Mittwoch, 24. April 2013

Besser aufgehoben

Es waren mal wieder ein paar turbulente Tage, ein weiteres Wochenend-Trainingslager liegt hinter uns, von dem es ganz viel zu erzählen gäbe, von dem ich auch gerne erzählen würde; nur muss ich aus zeitlichen Gründen mal wieder Prioritäten setzen. Und bevor ich aufschreibe, dass man zwar Vollverpflegung vor Ort hatte, allerdings die Getränke vergessen und veranstalterseitig kurzfristig dann nur noch Limonaden organisieren konnte, schreibe ich lieber über etwas schönes. Oder zumindest über den schönen Teil eines weiteren unschönen Erlebnisses.

Gestern war ich bei Maries Familie zum Abendessen eingeladen. Während Marie noch duschen wollte, fragte mich ihre Mutter, ob ich kurz mitkommen möchte, sie wollte noch mehrere Teile in einem Supermarkt einkaufen. Bevor ich da 20 Minuten rumsitze, dachte ich mir, könnte ich mich nützlich machen und fuhr kurzerhand mit. Der Supermarkt war nur fünf Minuten zu Fuß entfernt und es handelte sich um einen einzelnen Händler, einen größeren Familienbetrieb, der einer Einkaufsgenossenschaft angeschlossen ist. Die Tochter des Inhabers hat das Down-Syndrom und arbeitet in dem Geschäft mit. Normalerweise kaufe ich dort nicht ein, allerdings bin ich mit Marie schon ein paar Mal dort gewesen, daher war mir das bekannt. Diese Mitarbeiterin läuft in einem weißen Kittel durch die Gegend und ist in erster Linie damit beschäftigt, achtlos in die Regale gefeuerte oder an der Kasse liegen gebliebene Artikel wieder an ihren Platz zu bringen. Neulich hat sie die Tiefkühltruhe aufgefüllt, ein anderes Mal ging sie mit einer alten Frau durch den Laden und schob den Einkaufswagen dieser Frau.

Gestern nun stand ich an der Kasse an, Maries Mutter hatte noch ein Teil vergessen und ging zu den Joghurts zurück, und diese Frau stand hinter dem Kassentisch neben der eigentlichen Kassiererin und half einer alten Frau, ihre Einkäufe in dem Korb ihres Gehwagens und einem mitgebrachten Rucksack zu verstauen. Plötzlich, und ich will betonen, dass es Menschen gibt, die einen stärkeren Idiotenmagneten haben als ich, beginnt der direkt dahinter stehende Mann zu motzen: "Hätte ich das gewusst, hätte ich die andere Kasse genommen."

Niemand reagiert. Schließlich gibt es Leute, die motzen über alles. Als er dann nach einigen Momenten allerdings den nächsten Satz ausspricht, passiert etwas, was ich vorher noch nie so erlebt hatte. Er sagt: "Alter, wer hat der bloß den Job gegeben? Noch langsamer und die schläft ein." - Dabei ist sie eigentlich gar nicht langsam. Zwischen dem Motzkopf und mir steht noch eine ältere Frau, geschätzt weit über 70, hat ein paar Teile auf das Laufband gestellt. Sie antwortet, und darüber war ich echt überrascht: "Das ist nicht fair! Diese Frau ist ein Mensch wie du und ich. Sie hat die gleichen Rechte wie du und ich, auch das Recht zu arbeiten und Geld zu verdienen."

Im selben Moment kommt Maries Mutter dazu, fasst mir von hinten auf die Schulter. Der Mann antwortet der alten Dame: "Jaja, es gibt Werkstätten für Behinderte, da wäre sie doch wohl besser aufgehoben."

Ich will was sagen, bringe aber keinen Ton raus. Die Frau mit Down-Syndrom reagiert überhaupt nicht, packt weiter ein, seufzt eher genervt als betroffen. In dem Moment sagt Maries Mutter: "Inzwischen ist unsere Gesellschaft so weit, dass sie nicht mehr die Menschen mit Behinderungen ausgrenzt, sondern Leute wie Sie." - Die ältere Frau dreht sich um und sagt zu Maries Mutter: "Und das ist gut so." - Der Mann holt Luft, aber Maries Mutter redet weiter: "Ich hoffe, dass der da oben sich an Sie erinnert, wenn Sie eines Tages an seiner Tür klopfen."

An der anderen Kasse dreht sich ein Mann um die 30 um, sagt: "Du Arsch kannst von Glück reden, dass das nicht meine Tochter ist, sonst würde ich dich jetzt aus dem Laden prügeln." Und zu der Frau: "Lassen Sie sich von so einem bloß nicht den Tag verderben."

Woraufhin die Frau antwortet: "Ach was, die meisten Menschen sind nett zu mir. Das sind nur ganz wenige, und die machen das, weil ich das Down-Syndrom habe. Die Menschen suchen immer einen Grund. Deswegen sitze ich auch nicht an der Kasse, da meckern auch immer welche, obwohl man nichts dafür kann, wenn mal die Kasse nicht geht."

Der eklige Typ packte wortlos seinen Einkauf in die Tasche. Die Kassiererin hat nicht ein Wort dazu gesagt. Ich weiß noch immer nicht, warum, aber mich erschüttern solche Vorfälle nach wie vor und immer wieder. Es passt einfach nicht in meine Vorstellungen, dass Menschen so arschig und gemein sein können. Dass allerdings ausgerechnet eine weit über 70jährige Frau so argumentiert, habe ich noch nicht oft erlebt und das hat mich auch sehr gerührt. Leider habe ich bislang eher öfter erlebt, dass ältere Menschen große Berührungsängste haben, aus den schon oft diskutierten Gründen. Umso schöner fand ich diese Reaktion.

Kommentare :

Lia hat gesagt…

Das ist mal wieder eine Geschichte, die mich sehr nachdenklich macht.. Aber gleichzeitig auch sehr froh, dass eine ältere Frau so argumentiert.

Fluvolian hat gesagt…

Danke Jule.
Viel mehr möchte ich gar nicht sagen, nur DANKE fürs Aufschreiben, fürs Teilen. Es macht meinen heutigen Tag ein wenig besser

BigDigger hat gesagt…

Leider gibt es Menschen, denen man uneingeschränkt täglich 48 Mal in den Arsch treten möchte. Von vorne. *kopfschüttel* Und manchmal habe ich das Gefühl, je aufgeklärter die "Gesellschaft" (wobei es diesen Zusammenhalt ja heutzutage nur noch jeden 2. Sommer beim Public Viewing gibt), desto schlimmer und häufiger die extremen Ausfälle.

Ich frag mich, was deren verdammtes Problem ist?

True Story: Ich stand am Samstag in der U1 Richtung Stephansplatz, um zum HSV zu fahren. Schräg gegenüber stand ein Paar. Auf den 3. kurzen Blick (Nr. 1: "Irgendwas ist an der Frau anders..."; Nr. 2: "Irgendwas ist an der Frau WIRKLICH anders...") erkannte ich, dass die Frau Trisomie 21 hatte.
Ohne Scheiß, ich hab mich in dem Moment gefragt, was außer dem charakteristischen Aussehen Menschen mit Trisomie 21 von Menschen ohne Trisomie 21 unterscheidet. Wäre das Gesicht nicht gewesen, hätte ich vom Verhalten her nie gedacht, dass sie etwas hat, das als Behinderung anerkannt ist...

Was für ein [bitte Verbalinjurie nach eigenem Geschmack in Form eines Adjektivs einfügen] [noch eine Verbalinjurie nach eigenem Geschmack als Hauptwort] muss man sein, um damit als "Nichtbetroffener" (gibt's dafür ein besseres Wort, das mir im Moment nicht einfällt? Wenn ja, bitte ersetzt es im Kopf) ein Problem zu haben?

Anonym hat gesagt…

Es gibt drei Reaktionen auf Andersartigkeit, aber auch schwere Krankheit oder Trauer: Sprachlosigkeit, Anteilnahme oder Ignoranz und damit verletzendes Verhalten.
Schön, dass es Menschen gibt, die sich gegen Ignoranz auflehnen.

Danke, dass Du sie uns zeigst.

Anonym hat gesagt…

Ich finde das was Maries Mum gesagt hat im Wahrsten Sinne des Wortes noch bemerkenswerter. Weil es genau den gesellschaftlichen Wandel kennzeichnet der sich die letzten zwei Jahrzehnte vollzieht:

Menschen, denen durch die Gesellschaft Ungerechtikeit widerfährt sind heutzutage endlich nicht mehr still, sondern wehren sich dagegen. Das kann uns als Gesellschaft nur voranbringen.

Drum Dankesehr, liebe Jule, fürs Laut sein. ;-)

XX

Anonym hat gesagt…

Faith in humanity restored - check. :)

jali hat gesagt…

Woah, was für ein A****! Zum Glück hat er ordentlich Gegenwind bekommen.

Was für ein armes Würstchen muss man eigentlich sein, wenn mein sein Selbstwertgefühl nur dadurch aufpolieren kann, auf (vermeintlich) Schwächeren herum zu trampeln.
Immerhin hat er keine Verbündeten gefunden. Wenn bei solchen Typen dann noch jemand in den Chor mit einstimmt, wird es richtig unappetitlich.

Es ist übrigens ein toller Service im Supermarkt, wenn an der Kasse jemand hilft die Sachen einzupacken. Das kenne ich sonst nur aus Frankreich und England.

Christian hat gesagt…

Das hat ja richtigen Volksmusikcharakter ("So a Stückerl heile Welt...").

Hoffen wir das sich die Positive Einstellung der Leute dort viele Nachfolger findet, bis die "Motzer" aussterben.

Frank hat gesagt…

Bis vor 2-3 Jahren hätte ich wahrscheinlich nichts gesagt,
mich höchstens fremdgeschämt und wäre so schnell wie möglich weg,
heute,nachdem ich seit Jahren deinen Blog lese,nachdem ich weiß welche Probleme und Diskriminierungen Menschen mit Behinderungen
tagtäglich ausgesetzt sind,würde ich ganz sicher etwas zu so einem Kommentar sagen,ihn direkt mit seinen Aussagen konfrontieren.

chris hat gesagt…

Danke fürs erzählen. Schön das es Menschen gibt denen die passsenden Worte einfallen...
Früher habe ich mich oft nicht getraut meine Meinung zu sagen oder meine Rechte zu vertreten, mit meinem Sohn Joshua, mit kleinem Extra ;-), hat sich das geändert und ich bekomme wenn es um ihn geht endlich mal meinen Mund auf...

Philipp hat gesagt…

Ich denke das gehört in die Kategorie "lässt sich wohl nie abstellen".

Wenn Ich sehe dass sich jemand Mühe gibt seine Arbeit nach seinen Möglichkeiten gut zu machen steht es mir nicht zu darüber zu meckern.

Ich denke man muss jedem eine Chance geben sich frei entfalten zu können. Ausserdem, ein wenig Entschleunigung im Alltag täte uns bei den Stress manchmal allen gut.

Lagen an der Kasse keine Schokoriegel? Ich erinnere mich da an so eine Werbung: Wenns mal wieder länger dauert.....

Grüße aus Kaiserslautern

Philipp