Mittwoch, 13. März 2013

Ente und Smash Prank

Es gibt Tage, an denen schäme ich mich für meine Behinderung. Genauer gesagt für die damit verbundene Zugehörigkeit zu einer Gruppe, zu der sich Mitglieder zählen, die mich immer wieder verstehen lassen, warum es eine weit verbreitete Meinung gibt, alle behinderten Menschen seien mies drauf, undankbar und verbittert. Was ich heute im Supermarkt erlebt habe, hat selbst mir die Sprache verschlagen.

Ich parkte in einem Parkhaus, ergatterte dort sogar noch einen freien Behindertenparkplatz, und rollte zu den Aufzügen. Neun an der Zahl. Vor mir wartete ein Mann um die 50, Rollstuhlfahrer, wurde von seiner Frau begleitet. Er saß in einem ziemlich monströsen Elektrorollstuhl. Ein Aufzug hielt, allerdings war der rappelvoll, da wir im 2. OG standen und die Kabine vorher schon im 4. und 3. OG gehalten hatte. Bei neun Kabinen lässt man den also schnellstmöglich weiterfahren und wartet auf den nächsten. Denke ich.

So denkt nicht jeder. Der Rollstuhlfahrer fängt an rumzupöbeln. Er sagt wörtlich: "Ey, ihr faulen Säcke, müsst ihr Fahrstuhl fahren oder könnt ihr auch zu Fuß laufen? Ich kann es mir nicht aussuchen und ihr blockiert meinen Weg." - Mit der Wirkung, dass etliche Leute fast panisch die Flucht ergriffen. Teilweise nur bis in den Vorraum, um auf einen anderen Aufzug zu warten. Mir fiel vor Fassungslosigkeit alles aus dem Gesicht.

Es waren jedenfalls genügend Leute ausgestiegen, dass er in die Kabine hinein fahren und wenden konnte. Nun sah er mich und brüllte: "Hey, hier ist noch Platz für dich, komm her!" - Ohne nachzudenken rief ich zurück: "Ich kenne dich nicht und ich will dich auch nicht kennen." - Er hielt den Aufzug mit der Tür-Öffnen-Taste fest und wiederholte seine Aufforderung. Ich sagte: "Vielen Dank! Ich möchte nicht."

Als er weg war, guckten mich etliche der umstehenden Leute an. Man, war mir das peinlich. Aber es soll noch besser kommen. Im Laden, der eigentlich groß genug ist, um sich nicht über den Weg zu rollen, traf ich den Typen wieder. Und zwar in einer Ecke, in der diese Plastik-Frischhaltedosen und Töpfe und ähnliches in den Regalen stehen. Seine Frau schirmte ihn auffällig ab und während ich mich zügig bewegte, um nicht noch einmal irgendein Wort mit ihm wechseln zu müssen, stöhnte er demonstrativ rum, als wenn er gerade Gewichte stemmt.

Er stemmte allerdings etwas anderes, denn als ich um die Ecke bog, konnte ich im Augenwinkel sehen, dass er auf die vordere Kante seines Stuhls vorgerutscht war und eine Ente zwischen den Beinen klemmen hatte.


Genau. Später hatte ich den Typen dann neben mir an der Kasse, zum Glück in einer anderen Warteschlange. Hinten am Rollstuhl war seine Ente befestigt, halbvoll, Gefäß beschlagen ... also mal ganz ehrlich: Kann ich von einem behinderten Menschen nicht ein Mindestmaß an Anstand erwarten? Dazu gehört auch, dass man seinen Dödel nicht im Supermarkt in die Hand nimmt und in mitgebrachte Gefäße harnt. Und diese anschließend noch für alle sichtbar mit sich herumträgt. Und nein, so dringend muss keiner und sonst gibt es andere Hilfsmittel.

Apropos Supermarkt: Wozu ich sehr große Lust hätte, wäre zusammen mit einer weiteren Rollifahrerin oder einem weiteren Rollifahrer einen Smash Prank zu machen. Keine Idee? Ich bis gestern auch noch nicht. Aber es gibt Leute, die haben zwei Kanister Getränke bei sich, meistens einmal Saft und einmal Milch, und rutschen aus. Tun zumindest so. Schlagen also lang hin und die beiden Kanister werden so in die Luft geworfen, dass sie dabei auf jeden Fall mitten in der Szene kaputt gehen und ihren Inhalt freisetzen. Und dann versuchen die Akteure wieder aufzustehen, rutschen dabei aber theatralisch auf dem nassen schmierigen Untergrund aus.

Ich hätte größte Lust, einmal so derbe rumzuferkeln. Mich in einem Moment, in dem keiner guckt, aus dem Stuhl fallen zu lassen und in meiner unmittelbaren Nähe platzen zwei Kanister und die Sauerei ist perfekt. Ich wäre auf die Blicke derer gespannt, die ihren Augen nicht trauen und auf die Blicke derer, die im falschen Moment hinsehen und daher merken, dass das alles gestellt ist.

Aber vor allem die ausgelaufene Milch wieder wegmachen zu müssen, darauf hätte ich keine Lust. Ich spiele weder mit Lebensmitteln noch mit der Gesundheit anderer, denn da kann sich ja auch mal jemand so erschrecken oder vielleicht selbst in der Nässe ausrutschen, dass das ernsthafte Konsequenzen hat. Und so bleibt es wohl dabei, dass wir im nächsten Sommer uns am Strand mit Kleckermatsch bewerfen. Während andere etwas getan haben, was lange schon kein Streich mehr ist:

Kommentare :

Philipp hat gesagt…

Smash Prank? Das ist so doof dass es schon wieder komisch ist. Ich würd mich das nicht treuen.

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Ja, was soll man dazu sagen?

Ich finde du hast vollkommen recht. "Nur" weil jemand eine Behinderung hat muss er sich nicht aufführen wie die Axt im Walde. Und auch Ich fänd das nicht in Ordnung wenn jemand einfach mal so im Supermarkt in der Ecke steht und der Natur freien lauf lässt. Jeder andere bekäme da mächtig Ärger.

Das Problem an der Sache ist denke Ich dass sich in so einer Situation viele, vielleicht gerade auch Angestellte in so einem Laden aus Angst vor beruflichen Repressalien, nicht trauen da was zu sagen weil man dann gleich in die behindertenfeindliche Ecke gestellt werden könnte.

Die Situation am Aufzug ist natürlich aller unterste Schublade. Das wäre genauso wenn die Mutti mit Ihrem Kinderwagen kommen würde und einfach mal "Platz schaffen" würde. Geht auch nicht. Aber auch hier hat sich offensichtlich niemand getraut was zu sagen.

Ich hätte da wie du sicherlich nicht anderster entschieden und wäre da auch nicht mit eingestiegen.

Ein bisschen mehr gegenseitigen Respekt und Anstand finde Ich hat ein Jeder verdient. So muss sich keiner benehmen.

Grüße aus Kaiserslautern

Philipp

letterkerl hat gesagt…

Warum triffst du solche Leute eigentlich GRUNDSÄTZLICH im Laden nochmal wieder? :D

Blöder Idiotenmagnet, das.

Sally hat gesagt…

Schön ist auch, ein Dauerkatheter, dessen Beutelin einer Einkaufstasche, welche an der Rolli-Armlehne befestigt ist, transportiert wird. Der Verbindungsschlauch des Katheters war noch schön um die Rolli-Armlehne gewickelt.... Immerhin riecht man das nicht. Ich fand es trotzdem sehr befremdlich... Zumal ich einen Dauerkatheter im normalen Alltag recht fragwürdig finde....

Zu dem Typen: Weg da, ich bin behindert! Klasse. -.-

Anonym hat gesagt…

Moien Jule,

Einige schwarze Schafe gibt’s immer. Was meinst du, mit wie vielen Fußgängern ich nicht in Verbindung gebracht werden will,
weil sie sich benehmen wie die Axt im Wald.
Mit dem Smash Prank wäre ich vorsichtig, da kann es ganz schnell passieren, dass wer einen Krankenwagen ruft.
Spätestens dann ist es nicht mehr lustig.

Verdammt, ich hab den Fehler gemacht mir das erste Video anzusehen bzw. zu hören.
Jetzt wird mir den ganzen Tag Ente, Ente, Ente, Ente durch den Kopf gehen.
Super hinbekommen :)

Anonym hat gesagt…

Smash Prank? Kannte ich nicht. Und nach dem Lesen Deiner Beschreibung hielt ich es für ziemlich doof und langweilig. Ich habe aber dann doch den Youtube-Link angeschaut und saß laut lachend vor dem Rechner. Vielen Dank für diesen lustigen Start in den Tag!

unkontrollierte-Kontrolle hat gesagt…

Oh man oh man, solche Person möchte man ja nicht sehr gerne live erleben... Schwarze Schafe hast du leider überall, unglaublich.

LG
Kisa

Blogolade hat gesagt…

Bei "Ente" dachte ich ja im ersten Moment an das Tier aus der Kühlabteilung... Bilder in meinem Kopf.
Der Typ iat ja echt eklig, so wie du ihn beschrieben hast. Und die Behinderung ist seine Entschuldigung fürs Nichtbenehmen.

Gut gekontert vorm Aufzug übrigens!

Anonym hat gesagt…

Herrlich, diese Rotzlöffel, die sich da auf den Boden werfen und in Kakao und Multivitaminsaft suhlen. Und die dummen Blicke dazu - noch herrlicher. Aber ein Spaß ist das schon lange nicht mehr, das ist eine solche Sauerei, dass ich denen wünschen würde, sie müssten nur eine von denen wegschrubben.

FAIL.

Anonym hat gesagt…

So gerne ich sonst dein Blog lese, mit diesem Beitrag tu ich mir grad sehr schwer. Als nicht Gehbehinderte konnte ich zum ersten Mal nachvollziehen, wie man sich als Rollifahrer fühlt, als ich in der Stadt mit Kinderwagen unterwegs war. Kaputte Rolltreppen, idiotisch gelegene Aufzüge, wo man erstmal rauf fahren, dann durch den halben Bahnhof fahren, dann wieder runterfahren muss, und nicht zuletzt immer wieder vollbesetzte Aufzüge, mit Leuten, die deutlich erkennbar problemlos auch die Treppe nehmen könnten. Ganz toll, wenn man in irgendeinem Zwischengeschoß einsteigen muss, und alle Aufzüge voll von oben oder unten kommen. Und ich habe mich immer gefragt: wie hält man das aus, wenn man davon nicht nur zeitweilig betroffen ist, sondern sein ganzes Leben lang dauernd Barrieren vor die Nase gesetzt bekommt. Kann ich es irgendwem verdenken, wenn er dann in solchen Situationen bitter und unhöflich wird? Diesmal waren 9 Aufzüge da, aber der Typ war bestimmt schon zigmal in derselben Situation, in der aber nur 1 oder 2 Aufzüge vorhanden waren. Vielleicht hat er die ersten Male noch höflich und freundlich gefragt...

Und genauso auch die Situation mit der Ente. Deutschland ist mies ausgestattet mit Behindertentoiletten. Ist es irgendwem zu verdenken, dass er irgendwann so gefrustet ist, dass er sagt: so, jetzt reiß ich mir kein Bein aus, um kosteeswaseswolle rauszufinden, wo die nächste Behindertentoilette ist, um dann festzustellen, dass der E-Rolli eh nicht reinpasst/sie abgeschlossen ist und der Mensch mit dem Schlüssel schon Feierabend hat/als Abstellkammer dient/etcppsieheJulesBlog, sondern benutz einfach meine Ente, wo es mir passt.

Wenn mir die Gesellschaft und meine Mitmenschen täglich vielfach klar machen, dass sie auf mich und essentielle Bedürfnisse von mir pfeifen, wieso sollte ich dann was auf ihre gute Meinung über mich geben?

Ich sag jetzt nicht, dass diese Haltung besonders geeignet wäre, um Freunde zu gewinnen oder ein glücklicher Mensch zu werden. Aber verständlich finde ich sie. Und verurteilen werde ich sowas erst, wenn dieses Land wirklich barrierfrei ist und der behinderte wie nichtbehinderte Menschen Alltagsfrust in gleichem Maße ausgesetzt sind.

Anonym hat gesagt…

Smash Prank. Tolle Idee: unterbezahlten Verkäuferinnen Mehr-drecks-arbeit aufhalsen und dann noch hilfsbereite Mitbürger verunsichern. Echt klasse, ich wüsste, was ich mit den Bubis machen würde...

Chrissy hat gesagt…

also ein "igittigitt" verkneife ich mir mal (es ist ja ein menschliches Bedürfnis) aber wenn er schon seine "Pinkelente" dabei hat kann man das doch auch im Auto oder sonstigen nicht ganz so öffentlichen Plätzen machen, oder?

Zu dem anderen Thema des Eintrags: Es gibt überall schwarze Schafe, sowohl Behinderte als auch "Nicht"behinderte. Jeder von den beiden Parteien sollte eine gewisse Kinderstube besitzen um zu wissen, dass man sich nicht alles rausnehmen darf - ja AUCH Behinderte! Wir sind keine armen Geschöpfe, die ja sooo leiden müssen. Die Mehrheit versucht ihr Ding zu machen - nur leider gibt es immer wieder Vertreter meiner Spezies, die es schaffen, alles kaputt zu machen!

by the way: ich hätte mich genauso fremdgeschämt und verhalten!

Blogolade hat gesagt…

@anonym (15.3. um 0:44)
Selbst kleinere Supermärkte haben Behindertentoiletten. Dieses hier war offenbar ein größerer, der hat auf jeden Fall eine Behindertentoilette. Ich hab viel Verständnis für meine Mitmenschen, egal ob behindert oder nicht. Aber selbst meine Kinder lasse ich nicht im Supermarkt in eine Flasche pieseln, soviel Anstand verlange ich schon.

Der Point. hat gesagt…

Dass jeder Supermarkt eine Behindertentoilette oder überhaupt eine für Kunden zugängliche Toilette hat kann ich zwar nicht bestätigen (so genau habe ich mich aber auch nicht umgeschaut) trotzdem finde ich es ziemlich unnötig wie der Herr seine Ente zur Schau gestellt hat. Er hätte auch im Auto urinieren können. Und seine Ente hätte er in eine Tasche verstauen können. Ich meine ganz ehrlich - Supermarkt, Essenseinkäufe? Da muss ich nicht hinter einem Pinkelbeutel hinterher laufen. Ansonsten gibts ja auch noch die Option Windeln, wenn man nicht mal die halbe Stunde im Supermarkt an sich halten kann.
Und Situation Fahrstuhl: Ganz unmöglich.

Anonym hat gesagt…

Den Smash Prank finde ich daneben. Nicht nur, weil andere damit auch wirklich verletzt werden könnten, wenn sie selbst ausrutschen oder von den exzrem wahllos geworfenen Kanistern getroffen werden, oder weil arme Mitarbeiter das wieder wegwischen müssen, sondern weil es mit der Hilfsbereitheit der Menschen spielt.
Sieht cool aus, wie er da versucht, sich wieder aufzurappeln, aber die Omi am Ende gibt sich z.B. echt Mühe, dem Typen zu helfen.
Ich finde gut gemachte Streiche generell lustig, aber die Betroffenen sollten darüber am Ende auch lachen können und das ist hier wohl nirgends der Fall.