Sonntag, 14. April 2013

Viel interpretiert, nicht überzeugt

Aus irgendeinem Grund wird immer sehr viel interpretiert. Ich möchte mir über den Grund, vielleicht sind es auch mehrere, gar keine Gedanken machen.

Ich wundere mich, was man (man!) aus meinem gestrigen Post alles herauslesen und kommentieren kann. Auch per Mail. Nicht, dass ich mir keine Kommentare wünsche. Im Gegenteil. Nur habe ich mindestens die Hälfte von dem, was dort kommentiert oder per Mail geantwortet wurde, gar nicht gesagt und schon gar nicht geschrieben.

Ich lasse mich dazu hinreißen, ein zweites Mal auf ein Thema (näher) einzugehen. Anlässlich einer Überarbeitung der Straßenverkehrsordnung ist bei der Suche nach einem geschlechtsneutralen Begriff für Rollstuhlfahrer "Fahrende von Rollstühlen" herausgekommen. In meiner Auseinandersetzung mit dem Thema bin ich sehr bewusst nicht darauf eingegangen, dass ein Rollstuhlfahrer auch alleine oder trotz schwerer Gehbehinderung gerade zu Fuß unterwegs sein, geschoben werden oder mehrere Rollstühle besitzen, einen anderen Willen als sein möglicherweise motorbetriebenes Gefährt haben oder vielleicht auch noch mit angezogenen Bremsen am Straßenrand stehen kann.

Ja, Sprache kann vieles verändern und vor allem vieles bewusst machen. So finde ich es wichtig, richtig, zum respektvollen Umgang miteinander und zum guten Ton untereinander gehörig, meine lieben Leserinnen und meine lieben Leser anzusprechen. Trotzdem bleibe ich dabei: Gestern kamen 1.319 Leser auf meine Seite. Davon waren einige männlich und einige weiblich, einige von ihnen fühlten sich dem anderen oder gar keinem Geschlecht zugehörig, wieder andere fühlten sich auf den nicht mehr nur Männern vorbehalteten Schlips getreten und fühlen sich aktuell nicht angesprochen, obwohl sie gestern auch hierher geklickt haben.

Ich bin nach wie vor (soll heißen: Ich war es auch schon vorgestern) sehr dafür, beispielsweise in Anreden beide Geschlechter anzusprechen. Ich bin ebenfalls sehr dafür, eine Bloggerin auch als solche anzusprechen und nicht (weiblicher) Blogger zu sagen. Aber wenn es darum geht, Leute zu zählen, muss ich nicht jedes Mal betont haben, dass diese Leute verschiedene Geschlechter haben. Diese Haltung kann meinetwegen politisch unkorrekt sein, sie entspricht trotzdem meiner Überzeugung.

Für mich sind Studenten jene Menschen, die an Hochschulen studieren. Für mich sind männliche Studenten diejenigen, die nicht nur versehentlich in den Raum abbiegen, in dem die Pissoirs hängen, und Studentinnen diejenigen, die in den Raum abbiegen, in dem Hygienetüten an den Wänden hängen, minus die Spanner. Plus ein paar Rollstuhlfahrerinnen, die sich aus technischen Gründen mit den männlichen Rollstuhlfahrern eine Toilette in der Uni teilen. Rollstuhlfahrer sind übrigens in meinem Sprachgebrauch jene Menschen, die im Rollstuhl fahren.

Ich bin der Meinung, dass es richtig und wichtig ist, Frauen als Frauen anzusprechen und Männer als Männer. Ich bin aber auch der Meinung, dass es für die Gleichstellung von Frau und Mann eher hinderlich ist, ständig zu betonen, dass man sich als Frau nicht angesprochen fühlt, wenn eine männliche Form für die Bezeichnung einer gemischtgeschlechtlichen Gruppe verwendet wird, und damit dazu aufzufordern, aktiv zu differenzieren, wo ich nun wirklich eine Frau oder mehrere Frauen ausschließen möchte. Sicherlich, um ein Umdenken in Gange zu setzen, mag das gut gewesen sein, aber inzwischen würde ich eher die Frage in den Raum stellen wollen, ob es nicht sinnvoller wäre, einfach eine Selbstverständlichkeit vorzuleben.

Wie gesagt, ich lese allgemeine (nicht persönliche!) Texte, in denen es um Gruppen geht (nicht bei einer einzelnen Person!) immer geschlechtsneutral, auch wenn das grammatikalische Maskulinum verwendet wurde. Der Idiot, der unter Hinweis auf eine männliche Formulierung unpersönlicher Texte ernsthaft behaupten will, Frauen seien nicht angesprochen, soll sich doch bitte selbst die Blöße geben - dabei muss ich ihm nicht helfen. Vielmehr kann ich mich als Frau doch freuen, dass ich die weibliche Form eines Substantives nicht mit Männern teilen oder durch ein hinzugefügtes Wort (männliche Studenten) betonen muss, dass wirklich nur die männlichen gemeint sind. Bei weiblichen Studentinnen ist das 'weibliche' entbehrlich.

Vielleicht setze ich mein persönliches Verständnis aber auch ungerechtfertigt als Selbstverständnis voraus. Aber wäre es dann nicht noch mehr meine Aufgabe, andere Menschen davon zu überzeugen, anstatt mit Mitteln der Sprache neue Möglichkeiten zu schaffen, mit denen man diskriminieren kann? Aus dem gleichen Grund finde ich, und das habe ich ja auch schon mehrmals betont, Bemühungen zur Inklusion behinderter Menschen fragwürdig. In dem Moment, wo jemand nachhelfen muss, schafft man einen Sonderfall. In dem Moment, wo jemand etwas tolles lebt, schafft man etwas Selbstverständliches.

Wenngleich das eigentlich ein schöner Schlusssatz wäre, bin ich noch nicht am Ende. Denn auf eine andere Frage möchte ich auch noch eingehen. Ich sehe meine ausführlich dargestellte Haltung, in unpersönlichen Texten (und ein Gesetz ist ein unpersönlicher Text) die gebräuchliche männliche Form eines Wortes zu verwenden, nicht im Widerspruch zu meiner Forderung, von "Menschen mit Behinderungen" anstatt von "Behinderten" zu sprechen. Im Fall einer Studentengruppe, deren Mitglieder sowohl männlich als auch weiblich sein können, geht es in erster Linie darum, die (berufliche) Tätigkeit darzustellen. Wie sich die Gruppe zusammensetzt, ob aus männlichen oder weiblichen Personen, ist nachrangig. (Es sei denn, es geht in einem Text tatsächlich vorrangig um das Geschlecht, aber darum ging es mir nicht.) Studenten sind Menschen, die an einer Hochschule studieren, zusammengefasst anhand ihrer Tätigkeit in einer Gruppe. Das Genus des Wortes, das die Gruppe beschreibt, gibt in meinen Augen keinerlei Auskunft über die Geschlechterverteilung unter den Gruppenmitgliedern.

Eine Behinderung hingegen ist eine Wechselwirkung zwischen persönlicher (beispielsweise körperlicher) Beeinträchtigung und Barrieren der Umwelt. Ein Behinderter wird durch diese Wechselwirkung an seiner vollen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft behindert. Ihn bei der Wahl einer alltäglichen Bezeichnung hierauf zu reduzieren, halte ich für genauso daneben, als würde man einen Mann als Penisträger bezeichnen.

Ich bin gerne bereit, meine Ansicht zu überdenken und möglicherweise habe ich in naher oder ferner Zukunft Gespräche, Gedanken und Überlegungen, die mich meine heutige Meinung revidieren lassen. Ich verschließe mich anderen Meinungen nicht. Gleichwohl haben sie mich bisher nicht überzeugt. Und um auch noch eine letzte Frage zu beantworten: Nein, ich sehe das nicht verbissen. Aber ich bilde mir gerne eine Meinung und entsprechend diskutiere ich gerne.

Kommentare :

jali hat gesagt…

"Ihn bei der Wahl einer alltäglichen Bezeichnung hierauf zu reduzieren, halte ich für genauso daneben, als würde man einen Mann als Penisträger bezeichnen."

"Penisdenker", wäre bei vielen meiner Geschlechtsgenossen leider auch angebrachter. ;-)

Made hat gesagt…

Klassisch ist doch sowas wie "Amerikanischer Forscher haben herausgefunden, dass..."

Und jetzt frag mal hundert Leute, wie sie sich im Kopf diese Gruppe von Forschern vorgestellt haben. Das werden in der Summe wohl nicht 50% Frauen und 50% Männer sein.

Solange die Welt so ist, wie sie aktuell ist, verschwinden Frauen in der öffentlichen Wahrnehmung bei solchen Sätzen. Das heißt nicht, dass es nicht Menschen gibt, die bei "Forschern" tatsächlich Forscher und Forscherinnen im Kopf haben. Die breite Masse ist es aber nicht. Dazu gibts tatsächlich Studien.

Ich war auch mal anderer Meinung, aber je mehr man sich in diese Thematik einliest, umso mehr merkt man, dass gegenderte Sprache irgendwie notwendig ist. Solange keine bessere Idee vorhanden ist Frauen "wahrnehmbarer" zu machen bei gemischten Gruppen.

Das Binnen-I oder jetzt Binnen-* sieht zwar ungewohnt aus, sorgt aber meiner Meinung nach dafür, dass man sich bewusst wird, dass sich eben nicht nur Männer in der angesprochenen Gruppe befinden.

"Studierende" finde ich durchaus eine gelungene Wortschöpfung. Das ist einfach eine Gewohnheitssache.
"Fahrende von Rollstühlen" ist eher nicht so gelungen. Aber grundsätzlich ist es eine gute Sache, da nach Möglichkeiten zu suchen alle Geschlechter anzusprechen.

Mastacheata hat gesagt…

@Made:
Wie wäre es mit Rollstuhlfahrende?
Das ist aber eben auch nur sprachlich (im sinne von Aussprache) besser, aber hat jetzt keinerlei Änderung an der (Be-)Deutung des Begriffs zur folge. Man kann also immer noch rauslesen, dass man die Menschen auf Ihr Fortbewegungsmittel reduziert.

Jetzt muss ich allerdings mal anmerken, dass ich diese Reduzierung der Menschen auf Ihre Fortbewegungsmittel bei der StvO gar nicht mal verkehrt, nein vielmehr sogar angebracht finde.
Es geht bei den Regelungen der StvO nunmal maßgeblich um die Fortbewegungsmittel als Unterscheidungsmerkmal. Für die StvO ist es komplett unerheblich ob da jetzt ein Männlein oder Weiblein über die Straße spaziert oder rollt. Auf das Fortbewegungsmittel hingegen kommt es sehr wohl an und diese differenzierung lässt sich an der Stelle auch kaum bis gar nicht vermeiden.

NewRaven hat gesagt…

Dir ist doch hoffentlich klar, das du dir da gestern einfach nur ein paar feministische Extremisten (umgangssprachlich auch Feminazi genannt...) eingefangen hast, oder? Also ich hab schon beim Lesen des Beitrags, dem ich übrigens zustimme, gewusst, was da für Kommentare kommen werden. Ich bin auch für Gleichberechtigung beider Geschlechter, absolut... aber den Mitteln, die im Netz dafür genutzt werden, steh ich zumindest skeptisch (#Aufschrei), oft sogar negativ gegenüber (gendern), weil sie anstatt zu irgendeinem Ziel führen zu wollen(!) einzig der Provokation dienen und auch nur so eingesetzt werden. Diese Leute wollen nichts ändern, schon garnicht zum Besseren - im Gegensatz zu Feministen, sondern sie wollen einzig Staub aufwirbeln, warten, wer es wagt, das zu kritisieren, um dann über jeden herfallen, der ihre "Einstellung" öffentlich nicht teilt. Und wenn man dann noch die Frechheit besitzt, ein Mann zu sein... ui... Es gibt da nen tollen Spruch, der trifft es exakt auf den Kopf: "A feminazi is a sexist. A feminist is a supporter of womens' rights." Lass dich nicht durch diesen pseudopolitischen Irrsinn vom klaren Denken abbringen, Jule...

ruolbu hat gesagt…

@ Made
Danke. Ungefähr, das wollte ich beim ersten Beitrag schon formulieren, ist dann aber alles anders geworden und habs dann aber des nicht-zuviel-schreiben-wollens wegen sein gelassen.

Anonym hat gesagt…

"Sicherlich, um ein Umdenken in Gange zu setzen, mag das gut gewesen sein, aber inzwischen würde ich eher die Frage in den Raum stellen wollen, ob es nicht sinnvoller wäre, einfach eine Selbstverständlichkeit vorzuleben.
Wie gesagt, ich lese allgemeine (nicht persönliche!) Texte, in denen es um Gruppen geht (nicht bei einer einzelnen Person!) immer geschlechtsneutral, auch wenn das grammatikalische Maskulinum verwendet wurde."


Soweit sind wir aber noch lange nicht, leider. Einzelne, wie du, wohl schon noch, aber die breite Masse? Grade auch Menschen jenseits der 30 und darüber hinaus? Wenn die jüngeren das schon flächendeckend anders empfinden, ist das prima; aber für den Rest der Bevölkerung muss es noch viel viel Gender-Anregung mehr sein, so lange, bis es tatsächlich bei der großen Maße in den Knochen steckt! Schließe mich da meiner Vorrednerin oder meinem Vorredner an

LG
Daniela

Philipp hat gesagt…

Hallo,

Ich kann das Problem schon irgendwie nachvollziehen, auch wenn Ich Schwierigkeiten habe es zu verstehen.

Gestern Abend lief die Sendung Anne Will im Ersten und man unterhielt sich darüber dass man ein Gesetz machen will in dem es um eine Quotenregelung für Frauen in Aufsichtsräten geht. Was mir an der Diskussion auffiel, ist dass mit fast keinem Wort erwähnt wurde woher diese Frauen kommen sollen, schliesslich bleiben diese ja alle zuhause bei Ihren Kindern weil sie erstens keinen KiTa Platz bekommen und dann auch noch weniger verdienen als Ihr männlicher Lebnsabscnittsgefährte.

Hier ist es doch genauso. Da hängt man sich an Floskeln und Formulierungen auf um bei der Sprache niemanden zu benachteiligen, tut aber im Gegenzug kaum bis nichts was z.B. die Gleichberechtigung in der Lohnpolitik oder die Chancengleichheit bei der Besetzung einer Stelle.

Das ist Energie vor die Säue geworfen die man besser in die Lösung von richtigen Problemen stecken sollte wie z.B. den KiTa Ausbau.

Grüße aus Kaiserslautern

Philipp

heike hat gesagt…

Ich bin trotz der sprachlichen Umstände für eine geschlechtliche Differenzierung statt des Vielleicht-Mitmeinens. Liegt vielleicht daran, dass ich Ü40 bin und vieles noch noch nicht ganz so selbstverständlich ist, wie für heute 20jährige. Und die volle Gleichberächtigung lässt immer noch auf sich warten. Hätten wir wie im Englischen keine weibliche Form, wär's unkomplizierter, aber so isses nun mal.

Was Behinderte, Ausländer/innen etc. angeht, mag ich die umständlichen Formulierungen nicht. Radfahrer (oder -fahrende;-) sind ja auch nicht nur durch ihr Fahrrad definiert, radzufahren ist nur eine ihrer vielen Eigenschaften.

Meiner Meinung nach liegt das Problem darin, dass schlichte Bezeichnungen wie "Ausländer" oder "Behinderte" von bestimmten Gruppen als Schimpfwörter gebraucht worden sind, obwohl sie das nicht sind. Dem Wort dann durch ängstliche Formulierungen wie "ausländische Menschen/Mitbürger/innen" etc. auszuweichen heißt für mich, die negative Konnotation der Rechten zu akzeptieren.

Nehmen wir Neger. Wurde als Schimpfwort missbraucht, dann wechselte man besten Willens zu Schwarze. Wurde auch missbraucht, man wich auf Farbige aus. Ist wohl auch nicht mehr pc, jetzt muss es xy-stämmige heißen oder was auch immer.
Von wem lassen wir uns bei der Deutungshoheit über Begriffe eigentlich treiben?!

Sina hat gesagt…

@heike Du sprichst dich für die geschlechtsspezifische Spache aus. Bei "Behinderten" jedoch magst du keine umständlichen Wortschöpfumgen. Zitat: "Was Behinderte, Ausländer/innen etc. angeht, mag ich die umständlichen Formulierungen nicht". Wir behinderten Frauen (und Männer) dürfen also geschlechtsneutral auf ein Merkmal reduziert werden?

Mir ist es völlig egal ob in der StVO Rollstuhlfahrer steht oder was auch immer, ich fühle mich trotzdem angesprochen. Von mir spreche ich selbstverständlich als Rollstuhlfahrerin. Aber als Behinderte will ich nicht bezeichnet werden. Ich habe eine Behinderung - aber ich bin es nicht. Ich bin Sina.