Sonntag, 19. Mai 2013

Fünf Beine, zwei Köpfe

Als ich beim letzten Training auf dem Deich an ganz vielen Schafen vorbei gefahren bin, waren da auch bereits ganz viele kleine Lämmchen auf der Weide. Auch ganz viele schwarze. Am liebsten hätte ich sie alle einmal geknuddelt. Einzeln.

Es war kein Lamm mit fünf Beinen dabei. Auch keins mit zwei Köpfen. Und folglich lief dort auch keins herum, das fünf Beine und zwei Köpfe gleichzeitig hatte. Der Bauer hätte es getötet. Gegen die Wand geworfen und beseitigt. Bauern machen das so. Zumindest die britischen, wenn man einem Politiker aus North Cornwall glauben darf.

Aus Kostengründen. Es lohne sich nicht, ein missratenes Lamm durchzubringen. Und wenn man bedenke, dass die Assistenz für einen behinderten Menschen so viel Geld kosten kann wie der Unterhalt für zehn öffentliche Toilettenanlagen, sollte man auch schwer behinderte Kinder lieber einschläfern, befindet der gleiche Mensch. Ein entsprechender und einfach nur schockierender Bericht findet sich in den Dienstagsausgaben der britischen Zeitungen "The Independent" und "Daily Mirror".

Der Politiker wurde bereits von der Polizei vernommen. Er habe geäußert, dass er, müde von einer langen Sitzung, von einem Reporter zu dem Thema befragt wurde und provozieren wollte. Mehrere Vorsitzende politischer Parteien haben sich in einem offenen Brief bereits von diesen Nazi-Gedanken distanziert und ihn aufgefordert, sich zu entschuldigen.

Das reicht nicht. Da es bereits der zweite öffentlich berichtete Vorfall dieser Art in den letzten zwei Jahren ist, erwarte ich, dass diesem Menschen die Berechtigung entzogen wird, öffentliche Ämter zu bekleiden. Jemand, der sich für das Einschläfern bestimmter Menschen ausspricht, hat grundsätzliche Menschenrechte nicht begriffen und ist daher ungeeignet für die Führung eines politischen Amtes.

Kommentare :

Lia hat gesagt…

Solche Meinungen finde ich daneben. Ich weiß, dass es das in Sparta im antiken Griechenland gab, weil wir das im Unterricht besprochen haben und das eindeutig falsch fanden.

Jali hat gesagt…

Verbieten können wird man ihm diesen Blödsinn wohl kaum. Die Meinungsfreiheit wird in UK sehr hoch gehandelt. Andererseits hatte die Polizei laut "Guardian" wohl Ermittlungen wegen "hate speech" (entspricht in etwa der Volksverhetzung in Deutschland) aufgenommen.

Der Vorfall liegt übrigens schon einige Monate zurück. Brewer hatte die umstrittene Äußerung bereits am 26. Februar getätigt. Am 28. Februar ist er dann zurück getreten.

Der Hammer ist, dass die Leute in Cornwall ihn bei den letzten Council-Elections am 3. Mai ernsthaft wieder ins Amt gewählt haben!

Es gibt allerdings auch die Version von Brewer selbst: Seiner eigenen Darstellung zu Folge hat er den umstrittenen Satz gesagt, um zu seinen politischen Gegner zu provozieren, so im Sinne von "Die Bauern töten missgebildete Lämmer ja auch. Wenn Sie so auf Kosten schauen, müssten sie es genauso mit Menschen machen."

Dem steht allerdings entgegen, dass er die erste Äußerung laut "Indepentent" gegenüber einem ehrenamtlichen Mitarbeiter einer Wohltätigkeitsorganisation getätigt hat, und seine Position gegenüber dem Sprecher eines Behindertenverbandes nochmal bekräftigt hat (aus dem Interview stammt auch der Satz mit den zweiköpfigen Lämmern).

Seine Version halte ich daher für recht unglaubwürdig. Ich halte es aber nicht für ganz unwichtig seine Version der Geschichte zu erwähnen, besonders weil die Primärquelle für die ganze Geschichte der Daily Mirror ist. Und die sind sehr weit weg davon selbst glaubwürdig zu sein (und hacken auch gerne auf Behinderten rum, besonders wenn diese irgendetwas kriegen sollen).

BigDigger hat gesagt…

Ich wäre fassungslos, wenn das kein englischer Hinterwäldler wäre. Den sozialen Zusammenhalt hat ihnen damals Thatcher abtrainiert. Der ist - kürzlich wiedergewählter - Lokalpolitiker in einem Land, in dem die Hälfte der Menschen weniger Zähne im Maul haben als Zahnlücken.
Dass er selbst aussieht wie ein fehlgeschlagener Abtreibungsversuch, ist lediglich ein nettes Bonbon obendrauf.

Gewöhn Dich lieber dran, Jule. Unsere politische Kaste arbeitet seit 20 Jahren auf den Zustand des heutigen Großbritanniens hin.

Christian hat gesagt…

Politiker, es ist Zeit die gefestigten Strukturen abzuwählen.

Wenn ich mir ansehe wohin uns die gestandenen Politiker gebracht haben, wäre ich bereit es mal mit anderen zu probieren. Viel schlechter können die es auch nicht machen.

Auch wenn du es als Nazigedanken beschreibst, so ist diese Denkweise doch sehr viel älter.

In Großbritanien sind es ein paar Schafe die verschwinden, in gewissen Asiatischen Ländern sind es gesunde Babys die das falsche Geschlecht haben.

Schlimm ist beides.

Anonym hat gesagt…

Ich finde das auch ... bestimmte Politiker sollte man einschläfern dürfen, bevor sie größeren Schaden anrichten.

Ach ja, bevor ich es vergesse: Ich bin auch furchtbar müde und wollte bloß provozieren; falls das hier jetzt irgendwer ernst nimmt, es war natürlich nicht so gemeint ...

meint

Karl aus Franken

Jali hat gesagt…

@Christian:

Ich sehe schon noch einen qualitativen Unterschied zwischen dem Keulen von Schafen und einem Infantizid.

Die dahinter stehende Denkweise ist natürlich älter als der Nationalsozialismus. Das neue am Nationalsozialismus war ja nicht, die menschenverachtende Denkweise, sondern die Institutionalisierung derselben.

Die Nazis haben den Mord an Behinderten eben nicht "nur" toleriert, wie dies in manchen Gesellschaften der Welt üblich ist, sondern ihn zur Staatsdoktrin gemacht, und ökonomisiert. Insofern ist der Nazi-Vergleich zu Brewers Äußerungen hier ausnahmsweise mal gerechtfertigt (was Nazi-Vergleiche ja oft nicht sind). Brewers Argument ist nämlich im Kern das gleiche, wie das der Nazis: Die Behinderten schadeten der Gesellschaft, weil ihre Inklusion mehr Geld koste, als ihr (ökonomischer) Wert bringe. Also sei es effizienter sie zu töten.

Das ist exakt die Logik, mit der auch die Nazis an das Thema herangegangen sind.