Sonntag, 3. Februar 2013

Halteverbot für Behinderte

Sie gehört nicht zu meiner täglichen Lektüre, aber in der U- oder S-Bahn liegt öfter mal ein Exemplar einer Tageszeitung herum, die sowohl im östlich an Hamburg angrenzenden Schleswig-Holstein als auch in einigen östlichen Hamburger Stadtteilen zu bekommen ist. Heute bekam ich ein solches in die Finger und staunte nicht schlecht, dass ein großer Artikel mit Foto die Leser aufklärte: "Halteverbot gilt auch für Behinderte!"

Der Artikel handelt von einem Fahrlehrer, der auch behinderte Menschen schult und gestern gegen 14 Uhr einen Kunden im Rollstuhl hatte. Damit dieser einsteigen könne, habe der Fahrlehrer den Fahrschulwagen im absoluten Halteverbot vor der Fahrschule geparkt und einige Zeit später von der Polizei, die ihr Dienstgebäude gegenüber der Fahrschule hat, ein Knöllchen über 10 Euro bekommen.

Der Fahrlehrer habe nun mit dem Beamten diskutiert. Er habe täglich Fahrschüler mit Behinderung und lasse seine behinderten Fahrschüler seit 14 Jahren, je nach Verkehrslage, auch im Halteverbot vor seiner Fahrschule einsteigen, weil es zu wenig Parkmöglichkeiten gebe. Der Fahrlehrer empfinde eine Diskriminierung behinderter Menschen. Der Beamte habe die Knolle nicht zurückgenommen.

Vielleicht hört sich das doof an, aber ich finde das gut so. Es gibt in der Straße mindestens zwei Behindertenparkplätze, einer direkt gegenüber vor der Polizeiwache. Auf dem kann doch sein Fahrschulwagen parken, wenn ein Rollstuhlfahrer eine Fahrstunde beginnt oder beendet. Und falls das aus irgendeinem Grund nicht klappt, muss man sich halt was anderes überlegen. Dreihundert Meter weiter ist eine Tankstelle. Einmal ums Eck ist eine verkehrsberuhigte Einkaufsstraße mit endlos breiter Ladezone - dort ist eingeschränktes Halteverbot, in dem Rollstuhlfahrer bis zu drei Stunden parken dürfen.

Als Rollstuhlfahrer wird der Fahrschüler noch tausende Male in die Situation kommen, in der er mit Mitmenschen konfrontiert wird, die auf "seinem" Behindertenparkplatz parken. Und wo er dann auf die Einhaltung der Regeln pochen muss, um ein- und aussteigen zu können. Ich finde es schwierig, von anderen Menschen korrektes Verhalten einzufordern, wenn man selbst mit schlechtem Beispiel voran geht. Und gerade als Fahrlehrer sollte man daran denken, finde ich.

Kommentare :

Rattapp1 hat gesagt…

Ohne die Komponente des eingeschränkt Seins, aber meine Fahrschule war auch gegenüber der örtlichen Polizeiwache. Und der Fahrlehrer parkte, wenn kein Parkplatz frei wahr, für das Ein- und Aussteigen (und Papiere ausfüllen/Termine eintragen) immer in zweiter Reihe. KEIN Polizist hat ihm je ein Knöllchen gegeben, das war ein Gentlemen Agreement.

Das selbe tagtäglich vor meiner Wohnung, in der Halteverbot gilt. Absolutes. Aber wenn jemand für das Ausladen auf dem Gehweg steht, dann gibt es da quasi nie etwas. Manchmal nichtmal bei stundenlangem Stehen oder über Nacht.

Die Polizei (hier kommt der Jurist durch) hat bei vielen Dingen nicht die Pflicht, sondern das RECHT zur Sanktionierung. Im Sinne eines vernünftigen Miteinanders kann manchmal das berühmte zugekniffene Auge die beste Lösung sein. Ganz unabhängig von einer Behinderung!

Tamani hat gesagt…

Also ich finde es kommt auch auf die Regelmäßigkeit an. Der Fahrlehrer scheint das ja mit System zu machen. Das könnte ich ggf. noch nachvollziehen wenn es keine Andere Möglichkeit geben würde. Da aber ja offenkundig zwei Behindertenparkplätze direkt gegenüber vorhanden sind verstehe ich das Vorgehen des Fahrlehrers nicht. Ich habe durchaus verständigt wenn, wer auch immer, auch mal im absoluten Halteverbot parkt (zumindest so lange dort niemand in der jeweiligen Situation direkt behindert wird. Sprich vor Feuerwachen ist ne ganz miese Idee...
ABer bei dem Fahrlehrer scheint es mir eher Bequemlichkeit seinerseits zu sein. Marke "wenn ich schonmal die "Möglichkeit" habe nutze ich sie auch". Und das ist im Grunde ja ähnlich egoistisch wie die Leute die unberechtigter Weise auf Behinderten Parkplätzen parken.

Und was Recht und Pflicht anbelangt: Immerhin hat die Polizei ja 14 Jahre lang beide Augen zugedrückt, bei berechtigen Ausnahmen gern ein Auge zugedrückt, meinetwegen auch beide. Aber nicht wegen der Bequemlichkeit des Fahrlehrers. Gerade bei ihm der eigentlich eine Vorbildfunktion erfüllen sollte.

Viele Grüße Tamani

Anonym hat gesagt…

Ich gebe Dir vollkommen recht.

Ein Hinweis noch (weil Du ja auch oft auf sprachliche Feinheiten achtest :-): Nicht Rollstuhlfahrer, sondern außergewöhnlich Gehbehinderte dürfen im Parkverbot stehen und es gibt auch keine 'Rollstuhlfahrerparkplätze', sondern Behindertenparkplätze. Das fällt zwar in der Praxis oft zusammen, aber eben nicht immer. Und deshalb werden zum Beispiel Eltern behinderter Kinder oder Menschen mit nicht offensichtlichen Behinderungen (starke Lungenschädigung, wartet auf Spenderlunge, Gehstrecke unter 50 Meter...) oft angepöbelt, weil sie (natürlich mit ihrem blauen Ausweis im Fenster) auf einem Behindertenparkplatz parken, obwohl sie ja gar keinen Rollstuhl haben...

Olli hat gesagt…

Ich bin auch Jules Meinungund finde es schweirig, wenn gemeint wird, aus "gutem Grund" (die armen Behidnerten müssen doch einsteigen) sich selber anmaßt, (Park-)Vorschriften als nicht mehr relevant einstufen zu können. Umso schlimmer, wenn wie Jule überzeugend schildert, hinreichend legale und bequeme Alternativen bestehen.
Den Fahrlehrer finde ich auch seltsam,w eil der freimütig ohne Not rückwirkend sehr viele Verstöße, zugegeben unbestimmt, zugibt. Meiner (gut, der hatte einen Anwalt ind er Familie) brachte mir eher bei, bei der Polizei außer Personalien niemals eine Aussage zu machen, ohne mich vorher mit einem Anwalt beraten zu haben.

Blogolade hat gesagt…

Dürfte der Fahrschulwagen denn überhaupt auf Behindertenparkplätzen parken? Klar, halten geht schnell, ein- und aussteigen auch aber so grundsätzlich brauchts dafür ja den Behindertenparkausweis, oder hat ein entsprechender Fahrschulwagen da Sonderberechtigungen?

jali hat gesagt…

@Blogolade: Mit ziemlicher Sicherheit darf der das: Die Fahrschule scheint sich ja darauf spezialisiert zu haben, auch Schüler mit Behinderungen auszubilden.
Da viele Gehbehinderte, wie z.B. Jule selbst, Umbauten im Fahrzeug haben, damit sie das Auto bedienen können wird der Fahrschulwagen sicher auch solche Umbauten haben.

Da wird es mit Sicherheit eine Sondergenehmigung geben, wenn ein Rollifahrer am Steuer sitzt. Wer einen Rollstuhl benutzt, muss ja auch erst mal lernen, wie man damit selbstständig aus dem Auto ein- und aussteigt, den Rolli verstaut und so weiter. Ich stelle mit vor, dass man das am Anfang auch alles erst mal üben muss. Wäre ja doof, wenn man dafür nicht die Behindertenparkplätze nutzen könnte.

Anonym hat gesagt…

Das Parken auf dem Behindertenparkplatz, wenn der 'Behinderte' fährt oder mitfährt ist auf dem Papier zulässig.

Aber wie ist das mit dem nachfolgenden nichtbehinderten Fahrschüler?
Darf der dann von dem Behindertenparkplatz wegfahren?
Darf das Auto ohne den 'Behinderten' überhaupt auf dem Behindertenparkplatz stehen bleiben?

Fragen über Fragen....

Jule hat gesagt…

@15.02.13 21.30

Gegenfrage: Soll das Auto bis zur nächsten Fahrstunde des behinderten Fahrschülers auf dem Parkplatz stehen bleiben? Und was ist, wenn er inzwischen den Führerschein hat und nie wieder mit dem Fahrschulwagen fahren muss?

Wenn ich mein Auto am Hauptbahnhof auf dem Behindertenparkplatz abgestellt habe und dann wegen zu viel Promille mit dem Taxi heim fahre, kann ich doch auch jemanden bitten, mein Auto nach Hause zu holen.

Solange mindestens beim Ein- oder beim Ausparken jemand drin saß, der einen blauen Parkausweis hat, ist alles in Butter.

Anonym hat gesagt…

Ich hab diesen Artikel auch gelesen. Noch etwas: Man muss überhaupt gar nicht durch einen Keller, um zu dem Parkplatz zu kommen, wo die anderen FAhrschüler aus- und einsteigen.

Ich finds auch gut, dass er das Knöllchen behalten hat.

Und jeder rollifahrende Fahrschüler kann einen blauen Ausweis haben, den er ins Auto legen kann, bis er wieder draußen ist. Insofern sollte die Benutzung der Behindertenparkplätze kein Problem sein...

Konstantin Gaal hat gesagt…

In österreich darf man mit dem behindertenparkausweis auch im halten verboten halten.