Samstag, 6. April 2013

Mal wieder ein Trainingslager

Das war mal wieder eine Woche...

Eigentlich wollte ich seit Montag über unser Ostertrainingslager schreiben, aber die Uni hat mich wieder voll im Griff. Hinzu kommt die Zypernkrise, die mich ziemlich auf Trab gehalten hat. Da ich Schmerzensgeld & Co. natürlich nicht unter meiner Matratze aufbewahre, muss ich mich ja ständig darum kümmern, dass das Risiko, Geld zu verlieren, kalkulierbar bleibt. Bei der damaligen Anlage ist der Berater eindeutig noch von anderen politischen Voraussetzungen ausgegangen, insbesondere, was die Einlagensicherung bei Bankenpleiten angeht. Nun hatte ich zwar kein Geld in Zypern angelegt, aber dafür hat eine Bank, bei der ein Teil der Kohle liegt, nach einer Fusion mit einer ausländischen Bank neue Geschäftsbedingungen, die zwar für die alten Verträge nicht galten, bei einer nun fälligen Verlängerung aber in Kraft treten würden und deutlich ungünstiger und riskanter sind. Es gab also bisher weder eine akute Gefahr noch ist irgendwas verloren gegangen, aber verschiedene Entscheidungen mussten wegen Ablauf von Verträgen ohnehin getroffen werden, und nachdem mir unabhängig voneinander mehrere Leute (denen ich vertraue) dazu geraten haben, bestimmte Teile umzuschichten, bin ich nun hoffentlich wieder auf der sicheren Seite.

Aber zurück zum Ostertrainingslager. Nach meiner Zwiebackwoche hatte ich lange überlegt, ob ich überhaupt mitfahren sollte, habe mich aber am Ende dafür entschieden. Maries Mutter hatte mir nochmal Blut abgenommen und gemeint, es spräche nichts dagegen, ich sollte nur auf meinen Körper hören und kürzer treten, wenn ich merke, dass irgendwas nicht stimmt und mich nicht überanstrengen. Fit würde ich nach der Woche sowieso nicht sein.

Mein Equipment war im Vereinsbus untergebracht, die Teilnehmer reisten selbständig mit der Bahn an. Wir waren zu viert, neben mir waren noch Cathleen, Marie und Kristina in dem ICE. Die Bahn hatte natürlich vergessen, uns die versprochene Einstiegshilfe bereit zu stellen, so dass die Servicekraft auf dem Bahnsteig 14 kurzfristig rotierte. Vier Rollstuhlfahrer in einem Zug ginge sowieso nicht. Am Ende saßen wir aber alle drin und kaum hatten wir Hamburgs Stadtgrenzen verlassen, begann es wie verrückt zu schneien. Und das nächste Problem ließ wie immer nicht lange auf sich warten: "Meine Damen und Herren, wegen einer Aggregatsstörung kann unserer Zug nicht die vorgesehene Höchstgeschwindigkeit erreichen. Wir werden daher bis München voraussichtlich eine Verspätung von etwa 45 Minuten aufbauen. Über Ihre Anschlussmöglichkeiten informiere ich Sie rechtzeitig. Für die entstehenden Unannehmlichkeiten bitte ich Sie im Namen der Deutschen Bahn um Entschuldigung. Ladies and gentlemen..."

Wie immer ging diese Kalkulation nicht auf. "Meine Damen und Herren, wir haben soeben den Bahnhof 'Kassel-Wilhelmshöhe' mit einer Verspätung von 42 Minuten verlassen." - Super. Leider war dann auch noch die Toilette defekt, und da man als Rollstuhlfahrer nur zu dieser einen WC-Kabine gelangt, angelte ich mir kurzfristig die Chefin des Zugbegleiterteams, die drei Kabinen weiter saß und wild telefonierte. Einzige Lösung: "Ich kann Ihnen anbieten, dass ich Ihnen für Fulda eine Ausstiegshilfe bestelle und Sie dort im Bahnhof die Toilette aufsuchen und anschließend mit dem nächsten ICE weiterfahren." - Bevor wir uns alle vollpinkeln, ist das mit Sicherheit die beste Lösung. Der nächte ICE müsste dann ja auch bald kommen, immerhin hatten wir fast eine Stunde Verspätung.

Leider kamen wir dann in den nächsten beiden Zügen nicht mit, da dort die Rollstuhlplätze bereits belegt waren. Drei Stunden später als vorgesehen kamen wir also in München an und mussten von dort aus noch mit einem Nahverkehrszug weiter. Als wir vor der einzigen Tür mit fahrzeuggebundener Rampe standen und auf den Klingelknopf drückten, kam uns schon eine Zugbegleiterin entgegen. "Wollen Sie mit?" - "Gerne." - "Nächstes Mal melden Sie sich bitte an, ja?" - "Wir sind angemeldet, allerdings für den Zug von vor drei Stunden. Wir hatten leider etwas Verspätung und einen ungeplanten Aufenthalt in Fulda." - "Darf ich dann gleich mal Ihre Fahrkarten sehen?"

Eindeutig nach dem geplanten Ankunftstermin erreichten wir unser Hotel. Bei einer bereits im Voraus bezahlten Rate von 74 € pro Nacht und Person im Doppelzimmer sollte man davon ausgehen, dass wenigstens dort die Toilette funktioniert. Leider tat sie das nicht. An der Information konfrontierte man uns bereits damit, dass man heute nochmal Staub gewischt hätte und dabei festgestellt hätte, dass das WC leider unbenutzbar sei. Leider sei zwischen Gründonnerstag und Osterdienstag auch kein Haustechniker erreichbar. "Und was schlagen Sie jetzt vor?", fragte ich die Dame an der Rezeption.

"Sie sind ja Sportler und haben zwei Zimmer bestellt, könnten Sie nicht im anderen rollstuhlgerechten Zimmer das WC mitbenutzen? Wir würden Sie alle dafür täglich zu einem Drink an der Cocktailbar einladen."

Ich antwortete: "Wir können uns darauf einigen, dass Sie nur ein Zimmer berechnen. Dann machen wir das und nehmen in Kauf, dass wir uns zu viert eine Toilette teilen. Schließlich dauert das ja bei jedem von uns alles etwas länger und wir müssen morgens in Schlafsachen über den Flur in ein anderes Stockwerk und so weiter." - "Nein, es handelt sich ja um bereits bezahlte Raten, eine Erstattung ist nicht möglich."

Marie sagte: "Ich sehe gerade, dass an dem Aufzug steht, er sei auch defekt. Kommen wir denn überhaupt in unsere Zimmer?" - "Darüber müssen wir auch nochmal kurz reden. Der Aufzug ist in Ordnung, allerdings klemmt diese Tür. Das Erdgeschoss ist die einzige Etage, wo diese Tür aufgeht, alle anderen Stationen haben die Tür auf der anderen Seite. Wenn die Gäste mit ihren Rollkoffern gegen die Tür fahren, verzieht sie sich gerne. Dann klemmt sie und geht nicht mehr zu. Aber der Aufzug geht. Sie müssten also hier aus dem Haus raus, die Tiefgarageneinfahrt runter und könnten dann unten einsteigen und ..." - "Vergessen Sie es." - "Wir würden auch jemanden bereitstellen, der Sie hochschiebt, wenn Sie vorher anrufen." - "Vergessen Sie es!" - "Was anderes kann ich Ihnen leider nicht anbieten." - "Wir hätten dann gerne unser Geld wieder." - "Wie ich Ihnen schon sagte, das ist bei vorab bezahlten Raten ausgeschlossen." - "Gut, dann rufe ich jetzt meinen Anwalt an." - "Wenn Sie meinen, dass Sie seine Kanzlei am Feiertag erreichen..."

Frank meinte, ich solle die Dame auffordern, uns eine geeignete andere Übernachtungsmöglichkeit bereit zu stellen. Notfalls in einem anderen Hotel auf Kosten des Hauses. Wenn sie so vehement auf der Erfüllung des Vertrages bestehen, müssten sie auch leisten. Ansonsten selbst ein anderes Hotel suchen, dann fordern wir die Kosten später zurück.

Am Ende suchten wir selbst und hatten die Möglichkeit, in einem anderen Hotel in einem Familienzimmer (zwei französische Betten) unterzukommen, für 148 € pro Nacht, also zum halben Preis. Das wurde uns vorher im Internet nicht angeboten, sonst hätten wir das vielleicht gleich genommen. In dem Hotel war alles super, das einzige, was etwas nervte, war, dass es zu den Betten nur je eine Kingsize-Decke gab. Im Familienzimmer vielleicht nicht die optimale Lösung. Während Cathleen und Kristina sich immer abwechselnd die Decke klauten, haben Marie und ich es in der Löffelchenstellung probiert. Dadurch haben wir uns zwar nicht die Decke gegenseitig weggenommen, kamen uns aber beim Umdrehen ins Gehege. Aber insgesamt es war okay so.

Am nächsten Morgen stand ein Neoprentestschwimmen auf dem Programm. Mehrere Vertreter größerer Hersteller waren eingeladen und hatten verschiedene Vorführprodukte dabei, die man nach vorheriger Anmeldung testen konnte. Allerdings waren nicht nur die Paratriathleten vor Ort, sondern auch viele nicht behinderte Triathleten aus der Region. Ich hatte mich für ein bestimmtes Produkt angemeldet und hatte gleich morgens um 8.00 Uhr einen Termin. Der Vertreter war sehr erstaunt, dass auch Rollstuhlfahrer diesen Sport machen. Der Veranstalter unseres Trainingslagers hatte mehrere Gymnastikmatten auf die Erde gelegt, damit man diese Dinger ohne großen Aufwand im Liegen anziehen kann. Ich habe ihn gefragt, ob er mir beim Anziehen helfen kann. Nein, das wollte er nicht. Mal ganz ehrlich: Ich kann ja gewisse Berührungsängste verstehen, aber dass man nicht mal weiß, was in der Szene abgeht, wenn man Produkte dafür vermarktet, das fand ich schon extrem merkwürdig.

Ich habe dann tatsächlich auch einen gefunden, der wie angegossen passt. Den, den ich auch vorher in die engere Auswahl genommen hatte. Der Vertreter meinte, er macht mir ein besonderes Angebot: Wenn ich ihn über ihn direkt erwerbe, kann er mir 20% auf die unverbindliche Preisempfehlung geben. Die beträgt 295 US-Dollar. Also hätte ich, nach Abzug des Rabatts, rund 180 € bezahlt. Ich hätte sofort per Kreditkarte zahlen sollen und hätte den Artikel dann binnen zwei Wochen zugeschickt bekommen. Wie froh bin ich doch, dass ich das nicht gemacht habe: Gestern habe ich den Anzug für 169 € in Hamburg bekommen, 40% reduziert. Kohle auf den Tisch, meiner.

Zurück zum Trainingslager: Da das Wetter absolut blöd war und immer wieder Schneeflocken fielen (das hatte sich, als der Termin angesetzt wurde, wohl auch niemand träumen lassen), gab es lediglich Schwimmtraining und ansonsten Zirkeltraining und Ausdauertraining auf der Rolle in der Halle. Von daher war es nicht so effektiv wie wir es uns eigentlich erhofft hatten. Aber ich habe am Samstagabend auch meine beiden Halbschwestern getroffen. Wir waren zusammen Essen und hatten jede Menge zu quatschen und einen wunderbaren Abend. Unter anderem habe ich erfahren, dass die beiden kürzlich Kontakt zu meinem Vater hatten und er sie vor die Wahl gestellt habe, sich für mich oder für ihn zu entscheiden. Auf mein Stirnrunzeln sagte Emma: "Lass gut sein. Es hat wirklich keinen Sinn, das verstehen zu wollen." - Womit sie recht haben dürfte.

Kommentare :

Mike hat gesagt…

Kopf --> Tischplatte --> BOING

Du brauchst einen stärkeren Magneten... Da gibt es so Industriemagnetscheider... sind allerdings ein bissle unhandlich :-)

Über die Pfuscher von der DB brauchen wir ja nichts weiter zu sagen...

Das Hotel... unfassbar!
weniger dass da Pannen passieren, sondern das Verhalten des Personals.
Köstlich natürlich die Aussage auf die Ankündigung, jetzt seinen Anwalt anrufen zu wollen...
"Wenn Sie seine Kanzlei am Freitag erreichen können..."
Die Reaktion der Dame hätte ich sehr gerne miterlebt. *GRÖHL*
Ach ja: ich möchte Frank nicht als Feind bei einem Rechtsstreit haben ;-)
Schade, dass Du die Namen dieser doch eher nicht empfehlenswerten Lokationen nicht nennen kannst....

Und deinen Erzeuger kannst ja wohl komplett in der Pfeife rauchen!
Der ganze Bua a Depp
(Für Nordlichter: kompletter Vollpfosten, bei dem Hopfen und Malz verloren ist)

LG
Mike

Niklas hat gesagt…

Puh, ich hatte mir schon Sorgen um dich gemacht. :D

Trudi hat gesagt…

Das Chaos ist Dir immer einen Schritt voraus, oder? :-)

Dennis hat gesagt…

Hey Jule,
hoffentlich hat Deine Bank Dich dieses Mal rechtzeitig informiert. Mir fiel da die Sache mit der Kreditkarte wieder zu ein. Zum Glück war Deine Anlage sicher.

Ein wenig kann ich es nachvollziehen, dass Anschlusszüge keine Stunde warten, aber das organisatorische Chaos ist nicht nachvollziehbar. Das hier am Hauptbahnhof die Einstiegshilfe nicht bereit stand, hat die Bahn verschlampt. Das Personal in dem ICE von Fulda nach München hätte auch ruhig weiter geben können, dass Ihr in Anschluss mit einem anderen Zug weiterfährt. Die DB hat leider oft noch Nachholbedarf.

Bei dem ersten Hotel habe ich irgendwie das Gefühl, als wärt ihr dort nicht willkommen gewesen. Es ist doch ein Armutszeugnis, das ein Hotel es nicht schafft, an einem Feiertag eine Toilette zu reparieren. Der Zustand vom Fahrstuhl ist auch nicht akzeptabel. Es kann doch nicht sein, dass man bei solchen Zuständen Gäste annimmt, die auf den Fahrstuhl angewiesen sind und dann noch den vollen Preis verlangen. Versuche mir gerade vorzustellen, was die Dame von der Rezeption gesagt hätte, wenn Ihr vier in zwei getrennten Gruppen angereist wärt. Wäre dort auch der Vorschlag genommen, dass die Toilette gemeinsam genutzt wird?

Ich hoffe Ihr hattet trotz der chaotischen Anreise und dem Ärger mit dem Hotel eine schöne Zeit im Trainingslager.
Die Entscheidung deiner Schwester ist glaube ich die richtige gewesen.

Liebe Grüße
Dennis

grinseliese hat gesagt…

Gut dass ich nie in München im Hotel schlafen werden muss...

Anonym hat gesagt…

Eigentlich ...
... lese ich keine Blogs. Meistens ist das so, dass uninteressante Geschichten von vermutlich eher langweiligen Leuten in einer Art erzählt werden,
dass sie abgesehen vom Verfasser niemanden wirklich interessieren. Vielleicht sind Deine Geschichten auch nicht alle interessant - aber Du schreibst sie so,
dass sie selbst dann kurzweilig zu lesen sind, wenn gar nichts besonderes berichtet wird.

Aber sag´ mal: Hast Du eigentlich irgendwann ein Pech- und Pannen-Abo bei Murphy abgeschlossen?
Bahnreisen mögen ja eines der letzten Abenteuer unserer Erde sein (vor allem, wenn es keine Museumsbahnen sind), aber dann noch ein baufälliges Hotel
und einen Nepp-Vertreter obendrauf. Sozusagen Ü-Ei andersherum.

Ich wünsch´ Dir: Spaß an der Uni (genieße die Zeit!), im Sport, beim Schreiben und überhaupt.

Gruß aus Franken
Karl

jali hat gesagt…

@Dennis: Ich finde nicht, dass es einen Unterschied macht, ob die Gäste in getrennten Gruppen anreisen.

Bei 74€ pro Nacht im Doppelzimmer hat das Hotel mindestens zwei Sterne. Da gehört eine benutzbare Toilette auf dem Zimmer zum Standard. Wenn es tatsächlich gerade erst kaputt gegangen ist, kann so was natürlich mal passieren, aber da bietet man als Hotel dem Gast doch entweder ein anderes Zimmer an, einen Preisnachlass oder organisiert eine andere Übernachtungsmöglichkeit (nebenbei, die größeren Hotelketten haben so einen Hausmeisterdienst, wo rund um die Uhr jemand kommt, wenn was kaputt ist).

Die Ausrede mit dem Fahrstuhl zieht auch nicht: Wenn die wissen, dass Gäste im Rollstuhl kommen, müssen sie sich was einfallen lassen, und die Notdienste der großen Aufzug-Hersteller kommen alle auch an Feiertagen.

@Jule: Im Zweifelsfall musst Du Dich in so einem Fall bei der DEHOGA beschweren. Zumindest die Drohung damit zieht bestimmt.
Wenn das Hotel sich nämlich öfter solche Nummern leistet wie in Deinem Fall, sind die ziemlich schnell ihre Sterne los.

seemaedel hat gesagt…

Kein Wunder, dass du von Detlef träumst...

Aber das Verhalten von dem Hotel geht ja mal gar nicht, Frechheit!

Und dein Vater :-(
Schön, dass deine Schwestern sich trotzdem mit dir getroffen haben.

Q*Bert hat gesagt…

So kann ein Trainingslager zur Odyssee werden. Klingt echt krass. ABer wie war das? Der Teufel schei$$t immer auf den größten Haufen. ;)

Finde trotzdem toll, wie du das alles gemeistert hast!

LG,
Q*Bert

Anonym hat gesagt…

Unglaublicher Blog. Zum einen natürlich der Einblick in dein Leben mit Behinderung. Zum anderen hat mich deine Schreibweisen überzeugt. Auch ich hielt die Texte erst für zu lang, habe aber jetzt gemerkt, dass das alles stimmig ist und bei kurzen Texten sonst so vieles unter den Tisch fällt!