Donnerstag, 11. April 2013

Nicht erkannt

Zum ersten Mal seit meinem ersten Blogbeitrag vor über vier Jahren ist mir heute etwas passiert, was mir irgendwann ja mal passieren musste. Worauf ich schon immer gewartet habe, dass es eines Tages passieren würde. Wovon ich aber immer wieder hoffe, dass es möglichst nicht passiert.

Ich rollte vom U-Bahnsteig in die U-Bahn, stellte mich rückwärts an eine Trennwand und machte die Bremsen von meinem Rollstuhl fest. Nahm mein Handy in die Hand und las einen Text für die Uni.

Plötzlich, wir waren noch nicht mal an der nächsten Station, hockte sich neben mir eine Frau hin und guckte mich mit großen Augen an. Wie ein Hund, der um ein Leckerli bettelt. Hunde würde man ja dann konsequent ignorieren, wenn es auch schwer fällt, aber diese Frau musste mir aufgefallen sein. Ich guckte sie an, dachte mir: "Kommst du klar?" und fragte: "Kann ich Ihnen helfen?"

Sie guckte mich an und wiederholte: "Kann ich Ihnen helfen?"

Ich kam mir reichlich veralbert vor und überlegte, ob ich mich nicht gleich woanders hinstellen sollte. Dann fing sie zu lachen an und sagte: "Ach, das gleiche haben Sie mich ja auch gerade gefragt. Wie lustig! Dabei ist es für sich genommen ja schon lustig, wenn eine Rollstuhlfahrerin jemandem, der nicht im Rollstuhl sitzt, Hilfe anbietet, oder? Wie nennt ihr solche Leute noch immer? 'Fußgänger'?"

"Ja, Fußgänger ist richtig. Oder manche sagen auch Läufer."

"Ich lese manchmal einen Blog im Internet, wo eine Rollstuhlfahrerin aus ihrem Leben schreibt. Sie nennt die Leute in ihrer Umwelt auch alle 'Fußgänger'."

Mein Blutdruck ging automatisch nach oben. Mir schwante etwas, obwohl es unter Garantie noch Dutzende andere Blogs gibt, in denen Rollstuhlfahrerinnen schreiben. Aber ich antwortete trotzdem möglichst lässig: "'Fußgänger' ist halt eine geläufige Bezeichnung unter Rollstuhlfahrern." Und fragte dann: "Was für ein Blog ist das denn?"

"Ich weiß nicht, ob Sie den kennen, der nennt sich 'Stinkesocke', und darin schreibt eine junge Frau, was sie so täglich erlebt. Aus Ihrer Sicht bestimmt völlig langweilig, weil Sie täglich ähnliche Sachen erleben, aber für mich als Unbeteiligte recht spannend, weil man gar nicht vermutet, was so alles dahinter steckt. Wo es überall Barrieren gibt, wieviele Leute große Berührungsängste haben und was so eine Schicksalsfügung doch alles anstellen kann. Diese Rollstuhlfahrerin in dem Blog hat erst mit ihrem Unfall überhaupt erst angefangen zu schreiben. Die ist aber noch viel jünger als sie, erst Anfang 20."

"Achso. Okay. Das war bestimmt ein gutes Instrument für sie, um den Unfall zu verarbeiten."

"Auf jeden Fall. Man kann sich da, wie gesagt, als Unbeteiligter gar nicht so reinversetzen. Hatten Sie auch einen Unfall oder sitzen Sie seit Geburt im Rollstuhl, wenn ich fragen darf?"

"Nein, ich hatte einen Verkehrsunfall." - "Mit dem Auto oder mit dem Motorrad? Man liest ja viel von jungen Menschen, die mit dem Motorrad stürzen." - "Nein, kein Motorradunfall."

"Diese Bloggerin ist auf dem Schulweg angefahren worden. Einerseits kann sie einem ja Leid tun, sie hat ihr ganzes Leben noch vor sich und wird in so frühen Jahren schon so schwer geprüft."

"Und andererseits?", fragte ich nach.

"Andererseits will sie kein Mitleid. Was mir sehr schwer fällt, was ich aber auch gut verstehen kann."

"Ich glaube, sie will nur nicht 'nur Mitleid', sondern sie will, dass Sie zwar mitfühlen, aber gleichzeitig sie nicht nur als Rollstuhlfahrerin oder als behinderte junge Frau wahrnehmen. Sondern auch als Mensch."

"Damit mögen Sie richtig liegen, und ich finde den Blog auch sehr lesenswert und dahinter steckt bestimmt auch eine sehr interessante junge Frau, aber trotzdem bleibt sie ein behinderter Mensch. Sie wird ihr Leben lang gezeichnet sein, die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen auf sich ziehen, von der Hilfe anderer abhängig sein und kein angenehmes Leben führen, auch wenn sie sich das noch so schön redet. Haben Sie Kinder? Oder wenigstens einen Mann?"

"Derzeit weder noch.", antwortete ich und hatte an dieser Stelle bereits beschlossen, sie nicht aufzuklären.

"Aber Sie wollen mal Kinder haben?", fragte sie.

"Ich weiß es noch nicht."

"Wissen Sie schon, ob Ihre Kinder auch behindert sein werden?"

"Nein, das weiß ich nicht, das weiß auch niemand. Die Schäden, die ich beim Unfall davon getragen habe, werden sich jedenfalls nicht auf mein Kind vererben, falls Sie das meinten."

"Ja, das meinte ich. Das ist ja schonmal viel wert. Haben die Ärzte Ihnen das so gesagt?"

"Ja. Sie entschuldigen bitte, dass ich noch ein wenig lesen muss. Ich muss mich vorbereiten und wollte die Zeit in der Bahn dafür nutzen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag."

"Ja, ich muss ohnehin die nächste Station umsteigen. Es war sehr nett, sich mit Ihnen zu unterhalten."

Sollte ich diese Frau noch einmal treffen, wird das Gespräch mit Sicherheit anders verlaufen. Nicht zuletzt, weil man sich am besten reflektieren kann, wenn man von jemandem einen Spiegel vorgehalten bekommt.

Sprach Jule und ging in sich.

Kommentare :

LadySolana hat gesagt…

Hallo Jule,
ich find ehrlich gesagt toll das du dich nicht zu erkennen gegeben hast.
Nicht weil ich dir ein bisschen "Ruhm" missgönne, aber ich glaube die Dame hätte dir nicht geglaubt. Wer weiß wie sich die Situation dann entwickelt hätte, mit Sicherheit hätte der Idiotenmagnet das rotieren angefangen...

Sie erkennt sich bestimmt selber und kann dann im Nachhinein in der Ecke stehen und sich schämen ^^

Annike hat gesagt…

Na dann bin ich schon auf den Kommentar der Dame gespannt wenn sie den Post liest ;)

Clavicular von PL hat gesagt…

Hiermit grüße ich die Fußgängerin welche dafür sorgte, dass es einen weiteren erheiterten Artikel im Blog gibt... Zumindest zu Anfang versprach er dies, es dann jedoch verstand so richtig in das Fettnäpfchen bzw. Faß zu langen. Eine intensiveres studieren des Blogs hätte dazu beigetragen die ein oder andere Frage anders oder erst garnicht zu stellen. aaahhhhhh

Sally hat gesagt…

Hoffentlich passiert mir das nie... :-o Gut, dass es hier kein Foto von dir gibt.

Anonym hat gesagt…

Erschreckend, dass jemand den Blog zwar gelesen aber offenbar nichts davon verstanden hat...

Dennis hat gesagt…

Hallo Jule,

wenn die Frau Deinen Blog liest, verstehe ich nicht so recht, warum sie denn fragte ob Du Hilfe brauchst. Du hast oft genug geschrieben, dass Du fragen würdest, wenn du Hilfe brauchst.

Liebe Grüße
Dennis

Voyager hat gesagt…

Ich stelle mir gerade das Gesicht deiner Gesprächspartnerin vor, wenn sie den Eintrag hier liest^^ Wenn mir sowas passieren würde, würde ich wahrscheinlich laut loslachen. Ich hoffe, auch die Dame nimmts mit Humor - und kommt ein wenig ins Nachdenken.

Anonym hat gesagt…

Hallo Jule,
toller Eintrag, hab mich super amüsiert.
Ich hätte an deiner Stelle auch nix gesagt.
Besonders toll fand ich den Satz „Die ist aber noch viel jünger als sie, erst Anfang 20“, siehst du etwa schon sooo alt aus?

Stephan Goedecke hat gesagt…

Als ich den Artikel zum ersten mal gelesen hatte, dachte ich: wie arrogant ist das denn, da trifft sie einen Fan und verarscht den gleich. Das war direkt nach einem langen Arbeitstag und direkt vor dem Abendessen, also hatte ich den Artikel hungrig nur überflogen. Danach zum Glück noch einmal gelesen und festgestellt, dass Dein Magnet für bestimmte Bevölkerungsgruppen mal wieder voll ausgeschlagen hatte :D

Aber meine 50 Cents dazu: wenn man so die letzten vier Jahre Deines Blogs liest, sieht man auch, dass da eine Entwicklung stattgefunden hat, die eben gerade von diesem, am Anfang selbstzentrierten (vielleicht sogar leicht arrogantem) Blick langsam weggegangen ist zu einem Stil, der weit weg ist von irgendwelcher Selbstzentriertheit.
Du scheinst mit zwei wirklich herausragenden Fähigkeiten ausgestattet zu sein: das Leben mit einem Schicksalsschlag, an dem andere auch durchaus schon zerbrochen sind, in etwas positives zu verwandeln. Und andere mitnehmen zu können, entweder "Zaungäste" wie mich, durch einen wirklich guten Schreibstil, Deine Freunde/Trainingskameraden durch Deine Art oder auch fremde Menschen, die nachts irgendwie vor Deiner Tür stehen.
Wenn man Menschen nur mit ihrer Behinderung in Verbindung bringt, reduziert man sie auf diese Behinderung. Aber dann behandelt man sie eben als Behinderte und nicht als Menschen.
Hoffentlich ist die nächste Begegnung mit einem Leser etwas erfreulicher, dank Deiner offenen Art zu schreiben gibt es ja praktisch zu jedem Aspekt des Lebens mit Querschnittlähmung hier genug Infos (und alles weitere ist dann wohl auch wirklich privat), da sollte es doch genug Themen geben, die Jule den Menschen ausmachen ;)

nachholer hat gesagt…

Alles richtig gemacht.

Anonym hat gesagt…

Wenn sie jetzt aber diesen Eintrag hier liest, bist du aber enttarnt ;)

Anonym hat gesagt…

Hi,

Komische Reaktion der Frau. o.O

Ich wohne auch in Hamburg, und prinzipiell könnten wir uns natürlich auch schon mal begegnen. Was würde dann wohl geschehen? Nun, gar nix, ganz einfach. Grundsätzlich sehe ich keinen Grund wieso ich dich wegen deinem Blog ansprechen sollte, selbst dann wenn ich wüsste, dass die Person da vor mir wirklich du bist. Ich glaube so, bekannt dass du Autogramme gibst, biste ja nun nicht und wenn ich dir _unbedingt_ was mitzuteilen hätte dann würde ich es hier tun (wie gerade jetzt).
In einer gewissen Weise finde ich es gut, dass du diesen Blogeintrag geschrieben hast. Damit sollte wohl jeder verstanden haben, dass er deine Comfort-Zone achten soll.

Auch wenn dir sehr oft Menschen begegnen, die die nicht unangemessen behandeln, so hoffe ich doch, dass es für dich auch Begegnungen mit Fußgängern gibt, die dich eben nicht auf den Rollstuhl reduzieren sondern dich als der Mensch behandeln der du bist.

In diesem Sinne und dir mal ein paar normale Begegnungen wünschend,
XX


Eines möchte ich dir auch noch auf den Weg geben:
Sei offen zu den Menschen, und verschließ dich nicht. Gerade im medizinischen Beruf muss man trotz der angebrachten Professionellen Distanz, auch auf die Menschen eingehen können.

NewRaven hat gesagt…

Jula-Spatzi, du hast sie mittlerweile ja doch aufgeklärt... außer natürlich, sie hat nachdem sie mit dir gesprochen hat, sofort aufgehört, den ominösen Blog zu lesen ;) Außerdem scheint sie das wohl nicht sooo intensiv zu tun, denn früher... in der guten, alten Zeit, als du noch nicht "berühmt" warst, ja, sogar noch bevor die Fetischsten hier eingeflogen sind, da gabs ja doch, ich glaub insgesamt 2 Fotos von dir - eins davon, bei dem man dich durchaus wiedererkennen könnte, auch wenn es schon etwas älter ist ^^ Ich mein, wir wissen ja auch noch, wo du her kommst, kennen dein Alter (ich hoffe du siehst nicht wirklich mittlerweile so viel älter aus, als es der Perso dir bescheinigt und die gute Frau hat nur nicht richtig hingesehen) - die Chance, dich zu erkennen, dürfte also für "Altleser" doch eine recht gute Wahrscheinlichkeit haben. Ich hätte dich jedenfalls spontan zu ner heißen Schokolade eingeladen. Wahrscheinlich hättest du abgelehnt, das hätte ich verstanden - mich dann hier drüber beschwert und alles wäre schön gewesen. Dazu brauchts auch keinen wirklich tieferen Grund... ich mein, ich lese hier seit Anfang an mit, kommentiere auch schon ne Ewigkeit, deine Geschichte hat mein Leben ja nun dann doch irgendwie ein bisschen beeinflusst... da geht das schonmal ;)

Ich find die Reaktion der Frau auch nicht sonderlich komisch. Jedenfalls nicht, wenn man davon absieht, das sie dich nicht erkannt hat, dir als völlig fremder Person etwas von einem Blog einer ebenfalls völlig fremden Person erzählt hat, der zufällig halt auch noch deiner war. Ansonsten, davon abgesehen, war das doch ein typischer Smalltalkversuch, wie du ihn eigentlich schon x-fach gewohnt bist... diesmal halt nur mit einer großen Portion Selbstironie :)

Tinka hat gesagt…

Ich verstehe nicht, warum so viele Leute Rollstuhlfahrer mit Motorradunfällen in Verbindung bringen! Es gibt doch viele verschiedene Ursachen, warum Menschen im Rollstuhl sitzen.

Außerdem nervt mich dieses "Sie werden immer auf Hilfe angewiesen sein."
Ich habe noch NIE auch nur einen Menschen getroffen, der noch NIE auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen war. Klar, manche Menschen sind öfter auf Hilfe angewiesen als andere. Aber das ist doch nichts schlimmes! Wenn ich mal krank bin, brauche ich Hilfe, wenn ich Umziehe, brauche ich Hilfe, wenn ich eine Arbeit abgeben muss und in Zeitnot bin, brauche ich Hilfe, u.s.w..
Und Jule braucht, was ich so ihrem Blog entnehme, nicht so viel Hilfe, wie manche erwarten würden. Ich denke, es gibt einige Menschen, die keine Behinderung im sprachgebräuchlichen Sinne haben und die deutlich mehr Hilfe brauchen, um in ihrem Leben klarzukommen.

Davidoff hat gesagt…

Bist du denn wenigstens hübsch?
Sonst hast du denn gar nichts von deinem Leben.
Menschen im Rollstuhl sind nunmal sowas von unerotisch, das können sie sich schönreden, wie sie wollen.

Taro hat gesagt…

Allein die Vorstellung, jemanden, der in der Bahn sitzt und etwas liest, aus heiterem Himmel zu fragen, ob ich ihm helfen kann, finde ich schon reichlich skurril. Aber für einen weiteren charmanten Blogeintrag gesorgt zu haben, ist dann vielleicht Ehre genug für die Dame.
Merke bei Ansicht junger Rollifahrerinnen in HH: Laut "Oh mein Gott, da ist Jule" kreischen, losrennen, auffälligst um ein Autogramm bitten - richtig so? ;-)
Herzlichen Gruß
Taro

Anonym hat gesagt…

Hmm, ich finde einige Kommentare hier seltsam.
Die Frage nach Hilfe war tatsächlich seltsam, aber vermutlich habt ihr euch gegenseitig so verdutzt angesehen, dass sie nicht wusste, wie sie sonst anfangen soll.
Der Rest der Konversation war aber doch richtig? Warum geht jeder davon aus, dass diese Frau den gesamten Blog gelesen hat? Vielleicht liest sie einfach mal hier, mal da ein wenig mit. Und mit dem Mitleid hat sie doch ebenfalls recht. Ihr tun die Menschen leid, so wie einem doch unnormale Krankheiten eben leid tun. Und sie hat ebenfalls recht, dass man als Rollstuhlfahrer immer im Blickpunkt anderer stehen wird, egal ob man will oder nicht. Eben weil es kein alltäglicher Anblick ist und in unserer deutschen Gesellschaft Integration viel zu klein geschrieben wird.
Die einzig seltsame Frage war die der behinderten Kinder. Da hat sie vielleicht nicht so ganz in Biologie aufgepasst.

Generell finde ich es aber seltsam, dass so viele auf sie eindreschen. Aber jeder interpretiert eben etwas anderes aus ein paar Gesprächsfetzen.

Anonym hat gesagt…

Man muss den Blog weder gelesen haben, noch verstehen, um solche Ansichten zu vertreten, wie diese Frau.

Anonym hat gesagt…

"+ nicht" ;)

Um nicht solche Ansichten zu vertreten. Also.

Auf den Troll da oben gehe ich nicht ein.

Michael hat gesagt…

Ich kapier's nicht, warum sich Leute hier ueber die Reaktion der Frau so wundern. Ja, der Jule-Blog dient/diente der Verarbeitung ihrer eigenen Erlebnisse, aber es ist doch ein bisschen schizophren, auf der einen Seite einen Blog zu schreiben, der auch dem allgemeinen Verstaendnis dient, was RollifahrerInnen so beschaeftigt, aber sich auf der anderen Seit zu wundern, wenn sich Leute Fragen stellen, die sie eben nicht beantworten koennen. Auch wenn die Fragen oder Kommentare der Frau vielleicht jetzt nicht ganz so orginell sind, ist es nicht schoen, dass sich jemand ueberhaupt damit beschaeftigt und darueber reden will?

Irgendwie ist mir nicht so ganz klar, liebe Jule, was in Deinem Kopf vor sich geht. Du schreibst "fuer Dich", wie Du immer betonst, aber schreibst auf der anderen Seite so gut, dass der Eindruck einfach sein muss, dass Du Dir Muehe gibst, dass andere das auch verstehen. Du scheinst doch auch ein Interesse zu haben, dass Fussgaenger Dich verstehen. Und gruendest sogar einen Bloggerbund.

Aber dann triffst Du mal jemanden, in Fleisch und Blut, der Deine Dinge liest, und Du bist aufgeregt und weisst eigentlich gar nicht, wie Du reagieren sollst? Also, wenn dahinter nur die Angst steckt, Deine Anonymitaet zu verlieren und deshalb moeglicherweise Sicherheitsbedenken im Vordergrund stehen, dann koennte ich das ja noch verstehen. Aber man kriegt den Eindruck, dass es einfach mehr ist, was Dich bewegt.

Ich finde es ja gut, dass Du Dich nicht zu erkennen gegeben hast, aber das Gespraech abzuwuergen, weil Du irgendwie nicht damit umgehen kannst, wie ein echter Mensch Deinen Blog liest, das sollte Dir schon etwas zu denken geben.

Ja, geh' mal in Dich ...

Anonym hat gesagt…

"Die ist aber jünger als sie, erst Anfang 20." klingt nicht gerade schmeichelhaft. Ich werde meist für jünger gehalten, was auch nicht immer von Vorteil ist.

Anonym hat gesagt…

@ Michael Aehm also ich konnte auch nur den Kopf schütteln, als ich die Reaktion der Frau gelesen habe.

Es ist etwas ganz anderes, wenn man vielleicht wirklich (allgemeingültige) Fragen hat und man dann evtl mal nen Rollifahrer anspricht oder ob man da so persönliche Fragen stellt. Mal ganz davon abgesehen warum sollte Jule solche privaten Fragen beantworten müssen, wenn sie von fremden Leuten einfach so(und obwohl sie signalisiert hat, dass sie gerade keinen Gesprächsbedarf hat sondern lesen will) angesprochen wird. Das klingt ja schon fast so, als ware es die Pflicht von (in diesem Fall) Rollifahrern jeden Menschen ihre Fragen zu beantworten. Das kanns doch nicht sein.
Ich meine ich bin auch ein ziemlich neugieriger Mensche und frage auch viel, aber jemand Fremdes einfach so ohne irgendeinen Bezug anzusprechen, nee das finde ich schon sehr schräg. Was anderes ist es, wenn man irgendwie ins Gespräch kommt (aber von beiden Seiten aus, nicht einseitig) dann könnte man evtl schon mal was fragen, was einen vielleicht schon länger interessiert, aber auch da würde ich immer dazu sagen, dass ich jetzt einfach mal frage und kein Problem damit habe, wenn mein Gegenüber mir keine Antwort geben will.

Ich kenne es selber, dass ich von Fremnden Leuten angesprochen werde, da ich ziemlich vernarbte Arme habe, oder die Leute glotzen Blöde. Ich meine, wenn mal wer wirklich interessiert fragt, würde ich ja vielleicht sogar Antworten (wobei ich von völlig fremden Menschen noch nie so gefragt wurde, dass ich da ernsthaft drauf geantwortet habe, aber eh OT)

Ich finde, dass Jule ziemlich deutlich macht, dass ganz schön nervig sein kann, wenn einen jeder x-beliebige anquatscht und meint private Fragen stellen zu dürfen. Ich kann gut verstehen, dass sie sich da nicht 'geoutet' hat.

Ich dachte jedenfalls nur, dass die Frau den Blog entweder nicht wirklich gelesen hat oder was absolut nicht verstanden hat und vor allem dieses "aber trotzdem bleibt sie ein behinderter Mensch. Sie wird ihr Leben lang gezeichnet sein, die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen auf sich ziehen, von der Hilfe anderer abhängig sein und kein angenehmes Leben führen, auch wenn sie sich das noch so schön redet." finde ich echt unmöglich, ich meine, wie will die das denn wissen und dann sowas noch zu jemanden zu sagen, der ebenfalls im Rolli sitzt, nee das geht gar nicht.

Anonym hat gesagt…

Hi Michael,

Ich kann das sehr gut verstehen. Ich setze mich selbst für verschiedene Dinge ein und bin deshalb in bestimmten Kreisen Teil einer gewissen Öffentlichkeit.
Das hat zum Beispiel zur Folge, dass ich ne vierstellige Zahl an Followers auf Twitter habe.

Das ist aber nur der eine Teil meines Lebens. Ich nenne es mal meine Online-Persönlichkeit.
Diese Persönlichkeit ist von mir konstruiert und durch mich kontrolliert. Sie ist souverän, wortgewandt und kann einigermaßen gut mit Menschen umgehen.

Meine Offline-Persönlichkeit ist nichts davon. Sie ist unsicher, verletzlich und weiss nicht mit Menschen umzugehen.

Manchmal bricht die Barriere zwischen beiden Welten und dann wirds kompliziert: Dann fühle ich mich sehr unwohl und möchte nur, dass es vorbeigeht. Vielleicht geht es der echten Jule(TM) ja genauso.

Aus diesem Grund kann ich die echte Jule verstehen. Und ich kann auch ihren Wunsch nach Privatheit verstehen. Ich freue mich darüber, dass die Blog-Jule so gut schreibt und einen Beitrag für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung leistet. Dafür lass ich der Offline-Jule ihre Anonymität.

XX

Anonym hat gesagt…

Lieber Michael, weißt du eigentlich, was Derailing ist? Nein? Google ist dein Freund. Aber nun zu deinem Posting: Nein, es ist nicht schön, dass jemand "überhaupt" über Rollifahrer reden möchte (was eine Formulierung, geil!)- wenn die Art und Weise des Redens daneben ist. Ich lese Jules Beitrag als eine Art Protokoll einer Gesprächssituation mit jemandem, der nichts verstanden hat - obwohl er hier angeblich liest. Lieber Michael, mir scheint auch nicht ganz klar zu sein, was da in deinem Kopf vorgeht, vielleicht steckt da mehr dahinter? Denn die Situation ist doch die: Eine Frau benimmt sich daneben. Jule schreibt darüber und überlässt dem umsichtigen Leser eine Bewertung der Situation. Doch oh nein, wie grauenhaft: die böse Rollifahrerin "würgt ein Gespräch ab" - pfui. Also ob es nicht jedem (ob im Rollstuhl oder nicht) zusteht, ein Gespräch abzuwürgen, in dem sich der Gesprächspartner daneben benimmt. Ach so, deiner Meinung nach, müssen Blogger mit Handicap das wohl aushalten. Nein, müssen sie nicht! Nebenbei schließt es sich auch nicht aus für sich zu schreiben und verständlich für andere. Das ist kein Gegensatz - das ist ein Qualitätsmerkmal. Also Michael, was bewegt dich denn noch so? Ich rate dir nur, geh mal in dich...

PS: Sorry, wenn es overthetop war. Vielleicht blicke ich Michaels "ironische" Art auch nicht, aber bei solchen Kommentaren werd' ich sauer.

Michael hat gesagt…

Bin wohl wieder mal an den Grenzen des geschriebenen Wortes angelangt, denn auf der einen Seite habe ich scheinbar das, was Jule ueber die Frau geschrieben hat, anders interpretiert, auf der anderen Seite wird wohl das, was ich geschrieben habe, ueberinterpretiert.

Ich haette meinem Kommentar eine grosse Headline geben sollen: "Die Kommunikation zwischen Rolli und Fussgaenger ist nicht immer einfach". Und es ist natuerlich vollkommen richtig, was @Anonym 23:33 hier beobachtet: Dass es naemlich ganz schon verwirrend sein kann, wenn Online und Offline Persoenlichkeit ploetzlich verschwimmen. Ich blogge und tweete zwar nicht aktiv, aber dass man in email andere Dinge schreibt, als man persoenlich ausdrueckt, ist mir auch bekannt.

Mir geht es im Kernpunkt eigentlich nur um eins: Rollis fuehlen sich missverstanden, aber Fussgaenger genauso. Ich kann zu einem gewissen Grad mit der Frau sympathisieren. Man will mehr wissen, aber fragt sich ob und wie. Beispiel: Als passionierter Radfahrer, wenn ich bei herrlichem Wetter begeistert meine Runden drehe, treffe ich wieder mal den Rollifahrer, der in unserem Viertel immer in der Mitte der Strasse faehrt. Ich ueberhole ihn, und frage mich, was ihm jetzt durch den Kopf geht. Soll ich ihn ansprechen? Anlaecheln? Klappe halten? Oder wie war das neulich, als ich auf der Strasse dem fleissigen Handrolli-Fahrer begegnet bin? Ich ueberhole ihn mit dem Fahrrad, und er kaempft sich sichtlich ab, weil er scheinbar noch uebt. Ansprechen? Anlaecheln? Hallo sagen? Klappe halten?

Ich halte mich fuer einen offenen Menschen, aber ich gebe einfach zu, dass mir solche Situationen Schwierigkeiten bereiten. Und insofern wollte ich die Frau verteitigen. Ich weiss auch, dass es etws seltsam ist, jemand wildfremdes ueber Kinder zu fragen. Und die Fragen waren weder originell noch besonders intelligent. Aber ich finde es nach wie vor fantastisch, dass sich die Frau offensichtlich mit dem Blog beschaeftigt hat, und einfach fragt.

Es war verkehrt, hier Jule salopp zu fragen, was "in ihrem Kopf rumgeht". Vielleicht haette ich einfach fragen sollen "was fuehlst Du dabei?". Ich hoere laut und deutlich, was @Anomym 23:02 hier zu bedenken gibt, dass es eben total nervig sein kann, zu x-beliebigen Dingen angelabert zu werden. Das sagt Jule ja auch. Man kann sich als Nicht-Behinderter natuerlich nicht vollstaendig in die Situation hineinversetzten. Alles, was ich zu bedenken gebe, ist, dass es auch fuer Menschen mit Nicht-Behinderung, die ehrlich daran interessiert sind, ins Gespraech zu kommen, nicht immer leicht ist. Das ist alles.

Hoffe, ich bin damit genug in mich gegangen, denn die Kritik an meiner Ausdruckweise laesst mich natuerlich nicht kalt.

Trotzdem fand ich die Kritik von @Anonym 15:21 an mir dann doch ueberzogen. Yes, I know what 'derailing' is, even though I'm not sure how I derailed the conversation, which is the usual context in which this word is used. This typically describes attempts to disrupt a conversation with unqualified, often combative comments. I don't think I did this, nor was I trying to discredit Jule with disparaging remarks. But perhaps my German is a little rusty these days. Ich wollte weder ausdruecken, welche "Gnade" es ist, dass jemand mit einem Rollifahrer spricht, sondern nur, dass ich es gut finde, dass es einen Dialog gibt. Und dass die Jule boese ist, glaube ich bestimmt nicht. Aber muss ich es klasse finden, wenn jemand, wie diese Frau, den Dialog sucht, und dann die Deckung des anomymen Blogs von einigen Kommentatoren genuetzt wird, um sich ein bisschen ueber sie lustig zu machen? So habe ich es zumindest empfunden. Not ok, if you ask me.

Das natuerlich die saloppe Ausdrucksweise in meinem Kommentar nicht zur Verbesserung der Kommunikation diente, stimmt aber auch. Sorry dafuer.

Anonym hat gesagt…

als angehöriger einer nicht immer von allen akzeptierten "rand"gruppe sagte mir schon immer: "leute die fragen werden mich nicht schlagen" oder ausführlicher: leute die mir fragen dazu stellen beschäftigen sich mit dem thema und kennen nicht alles ganz genau (müssen sie ja nicht), aber sie sind offen für das thema und denken darüber nach

Daher hat die frau auf jeden fall meine sympathie

Anonym hat gesagt…

Möchte zu dem Satz noch was sagen: "Oder wie war das neulich, als ich auf der Strasse dem fleissigen Handrolli-Fahrer begegnet bin? Ich ueberhole ihn mit dem Fahrrad, und er kaempft sich sichtlich ab, weil er scheinbar noch uebt. Ansprechen? Anlaecheln? Hallo sagen? Klappe halten?"

Die Frage lässt sich doch leicht beantworten mit "Was würdest du bei einem Fußgänger tun?" Würdest du einen Fußgänger random anlabern, was ihm grad durch den Kopf geht? Nein? Dann lass es doch auch beim Rollifahrer. Deine Neugier ist letztendlich DEIN Problem; erst recht, wenn sie die Privatsphäre eines anderen betrifft. Niemand hat einen Anspruch darauf, die halbe Lebensgeschichte eines Rollifahrers zu hören. Ich persönlich find's einfach IMMER dreist, Menschen so unverblümt und persönlich zu belabern. Und was anderes hat die Frau nicht gemacht. Mir geht immer die Hutschnur hoch, wenn Menschen "auffällige" andere Leute so derart als Objekt betrachten, an dem man jetzt unbedingt mal die Neugier stillen muss.

Michael hat gesagt…

Lieber @Anonym 19:13, weiss nicht, ob sich ein Blog dazu eignet, das Thema weiter auszudiskutieren. Ich will versuchen, hier zivil zu bleiben, aber ich finde es eigentlich ganz schoen uebertrieben, wieviele Deiner offensichtlichen Annahmen Du auf jede Situation uebertraegst, in dem ein Fussgaenger und ein Rollifahrer miteinandern kommunzieren.

Die erste Annahme ist, dass eine Kommunikation mit einem Rollifahrer nur deshalb zustande kommt, weil er/sie ein "Objekt" ist, an dem der Fussgaenger seine Neugierde befrieden will. Vielleicht haengt es damit zusammen, dass ich schon lange nicht mehr in Deutschland lebe, wo ja unaufgeforderes Anlaecheln oft zu Verwirrung fuehrt, und eine freudliche Kommunikation unter Mitbuergern gleich als Eindringen in den Privatsphaere empfunden wird. Finde ich jedenfalls echt traurig, wenn es Dir so geht. Fuer mich ist es jedenfalls normal, wenn man unter Fahrradfahrern auf der Strasse "Hallo" sagt und insofern: Ja, ich mache das auch mit Fussgaengern.

Die zweite Annahme ist, dass jede Form der freundlichen Kontaktaufnahme zwischen Rollifahrer und Fussgaenger nur deshalb zustande kommt, weil letzter ein Interesse daran hat, die halbe Lebensgeschichte zu erfahren, und meint, darauf einen Anspruch zu haben. Ich finde ja auch, dass die Frau mit ihrer Frage nach Kindern usw. etwas die Grenzen eines freundlichen Gespraechs ueberschritten hat, aber darf man sich Deiner Ansicht nach als Fussgaenger ueberhaupt nicht mit einem Rollifahrer unterhalten?

Wenn ich eines aus dieser Diskussion gelernt habe, dann sehe ich leider, wir verkrampft die ganze Kommunikations-Situation immer noch ist. Dass da kulturelle Unterschiede sicher auch eine Rolle spielen, ist klar, aber ich finde es eigentlich ziemlich uebertrieben, was Du da alles hineininterpretierst. Ich hoffe, Du ueberdenkst Deine Haltung nochmal.