wirklich Hilfe brauchen oder nicht.
Manchmal könnte ich in solchen Momenten einfach nur ausrasten, weiß aber leider, dass es so rein gar nicht hilft *hmpf*

Anonym hat gesagt…

Selbst schon erlebt. Da wird wirklich Notwendiges abgelehnt, mit der Begründung, das man erst den Nachweis der Notwendigkeit erbringen müsste. Dann gibt man selbst Geld aus - das man nicht hat - und kauft sich was, um zu zeigen, wie es sein könnte. Das gilt nicht als Nachweis, und selbst der vorher genehmigte Anteil kommt nicht bei. Großes Kino. Aber dafür können die Gesellschafter Porsche fahren, ist ja auch was wert.

baka hat gesagt…

mmmh...

ich kann deine Aufregung nur teilweise verstehen...
ich würde die Aussage des Gutachters anders verstehen. Es geht meiner Meinung nach nicht um sein Traumauto, sondern darum, dass er sich mukiert darüber, dass evtl das teuerste und modernste Hilfsmittel beantragt wurde und nicht eins, was günstiger wäre und evtl ausreichend... Es gibt ja die verschiedensten Modelle von den verschiedenen Firma...

ja klar hat der Gutachter sich nicht über die Auswahl zu äußern, sondern den Bedarf feststellen, aber dennoch kann ich ein wenig die Praxis nachvollziehen...

Anne hat gesagt…

Ich lese aus Deinen Beiträgen immer ein gehöriges Anspruchsdenken heraus. Überleg mal, wer das alles bezahlen soll? Das zahlt nämlich nicht die "Kasse", sondern der Beitragszahler, also ich zum Beispiel.
Auch ich muss mit gesundheitlichen Einschränkungen leben, käme aber nicht auf die Idee, andere dafür zahlen zu lassen. Lieber bescheide ich mich und gebe mich mit ausreichender Versorgung zufrieden. JEDER muss Eigenverantwortung übernehmen, sonst kollabiert das System.
Ich bin Mitte 50 und kenne viele Menschen, die gute Aussicht auf einen Nachteilsausgleich hätten, ich selbst wahrscheinlich auch. Dennoch verzichte ich darauf, ihn einzuklagen.

Grüße von Anne

Jule hat gesagt…

@Anne: Das mit dem Anspruchsdenken ... ich verstehe nicht so recht, wie du das meinst.

In meinem Text war nicht die Rede davon, dass die Person diesen Rollstuhl bekommen soll. In dem Text war die Rede davon, dass weder der Zafira des Gutachters noch dessen persönliche Wünsche der Maßstab sein dürfen.

Wenn die Person, von der der Artikel in der Süddeutschen handelt, übertreibt, könnte der Gutachter das doch einfach so darstellen. "Der Typ übertreibt, der braucht diese Dinge nicht."

Ich gehe davon aus, dass jemand, der einen Antrag bei der Krankenkasse stellt, nicht etwas gerne hätte, sondern dringend benötigt. Und dann finde ich es völlig daneben, wenn ein Gutachter dieses "gerne hätte" einfach mal so unterstellt und erklärt, was er gerne hätte.

Ich gebe dir insofern recht, als dass man sich nicht mit Dingen an die Krankenkasse wenden sollte, die das Maß des Notwendigen überschreiten. Aber ich bilde mir nicht ein, dass ich auch nur einem Beitragszahler etwas gutes täte, wenn ich auf die notwendigen Dinge verzichten würde.

Ich denke, es ist nicht mein Job, dafür zu sorgen, dass das System nicht kollabiert. Dafür gibt es genügend Leute, die genau damit ihr tägliches Geld verdienen und die jeder Beitragszahler mitfinanziert. Entweder werden die nötigen Dinge über diese Umlage finanziert, dann gilt dieses Recht für alle gleichermaßen, oder es ist kein Geld dafür da, dann gilt das auch für alle gleichermaßen.

Das ist meine Meinung dazu.

Diana hat gesagt…

Liebe Jule, ich lese deinen Blog nun schon seit diversen Wochen und bin so begeistert! Nicht nur, dass du sehr unterhaltsam schreibst und zum Nachdenken anregst, ich als "Insider" kann die Missstände, die du beschreibst, nur zu 100% bestätigen! Ich bin schon so oft über die selten beknackte Ansicht gestolpert, das Behinderte oder deren Angehörige gierig das Beste vom Besten, was sie ja eigentlich gar nicht brauchen, fordern. Man könnte ein Buch damit füllen. Aktuell klagt eine Mutter aus meinem Rollikurs gegen die Ablehnung des Therapiebettes für ihren Sohn, der Drehschwindel und Anfälle hat. Ich kann über diese absurde Einstellung nur herzhaft lachen!!! Und die Leute vom medizinischen Dienst haben oft keinen blassen Schimmer! Ich musste letztens mit so jemandem streiten, der steif und fest behauptete, meine Tochter, C 6 komplett, könnte ihren Oberkörper doch alleine halten, warum wir einen Therapiestuhl mit Sitzschale beantragt hätten. Sie hat sich mit ihren Unterarmen auf den Lehnen abgestützt (auf einem normalen Stuhl) das sah er aber nicht so. Ich wurde dann sauer und habe ihn gefragt, ob er überhaupt wüsste, was C6 komplett eigentlich heißt.
Oder dass man beweisen muss, das eine Rollstuhlanpassung nach einem Jahr bei einem Kind notwendig ist... Ist es nicht Geldverschwendung, da den medizinischen Dienst zu schicken?
Klar, es ist teuer, was Schwerbehinderte benötigen, aber dafür können sie nichts. Es gibt klar definierte Kriterien, wann die Kasse erwas bezahlen muss (hihihi, klar ist gut, eher vage und Auslegungssache, dann alles eine Frage der guten Argumentation) 1. es muss im individuellen Fall notwendig sein 2. es muss ein Hilfsmittel sein, also für Behinderte gebaut und 3. zur Sicherung der Pflege und Krankenbehandlung sowie zum Ausgleich der Behinderung sein. Trotzdem lehnen Kassen oft ab. Leider ist es auch oft der Fall, dass man nur wählen kann zwischen Hilfsmitteln mit Denkfehlern und nicht individuell anpassbar, dafür aber aus dem Katalog und nicht ganz so teuer, oder durchdacht und anpassbar und teuer. Wenn ich sehe, mit was für mieeesen Rollis die Kinder in meinem Rollikurs zum Teil ausgestattet wurden möchte ich schreien! Sie können sich in den schweren Dingern kaum fortbewegen und dabei hat ein behindertes Kind ein Recht auf Ausübung von Bewegung (Bewegungssinn).
Ich habe leider auch die Erfahrung gemacht, dass bei den vielen komischen und negativen Erlebnissen entweder die Verzweiflung oder ein gewisser Zynismus eintreten.
Liebe Jule, mach weiter so, was du schreibst ist immer wohlüberlegt und sehr reif (mir fiel kein besseres Wort ein). Jeder hat ein recht auf seine Meinung und wenn jemand nicht im Thema ist, könnte er/sie zwar eigentlich seine Meinung für sich behalten, aber so sind die Menschen... Mach dir auf keinen Fall was draus! Liebe Grüße, Diana aus der Nähe von Hamburg