Donnerstag, 2. Mai 2013

Bismarck und der Kinderrollstuhl

Wenn man mit einer Tüte gebrannter Tonsillen in der Hand norddeutschlands größtes Volksfest, den Hamburger Dom, verlässt und die Helgoländer Allee in Richtung Landungsbrücken hinunter rollt, lädt der Alte Elbpark je nach Tageszeit mal mehr, mal weniger zu einem Besuch ein. Aber egal, ob man dorthin abbiegt oder nicht, selbst von der Helgoländer Allee sieht man das abends hell beleuchtete, knapp 35 Meter hohe Denkmal zu Ehren des Reichskanzlers Bismarck. Ob man das Ding als Denkmal oder als Mahnmal dort stehen lässt oder derzeit wartet, bis es wegen Baufälligkeit umkippt, möchte ich nicht diskutieren, Fakt ist, dass es dieser Typ war, der in Deutschland vor ziemlich genau 130 Jahren die gesetzliche Sozialversicherung eingeführt hat, wie uns unser Dozent auf einer Exkursion durch tonnenweise Hundekacke und Glasscherben erklärte. Angeblich mehr aus einer Not und aus seinem Streben nach Macht heraus als aus sozialer Fürsorge - aber letztlich ist sie da, wie noch heute fast jeder an seiner neuerdings mit Bildchen versehenen Plastikkarte in seinem Portmonee überprüfen kann.

Wir leben heute in einem Sozialstaat. Und das ist mit Sicherheit gut so. Manchmal ist dieser Sozialstaat aber auch zum Verzweifeln. Dann nämlich, wenn es jemandem so ergeht wie einer neuen Sportkameradin, die mit 14 Jahren mit dem Fahrrad gestürzt ist, als ein Autofahrer sie beim Abbiegen übersehen und umgebügelt hat. Der Autofahrer ist abgehauen, konnte auch nicht ermittelt werden. Der Vater der Sportkameradin ist privat krankenversichert, da er selbständig ist. Dadurch entgeht dem Kind, das natürlich nie gefragt wurde, wie es sich versichern möchte, sogar der Rollstuhl. Ja, richtig gelesen: Rollstühle sind in dem vom Vater gewählten Tarif nur minimal abgesichert, das heißt, von dem günstigsten auf dem Markt erhältlichen Aktivrollstuhl, der mit rund 3.000 € zu Buche schlägt, übernimmt deren private Krankenkasse gerade mal 20%. Und eigentlich bräuchte sie wegen ihrer sehr hohen Lähmung ein sehr leichtes Modell, für das die gesetzliche Krankenkasse in einer Einzelfallentscheidung locker 5.000 bis 6.000 € auf den Tisch legen würde. Sie muss also ihren Vater bitten, ihr einen Rollstuhl zu kaufen. Und was sagt der? Das Geld haben wir nicht.

Im Moment fährt sie mit Sofies altem Rollstuhl, der ihr aber nur mit ganz viel Fantasie passt.

Nur damit wir uns richtig verstehen: Mir ist sehr wohl bewusst, dass diese Familie nie in die gesetzliche Krankenversicherung eingezahlt hat. Folglich ist es auch richtig, dass sie keine Leistungen daraus bekommt. Wo ich aber sehr viel Nachbesserungsbedarf sehe, ist die Tatsache, dass es Kinder und Jugendliche in diesem Sozialstaat gibt, deren Grundbedürfnisse (und wir reden hier von einem Rollstuhl, der diesem Mädchen ermöglicht, das Bett zu verlassen) nicht befriedigt werden können, weil ein Vater den "falschen" Tarif gewählt hat.

Es gibt ja viele Diskussionen, ob die JAE-Grenze (die bewirkt, dass für monatlich maximal 4.350 € der Beitrag zu zahlen ist, egal wieviel jemand verdient) in dieser Form und dieser Höhe sinnvoll ist, ob private Krankenversicherungen überhaupt sinvoll sind, ob nicht alle Menschen grundsätzlich eine gesetzliche Grundversicherung haben sollten - das ist kaum zu überblicken und dazu habe ich wegen der Komplexität auch keine in wenigen Worten darstellbare Meinung. Aber zu einem habe ich sie: Ich bin der Meinung, Kinder und Jugendliche sollten bis zu ihrem 18. (oder bis zum Ende der ersten Ausbildung und damit der elterlichen Unterhaltspflicht) in der gesetzlichen Krankenversicherung pflichtversichert sein, sofern sie noch nicht über die Eltern dort familienversichert sind. Mit dem Mindestbeitrag von 70 € monatlich, den die Eltern oder notfalls die Sozialhilfe zu zahlen hat.

Alternativ könnte ich mir vorstellen, dass der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung für Kinder in privaten Krankenversicherungen verpflichtend ist. Wie dann die Beiträge angepasst werden müssen, würde sich zeigen. Was aber nicht sein kann, ist dass Kindern und Jugendlichen der Rollstuhl fehlt, weil das nicht versichert ist und der Vater kein Geld hat.

Kommentare :

jali hat gesagt…

Ein weiteres Argument für die Einführung einer Bürgerversicherung. Bei diesem Modell gibt es einen Leistungskatalog, ähnlich dem den es jetzt auch gibt, und jeder Bürger ist dort gesetzlich versichert.
Wer mehr Leistungen will, kann sich ja immer noch privat zusätzlich versichern.

Das würde IMHO auch viele Finanzierungsprobleme lösen, weil man sich dann nicht mehr durch ein entsprechend hohes Einkommen "herauskaufen" können.

Auf der anderen Seite stehen dann kleine Selbständige und Freiberufler, die keinen Anspruch auf eine gesetzliche Versicherung haben, und sich die "rundum sorglos"-Pakete der Privaten oft schlicht nicht leisten können. Da kommt dann so ein Mist raus, wie der den Du da beschreibst.

Christian hat gesagt…

Wirklich schade das das Kind die Entscheidung der Eltern ausbaden muss.

Auf der anderen Seite ist es verdammt schwer, die Gesamtsituation solch tragischer Fälle zu lösen.
Eine faire, menschlich aber auch wirtschaftlich sinnvolle Lösung zu finden ist wohl nicht möglich.

Kritikpunkte gibt an an jedem System.

Welche Gründe der Vater hatte einen solchen "Spartarif" abzuschließen wird aus deinen Worten auch nicht klar. Oder warum es keine Unfallversicherung für seine Tochter gab.

Aus nachvollziehbaren Gründen hälst du keinen Kontakt zu deinen Eltern, aber mit deiner Unfallversicherung haben sie etwas gutes getan.



Anonym hat gesagt…

Wenn der Fahrer greifbar wäre, müßte das wohl seine Versicherung zahlen. Aber sollte dann bei Fahrerflucht nicht die Verkehrsopferhilfe einspringen?

Aber abgesehen davon hast Du natürlich recht, so eine Lücke in der Krankenversicherung ist unerträglich.

Anonym hat gesagt…

Jule,

ich stimme dir vollkommen zu.

In diesem speziellen Fall könnte die Verkehrsopferhilfe http://www.verkehrsopferhilfe.de/home.html aber vielleicht auch weiterhelfen - oder hat deine Kameradin diesen Weg schon versucht?

MfG, Arno

Robin hat gesagt…

Das so etwas überhaupt möglich ist erschreckt mich immer wieder. Einfach traurig ...

Ein kleiner Gedanke: Wäre das nicht etwas für die erste "Sammelsocke"?! Ich wäre dabei!

Liebe Grüße,

Robin

ela hat gesagt…

eventuell sollten die Eltern prüfen ob das Mädchen gesetzlich versichert werden kann (als freiwillig Versicherte)

sie muss nicht privat sein, nur weil der ater es ist.

Die Krankenkassen werden sich zwar nicht vor Begeisterung überschlagen, aber ich würde es versuchen

seemaedel hat gesagt…

Darüber rege ich mich auch immer wieder auf.

Und man macht es sich zu einfach, wenn man behauptet, dass PKV-Versicherte es ja nicht besser verdient haben, weil sie sich der solidarischen GKV entziehen, nur weil die PKV billiger ist. Mal abgesehen davon, dass das auf Kinder natürlich ohnehin nicht zutrifft (von daher finde ich die Idee mit der GKV für Kinder sehr interessant, Jule), gibt es eben auch die bereits erwähnten Selbstständigen, die bis auf wenige Ausnahmen auch bei nicht allzu hohem Einkommen sehr viel zahlen müssen, genauso wie Beamte, die keinen Arbeitgeberzuschuss bekommen und die 15,5% komplett selber zahlen müssen. Und nicht jeder Beamte hat ein riesiges Einkommen. Die PKV ist ja gerade deshalb für Beamte günstiger, weil sie dort nur die Prozent versichern müssen (und können), die nicht von der Beihilfe abgedeckt sind. Bei der GKV gehen nur 100%.
Und leider ist es fast unmöglich, ein Kind von der PKV in die GKV zu bekommen. Je nach Konstellation hat man eine Chance, wenn es innerhalb von 3 Monaten nach Feststellung der Behinderung ist, ansonsten eigentlich erst bei Aufnahme eine sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit bzw. wenn sich für die Eltern eine Wechselmöglichkeit ergibt.
Und wer kommt schon drauf, wenn er einen Vertrag mit der PKV abschließt, dass es Bereiche gibt, wo er gnadenlos schlechter gestellt ist als in der GKV... der Versicherungsvertreter wird das wohl kaum von sich aus erzählen und in den Medien hört man fast nur, dass die PKV ja so viel besser ist...

Was mir zum konkreten Fall einfallen würde:
1. Es gibt wohl einige Urteile, wo PKVs verurteilt wurden, wichtige Hilfsmittel zu übernehmen, auch wenn sie nicht oder mit Deckelung im Katalog stehen.
2. Bei der Eingliederungshilfe könnte man es noch versuchen, der Rolli wird ja sicher auf für die Schule gebraucht. Und auch hier gibt es offenbar Urteile dahingehend, dass sie es übernehmen müssen, wenn die PKV sich weigert, selbst wenn die Weigerung unberechtigt ist.

Aber ich wäre auch für die Abschaffung dieses Doppelsystems, wobei dann eben die GKV auch für Beamte und Selbstständige bezahlbar sein müsste.

Graugrüngelb hat gesagt…

Wenn ich den Fuhr- und Hilfsmittelpark unserer 7-jährigen Tochter hier so betrachte, bin ich sehr, sehr froh, dass weder mein Mann noch ich jemals erwogen haben, uns privat zu versichern. Ich halte das Zwei-Klassen-System der Krankenversicherung für völlig daneben und kenne einige schwerbehinderte Kinder bzw. deren Eltern, die mit den privaten Kassen um jedes Hilfsmittel kämpfen müssen bzw. denen es so geht, wie oben beschrieben.

Michael hat gesagt…

Das ist ja eine furchtbare Geschichte. Die ganze Diskussion aehnelt natuerlich ein bisschen dem, was hier in USA im Rahmen der Ueberarbeitung des Gesundheitssystems diskutiert wird. Es gibt ja bisher hier keine Pflichtversicherung, und erst mit der durch Obama iniitieren neuen Gesetzeslage wird man verpflichtet, ueberhaupt eine Versicherung zu haben. Und ein grosser Anteil der Amerikaner will das neue System nicht, fuehlt sich durch den Staat gegaengelt.

Warum wollen Menschen keine Versicherung? Ganz einfach: Sie wollen Geld sparen, und nehmen dafuer einfach Risiken in Anspruch. Normalerweise finde ich es auch gut, dass der Staat sich aus meinem Leben heraushaelt, aber in diesem Fall ist es einfach so, dass im Katastrophenfall der Rest der Versicherungsgemeinschaft einfach zur Kasse gebeten wird, nur weil ein paar Uneinsichtige sich partout nicht versichern wollen.

Das die Amis in dieser Beziehung etwas bekloppt sind, weil sie panische Angst vor zuviel Staatsmacht haben, ist mir ja einleuchtend. Aber das eine solche Situation auch in Deutschland passieren kann, war mir nicht klar.

Diese Kombination aus privater und gesetzlicher Versicherung finde ich im Grunde genommen eigentlich ja gut. Aber das es einem Teilnehmer der privaten Versicherung erlaubt ist, wirklich katastrophale Versicherungsfaelle auszuschliessen, nur um Geld zu sparen, das ist etwas, das ich in Deutschland nicht fuer moeglich gehalten haette.

Insbesondere unverantwortlich, weil die Kinder darunter leiden, dass ihre Eltern Geld an der falschen Stelle sparen wollen.

Ob die Pflichtversicherung fuer Kinder hier das Problem loest, weiss ich jedoch nicht. Solche katastrophalen Versicherungsfaelle, fuer die dann die Gemeinschaft irgendwie aufkommen muss, koennen ja jeden treffen. Eine Versicherung sollte so bekloppte Tarife einfach nicht anbieten duerfen. Obwohl ja das Mindesteinkommen fuer die Privatversicherung ja genau dazu dar ist, weil der Gesetzgeber annimmt, dass der Rest aus der privaten Tasche bezahlt werden kann. Was wohl irgendwie hier nicht geht. Stattdessen will der Vater seine Tochter wohl im Bett liegen lassen? Furchtbar ...

BigDigger hat gesagt…

Wenn der Vater einerseits selbständig ist, andererseits aber nicht in der Lage ist, sich ausreichend zu versichern oder aus seinen Erträgen für seine Tochter einen dringend benötigten Rolli zu finanzieren, dann scheint er in seinem Job ja nicht wirklich gut zu sein. Soll er sich einen ordentlichen Job suchen, damit seine Lütte den Rolli kriegt! Andernfalls sollte er mal über die Bedeutung des Wortes "Vater" nachdenken.

In jedem Falle sollte er schleunigst seinen Hintern Richtung Ämter bewegen, um zu sehen, ob da irgendwas zu machen ist.

Kontrast dazu: Vielleicht wäre das Geld ja doch da, aber die Eltern wollen gar nicht zahlen, weil ihr kleines Mädchen ja nun ein Krüppel ist und es unvorstellbar scheint, dass auch ein Mensch mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben führen kann...?

Abgesehen davon: Die Trennung von privater und gesetzlicher Krankenversicherung ist einer der größten neoliberalen Scheißdrecks der Menschheitsgeschichte und ein weiterer Baustein zur Zersprengung der Solidargemeinschaft.
Wer hat's verbrochen? Die Merkel-Union (christliche Nächstenliebe nur noch für Geldeliten) und die Spezialdemokraten... Da wi- äh, wächst zusammen, was zusammen gehört.

jali hat gesagt…

der Gedanke mit der "Sammelsocke", den Robin geäußert hat, ist mir auch schon gekommen. Das hilft zwar nicht, das zugrunde liegende strukturelle Problem zu lösen, aber wenn es der jungen Frau in einer akuten Notsituation hilft, wäre es einen Versuch wert.

Ich würde das definitiv unterstützen, und Du hattest ja hier: http://jule-stinkesocke.blogspot.de/2013/04/in-eigener-sache.html schon angedeutet, dass es offenbar einige Leute gibt, die Dir was gutes tun möchten. Wenn man den Wunsch dieser Leser, etwas zurückzugeben entsprechend "lenkt" (was ja wohl die Idee hinter Deiner Aktion "Eine Socke für Dich" ist), kann man bestimmt was Gutes bewirken.

Vielleicht lässt sich da ja was erreichen. Zumindest sollte man die junge Frau fragen, ob sie solche Hilfe überhaupt möchte.

Jule hat gesagt…

Es ist nicht möglich, dass jemand von der privaten in die gesetzliche wechselst. Nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen, die hier alle nicht gegeben sind.

Der Vater ist selbständig, verdient allerdings nur wenig Geld.

Eine Sammelsocke kommt nicht in Frage, solange die Familie nicht alle anderen Wege ausprobiert hat. Als erstes wäre ein Antrag auf Eingliederungshilfe beim Sozialamt zu stellen. Lehnen die dann ab, weil der Vater zu viel Geld hat, müsste wohl mal das Jugendamt eingeschaltet werden. Hat der Vater nicht genug Geld, würde das Mädchen den Rollstuhl erstmal vom Sozialamt bekommen.

Sollte das sich für zuständig erklären und einen Rollstuhl für überflüssig halten oder ähnlich blöde Entscheidungen treffen, können wir über eine Sammelsocke gerne nachdenken. Aber wie gesagt erst, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Robin hat gesagt…

Hej Jule,

das finde ich sehr vernünftig. Ich kenne mich mit den Systemen und deren Möglichkeiten nicht aus und hatte daher angenommen es gäbe keine andere Alternative.

Ich finde es gut, daß Du die Sammelsocken nur für ausweglose Situationen "sparst" - anders würden sie wahrscheinlich schnell an Glaubwürdigkeit einbußen.

Mein Gedanke war einfach nur: "Ich will da helfen" - wenn Kinder leiden müssen (egal ob unter den Entscheidungen Erwachsener oder Fehlern im System) möchte ich diese Situation einfach nur so schnell wie möglich beenden. Wer Schuld daran war/ist kann man dann hinterher immer noch klären...

Liebe Grüße,

Robin

Anonym hat gesagt…

Leider einer von vielen Fällen...
Ich selber habe eine Tochter, die auf den Rollstuhl angewiesen ist und bin, Gott sei Dank, gesetzlich versichert. Trotz allem habe ich ein 3/4 Jahr mit der Krankenkasse streiten müssen, um die, für mein Kind, optimalste Rollstuhllösung zu bekommen. Ich würde alles dafür geben, besonders den blauen Parkausweis (off Topic), um diese Energien der Krankenkassenstreitereien für meine Tochter einsetzten zu können. Oft tun die Damen und Herren dort so, als würden sie Hilfsmittel aus eigener Tasche zahlen müssen...
Als wenn wir Rollsthl etc. soooooo gern haben wollen würden.(Ironie off)

jali hat gesagt…

Hallo Jule,

das man erstmal alle anderen Möglichkeiten ausschöpft, bevor man die "Sammelsocke" einschaltet halte ich für selbstverständlich. Es geht dabei, wie Robin schon sagte, um das Vertrauen der Spender, aber auch darum, dass sich die zuständigen Stellen nicht auf der hilfsbereitschaft von Menschen ausruhen; nach dem Motto: "Da finden sich schon ein paar barmherzige Samariter, die das Zahlen".

Denn: Auch wenn alle Spender es lieb meinen, und der Betroffenen aufrichtig und selbstlos helfen wollen, ist und bleibt es doch ein Almosen. Und ich finde, dass kann nicht angehen. Meiner Meinung nach hat sie einen Anspruch auf einen passenden Rollstuhl, und mir ist es eigentlich egal welche Institution dafür am Ende bezahlt. Natürlich ist es blöd, wenn jemand privat versichert ist, und die Versicherung das nicht abdeckt. Aber als Selbstständiger in der gesetzlichen zu sein, ist nicht so leicht (wer einmal da raus ist, kommt nur schwer wieder rein), und dem Vater vorzuwerfen, dass er nicht genug verdient finde ich schon ganz schön anmaßend (ja, @BigDigger, das geht in Deine Richtung). Der Vater würde seiner Tochter bestimmt gerne den bestmöglichen Rollstuhl kaufen.

In Deutschland verstellt leider immer wieder die Bürokratie den Blick aufs wesentliche: Das wir in einem Land leben, das zwar zu den reichsten der Welt gehört, das es aber im Zweifelsfall nicht schafft, sich um die elementarsten Bedürfnisse seiner Bürger zu kümmern.

Das regt mich gerade sehr auf.

Philipp hat gesagt…

Hallo,

Ich bin im Moment auch noch Familienversichert, da Ich arbeitssuchend bin und kein eigenes Einkommen habe. Mein Vater der 2009 verstarb war Beamter, so dass meine Mutter nun den Tarif in der Privatkasse weiter führen muss.

Meine Mama muss nun im Monat, wenn Ich es recht erinnere, um die 300, 400 € an Krankenkasse, plus 120 € für meine Krankenversicherung. Verrückt!

Das ist auch so eine Seite an diesem System.

Gerade im Fernsehn ist in den letzten Wochen viel darüber diskutiert worden.

Da wünscht man sich doch so eine Art "Schweizer-System" mit einer Versicherung für alle. Vom Baby bis zum Millionär in der jeder genau das bekommt was er braucht, nicht mehr und nicht weniger. Das wäre doch solidarisch, oder?

Sven hat gesagt…

@BigDigger:
Man darf also nur Vater sein, wenn man so richtig fette Kohle verdient?
3000 - 6000 Euro sind ja nun nicht gerade Kleingeld. Jedenfalls für viele Menschen.
Natürlich muss man als Vater alle Möglichkeiten ausnutzen und sich informieren.
Aber das mit dem Jobwechsel machst du dir viel zu einfach.
Teilweise ist der Weg in die Selbstständigkeit auch der Ausweg aus der Arbeitslosigkeit. Oder das Geschäft läuft einfach nicht immer rosig. Alles hin schmeissen und sich einen "ordentlichen Job" suchen klingt bei dir so einfach. Ist es in der Realität häufig aber sicher nicht.
Was für einen "ordentlichen Job" soll sich denn der Friseur suchen, dessen eigenes Geschäft zwar zum Leben reicht, aber eben nicht aus dem Nichts solche Ausgaben ermöglicht?

@Jule:
Dieser Artikel zeigt mir mal wieder wie gut es ist, dass ich gesetzlich krankenversichtert und mein Sohn bei mir familienversichert ist.
Manche Kollegen schwärmen einem immer vor wie viel besser die PKV sei...

BigDigger hat gesagt…

@Sven, @jali
Ich kann an den Fakten nichts ändern. Fakt ist nun einmal, dass die Selbständigkeit des Vaters nicht genug Geld einbringt, um seine Familie ausreichend zu versichern und den Bedürfnissen seiner Tochter - die nicht in iPad und einem Jahresurlaub in Dubai liegen, also keine Luxusbedürfnisse sind - gerecht zu werden. Ist es tatsächlich zu viel verlangt, daran notfalls etwas zu ändern, um die Situation zu verbessern? Für die meisten ist es leider eben keine Sache der Umstände, sondern meistens eine psychologische: Die Aufgabe der eigenen Selbständigkeit wird als persönliches Scheitern betrachtet.

Fakt ist: Die PKV des Vaters zahlt nicht. Ob die Ämter was zahlen, ist zweifelhaft, vielleicht allenfalls als Darlehen. Was also soll die Lösung sein? Soll das Mädel die nächsten 20 Jahre auf abgelegte Schrottrollis hoffen, die ihr nicht passen, und ansonsten ohne Schulbesuch im Bett vor sich hin vegetieren? Denn wenn sich nichts ändert, passiert genau das...

jali hat gesagt…

@BigDigger Ich glaube nicht, dass Du die betroffene Familie persönlich kennst, und deren wirtschaftliche Lage beurteilen kannst, oder sehe ich da was falsch?

All diese Gedanken wird sich der Vater sicherlich gemacht haben.

Ob die Aufgabe der Selbständigkeit sinnvoll ist, hängt ja davon ab was er von Beruf ist. Wie @Sven schon sagte, wenn er selbstständiger Friseurmeister ist, fährt er als Angestellter bestimmt schlechter.
Ich weiß natürlich nicht, wie es Dir finanziell so geht, aber ich gehöre als angestellter Informatiker durchaus schon zu den "Besserverdienern". Mal eben so 6000-7000€ aus dem Hut zaubern kann ich aber auch nicht. Und die übrigen Kosten für die Hilfsmittel, die man mit einer Behinderung so braucht sind ja auch nicht zu verachten. Die bezahlt die Kasse ja vermutlich auch eher nicht oder nur zu 20%.

Und das Geld für den Rolli leihen? Nun, ich hatte im vergangenen Jahr durchaus Probleme Geld für eine Sanierung meiner Wohnung zu bekommen. Und das obwohl ich in sicherer Anstellung beschäftigt bin, recht gut verdiene und keine sonstigen Schulden habe. Warum? Weil die Zinsen derzeit so niedrig sind, dass die Banken die Knete lieber nicht rausrücken; lohnt nicht. Das sagen die Dir auch frech ins Gesicht.

Als Selbstständiger mit einem behinderten Kind hast Du da keine Chance, wenn Du nicht ein großes Haus als Sicherheit anbieten kannst.

heike hat gesagt…

Ich bin privat versichert und wünsche mir eine Bürgerversicherung!

Da mein Dienstherr keinen Arbeitgeberanteil leisten würde, hätte ich den kompletten Beitrag allein tragen müssen und hab mich wohl damals auch zuwenig über Vor- und Nachteile informiert. Allein schon diese ganze Leistungsbeantragung bei Beihilfe und PKV geht mir ganz schön auf den Keks. Gut ist allerdings, dass man endlich auch die Leistungsabrechnung des Arztes zu Gesicht bekommt.

Nach 3 Monaten in der privaten kann man sich dann nicht mehr freiwillig in der gesetzlichen versichern und hängt auf ewig in der PKV, ob man will oder nicht. Blödes Sytem!

Anonym hat gesagt…

@Jule 12:20 That's the spirit! Deswegen lese ich diesen Blog. Bitte halt uns auf dem ... äh Laufenden. ;)

Sina hat gesagt…

Wenn man eine Schwerbehinderung erlangt kann man von der privaten in die gesetzliche Krankenversicherung wechseln. Es gibt dafür aber nur ein kurze Zeitfenster. Das steht auch auf dem Infoblatt, das man mit dem Schwerbehindertenausweis erhält.

Im Falle eines Unfalls hat man meist andere Sorgen und wiegt sich noch in dem Glauben, dass man mit der privaten Krankenversicherung besser dran wäre.