Montag, 18. Februar 2013

Budgetkonferenz für Maria

Die Woche begann mit einem Gespräch über das persönliche Budget von Maria, aus dem sie ihre Pflege und Assistenz finanziert. Das zuständige Sozialamt (oder besser die dortige Sachbearbeiterin) hatte alle Beteiligten, also die Krankenkasse, die Pflegekasse, einen Amtsarzt, eine Sozialarbeiterin, einen Vertreter unseres Wohnprojekts und Maria zu einem runden Tisch eingeladen, um über "die Notwendigkeit der Weitergewährung von Leistungen nach Ablauf des Bewilligungszeitraums" zu sprechen.

Dass Frank dort mit auftaucht, war klar. Maria hatte außerdem mich gebeten, sie als Vertrauensperson zu begleiten. Die bisherigen Termine waren mir noch in schrecklicher Erinnerung. Frank war vor dem Termin schon auf 180, weil die Sozialarbeiterin vorher ein amtsärztliches Gutachten in Auftrag gegeben hatte, das allerdings nach Aktenlage erstellt wurde und Maria nicht lesen durfte. Auf mehrfache Nachfrage bekam Maria die Antwort, dass das Gutachten erst am Gesprächstermin eröffnet werde. Frank fand das unmöglich, er meinte, man muss ihr als Betroffene die Möglichkeit geben, sich auf das Gespräch vorzubereiten.

Die Leute von der Kranken- und Pflegekasse kannten wir schon von einem der letzten Male, die Sozialarbeiterin war auch dieselbe, allerdings war der Amtsarzt ein anderer. Ein Mann, geschätzte vierzig Jahre alt, nicht sehr groß, aber sehr kräftig gebaut, auf dem Kopf kaum Haare, sehr sonnengebräunt. Was mir erst später auffiel: Er hatte unter seinem Sweatshirt kein Oberhemd, dafür aber eine Krawatte. Und die war auch nur mit einem einfachen Knoten zusammengebunden. Es sah aus, als gäbe es eine Dienstvorschrift, nach der er bei Publikumsverkehr eine Krawatte umzubinden hat - und die hatte er damit erfüllt.

So standen wir mit acht Leuten in einem Treppenhausflur und warteten auf die Mitarbeiterin mit dem Schlüssel. Irgendwann kam eine Frau, geschätzte dreißig Jahre alt, mit einer Akte unter dem Arm, begrüßte uns. Sie habe Anfang des Jahres die Sachbearbeitung übernommen und freue sich, dass alle erschienen seien. Sie schloss den Raum auf, guckte vorsichtig um die Ecke. "Der ist frei, aber ich fürchte, wir müssen da erstmal aufräumen. Vier Leute mit Rollstuhl sprengt die Pläne des Architekten, der dieses Haus gebaut hat. Ich schlage vor, wir nehmen einen Tisch weg und räumen ein paar Stühle in die Ecke."

Der Mitarbeiter von der Krankenkasse zog sein Jacket aus, stopfte mit den Worten "nicht, dass ich mich hier noch stranguliere" seine Krawatte in den Kragen seines Hemdes und krabbelte unter den Tisch, um irgendwelche Verstrebungen zu lösen. Dann trugen der Arzt und der Krankenkassenmitarbeiter zwei Teile des Konferenztisches an die Seite und stapelten sie in der Ecke. So war genug Platz für alle, vor allem für Marias E-Rolli, der natürlich nicht so wendig ist wie ein handbetriebener Aktivrolli. Die neue Sachbearbeiterin stellte sich noch einmal für alle vor und meinte, es sollte jeder noch einmal kurz sagen, wer er ist und in welcher Funktion er heute hier ist.

Als das beendet war, ging die erste Frage der Sachbearbeiterin an Maria: "Wie geht es Ihnen?" - Maria antwortete kurz und knapp: "Vielen Dank, sehr gut." - Woraufhin die Frau von der Pflegekasse sagte: "Das muss ich gleich kommentieren: Mit Verlaub, das sieht man Ihnen an. Sie sehen sehr vital aus."

Die Sachbearbeiterin vom Sozialamt sagte: "Ich kenne Sie ja nicht von früher, aber insgesamt scheint es mir doch so, als wenn Sie das alles gut im Griff haben und sich in der Wohngruppe wohl fühlen. Ist das so?" - "Ja, auf jeden Fall. Kein Vergleich zu dem Pflegeheim, in dem ich vorher war. Ich komme mir vor wie ein völlig anderer Mensch."

"Schildern Sie mal ein wenig, wie Ihr Tag aussieht und wie Sie das mit der Hilfe koordinieren, bitte." - Maria schilderte.

"Sie haben ein Gutachten eingeholt, das mir seit heute vorliegt", sagte sie zur Sozialarbeiterin. "Es wäre schön, wenn wir das nächstes Mal etwas eher bekommen könnten."

Frank holte Luft, aber Maria war an dieser Stelle schneller. Auch wenn sie eher leise, langsam und verwaschen spricht, ging sie nicht unter: "Genau. Das fände ich auch schön. Ich möchte mich auch vorbereiten und mag sowas nicht als Überraschungs-Ei." - Während die bisherige Sachbearbeiterin eher ihrer Sozialarbeiterin beigestanden hätte, wurde hier schnell deutlich, wer den Hut trug: "Nächstes Mal also bitte etwas eher. Die Betroffene hat das Recht, ihr Gutachten vorher zu lesen, dem werden wir hier bitte auch gerecht", sagte sie und guckte der Sozialarbeiterin mit strengem Blick in die Augen. Die träumte eher gleichgültig vor sich hin.

Der Arzt guckte sich das Gutachten an. "Im Grunde steht da aber auch nur das drin, was wir hier auch schon gesehen haben. Ihnen geht es gut, Sie kommen zurecht. Sie haben mit den Mitteln gut gewirtschaftet, Sie sind mit Hilfsmitteln und Therapie optimal versorgt, wobei 'optimal' natürlich relativ auf ihre Behinderung zu sehen ist, aber ich wüsste nicht, was man besser machen könnte, oder fällt Ihnen noch etwas ein?"

Maria schüttelte den Kopf. Ihre langen lockigen Haare verdeckten ihre vor Aufregung knallroten Wangen. Dann sagte der Arzt: "Dann müssen wir das hier nicht künstlich aufblähen. Ich unterschreibe, dass das aus medizinischer Sicht so weiter gehen soll wie bisher, und dann würde ich gerne zu meinem nächsten Termin aufbrechen, wenn es keine Einwände gibt."

Die Sachbearbeiterin vom Sozialamt fragte in die Runde: "Wir würden die Leistung wie bisher weitergewähren, wenn die Pflege- und die Krankenkasse keine neuen Ideen haben." - "Haben wir nicht", sagte der Krankenkassenmitarbeiter, der inzwischen seine Krawatte wieder auf dem Hemdkragen geholt hatte. Die Mitarbeiterin der Pflegekasse schüttelte den Kopf.

"Dann machen wir Nägel mit Köpfen, kurz und schmerzlos. Sie bekommen von uns einen Bescheid, ich schlage vor, den Zeitraum auf zwei Jahre anzusetzen, irgendwelche Einwände?" - Allgemeines Kopfschütteln. "Sie müssen einmal im Vierteljahr wie gehabt die Belege einsenden, Sie müssen uns mitteilen, wenn sich was ändert, aber das steht alles nochmal im Bescheid. Und dann drücke ich Ihnen die Daumen, dass das alles weiter so gut klappt, bedanke mich und wünsche Ihnen einen guten Heimweg."

Halten wir fest: Es steht und fällt mit den Leuten, die den Fall bearbeiten. Sollte nicht so sein, ist aber so. Diese Sozialamts-Mitarbeiterin war wirklich auf Zack. Auf dem Handrücken trug sie den nicht völlig abgewaschenen Stempelabdruck einer St.-Pauli-Diskothek, in der sie vermutlich am Samstagabend war. Vielleicht hätten wir die bisherige Mitarbeiterin vorher auch mal dorthin schicken sollen...

Kommentare :

Laura hat gesagt…

Wie schön! Seit langem hab ich das Bedürfnis auch mal wieder zu kommentieren (in der Regel regen mich Kommentar zu sehr auf, ich hab mir abgewöhnt, die zu lesen), weil das soooo schön ist. Das hat gut getan nach dem heuten Tag :)

Anonym hat gesagt…

Endlich mal eine schnelle, positive Entscheidung! Ich freu mich sehr, dass es Maria so gut geht!

ednong hat gesagt…

Gut für Maria, wirklich. Aber halten wir mal fest:
Für dieses Ergebnis kommen 5 Mitarbeiter verschiedenster Institutionen sowie 2 "Zeugen" für Maria und sie selbst zusammen.

Ein Riesenaufwand, gerade da die Mitarbeiter sicher nicht wenig verdienen. Und natürlich zahlt das alles der Steuerzahler, auch ihr. Warum kann man sowas - wenn man denn schon ärztliche Gutachten nach Aktenlage erstellt - nicht auch einfach simpel auf dem Schriftwege machen? Einfach die Frage an Maria, ob sie was ändern möchte, ebenso an die Kassen. Und wenn alles übereinstimmt, läuft es so wie bisher.

Was für ein völlig überflüssiger Aufwand, den man ja auch gerade als Betroffener hat.

Aber immerhin hat sie jetzt 2 Jahre Ruhe. Das ist gut so.

Und ja, auch beim JobCenter steht alles mit den Bearbeitern und deinem Nasenfaktor. Egal, ob es irgendwelche Gesetze gibt oder nicht. Man geht halt erstmal davon aus, dass Otto Normalverbraucher ebendie nicht kennt. Ein absolut untragbares, albernes Verhalten. Aber gang und gäbe.

Anonym hat gesagt…

Super! Freut mich für Maria und Euch alle!

sven hat gesagt…

Ja, leider hast du mit der Einschätzung in deinem letzten Absatz Recht, Jule.
Oft genug wird von den Mitarbeitern der verschiedensten Ämter und Behörden vergessen, wessen Interessen sie zu vertreten haben.
Da wird Dienst nach Vorschrift gemacht und der für jeden Mitarbeiter vorhandene Ermessensspielraum aus Angst um den eigenen Arbeitsplatz auf Null heruntergefahren.
Besonders von Sozialamtsmitarbeitern wird sehr gern vergessen, was denn das kleine Wort "sozial" (von lat. socius „gemeinsam, verbunden, verbündet“) in ihrer Arbeitsstellenbezeichnung bedeutet.

Schön, zu lesen, dass es noch Menschen gibt, die ihren Beruf als Berufung verstehen.
Und noch schöner, zu lesen, dass es für die nächsten zwei Jahre eine "Baustelle" weniger für dich (das Studium ist gerettet ;-) ) und eine große Sicherheit für Maria gibt.

Sally hat gesagt…

Da bleibt mir eigentlich nur, zu gratulieren. :-)

Anonym hat gesagt…

Ach ist das schön so etwas zu hören. Man merkt erst bei solchen Beiträgen, dass es eine Seltenheit ist so etwas zu lesen. :-)

Ich hoffe, dass ich meine Hilfe nächste Woche auch weiter bewilligt bekomme.

Johanna hat gesagt…

Echt schön! Bin ja auch immer gespannt, was es Neues über Maria zu berichten gibt, hab damals schon mitgefiebert, als es um ihren Einzug bei euch ging. Also, ich freu mich, dass die Leistungen so entspannt und ohne Kampf weiter bewilligt wurden!

Olli hat gesagt…

Ich weiss nicht genau gerade wie es heisst das Lied, aber wenn ma alles gut ist, dann läuft bei mir im Hintergrund "So soll es sein, so kann es blieben" von Ich+Ich. Nicht nru aber gerade auch Maria wünsche ich davon drum einen fiesen Ohrwurm...

Daniela hat gesagt…

Das freut mich für Maria. Nach all dem Theater der Vergangenheit hat sie eine solche schnelle und unbürokratische Entscheidung mehr als verdient.

Klaus hat gesagt…

Na, ich gehe eher davon aus, dass sich hier deine Berühmtheit ausgezahlt hat. Die Brauchen auch nur 2 und 2 zusammenzählen, um zu sehen wer Maria ist, über die hier ständig berichtet wird.

Grundsätzlich ist die Struktur der Sozialämter so gestrickt, dass es die Hauptaufgabe dieser Behörden ist, die Leistungen zu optimieren. Oder anders ausgedrückt, sie sollen die Leistungen kürzen. Das ist politisch so gewollt. Dass man in dem Fall davon absieht liegt dann eher daran, dass man es sich auf der anderen Seite politisch nicht leisten kann hier einen Skandal zu provozieren. Sicherlich wird der eine oder andere Journalist hier mitlesen und im Zweifelsfall darüber berichten, was in den Sozialämtern so passiert. In der öffentlichen Meinung sind Sozialhilfeempfänger ja ansonsten alles nur Schnorrer und Betrüger, bei denen es berechtigt scheint möglichst die gesamte Hilfe zu streichen (die arbeiten eh schwarz und simulieren nur). Das würde bei einer Behinderten im Rollstuhl aber so einfach nicht funktionieren. Daher werden die hier sehr vorsichtig sein.

Das einzelne Mitarbeiter hier einen Einfluss haben halte ich für ausgeschlossen. Dazu sind die viel zu eng angebunden. Wer sich da verweigert, der findet sich schnell beim Sortieren von Akten wieder. Die müssen umsetzen, was von oben verordnet wird. Und das ist nun einmal, dass die Leistungen zu optimieren sind.

BigDigger hat gesagt…

Freut mich zu lesen, dass der Idiotenmagnet mal versagt hat...

Ich vermute mal, da hat das Alter der Sachbearbeiterin eine gewichtige Rolle gespielt, zusätzlich zu dem Umstand, dass es ja bereits eine gut laufende "Erprobungsphase" gegeben hat.

Entscheidend dürfte aber wohl das Alter gewesen sein, dass das so unkompliziert lief. Machen wir uns nichts vor - es gibt diesen Generationenkonflikt in den Köpfen eben: Bei den Nazis waren Behinderte noch lebensunwert, nach dem Krieg weichte das zwar etwas auf, aber Behinderte blieben nichtsnutzige Krüppel, dann wurden es nutzlose, aber nicht ernstzunehmende und mitleidverdiende Kostenfaktoren. Die aktuelle Generation ist immerhin so flexibel im Kopf, dass sie Behinderte zumindest als lebenswürdige Menschen mit Bedürfnissen begreifen kann, wenn es auch bis zu vollständiger Akzeptanz, bis zur "Normalität" auch noch mindestens eine Generation dauern kann - eher mehr.

Der Unterschied im Denken ist, dass es in der aktuellen Generation der Altersklasse, die in den Verwaltungsdienst eintritt, mehr Menschen gibt, die Behinderte als gleichwertig betrachten und es nicht als Schande ansehen, behindert zu sein. In deren Köpfen sind Behinderte keine Krüppel mehr, sondern eher Menschen mit speziellen Bedürfnissen. Das heißt nicht, dass alle so denken, aber definitiv mehr Menschen unter den U30-Jährigen als unter den U50-Jährigen oder angehenden Rentnern. Da ist dann die Bereitschaft weniger ausgeprägt, Widerstände aufzubauen, weil diejenigen sich ausmalen können, wie es wäre, wenn sie selbst betroffen wären. Älteren ist sowas eher fremd, vor allem dann, wenn sie von oben auf Behinderte herabschauen, so wie sie es gewohntheitsmäßig mit Migranten, Asylanten und Unterschichtlern tun.

Anonym hat gesagt…

Wo Klaus Recht hat, hat er Recht ;)

Dennis hat gesagt…

Hey Jule,

wow, endlich wurden Maria bei der Budgetkonferenz keine Steine in den Weg gelegt.

Liebe Grüße
Dennis