Samstag, 4. Mai 2013

Wer haftet für eine Behinderung?

Mit dieser Frage beschäftigen sich zur Zeit einige Experten. Und es ist aus meiner Sicht auch dringend notwendig, dass das diskutiert und klar bewertet wird.

Angenommen, jemand, der völlig gesund ist, wird plötzlich schwer krank. Braucht medizinische Behandlung, vielleicht regelmäßige Dialyse, vielleicht ein Spenderorgan. Da sind schnell Millionen Euro fällig. Wenn dieser Mensch eine Krankenversicherung hat, bleibt sein privates Vermögen unangetastet. Hat er keine, wird er sein gesamtes privates Vermögen einsetzen und danach, wenn es aufgebraucht ist, zum Sozialamt gehen müssen.

Angenommen, jemand, der völlig gesund ist, wird plötzlich schwer verletzt. Von einem Dritten, bei seiner Arbeit, beim Besuch einer Schule oder eines Kindergartens. Da können ebenfalls schnell Millionenbeträge fällig werden. Für die Kosten muss der Schädiger aufkommen, bei einem Arbeitsunfall die Berufsgenossenschaft, beim Schulbesuch die Landesunfallkasse. Auch in diesem Fall bleibt das private Vermögen unangetastet. Mehr noch: Kann der Betroffene künftig nicht mehr arbeiten, bekommt er diesen Nachteil durch eine Rente ausgeglichen. Ist er dauerhaft verletzt, bekommt er Schmerzensgeld. Für Pflege und Assistenz muss ebenfalls der Schädiger aufkommen.

Angenommen, jemand erkrankt oder kommt mit einer Krankheit oder Behinderung zur Welt, ohne dass ein Verursacher ausgemacht werden kann. Angenommen, er benötigt Pflege und Assistenz. Dann werden dafür im Laufe von Jahren ebenfalls Millionenbeträge fällig. Für die Kosten, die nicht durch die Pflegeversicherung abgedeckt sind (diese zahlt pro Monat maximal 1.918 €), muss der Betroffene selbst aufkommen. Mit seinem gesamten privaten Vermögen. Ist es aufgebraucht, wird er zum Sozialamt gehen müssen. Teilweise werden Angehörige in die Pflicht genommen. Versichern kann sich derjenige insbesondere bei angeborenen Krankheiten und Behinderungen nicht dagegen.

Immer mehr Menschen sehen in den Fällen, in denen so eine Erkrankung oder Behinderung ohne jedes Zutun des Betroffenen auftritt, eine Benachteiligung des Betroffenen, wenn er nicht nur mit einer Behinderung leben muss, sondern auch noch für seine Pflege und Assistenz mit seinem Privatvermögen haften muss. Er ist damit vor allem nie in der Lage, zu sparen, zu verreisen, sich ein Auto zu kaufen, teuer essen zu gehen oder andere Dinge zu tun, die jeder andere Mensch ohne eine Behinderung tun könnte, wenn er genug Geld verdient. Und es gibt Menschen, die, obwohl sie von Pflege und Assistenz abhängig sind, tatsächlich Geld verdienen...

Es ist die Rede von einer Ungleichbehandlung aufgrund der Behinderung. Der Mensch, der nichts für seine Behinderung kann, hat ein Leben lang mehr Ausgaben als Einnahmen, nur weil er lebt. Und zufällig eine Behinderung oder schwere Krankheit hat. Es gibt nicht wenige Forderungen, dass die Gesellschaft, also der Steuerzahler, für diese Kosten aufkommen möge, ohne dass das private Vermögen des Betroffenen oder das seiner Angehörigen angetastet wird.

Ich verfolge diese Diskussion nun schon seit einiger Zeit. Mich betrifft sie nicht persönlich und mir ist das Thema auch zu komplex, um dazu eine bis ins letzte durchdachte Meinung haben zu können. Allerdings finde ich es bereits schon jetzt unglaublich, wieviel Zündstoff hinter dieser Forderung steckt. Und wieviele Menschen sich gegen den Gedanken einer inklusiven Gesellschaft sträuben (vor allem, solange sie nicht selbst von Ausgrenzung betroffen sind). Und dass tatsächlich Menschen glauben, es wird auch nur ein gesundes Kind mehr geboren, wenn man der Bewohnerin eines Pflegeheims von den 300 €, die sie verdient, 240 € wegnimmt und sie in ihre Betreuung steckt, bevor sie sich davon ein paar vernünftige Schuhe kauft.

Ich bin nicht in der Lage, mit den entsprechenden Zahlen um mich zu werfen. In einem bin ich mir aber ziemlich sicher: Am Ende zahlt fast immer das Sozialamt. Und bei den meisten Menschen ist "am Ende" schon im ersten Monat. Die Kohle, die hier aufgewendet wird, geht zu 100% in Arbeitskraft. Ließe sich da nicht ein vernünftiges System aufbauen, das ohne das (oft wenige) Einkommen der Betroffenen auskommt?

Kommentare :

Philipp hat gesagt…

Das erinnert mich an einen Beitrag aus einem Dritten Programm letztens, in dem ein Kind, das seine Eltern wegen unüberbrückbarer persönlicher Differenzen seit Jahrzehnten nicht gesehen hat, finanziell im Pflegefall versorgen soll.

Auch das finde Ich eine Unverschämtheit.

Ich kann verstehen dass mein seine Kinder bis in ein gewisses Alter unterstützen muss, denn schliesslich hat man sich mehr oder weniger bewusst dazu entschieden Kinder zu bekommen, doch keiner auf dieser Welt hat sich selbst ausgesucht geboren zu werden oder gar welche Eltern man hat.

Hier kann man meiner Meinung nach den Spiess nicht einfach umdrehen und einfach sagen das Kind muss finanziell für die Eltern aufkommen. Egal ob nun im Falle der Pflegebedürftigkeit oder auch sonstwie.

Wir können alle froh sein in einer Solidargemeinschaft zu leben und Ich gebe gerne meinen Teil dazu, damit solche Leute nicht finanziell in Anspruch genommen werden müssen.

Anonym hat gesagt…

In anderen Ländern Europas klappt das mit der Inklusion schon sehr gut: Italien soll zb führend in der schulischen Inklusion (mit Förderung der betroffenen Kinder!) sein.
Während in Deutschland inkludiert wird nach dem Motto 'Entweder du kommst im Stoff mit oder Du hast eben Pech'. Nachteilsausgleich und Förderung muss man zu oft mit der Lupe suchen.
Schweden setzt übrigends das persönliche Assistenzmodell als Normalfall! und zwar ohne Angreifen des Geldes der Betroffenen um und stellt dabei fest, dass es die Wirtschaft ankurbelt, weil es Arbeitsplätze schafft. Es wird dadurch nichtmal zwangsläufig teurer als Heime und bietet die Möglichkeit so viel ungenutztes Potenzial in die Gesellschaft einzubringen.
Traurig, wenn eine Gesellschaft auf die Bereicherung verzichtet aus vermeintlichem Spargedanken.

Anonym hat gesagt…

"Und dass tatsächlich Menschen glauben, es wird auch nur ein gesundes Kind mehr geboren, wenn man der Bewohnerin eines Pflegeheims von den 300 €, die sie verdient, 240 € wegnimmt und sie in ihre Betreuung steckt, bevor sie sich davon ein paar vernünftige Schuhe kauft."

Geniale Argumentation. Da hat jemand in Politik gut aufgepasst. Hut ab.

Anonym hat gesagt…

Danke für diesen Beitrag. Mich macht das immer sehr traurig. Eigentlich bin ich sehr glücklich, ich bin körperlich ganz, gesund kann man mich nicht nennen,da ich mehr krank als gesund bin im Jahr, aber ich bin auf meinem Niveau fit. Es gibt aber auch Krankheiten, die eher eine "Seelische" Behinderung sind. Die werden niemals unterstützt. Auch ich bin ohne mein Zutun zu einem Krüppel geworden. Einem Seelischen und es ist mir nicht möglich zu verreisen, zu arbeiten, ein Auto zu kaufen oder zu fahren. Manchmal nicht mal Bahn zu fahren oder einkaufen zu gehen. Es gäbe auch "Schuldige" die "Verursacher" - aber alles Verursachende liegt zu weit in der Vergangenheit, der Kindheit zurück als dass ich es geltend machen kann. Es ist verjährt bevor ich alt genug war. Selbst wenn es nicht so wäre hätt ich nicht die Kraft und auch keinerlei Hilfe durch "den Staat" in From von Therapie oder sonstwas, um mir etwas einzuklagen. Ich finde es ein Unding, dass die Gesellschaft mich druch alle Maschen fallen lässt, nur weil ich als Kind Opfer von schrecklichen Taten war. Ich habe weder geboren werden wollen, noch habe ich gewählt so ein Leben am Rande der Gesellschaft leben zu müssen. Ein Leben in dem ich auf die Hilfe anderer nahestehnder Menschen angweisen bin. Es ist bitter, das Menschen so behandelt werden und dass immer wieder gerade die, die sich glücklich schätzen können, weil sie gesund sind und im richtigen Elternhaus aufwuchsen arrogante und umenschnliche Argumente bringen. Solange bis es SIE trifft oder einen Menschen den sie lieben. Dann sieht die Welt anders aus. Es macht mich jedes mal wütend, bitter und traurig.

Chrissy hat gesagt…

Danke :-) endlich mal jemand, der sich darüber Gedanken macht.

Ich selbst habe eine Schwerbehinderung von 70%. Bin aber eigentlich relativ fit, kann ein eigenständiges Leben führen und arbeiten.
Jetzt kommt die Krux: Ich bin Beamtin. Und Beamte sind privat versichert. Wenn man sich freiwillig gesetzlich versichert, fallen 50% Beihilfe weg. Allerdings muss ich, für etwas wo ich NICHTS für kann, 30% mehr Krankenkasse zahlen (Risikozuschlag). Alternative: Ausschluss von bestimmten (mit der Behinderung in Zusammmenhang stehenden Erkrankungen/Hilfsmittel). Dann brauch ich keine Krankenkasse mehr. Oder freiwillig gesetzlich. Danke fürs Gespräch. Mittlerweile gibt es ja die sog. "Basistarife" in der gesetzlichen Krankenkasse - für mich einerseits gut, andererseits der blanke Hohn! Privater zweiter Klasse... . Aber was soll man machen, das sind private Unternehmen.

Wenn man einmal privat versichert war (und zum Abschluss gesund) und es passiert dann etwas, gibt es keinen Zuschlag. Wo wir wieder beim Thema wären.

Christian hat gesagt…

@Chrissy,

> "Basistarife" in der gesetzlichen Krankenkasse.

Du meinst bestimmt in der privaten Krankenkasse, oder ?


> für mich einerseits gut, andererseits der blanke Hohn

Du bist als Beamtin im "Basistarif"? Geht das überhaupt? Der Basistarif ist doch ein 100% Tarif und gar nicht bedarfsgerecht weil du als Beamtin ja nur 50% absichern musst. Allein preislich müßte das mehr sein, als eine 50% Absicherung in einem beamtentauglichen Tarif.


> Wenn man einmal privat versichert war (und zum Abschluss gesund) und es passiert dann etwas, gibt es keinen Zuschlag.

Es wird immer der Gesundheitszustand zum Versicherungsbeginn versichert.
Der eine war gesund und es entsteht kein Nachteil, weil er kränker geworden ist.
Der andere war schon gesundheitlich eingeschränkt (Übergewicht) und ist wirklich ein höheres Risiko weil er halt Diabetes leichter bekommen kann, als jemand ohne das Übergewicht.
Wenn diese Person aber, jetzt gesund abnimmt, und dieses nachweislich hält durch gesunde Lebensplanung, dann kann er mit seinem Krankenversicherer verhandeln, weil das Risiko sich ja auch verringert hat. Dann könnte sich der Risikozuschlag verringern, oder ganz wegfallen.
Ein anderes Beispiel für solch eine Risikoverkleinerung gibt es bei Heuschnupfen, bei manchen Menschen bessert sich das mit dem Alter.


@Blogpost,
Natürlich ist es schade das jemand mit angeborener Behinderung schlechter gestellt wird, als jemand der eine Behinderung erst später bekommt.
Es sind andere Startvorraussetzungen fürs Leben.

Jemand der mit einem durchschnittlichen IQ geboren wird, wird ein durchschnittliches Leben haben.
Jemand der "schwer von Begriff" geboren wird, wird vermutlich kein Abitur machen, keinen höherbezahlten Job haben und ihm ensteht dadurch ein Nachteil zu dem durchschnittlichen Menschen.
Er kann dafür auch nichts.
Auf welcher Basis will man das ausgleichen?

Es ist die Gesellschaft die krankt, weil sie ihre Ansichten zur Normalität erklären.
Jemand der kein Auto hat oder nicht zum Urlaub ins Ausland fahren kann ist kein schlechterer Mensch. Es braucht mehr Austausch zwischen betroffenen und nichtbetroffenen. Damit die Nichtbetroffenen erkennen können, warum die Betroffenen gewisse Dinge einfordern und nicht erbitten.
Bei meiner Berufsgenossenschaft gibt es Seminare für Unternehmensleiter wo diese für Menschen mit Behinderung sensibilisiert werden.
Sprich die müssen mal paar Tage im Rollstuhl verbringen um zu sehen, was man alleine bei der Architektur und Arbeitsplatzgestaltung beachten sollte. Das Seminar kommt angeblich auch immer mit einem super Aha-Effekt an. Ich finde so was sollte jede Schulklasse mal machen.

Ninze W. hat gesagt…

Niemand sucht es sich aus behindert geboren oder durch Krankheit, bzw. einen Unfall behindert zu werden. Und wenn dieser Fall eintritt, hört für viele Betroffenen die „Solidargemeinschaft“ auf zu existieren. Behinderte Menschen werden oft von einer privaten Krankenversicherung ausgeschlossen, abgesehen von der Tatsache, dass sie aufgrund von Vorerkrankungen und damit höherem Risiko für den Versicherer sowieso höhere Beiträge zu bezahlen hätten.
Krass ist auch der Fakt, dass Umbaumaßnahmen an Haus und Wohnung bis zu 50 % des monatlichen Bruttoeinkommens von den Betroffenen selbst getragen werden müssen.
Auch Geräte, die über die Standartversorgung hinausgehen, aber für den Kranken eine Verbesserung der Lebensqualität bedeuten, müssen selbst finanziert werden. In meinem Fall war das ein Medikamentenvernebler für die unteren Atemwege, der mehrere hundert Euro kosten sollte. Die konnte ich aber nicht aufbringen, weshalb ich zum ‚normalem‘ Aerosolspray greifen musste. Vielleicht für andere Betroffene interessant, ist diese Übersicht von bezuschussten Hilfsmitteln: http://www.rehadat.de/gkv2/Gkv.KHS

Xin hat gesagt…

Ich würde mir eine verpflichtende Bürgerversicherung wünschen, bei der alle Bürger ab der Geburt automatisch verpflichtet sind gegen alle Schäden, die sie ohne eigene Schuld erleiden.

Häufig sind das Verbrechen, bei denen der Schuldige nicht ermittelt werden konnte. Die Gesellschaft kommt für den Schaden eines einzelnen aus der Gesellschaft zumindest finanziell auf.

Auch hat die Gesellschaft ein Interesse daran, Kinder als Rentenzahler zu erhalten. Dass die Eltern dann mit dem Risiko alleine gelassen werden, halte ich auch nicht für korrekt. Die Gesellschaft kommt aus eigenem Interesse für Bildung auf (damit aus den Kindern Steuerzahler werden), sich da aus Verantwortung zu stehlen, wenn ein Kind der Gesellschaft besondere Hilfe braucht ist schade.

Das passt aber auch zu dem Beitrag mit der privaten Krankenversicherung - die PKW ist in meinen Augen die bewusste Entscheidung, sich von der Gesellschaft zum eigenen Vorteil (kostet als Single ja weniger) zu distanzieren. Das halte ich für falsch. Das Kind, dass da auf einen adäquaten Rollstuhl verzichten muss, ist da ein schönes Beispiel für den Mangel einer solchen Bürgerversicherung.