Freitag, 18. Januar 2013

Ein Echo und ein Schwertransporter

Daumen drücken hat genützt. Ich danke allen, die heute Vormittag mit acht Fingern ausgekommen sind. Ich musste natürlich nicht nur die Unterlagen abgeben, sondern auch vortragen, aber ... es ist sehr gut gelaufen. Ich hasse das zwar, wenn ich vor mehr als drei Freunden sprechen muss, aber ich habe es überstanden. Etwas gemein war, dass hinten rechts irgendein Vollhirni saß, der die ganze Zeit alles nachgeplappert hat, was ich gesagt habe. Quasi wie ein Echo. Das kann ziemlich nerven.

Aber er hat nicht erreicht, was er erreichen wollte, nämlich mich aus der Fassung zu bringen. Nach fünf Minuten habe ich mitten im Satz gefragt: "Sag mal, kannst du das nur aufnehmen, wenn du alles nochmal wiederholst? Ich mache dir sonst gerne eine Kopie von meinen Zetteln hier, dann kannst du dir das zu Hause nochmal laut vorlesen und musst hier jetzt nicht rumnerven."

Dadurch wurde der Prof aufmerksam, der bis dann auf der Fensterbank saß und vergeblich versuchte, sich auf seinem Laptop anzumelden. "Der fliegt eh gleich raus, fahren Sie bitte fort", murmelte er, ohne hochzugucken. Und schon war Ruhe.

Am Ende fand die überwiegende Mehrheit meinen Vortrag gut, der Prof war auch glücklich, hatte keine Fragen mehr und ich war froh, dass ich das hinter mich gebracht habe.

Und weil ich ja auch so gerne über kuriose Dinge schreibe, muss ich erwähnen, dass mein Idiotenmagnet auch gut über die Jahresgrenze gerutscht ist. Zuerst versuche ich, aus einem Regal im Supermarkt eine Packung Müsli zu angeln. Bei ausgestrecktem Arm gelingt es mir, sie mit dem Zeigefinger sie langsam zur Kante zu schieben. Müsste ich sie nur noch auffangen, sobald sie fällt. Ein Typ kommt angewetzt: "Warten Sie, ich hole Ihnen einen runter. Einen Karton oder gleich zwei?"

Er hat es gar nicht mitbekommen. Gut, dass ich eine Frau bin. Und während ich an der Kasse stehe, geht dann noch ein Vogel an mir in türkis farbener Trainingsjacke aus Ballonseide (ich dachte, die Dinger wären längst out) und beißend dazu einer grünen Schirmmütze vorbei: "Na Baby, hast du alle deine Füße noch beieinander?"

Und ich bin noch so doof und guck auf meine Fußspitzen. Könnte ja sein, dass ein Fuß halb runter gerutscht ist und ich das nicht merke. Natürlich nicht. Vor mir stand ein Typ in einem Arbeits-Overall, die Aufschrift auf seinem Rücken gehörte zu einem Unternehmen, das Schwertransporte durchführt. Er hatte sechs Packungen Milch in der Hand, drehte sich um, musterte mich und fragte: "Kannten Sie den?"

"Den Typen?", fragte ich zurück und schüttelte den Kopf. Der Schwertransporter schaute von seinem Platz in der Schlange aus suchend in die Gegend, ob er den Typen, der mittlerweile zwischen den Regalen verschwunden war, noch entdecken könnte und murmelte: "Gleich ein paar in die Fresse hauen, solchen Idioten." - Unser aller Glück, dass die Kassiererin schnell war, würde ich sagen.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Ôo Welch trauriger Kommentar zu unserer Gesellschaft, wenn selbst im Studium manche Typen noch nicht über die geistige Reife eines 14-jährigen hinaus gekommen sind und mutwillig anderen das Leben schwer machen müssen. Ich hatte eigentlich gedacht, das sei nach der Schule vorbei.

Amy hat gesagt…

Psst, ein kleines Uni-Geheimnis: Profs sind meistens happy, wenn ein Referat so gut vorbereitet ist, dass sie nicht eingreifen müssen sondern ihre Ruhe haben ;) Aber es freut mich natürlich zu lesen, dass es bei dir gut gelaufen ist!

Das mit dem "runterholen" muss ich jedes mal wieder mehrfach lesen um zu kapieren wo das Problem liegt. Ich bin bei solchen Zweideutigkeiten echt nicht so gut... ich glaube, ich könnte das auch ohne mit der Wimper zu zucken sagen ohne zu bemerken, dass ich da was komisches von mir gebe.

Anonym hat gesagt…

So, wie sich das liest, glaube ich nicht, dass der junge Mann dir einen "runterholen", sondern tatsächlich nur behilflich sein wollte.
Oder geht es darum, dass er ungefragt helfen wollte?

Nobody hat gesagt…

Hallo Jule,

Gute Reaktion bei den Uniideoten. Ich hätte mich bestimmt total aus der Fassung bringen lassen. Da merkt man eben das du häufig mit solchen Leuten zu tun hast.

Der Typ mit dem Karton wollte einfach nur nett sein. Ist eben sprachlich nicht so gebildet.

Und der andere Typ? Ja der fühlt sich eben ganz toll. So einen Spruch hast du ja noch nie gehört. Was wäre dieser Blog nur ohne deine Ideoten? Ich frag mich aber schon lange wo die ganzen Ideoten beim Autofahren geblieben sind.

Dennis hat gesagt…

Hallo Jule,

das ist eine sehr schöne Nachricht, dass alles geklappt hat mit der Hausarbeit.
Solche Idioten, die alles Mögliche versuche, gibt es leider überall. Lass Dich von solchen nicht aus Deinem Konzept bringen.
Der Idiotenmagnet hat anscheint, wie jeder Magnet auch eine gute Seite. Hätte der Typ noch mehr ärger gesucht, hättest du zumindest Hilfe durch den Mann vom Schwertransport gehabt.

Liebe Grüße
Dennis

Blogolade hat gesagt…

Herzlichen Glückwunsch zum gelungenen Vortrag!

Jens Bonn hat gesagt…

Wie heißt es so schön - die schlimmen Gedanken entstehen nur im eigenen Kopf - klar kann man den Spruch auch falsch interpretieren. Aber der Sinn war klar und eindeutig - und der Spruch mit Sicherheit nicht im geringsten zweideutig gemeint. Wenn er den Spruch so gebracht hätte das alle Eventualitäten des Missverstehens ausgeräumt gewesen wären - dann ständ Jule wohl immer noch im Markt am Müsliregal.

Hätte natürlich den Vorteil gehabt dass der andere Typ seinen Spruch nicht hätte machen können.

Ansonsten bin ich eigentlich gegen jede Gewalt - aber da Kleidung meist recht genau aufs Milieu schliessen lässt, wäre hier das Angebot vom Schwertransporter eventuell wirksamer gewesen ....

Olli hat gesagt…

Wie machst Du das eigentlich beim einkaufen, es dürfte öfters Produkt egeben, wo Du im sitzen nicht selber dran kommst.
Warten/gucken, das jemand hilft?
Lineal/Stock/Greifzange am Rollstuhl, damit Du die Dinge selber fischen kannst?
Auf Erfahrung basiert nur die Supermärkte wählen, wo die von Dir gewollten Sachen für Dich auch greifbar sind?

Niklas hat gesagt…

Huhu,

der Kommentar von dem Kerl an der Kasse geht gar nicht, aber vom Lesen her fand ich den Müsli-Typen jetzt nicht so "idiotisch".. er wollte vielleicht wirklich nur helfen, wie es die anerzogene Höflichkeit einer Frau gegenüber eben gebietet. Aber ich war ja auch nicht dabei.

Ich würd ja gerne mal eine Doku sehen, die dich einen Tag lang begleitet. :D

Thomas hat gesagt…

Zum Müsli-Mann:
Zitat aus Deinem ersten Blog in diesem Jahr: "Ich habe mir vorgenommen, Menschen, die mir ihre Hilfe anbieten, im kommenden Jahr mehr als Kavaliere zu sehen."
Hat wohl nicht sehr lange gehalten, dieser Vorsatz. ;-)
Oder meintest Du mit kommenden Jahr 2014? :-))

Ulli hat gesagt…

Herzlichen Glückwunsch zum Vortrag! Und Deine Reaktion auf den Papagei-Studenten war klasse, das muss ich mir merken! :-)

Ich habe heute Morgen an Dich gedacht - bei mir in der Nähe ist eine Einrichtung, in der Menschen mit Behinderung wohnen, arbeiten und/oder zur Schule gehen können und einige Rollstuhlfahrer arbeiten dort nur, wohnen aber woanders. Heute bin ich ins Büro gelaufen traf auf meinem Weg einen Rollstuhlfahrer, dem der Schnee auf dem Bürgersteig ziemlich zu schaffen machte und da er kaum vorwärts, sondern mehr seitwärts fuhr, habe ich ihn gefragt, ob ich ihn schieben soll, weil ich bis zur übernächsten Kreuzung den gleichen Weg habe wie er. Er war sehr erfreut und hat schon "Gerne!" gesagt, bevor ich überhaupt fertig war mit meiner Frage. :-) Nach den längsten 800 Metern meines Lebens verstehe ich jetzt besser, was Du letzten Winter geschrieben hast über Rollstuhlfahren im Schnee! Ohne Deinen Blog hätte ich mich wahrscheinlich nicht getraut, Hilfe anzubieten... Danke!

Endless hat gesagt…

Ich musste erst zweimal lesen um diese Zweideutigkeit dort herauszufiltern. :D
Bei sowas bin ich sowieso immer die Letzte, die das mitkriegt.

Aber schon ein netter Kerl, der dir da "einen runterholen" möchte, natürlich nur die Müsli-Packung. :D

Ich wollte mich ja nochmal melden, wenn ich mit deinem Blog bis zum aktuellsten Beitrag gekommen bin. *Melden tut*