Samstag, 2. Februar 2013

Ich Kriege Einen Anfall

Weil Maria sich nun schon so lange ein Regal für ihr Zimmer wünscht, das man nicht online bestellen kann, und mindestens ebenso lange niemand ihrer Assistentinnen und Assistenten die Möglichkeit gefunden hat, es mal eben aus dem schwedisch-blauen Blechcontainer abzuholen, weil entweder die Zeit zu knapp oder kein Auto vorhanden ist, habe ich mich heute kurzerhand selbst auf den Weg gemacht und etwas getan, was ich absolut hasse. Nicht umsonst ist mir "Ich kriege einen Anfall" anstelle des Namens des Möbelhausgründers samt Wohnort lieber. Okay, ich weiß, man fährt ja auch nicht auf einem Samstag dorthin.

Auf dem hoffnungslos überfüllten Parkplatz beginnt das Drama: Ich sehe den letzten freien Rollstuhlfahrerparkplatz, stehe auf schon auf selber Höhe und muss nur noch nach links abbiegen, um ihn zu erreichen. Vorher aber noch den Gegenverkehr durchlassen. Also stehe ich in der Reihe Neundreiviertel, links blinkend, darauf wartend, dass das junge Mädel, das mir mit ihrem Ford Ka entgegen kommt, passiert. Mein Hintermann fängt zu hupen an und als ich darauf nicht so reagiere, wie er es sich erhofft, will er kurzerhand links an mir vorbei fahren. Als seine Schnauze auf Höhe meiner Fahrertür ist, muss er dann doch anhalten, weil ihm ja der Ford Ka entgegen kommt. So steht man sich nun gegenüber und schaut sich in die Augen: Nervöser Typ versus junges Mädel, schläfriger alter Opel Astra gegen die dreieckigen Kulleraugen eines Ka. Man hupt, man gestikuliert.

Da hinter dem Ka inzwischen ein weiteres Auto steht und hinter mir ebenfalls jemand wartet, bleibt fast nur noch eine Chance: Ich müsste meinen Parkplatz aufgeben und eine Runde drehen. Was aber auch nicht geht, weil just in diesem Moment derjenige, der rechts vor mir in der Parklücke steht, rückwärts auszuparken beginnt. So bin ich nun von allen Seiten eingekesselt. Es dauert so lange, wie der Radiosprecher braucht, um die kompletten Verkehrsmeldungen inklusive Flitzerblitzer und Abschleppterror vorzulesen, schätzungsweise zwei bis drei Minuten, bis zuerst der Fahrer hinter dem Ka zurück fährt, dann das Mädel mit dem Ka den Rückwärtsgang einlegt, dann erstmal der rechts vor mir ausparkt ... und wer denkt, man würde mich jetzt einfach mal in die Parklücke abbiegen lassen, hat sich getäuscht. Die Autos, die inzwischen hinter mir warten, müssen sich erst komplett an mir vorbei schlängeln. Als erstes kontrolliere ich nach dem Aussteigen alle meine linken Blinkleuchten. Aber alle sind in Ordnung.

Zwei Minuten später im Aufzug. Eine Frau um die 60 steht so elegant in der Tür, dass diese nicht schließt. Hämmert zum dritten Mal auf den Knopf und blubbert rum, warum das Ding nicht los fährt. "Ich glaube, ihre Jacke ist noch in der Lichtschranke", mache ich sie vorsichtig aufmerksam. Sie geht einen Schritt vor und siehe da: Die Tür schließt sich langsam. Noch während die Tür schließt, geht sie wieder einen Schritt zurück und liest ihrer weiblichen Begleitung das Plakat vor, das an der Kabinenwand hängt. Irgendein Menü, das es heute besonders günstig gibt. Die Tür öffnet sich wieder.

Es steigen noch weitere Leute ein. Schieben, drängeln, quetschen sich in die enge Kabine. "Sie da mit dem Rollstuhl, können Sie sich nicht quer reinstellen?", fragte eine Frau, ebenfalls um die 60.

"Nein", antworte ich bestimmt. Es ist jawohl scheißegal, zu welcher Wand ich parallel stehe. Zumindest vom Platz her. Die Frau sagt: "Stellen Sie sich doch mal quer hin, vielleicht passen dann noch paar mehr rein!"

"Dann fahre ich aber allen über die Füße. Vielleicht warten einfach mal ein paar Leute draußen oder nehmen die Rolltreppe?"

"Komm, wir nehmen die Rolltreppe", sagt ein Mann zu seiner Frau und bahnt sich seinen Weg nach draußen. Einige folgen ihm. Die Frau, die eben verlangte, ich möge mich quer hinstellen, drängelt sich bis zu mir durch und fängt an, wie von der Tarantel gestochen mit roher Gewalt an meiner Rückenlehne zu ruckeln und mit einer Hand meine Schulter zurück zu drücken. "Warten Sie, ich stell Sie richtig hin", sagt sie schnaufend. Muss ich mir das gefallen lassen? Nein. Mir platzt der Kragen und in einem energischen Tonfall gifte ich sie an: "Sie nehmen sofort Ihre Finger von mir, sonst fangen Sie sich welche!"

Völlig entsetzt starrt sie mich an. "Haben Sie mir gerade mit Prügel gedroht?"

"Ja, und das meine ich ernst. Was fällt Ihnen ein, mich einfach anzufassen?"

"Erlauben Sie mal, ich habe früher meine Mutter Jahre lang zu Hause gepflegt, ich weiß, wie man mit Rollstühlen umgeht! Meine Mutter war kurz vor ihrem Tod auch so störrisch, nur Sie sind noch so jung und haben Ihr ganzes Leben noch vor sich. Sie sollten mal eine Therapie machen, wer hat Sie so bloß rausgelassen?"

"Wo rausgelassen?", frage ich und ich merke, wie mein Adrenalinpegel steigt und mein Hals anschwillt. Rund ein Dutzend Leute steht mit in der Kabine und starrt abwechselnd mich und die Frau an, während nun endlich die Kabinentür schließt und der Aufzug sich brummend in Bewegung setzt. "Da raus, wo Sie jetzt her kommen. Was weiß denn ich, wo Sie leben: Alsterdorf, Rauhes Haus, Bodelschwinghheim, Internat ... für ein Pflegeheim sind Sie jedenfalls noch zu jung."

Ich kann nicht anders, antworte in meinem liebevollsten Tonfall: "Mich hat niemand rausgelassen. Wenn es nach den Tanten im Heim geht, darf ich noch nicht mal rauchen. Heute bin ich einfach mal abgehauen. Ich werde Hotdogs essen und Cola trinken bis mir schlecht wird. Und diesmal finden die mich nicht so schnell."

Auf meinem Schoß liegt mein Autoschlüssel. Keine Ahnung, ob sie mir glaubt, was ich da erzähle. Jedenfalls lächelt sie mich an. Dann endlich geht die Tür auf. Nichts wie weg.

Etwa zehn Minuten später, ich warte in einer Schlange, um mir das Regal aufschreiben zu lassen, da es das nicht im Mitnahmelager, sondern nur in der Warenausgabe gibt, treffe ich eine andere Frau wieder, die ebenfalls im Aufzug stand. Sie spricht mich an: "Also die Frau im Fahrstuhl war ja unmöglich! Mir hat es richtig die Sprache verschlagen, sonst hätte ich was gesagt. Aber das mit dem Hotdog, das fand ich richtig klasse von Ihnen."

Und während ich weiter warte, schlendert ein etwa zehnjähriger Junge an mir vorbei. Seine Eltern sagen irgendetwas in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Der Junge sagt einen Satz auf Deutsch, während er mich anguckt: "Das ist eine Behinderte."

Ich möchte brechen. Zwanzig Minuten später stehe ich an der Warenausgabe. Meine Nummer, die 105, wird aufgerufen. Ein länglicher Karton liegt seitwärts auf einem Wagen, wird mir ausgehändigt. Es wird ein wenig umständlich, aber irgendwie kriege ich diesen Wagen zum Auto geschoben. Allerdings: "Könnten Sie mir den Karton bitte längs auf den Wagen legen? Dann kann ich das besser schieben."

Ein dunkelhäutiger Mann, der ebenfalls auf seine Ware wartet, drückt seiner Begleiterin alle möglichen Zettel in die Hand, kommt zu mir und fragt: "Soll ich Ihnen das eben schnell zum Auto schieben? Wir müssen hier sowieso noch warten. Wäre kein Problem."

"Wenn es Ihnen nichts ausmacht, das wäre mir eine große Hilfe", antworte ich. Der Typ schiebt meinen Wagen zu meinem Auto. Ich öffne den Kofferraum. "Ah, ein Touran, schönes Auto. Ich habe auch so einen, aber meiner ist schon älter."

So ein netter Mensch. Krabbelt in meinen Kofferraum, um die Sitze umzuklappen. Schlägt den Karton noch in eine Decke ein, damit da nichts verschrammt oder zerkratzt ... das hätte ich ja nicht mal gemacht. Aber nun: Schnell zurück ins Heim, bevor mich einer beim Colatrinken erwischt!

Kommentare :

Jakob hat gesagt…

Cola ist schlecht für die Zähne, und von Hot Dogs wird man fett, wenn man immer nur im Rollstuhl rumhockt und sich schieben lässt. Da haben die Tanten im Heim ganz recht, wenn sie dich vor den Gefahren der Welt da draußen bewahren wollen ;)

Sind ja mal wieder super Menschen, die du ertragen musst. Vielleicht solltest du mal versuchen, deinen Idiotenmagneten umzupolen, (solange er dann nicht auch die wirklich hilfsbereiten Leute abstößt)...

Niklas hat gesagt…

Vielleicht solltest du einen Flammenwerfer mitführen. Das ist in Situationen wie der im Aufzug auf Dauer sicher befriedigenderer.

BigDigger hat gesagt…

Tja, hättste damals aufgepasst und nicht der alten Trulla vors Auto gelaufen, hättest Du jetzt keinen Idiotenmagneten unterm Arsch...

^.^

(Du weißt, wie ernst ich das meine...)

Echt unbe-fucking-lievable, wie zielsicher Du solche Leute triffst. Wobei: Wenn Du selber weißt, dass man nicht am Samstag zu den Kötzbüllarn fährt...

Olli hat gesagt…

Impertinente Können Einen Aufregen
Intelligente Können Es Aufbauen
Introvertierte Kriegen Erstmals Außenwirkung

und sicher noch mehr sowas, auch wenn es mir gerade nicht einfallen will.
Hmmh,
Interessierte Können Es Ausdenken

Der Point. hat gesagt…

Zum Glück endete der Besuch dort noch mit einer netten Begegnung :)

Andrea hat gesagt…

Hi Jule,
wenn ich das lese, dann denke ich immer wieder, so doof können andere Menschen nicht sein. Sowas gibt es doch nicht, oder !?
Ob Rollstuhl oder Kinderwagen - voll ist voll und dann läßt man den Fahrstuhl zügig abfahren, damit er bald zurückkommt.
LG
Andrea

Anonym hat gesagt…

Unterschreib ich sofort. Ich habe gestern im Einkaufscenter gestanden, sieben Aufzüge bringen die Leute zum Parkdeck. Ich hatte einen großen Karton auf dem Schoß, es war proppevoll. Glaub mal nicht, dass irgend jemand seinen Egoismus unter Kontrolle hatte. Ohne Wachdienst, der irgendwann mich zuerst in eine Kabine fahren ließ, hätte ich dort bis 20 Uhr gestanden, weil immer alle sofort die Kabine stürmten und als ich dann da ankam, war sie voll und alle zuckten nur noch mit den Schultern.

Ich musste dann bis zum 4. Stock mit durchfahren und dann wieder runter in den 2., weil mich auch keiner rausgelassen hat. Ich werde nie wieder samstags einkaufen und nie wieder in diesem Laden. Das habe ich mir geschworen.

Wolfy hat gesagt…

Ich werde wohl nie verstehen, warum man als Fußgänger ohne Schiebezeugs (Kinderwagen, Einkaufswagen, Rollstuhl, diversen Gehhilfen inklusive Krücken, etc) lieber den Fahrstuhl als die Rolltreppe nimmt. o.O

Aber ok, ich hab ja auch Angst vor den Kästen und laufe auch lieber 20 Stockwerke auf der normalen Treppe als mit den Kasten zu fahren - wahrscheinlich liegt es daran.

Anonym hat gesagt…

Ach Jule, vielleicht solltest du in Zukunft einfach mal klipp und klar sagen, was du nicht in Ordnung findest. Das Problem ist nämlich, dass diese Trulla sich ihrer Schuld immer noch nicht bewusst sein wird, weil sie deinen Humor nicht verstanden haben wird. Und damit macht sie das beim nächsten wieder wie selbstverständlich. Wir lesen den Text, verstehen es, aber Leute, die so dreist sind, begreifen den Wink mit dem Zaunpfahl nicht.

So und das nächste Mal holst du das schöne Zeugs gegen Mittag, am besten einen Dienstag. Ich hab mich um diese Zeit schon richtig einsam im blauen Blechcontainer gefühlt ;-)

Daniela hat gesagt…

Oh Himmel, ich wußte gerade nicht, ob ich lachen oder weinen soll, bei Deinem Bericht. Lachen, wegen Deiner Antwort mit den Hotdogs und weinen, weil die Menschen einfach so was von bescheuert sind.

Gut, daß es dann immer wieder Menschen wie den Helfer gibt, der dir das Paket ins Auto gelegt hat, das rückt doch das Weltbild immer wieder etwas ins Lot, bis zum nächsten Deppen der es umkippt.

Anonym hat gesagt…

Mit dem Idiotenmagnet auf Höchstleistung am Samstag ins kleine Elch-Abenteuer. Dass das einen Blog-Eintrag geben muß, kann man sich an ein bis zwei Fingern abzählen. Von Freitag nachmittag bis Samstag abend halte ich mich von den Elchen so fern, wie es nur geht, auch ohne Idiotenmagnet.

Tux2000

Rosa hat gesagt…

Ich hab in dem Laden zu Studienzeiten mal gejobbt, da braucht man keinen Idiotenmagnet, um Idioten zu treffen ;-)
Wenigstens war die letzte Begegnung nett.

jali hat gesagt…

@Niklas: Flammenwerfer im Aufzug? Ich weiß nicht, bringt nur was wenn man draußen steht. Drinnen geht das glaube ich nach hinten los...

@Anonym: Ich kann verstehen, dass Jule inzwischen keinen Bock mehr hat, irgendwelchen fremden Leuten die einfachsten Benimmregeln beizubringen. Es nutzt ja auch nichts, die werden davon ja nicht klüger. Da ist ein doofer Spruch, der die Idioten zum Schweigen bringt, besser. Bringt die Deppen zwar auch nicht zum Denken, aber man hat wenigstens seine Ruhe.

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule,
ich finde Deinen Blog super. Und die Frau im Aufzug kann froh sein, dass ich nicht mit drin stand, das ist ja unmöglich!
Kann man in solchen Situationen nicht zurückfragen so in der Art von: "Sie fassen hier niemand anders ungefragt an oder kommen auf die Idee, Leute einfach umudrehen, wieso mich? Ich glaube, Leute fangen oft wenn überhaupt nur an zu denken, wenn man sie sehr konkret fragt oder sie feststellen, dass sie sehr offensichtlich für alle etwas falsch gemacht haben?
Mich würde Deine Meinung interessieren, bzw. wie oft Du es so versucht hast...
Und ganz rein rechtlich, gibt es da irgendsoeine Handhabe, wenn Leute Dich ungefragt angrabschen, rumschieben, was weiß ich?
Das ist ja wirklich unmöglich...
Aber ich finde Deinen Blog super, mag Deinen Schreibstil sehr gerne und empfehle ihn oft weiter. Was ich aber ein klitzekleines bisschen vermisse, ist etwas mehr Alltag. Ich habe das Gefühl, dass immer mehr Idiotenmagnetensachen es in Deinen Blog schaffen und man dafür auch als regelmäßiger Leser nicht mehr so mitbekommt, wie Du Dich entwickelst - das fand ich gerade am Anfang super cool zu lesen, und immerhin hast Du ja jetzt zB das Studium und ich bin mir sicher, da gibt's auch extra-Hürden oder uninnige Vorschriften, die es Dir und Marie schwer machen? Wie geht Ihr damit um?
Weiter so, Laura

Dennis hat gesagt…

Hallo Jule,

die Frau im Fahrstuhl war ja ziemlich dreist. Nach Deiner Beschreibung, wie voll es dort immer an einem Samstag ist, bin ich froh noch nicht diesem Geschäft gewesen zu sein.
Der hilfsbereite Mann passt sehr gut in deiner Beschreibung von einem Urlaub.
Aber zumindest hast du trotz der Frau und der fülle in dem Geschäft Maria eine große Freude bereitet.

Liebe Grüße
Dennis

Schattenlos hat gesagt…

Ich weiß ja nicht wie das bei euch im Norden ist - aber hier in Sachen ist "Typ" eine ziemlich abfällige Bemerkung - und dann auch noch für jemanden, der einem hilft ... Aber wie gesagt, vielleicht ist das im Norden anders.

Jule hat gesagt…

@Schattenlos: Das muss im Norden anders sein. Oder zumindest in bestimmten Kreisen. Für mich ist "Typ" eine genauso neutrale Bezeichnung eines Mannes wie "Kerl" oder eben "Mann". Mehrere "Typen" sind übrigens bei mir "Jungs", solange sie unter 30 sind. Vom Alter, nicht von der Anzahl. :)

Aber es ist immer wieder interessant zu sehen, dass es ganz schnell eine Differenz zwischen dem geben kann, was ich meine, und dem, was du verstehst.

Wobei "du" jetzt nicht explizit "Dich" persönlich meint, sondern eine freundliche Alternative für ein eigentlich neutral gemeintes aber schnell abwertend verstandenes "jemand" sein soll. :)

lia hat gesagt…

Hallo, nach ewigem Lesen des Blogs und nun nochmaligem Stöbern im Tag "Einkaufen" stoße ich auf diesen Post.. Es gibt Zufälle im Leben :D
Liebe Grüße von der Ford Ka-Fahrerin