Freitag, 22. Februar 2013

Lebensrecht

Mein Freitagabend ist schnell vorbei und wird vor dem Fernseher enden. Es dauert im Allgemeinen verdammt lange, bis meine Geduld zu Ende ist, aber es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die finde ich so schlimm, dass ich sie nicht ertragen möchte.

Es fand eine Party von einer Sportkollegin statt. Sie trainierte früher in meinem Verein, hat aber in etwa zu dem Zeitpunkt aufgehört, als ich mit dem Triathlontraining begonnen habe. Einige von den älteren Hasen kennen sie noch intensiver als ich. Trotzdem hat sie auch mich zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen, was ich sehr nett fand. Es waren viele Leute da, viele Rollstuhlfahrer. Die Gastgeberin selbst sitzt nicht im Rollstuhl, hat aber nach einem Autounfall beide Beine unterhalb der Knie amputiert bekommen. Sie kann im Alltag mit Prothesen laufen.

Sie wohnt noch zu Hause, studiert, soweit ich weiß. Sie hat uns nett begrüßt. Wir haben einen Moment gequatscht, dann meinte sie, wir sollten uns doch mal an dem Buffet bedienen. Das sah alles ganz lecker aus, wir setzten uns mit einem Teller an einen Tisch wo zur Hälfte Leute saßen, die wir vom Sport kannten, aber auch einige unbekannte Leute.

Nach einiger Zeit setzt sich der Vater der Gastgeberin mit an den Tisch und folgt interessiert der Unterhaltung. Ein Sportkollege wird von einem anderen Gast halb auf Smalltalk-Ebene, halb aus tatsächlichem Interesse gefragt, was für Hobbys er hat und was er beruflich macht. Er erzählt, dass er im öffentlichen Dienst arbeitet und aktuell mit seiner Frau ein Haus baut. Jemand fragt, ob es Kinder geben soll - und das ist, sollte man wissen, eine Frage, mit der man bei Rollstuhlfahrern leicht in verschiedene Fettnäpfchen treten kann.

Mein Sportkollege antwortet, dass seine Frau und er sich entschieden haben, keine eigenen Kinder in die Welt zu setzen, weil sie das Kind nicht der potentiellen Gefahr aussetzen wollen, auch seine neurologische Erkrankung, aufgrund der er im Rollstuhl sitzt, zu bekommen. Seine persönliche Entscheidung, klar und freundlich erklärt - bis dahin noch alles gut. Spätestens jetzt würde einem aber jeder davon abraten, dieses Thema unvorbereitet zu vertiefen. Und mit "unvorbereitet" meine ich, dass es Leute gibt, die sich noch nie Gedanken über dieses Thema gemacht haben. Was ja auch okay ist - ich will nun gewiss nicht darauf hinaus, dass jeder sich schonmal mit vererbbaren Erkrankungen beschäftigt haben sollte, nebst aller Überlegungen, die betroffene Eltern anstellen könnten. Ich erwarte nicht mal, dass deutsche Bürger die deutsche Geschichte kennen sollen. Aber immerhin hätte zweites mehr als einen Anlass geliefert, sich vielleicht mal dem Thema gedanklich anzunähern. Wenn also der Vater mit der These in die Diskussion einsteigt, Menschen mit vererbbarer Behinderung sollten generell keine Kinder bekommen, hätte er zumindest wissen können, dass er sich damit in unruhiges Fahrwasser begibt.

Ich drücke mich bewusst so zurückhaltend aus, weil ich eben auch jedem Menschen das Recht auf eine eigene Meinung zugestehen möchte. Seine Meinung war: "Ich finde es aber anerkennenswert, dass Sie bemüht sind, der Evolution hier zu helfen. Ich denke jedoch, dass sich die Natur hier langfristig selbst helfen wird und den Fehler insgesamt korrigiert. Man muss wissen, dass Evolution immer über einen langen Zeitraum zu betrachten ist und das Dasein von Menschen mit Behinderungen eben keinen Willen der Evolution, sondern einen kurzfristigen Wildwuchs darstellt, der sich bald von alleine korrigiert."

Der Sportkollege hat sich natürlich sofort distanziert und gesagt, dass er sich mit seiner Partnerin zusammen für sich persönlich entschieden hat, keine eigenen Kinder zu bekommen, um das durch ihn gezeugte Kind nicht dem deutlich erhöhten Risiko einer schweren neurologische Erkrankung auszusetzen. Das sei und bleibe aber seine persönliche Entscheidung.

Wenn nun dieser Vater nicht zurückrudert und seine Haltung auch nicht korrigiert, kann ich nicht länger auf dieser Party bleiben. Ich finde es unerträglich, neben einem Menschen, und dann auch noch als Vater der Gastgeberin, zu sitzen, der (dazu noch in Gegenwart Betroffner) die Ansicht vertritt, bei Menschen mit vererbbaren Erkrankungen handele es sich um einen Fehler der Evolution. Einerseits finde ich es schon sehr beschränkt, sich anzumaßen, die Evolution bewerten zu dürfen, andererseits lässt sich das keinesfalls mit meiner Sicht der Dinge auf einen Nenner bringen. Ich vertrete die Ansicht, dass alles, was lebt, eben aus der Tatsache, dass es lebt, ein Recht zum Leben hat.

Kommentare :

Sally hat gesagt…

Tja... Dann sollte ich mir wohl ganz schnell überlegen, dass ich niiiemals Kinder bekommen möchte. Es wird nämlich behauptet, Frühchen hätten ein höheres Risiko, selbst Frühchen zur Welt zu bringen. Also ist meine Zukunftsplanung diesbezüglich natürlich sofort abgeschlossen.

(Ob es da tatsächlich einen Zusammenhang gibt, wird noch erforscht.)

Traurig, dass manche Menschen tatsächlich so denken.

jacob hat gesagt…

da hat der vater wohl gut im eugenik-unterricht aufgepasst...
aber mach dir keinen kopf. war die richtige entscheidung, dass du gegangen bist. diskutieren kannst du mit so einem freizeiznazi nicht. und alle anderen möglichkeiten der auseinandersetzung würden nur konflikte mit dem stgb heraufbeschwören ;) von daher, mach dir einen schönen abend vor dem fernseher :)

Matze/Nachholer hat gesagt…

Ich sag nur Magnet. :/ Und ich hätte die Tragweite wahrscheinlich noch nicht mal in diesem Ausmaß erfasst.
Ein "Fanboy".

Tamani hat gesagt…

Und schon wieder so ein schöner Abschlusssatz. Ich finde schon die ganze Pränataldiagnostik ganz schlimm. Da werden Kinder umgebracht nur weil sie ein Chromosom zu viel haben oder aber die Nackenfalte zu dick sein könnte (mal etwas überspritzt ausgedrückt). Niemand hat das Recht über Leben und Tod zu entscheiden. Je nach Behinderung mag es sicherlich sinnvoll sein sich zu überlegen ob man eigene Kinder in die Welt setzen möchte oder nicht. Aber ob ein Kind nur deswegen ein "gutes" Leben hat oder nicht, das muss doch stark bezweifelt werden. Ich persönlich würde dem sogar ganz entschieden widersprechen.
Und was die Evolution betrifft: es ist doch so, dass jede Veränderung, egal ob nun Behinderung oder das Super-Gen schlechthin: im Grunde sind es alles nur eine Reihe von Mutationen.

Viele Grüße

Tamani

Cem hat gesagt…

Hallo Jule, als du dich noch damit beschäftigt hast, ob dich die Bahn mitnehmen muss, konnte ich dich sehr gut verstehen. Inzwischen haben aber die Inhalte deines Blogs und anscheinend auch deines Lebens gewisse Ausmaße angenommen, die ich mal vorsichtig als widerlich bezeichnen möchte, vor allem wegen der Konsequenzen, die du in theatralischer und komplizierter Weise aus einfach zu verstehenden Sätzen ziehst.

Der Mann hat gesagt, dass er glaubt, die Natur wird Menschen mit einer bestimmten vererbbaren Behinderung langfristig keine Überlebenschancen einräumen. Damit ist nicht gemeint, dass einzelne Geschöpfe, die jetzt auf der Welt sind, kein Lebensrecht hätten, sondern damit ist gemeint, dass sie sich langfristig nicht durchsetzen können und irgendwann aussterben. Natürlich nicht, solange es uns gelingt, Milliarden von Euro für die Teilhabe von Randgruppen aufzubringen.

Jule hat gesagt…

... was ja auch "Geschöpfe" der Evolution höchstpersönlich tun, oder?!

Stefan hat gesagt…

Baaah, du widerliche Behinderte, kümmere dich gefälligst darum, wann die Bahn fährt und nicht um dein persönliches Lebensrecht oder das deiner Artgenossen! Dass WIR euch nicht mehr töten, dass WIR euren Käfig aufgesperrt haben, das geschah alles unter der ungeschriebenen Bedingung, dass IHR diese freiwilligen Gesten auf Ewigkeit zu schätzen wisst und allenfalls zurückhaltende Forderungen stellt!

Liebe Jule. Die Entscheidung, die Party zu verlassen, war konseqent und der von dir formulierten Ansicht vollends geschuldet. Ich muss allerdings gestehen, dass ich nur wenige Menschen kennen gelernt habe, die, egal ob selbst von einer Behinderung betroffen oder nicht, eine solche Ansicht in deinem Alter so klar und so offen formuliert haben.

Ich ziehe meinen Hut.

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule, ich wäre nie so tief mit dir in eine Diskussion gegangen, aber du hast damit angefangen. Du sprichst jedem Lebewesen ein Lebensrecht zu. Was ist aber, wenn dieses Lebewesen nicht alleine lebensfähig ist? Es gibt viele Menschen mit angeborenen Behinderungen, die nur deshalb leben, weil die gesunden Menschen um sie herum sie versorgen. Meinst du nicht, dass diese gesunden Menschen dann ein Mitbestimmungsrecht haben, was mit ihrem Geld und ihrer Arbeitskraft geschieht?

Jule hat gesagt…

@12.11: Was meinst du mit "nicht alleine lebensfähig" genau und wie soll deiner Meinung nach das Mitbestimmungsrecht aussehen?

Philipp hat gesagt…

Ich muss dir recht geben.

Mir fällt es schwer zu glauben dass man sich als Elternteil eines ebenfalls behinderten Kindes (Ok, nicht angeboren, aber trotzdem)so äußern kann.

Auch Ich bin der Meinung das ein jeder ein Recht auf Leben hat und Ich denke dass man aus deiner Schilderung entnehmen kann dass das betroffene Paar sehr genau weiß was es tut.

Doch was sich diese Person auf der Party da geleistet hat geht auf keine Kuhhaut.

Ich kann ein Fremdschämen in dieser Situation sehr gut nachvollziehen. Mir wäre es nicht anders gegangen.

Manchmal sollte man eben einfach mal zwei Minuten nachdenken, bevor man den Mund aufmacht.

Ich wünsche dir ein Schönes Wochenende,

Philipp

Mike hat gesagt…

Hi
@Cem: Du gestattest, dass ich insbesondere deinen Satz über die Milliarden für die Randgruppen dezent wiederwärtig finde.

Zum Thema:
Bereits die Aussage; dass Evolution einen wie auch immer gearteten "Willen" hätte, zeigt von einem tiefen Unverständnis gegenüber der Evolutionstheorie.
Die Evolution im Naturwissenschaftlichen Sinn kennt kein Ziel, hat keinen Willen, und auch keinen tiefergehenden Sinn, sie macht somit auch keine "Fehler". All diese Ansichten sind anthropozentrischer Unfug. Ist so, lebt damit.
Über die Evolution ist eh soviel Unfug in Umlauf, damit könnte man vermutlich ein paar Blogposts füllen.

Zum Thema "Kinder von Erbkranken kann man eigentlich nur ganz klar sagen, dass dies immer und stets die Entscheidung der Eltern sein muss. Egal ob sie sich dagegen entscheiden, dafür oder für Präimplantations/Pränatale Diagnostik mit anschliessender Entscheidungsfindung bzgl. Abtreibung oder nicht.
Egal wie die persönliche Meinung dazu ist, es muss toleriert werden!
(Toleranz bedeutet ja, das schwer Erträgliche zu ertragen).

Die Gesellschaft darf nicht in die reine Fatalitätsfalle laufen (so wie es ist, ist es gut, Gottes Wille, whatever) aber auch nicht in den eugenischen Wahn verfallen und alle ausmerzen zu wollen, was nicht dem genetischen Idealbild entspricht.

natürlich ist das Thema "Eugenie und Gentechnik" ein heisses Eisen, an dem man sich eigentlich nur die Griffel verbrennen kann.
Und moralische Ansichten (um die es hier ja im Kern geht) verändern sich auch mit der Zeit und mit den technischen/wissenschaftlichen Möglichkeiten.

LG
Mike

Anonym hat gesagt…

Um es mit den "Ärzten" zu sagen "Lass die Leute reden, denn wie das immer ist:
Solang die Leute reden, machen sie nichts Schlimmeres ..."

"Man muss wissen, dass Evolution immer über einen langen Zeitraum zu betrachten ist und das Dasein von Menschen mit Behinderungen eben keinen Willen der Evolution, sondern einen kurzfristigen Wildwuchs darstellt, der sich bald von alleine korrigiert."

Wer von einem "Willen der Evolution" spricht, hat die Evolutionstheorie nicht verstanden, sondern ist in der Philosophiegeschichte über Schopenhauer/Nietsche nicht hinausgekommen und zwar bestenfalls. Vielleicht auch schon bei Hegel hängengeblieben. Eine meiner Standardfragen an solche Leute: "Sie denken also, die Evolutionstheorie meint, dass Beine für das Überleben in der Schwerlosigkeit zukünftiger Raumstation das wichtigste Organ sind?"

Von einem Moderator editiert.

Anonym hat gesagt…

Ich muss ehrlich sagen, dass ich seine Meinung verstehe und dass ich nicht finde, dass sie IRGENDWAS mit Nazionalsozialismus zu tun hat. Für mich war er nur ziemlich unsensibel, die so auszusprechen, gerade in dem Rahmen.

Aber Fakt ist nun mal, dass "survival of the fittest" kein menschenfeindliches, ausgedachtes Konzept ist. Es sagt nur, dass in freier Natur (und darauf bezieht sich die Evolution ja) Tiere, die allein nicht überlebensfähig, oder generell benachteiligt (beim Finden von Nahrung, Flüchten vor Feinden, Werben um Paarungspartner) sind, auf die Dauer nicht überleben.
Jede Spezies hat dabei gewisse Merkmale, die das Überleben dieser Spezies sichern.
Daher ist es evolutionstechnisch einfach höchst unwahrscheinlich, dass ein genetischer Defekt, der einen Menschen im Rollstuhl sitzen lässt, sich durchsetzt -das bezieht sich auf die Menschheit als Ganzes. Evolutionstechnisch gesehen werden nicht funktionierende Beine niemals ein Merkmal der Spezies Mensch sein.

Ich denke, dass es DAS ist, was dieser Mensch ausdrücken wollte. Das gilt aber nicht nur für Menschen mit Behinderungen...selbst Brillenträger wären, wenn man nur auf natürliche Evolutionsprozesse schauen würde, nicht fähig, sich in der Evolution durchzusetzen.
Wir Menschen haben nur einige Wege gefunden, die Evolution auszutricksen und das ist gut so. Niemand will einem Individuum sein Lebensrecht absprechen!

Für mich ist die Aussage des Mannes nicht diskminierend, nur unendlich dämlich platziert und ausgedrückt gewesen.

TineHappy hat gesagt…

Also bei manchen Menschen kann man sich nur an den Kopf fassen.
Echt unglaublich. Es ist doch wirklich die freie Entscheidung eines jeden ob er noch Kinder haben möchte oder nicht. Ich werde unter Umstanden (MD Typ 1 Verdacht)auch keine Kinder haben wollen. Wenn sich der Verdacht bestätigt würde ich es meinem Kind nicht zumuten wollen, da es dann auch sehr umstritten ist ob es lebensfähig wäre.
Andere würde vielleicht denken, naja eine Chance von 50 Prozent, wir können es ja versuchen und wenn nicht werden wir es auch lieben wie es ist!
Und das sollte echt jeder für sich selber entscheiden!

Ich wäre da auch sofort verschwunden und hätte auch gar nicht erst meine Meinung erzählt, denn dieser Mensch ist ja doch sehr von seiner Meinung überzeugt gewesen.

Anonym hat gesagt…

"Ich muss ehrlich sagen, dass ich seine Meinung verstehe und dass ich nicht finde, dass sie IRGENDWAS mit Nazionalsozialismus zu tun hat."

Es ist ja anscheinend von ihm selbst eine Klarstellung erfolgt, dass es ihm darum geht, lieber gesunde, als behinderte Kinder in die Welt gesetzt zu sehen.

"Es sagt nur, dass in freier Natur (und darauf bezieht sich die Evolution ja)"

Was ist denn "freie Natur"? Z.B. ist klassische Züchtung nichts anderes als angewandte Evolution.

"Tiere, die allein nicht überlebensfähig, oder generell benachteiligt (beim Finden von Nahrung, Flüchten vor Feinden, Werben um Paarungspartner) sind, auf die Dauer nicht überleben."

Geht es hier jetzt um einzelne Tiere oder um die Gesamtmenge der Tiere als Mitglieder einer Spezies? Und was heißt "überlebensfähig" für ein einzelnes Tier, schließlich sterben bislang alle höheren Tiere.

"Jede Spezies hat dabei gewisse Merkmale, die das Überleben dieser Spezies sichern."

Sofern sie nicht ausgestorben ist oder aussterben wird. Wir sehen immer nur ein "biased sample": diejenigen, die zur Zeit (noch) überleben. Sicher ist da erstmal gar nix.

"Wir Menschen haben nur einige Wege gefunden, die Evolution auszutricksen und das ist gut so."

Naturgesetze lassen sich nicht austricksen, es ist lediglich so, dass es keinen Naturgesetzen widerspricht, dass Menschen ohne funktionierende Beine leben. Auch widerspricht es keinen Naturgesetzen, dass sie sich fortpflanzen. Wer argumentieren will, dass sich eine solches Merkmal nicht durchsetzt, wird daher schon etwas mehr an Argument bringen müssen, als nur auf Evolutionsmechanismen per se zu verweisen. Es wird etwa vermutlich von Eigenschaften des Ökosystems abhängen, ob das Merkmal langfristig verschwindet oder sich durchsetzt.

Anonym hat gesagt…

"Und das sollte echt jeder für sich selber entscheiden!"

Derjenige, der erst noch auf die Welt kommt kann das nicht entscheiden. Eltern sollten sich schon bewusst sein, dass ihr Kind ein eigener Mensch ist, der trotz aller Liebe doch lieber laufen können würde.

Anonym hat gesagt…

@0.55

Wenn du eine enge Freundschaft hast zu Menschen mit angeborener Behinderung, dann ist das Verhältnis möglicherweise stabil genug, um genau diese Frage zu stellen: "Hättest du gewollt, dass deine Eltern dich abtreiben?"

Bisher habe ich noch von keinem, mit dem ich über dieses Thema reden konnte, ein "Ja" als Antwort bekommen, nicht mal ein zögerliches "Nein".

Wenn Eltern aussuchen dürften, ob ihr Kind lieber laufen kann oder lieber im Rollstuhl sitzt, ist wohl klar, wie sie sich entscheiden. Ob nun aus eigener Motivlage oder im Interesse des Kindes. Aber wenn ich im Willen des Kindes entscheiden soll, ob ich es töte, weil es nicht laufen kann - kommt für mich nicht in Frage.

Ich sehe es zwar genauso, dass die Eltern im Sinne des Kindes zu entscheiden haben, aber die Entscheidung kann damit nicht zur Abtreibung oder Tötung fallen. Verhütung, ja.

Anonym hat gesagt…

@ 0:45

Natürlich tricksen wir die Evolution aus. In unserer Spezies überleben Merkmale und Individuen die ohne von uns geschaffene Hilfsmittel nicht überleben könnten. Ein Tiger, der von Geburt an gelähmt es ist, wird nicht überleben. Darüber braucht man doch gar nicht zu diskutieren? Und das Beispiel kann man jetzt mit unedlich vielen Arten und auch genetischen Defekten (oder Unfällen) fortführen.
Wir Menschen sind die einzige Spezies, deren Individuen trotz solcher "Mängel" überleben. Wir, als Spezies, sind unnatürlich.

Freie Natur heißt eben freie Natur. Klassische Züchtung ist ein von Menschen erschaffenes Konzept, das nicht der natürlichen Ordnung entspricht (wir züchten Merkmale, die der Spezies nicht förderlich sind, was man gerade bei überzüchteten Haustierrassen deutlich sieht).

Wie gesagt, der Mann hat sich dämlich ausgedrückt und ich streite auch gar nicht ab, dass da noch eine tiefergehende, falsche Meinung hinter steckt. Aber die Aussage, dass die Evolution ohne unser Gegenwirken einschränkende, genetisch vererbbare Merkmale ausmerzen würde ist nicht von der Hand zu weisen und vor allem absolut wertungsfrei einzelnen, aktuell lebenden Individuen gegenüber,

Anonym hat gesagt…

Der Typ hat ganz klar davon gesprochen, bei "Menschen mit vererbbaren Erkrankungen handele es sich um einen Fehler der Evolution". Das heißt, die Tatsache, dass ihm jemand gegenübersitzt, der eine vererbbare Krankheit hat, ist ein *Fehler* der Evolution - so eine Aussage ist faschistoid und damit unerträglich.

jali hat gesagt…

Liebe Mitkommentatoren,

ich bin immer wieder erschrocken über das Ausmaß an wissenschaftlichem Analphabetismus, der offenbar in weiten Teilen der Bevölkerung verbreitet ist.

Wenn ihr nicht wisst was Evolution ist, oder wie sie funktioniert, argumentiert nicht damit. Rund die Hälfte der Kommentare, die hier im Bezug auf Evolution gelesen habe, beinhalten sozialdarwinistischen oder eugenetischen Unfug, der mit dem wie der natürlich Prozess funktioniert nichts zu tun hat.

Das gilt übrigens auch für die Argumente des Vaters der Gastgeberin, über den Jule geschrieben hat.

Nur so ein paar Punkte:

1. Evolution ist ein (im wesentlichen statistischer) Prozess, kein Zuchtprogramm bei Bauer Horst. Sie ist der entscheidende und definierende Prozess, der das Leben überhaupt erst ermöglicht.

2. Evolution betrifft Populationen, nicht Individuen. Ob Einzelne dabei sind, die z.B. auf Grund einer Erbkrankheit behindert sind oder nicht, spielt für den Prozess überhaupt keine Rolle. Die Zeiträume über die Evolution stattfindet sind viel länger als ein Menschenleben.

3. Evolution verfolgt kein Ziel. Sie verändert Organismen nicht mit dem Ziel immer besser zu werden. Dazu müsste es ja auch eine feste Definition von "besser" geben. Die gibt es aber nicht. Da sich unsere Umwelt ständig ändert, ist der Nachteil von gestern, der Vorteil von morgen.
Der größte Teil aller Organismen auf der Welt unterscheidet sich so gut gar nicht von jenen, die vor 3,8 Mrd. Jahren angefangen haben unsere Ozeane zu besiedeln. Wir Menschen sind bestenfalls eine Randnotiz.

4. Das es Individuen gibt, deren Erbgut Fehler aufweist, ist die notwendige Nebenbedingung für Evolution. Würde die Reproduktion der Gene immer fehlerfrei ablaufen, würden wir heute noch als Stromatolithe am Meeresboden kleben.

5. Evolution ist wertfrei. Es gibt keine "gute" oder "schlechte" Evolution. Mit Evolution kann man die Fragen, die sich z.B. Eltern stellen, die ein erhöhtes Risiko haben ein behindertes Kind zu bekommen, nicht beantworten. Hierfür muss man Fragen der Ethik und Moral heranziehen. Und als Kinder der Aufklärung sollte uns ja wohl allen klar sein, wie die Antwort darauf ist: Jeder Mensch hat das uneingeschränkte Recht auf ein würdevolles Leben!

Anonym hat gesagt…

Meiner Meinung nach gibt es bei der Diskussion, ob behinderte Menschen Kinder bekommen sollen/dürfen, ein großes Problem: Man vergisst, dass ein Mensch mit einer Behinderung nicht einfach nur ein Behinderter ist, sondern auch eine ganze Menge andere Merkmale hat, wie jeder Mensch ohne Behinderung auch. Wir haben immer so ein Idealbild von einem perfekten Menschen vor Augen, der körperlich komplett gesund ist, dann auch noch intelligent und einen guten Charakter hat. Tatsache ist aber, dass es einen perfekten Menschen nicht gibt und auch nie geben wird. Wir alle weichen von diesem Idealbild ab. In unterschiedlichen Bereichen unterschiedlich stark. Und manche weichen eben im körperlichen Bereich davon ab. Grundsätzlich ist es aber so, dass wir alle heute auf Hilfsmittel angewiesen sind, die irgendwann entwickelt wurden. Mithilfe der Medizin können wir Krankheiten bekämpfen, die sonst tödlich wären. Wir sind auch angewiesen darauf, dass wir im Supermarkt Nahrung kaufen können und dass Wasser aus der Leitung kommt. Wenn es das nicht gäbe, würden wir verhungern und verdursten. Wir brauchen auch alle ein Haus oder eine Wohnung, damit wir im Winter nicht erfrieren. Letztendlich sind wir alle aus unterschiedlichen Gründen abhängig von verschiedenen Dingen, die es uns erst ermöglichen zu überleben. Und manchmal ist einer dieser Gründe eine Behinderung. Aber mehr ist eine Behinderung eben nicht. Wir machen nur mehr daraus, indem wir Menschen mit Behinderung ausgrenzen und ihnen das Leben oft unnötig schwer machen. Würden wir das nicht tun und eine Behinderung sehen, als das, was sie ist, dann würde sich die Frage, ob ein Behinderter Kinder bekommen darf oder ob eine Behinderung etwas ist, was von der Evolution ausgemerzt werden muss, gar nicht stellen.

Anonym hat gesagt…

"Natürlich tricksen wir die Evolution aus. In unserer Spezies überleben Merkmale und Individuen die ohne von uns geschaffene Hilfsmittel nicht überleben könnten."

Wir sind nicht die einzige Tierart, die Hilfsmittel benutzt und auch nicht die einzige, die ihre Umgebung "erschafft". Schon ein Fischschwarm ist ein Beispiel dafür.

"Ein Tiger, der von Geburt an gelähmt es ist, wird nicht überleben. Darüber braucht man doch gar nicht zu diskutieren?"

Was hat das hiermit zu tun? Menschen sind eben keine Tiger. Verschiedene Arten, verschiedene Lebensvoraussetzungen. Und?

"Wir Menschen sind die einzige Spezies, deren Individuen trotz solcher "Mängel" überleben."

Wo bleibt denn der Beweis, dass das bezogen auf die Art ein Mangel ist?

"Wir, als Spezies, sind unnatürlich."

Nach welcher Definition von natürlich vs. unnatürlich?

"Klassische Züchtung ist ein von Menschen erschaffenes Konzept, das nicht der natürlichen Ordnung entspricht (wir züchten Merkmale, die der Spezies nicht förderlich sind, was man gerade bei überzüchteten Haustierrassen deutlich sieht)."

Mal angenommen wir züchten Rinderrasse A so, dass sie mehr Milch gibt. In Folge verbreitet sich Rinderrasse A.
Rinderrasse B bei der die Züchtung nicht versucht wurde oder fehlschlug stirbt aus. Wie genau war jetzt das "Nichtgezüchtetwerden" von Rinderrasse B für diese förderlich?

"Freie Natur heißt eben freie Natur."

Wenn in der freien Natur ein Baum umfällt, darf ich dann dem ausweichen oder verstößt das gegen die "natürliche Ordnung" wenn ich mich nicht erschlagen lasse? Verstößt es gegen die "natürliche Ordnung" wenn ich selber gar nicht mitkriege, dass der Baum umfällt, sondern auf Zuruf eines Anderen ausweiche? Verstößt es gegen die "natürliche Ordnung" wenn mich der Andere wegreißt, statt mich nur zu warnen?

Anonym hat gesagt…

"Wenn du eine enge Freundschaft hast zu Menschen mit angeborener Behinderung, dann ist das Verhältnis möglicherweise stabil genug, um genau diese Frage zu stellen: "Hättest du gewollt, dass deine Eltern dich abtreiben?""

Diese Frage halte ich für sinnlos. Es gibt keine "Abtreibung von Menschen" nur eine von Zygoten, aus denen grundsätzlich Menschen werden können. An wen soll sich die im Konjunktiv gestellte Frage denn richten? An die Zygote? Die wird nicht antworten.

Was sind außerdem die hier zu bewertenden Alternativen, zwischen denen gefragter Mensch sich entscheiden soll? Wenn die Zygote, aus der ich entstanden bin, abgetrieben worden wäre (oder oder sonstwie verlorengegangen wäre) dann wäre stattdessen vielleicht statt dieser eine andere zum Zug gekommen und jetzt würde ein anderer die Frage hier beantworten, der vielleicht viel klüger wäre und dies viel besser könnte. Und viel schöner. Und viel reicher. Hach ja, verpasste Chancen. Aber Moment mal: vielleicht bin ich ja dieser andere. Vielleicht haben meine Eltern abgetrieben, verhütet, sonstwas gemacht, was zum Abgang einer Zygote führte, wodurch meine zum Zug kam. Für den Fall also: Dreifach hoch auf die Abtreibung! Ihr verdanke ich mein Leben! Oder etwa nicht?

"Bisher habe ich noch von keinem, mit dem ich über dieses Thema reden konnte, ein "Ja" als Antwort bekommen, nicht mal ein zögerliches "Nein"."

Manche Frage verdienen eben keine Antwort, sondern nur ein Erläuterung, wie unsinnig die Frage ist. Es ist nunmal eine Frage, die sich am treffensten mit dem berühmten Graffiti aus dem Bahnhofsklo beantworten lässt: Hier kam mein geliebter Sohn 9 Monate vor seiner Geburt in einem Handgemenge um's Leben. Andere Zygotenentwicklungsresultate als ich sind möglicherweise zu höflich das in dieser Deutlichkeit auszusprechen.

"Ich sehe es zwar genauso, dass die Eltern im Sinne des Kindes zu entscheiden haben, aber die Entscheidung kann damit nicht zur Abtreibung oder Tötung fallen. Verhütung, ja."

Ich teile den derzeitigen Glauben der römisch katholischen Kirche an die Heiligkeit der Zygote nicht. Dieser sonderbare Biofetischismus ist neueren Datums. Früher war man dort auch mal anderer Meinung http://de.wikipedia.org/wiki/Stammzelle Bisher hab ich noch keine nachvollziehbare Darlegung gesehen, die diesen Sinneswandel begründet.

Anonym hat gesagt…

Notabene aus dem Artikel "Evolutionäre Strategien" der c't 2013, 5, S.185

"Interessanterweise führt die auf den ersten Blick naheliegende Idee, die Selektion ausschließlich auf die Elite der Population einzuschränken, nicht zu den besten Ergebnisseen. Wenn nicht auch ein Teil der weniger fitten Individuen überlebt, kommt es schnell zu einer Art "Inzucht", bei der die Individuen über die Generationen hinweg zu einem lokalen Optimum konvergieren, statt den Suchraum über eine größeren Bereich auszudehnen."