Samstag, 1. Juni 2013

Kraft für die Inklusion

Vielleicht ist der einen Leserin oder dem anderen Leser meines Blogs aufgefallen, dass ich die Liste der Empfehlungen und Verlinkungen überarbeitet habe, jene, die in der rechten Spalte neben dem Haupttext steht. Sie ist nicht vollständig, schließlich wird nicht immer übermittelt, woher meine Besucher kommen. Falls ich etwas vergessen habe, was ich lieber nicht vergessen sollte, bitte ich um einen Hinweis...

Auch das eine oder andere Printmedium hat mich in den letzten zwei, drei Jahren erwähnt. Das ist immer recht lustig, wenn ich plötzlich über die Vereinsadresse, die bei mir im Impressum angegeben ist, eine Zeitung (als Belegexemplar) weitergeleitet bekomme, mit freundlicher Empfehlung und einem Klebereiter auf der Seite, wo irgendetwas über meinen Blog steht. Meistens sind das Vereinszeitungen oder die Mitgliederzeitungen kirchlicher oder wohltätiger Organisationen, aber es war auch schon eine Parteizeitung und ein Mitgliedermagazin einer Gewerkschaft dabei.

Und es gab, gerade in den letzten Wochen, auch die eine oder andere Anfrage verschiedener Redaktionen. Mittendrin erinnere ich den außergewöhnlich langen Brief eines Redakteurs einer der auflagenstärksten Tageszeitungen Deutschlands, mit der Bitte, mich interviewen und ein, zwei Tage lang zu verschiedenen Alltagsstationen begleiten zu dürfen. Zum Sport, zur Uni, beim Autofahren, in meiner WG. Oder eine Anfrage eines öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders für eine Reportage im Rahmen einer Dokumentationsreihe. Mehrere Casting-Anfragen für alles mögliche, eine sogar für eine Talkrunde bei einem privaten Fernsehsender.

Und ich? Ich habe immer "Nein" gesagt. Warum? Weil ich schüchtern bin, bei einer Talkrunde oder bei irgendeinem Dreh kein Wort rauskriegen würde. Und weil ich hier über mein Leben blogge, wobei ich bestimmen möchte, was ich von mir erzähle. Und nicht zuletzt, weil ich nicht als "starke Frau" (die häufigste Anfrage) oder "Kraft für die Inklusion Behinderter" (die zweithäufigste Anfrage) gelten möchte - ich möchte überhaupt nicht öffentlich vor vielen Menschen bewertet werden. Und das passiert automatisch, wenn man einen Artikel über mich schreibt, über die starke Frau, die ihr Leben in den Griff bekommen hat.

Vielleicht habe ich mein Leben ja gar nicht im Griff? Vielleicht stehe ich zwei Meter vor dem Abgrund? Vielleicht bin ich gar nicht stark, sondern nur kämpferisch? Genau das steht eben morgen oder nächstes Jahr exklusiv in meinem Blog.

Auf jeden Fall bin ich aber keine "Kraft für die Inklusion Behinderter". Denn mein Verständnis einer inklusiven Gesellschaft ist ein gemeinsames Miteinander. Ein gemeinsames Miteinander kann immer dann nicht funktionieren, wenn auf gleicher Ebene (also auf der Ebene der Beteiligten) Bemühungen nötig sind, um dieses gemeinsame Miteinander zu erreichen. Denn jede Bemühung ist aus einem erkannten Defizit motiviert - und das weiß auch der, der diese Bemühungen erlebt.

Die einzig sinnvolle Bemühung auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft kann es sein, Barrieren abzubauen, die das gemeinsame Miteinander behindern. Also einen Rahmen zu schaffen, in dem "alles möglich" ist. Und zwar nicht, weil ein Mensch ohne Beeinträchtigungen das (offenherzig) möchte, sondern weil ein Mensch mit Beeinträchtigung das (selbstbestimmt) kann. Dass wir da nicht morgen sind, ist mir klar, darum geht es mir auch gar nicht. Mir geht es darum, dass ich nicht für die Inklusion behinderter Menschen kämpfe. Sondern für eine inklusive Gesellschaft, in denen alle Menschen selbstverständlich miteinander leben. Das möchte ich - nur mal so am Rande - erwähnen. Die zahlreichen Anfragen zu eben diesem Thema machen es nötig.

Kommentare :

Mart hat gesagt…

Aber ein sorgfältig ausgearbeiteter Artikel bei einem seriösen Medium deiner Wahl kann ja gerade dazu dienen Barrieren abzubauen, schon allein wegen der Verbreitung. Talkshows sind da meiner Meinung nach gänzlich ungeeignet, weil da schnell diese beklemmende Betroffenheit beim Publikum und den Gästen einsetzt. Ich denke mal, dass das genau das ist, was du nicht willst und das eben nicht der erwähnte normale Ungang ist, den sich Behinderte wünschen.
Aber ein gut recherchierter Zeitungsartikel ist da schon was anderes finde ich. Du hast diese Aufmerksamkeit jedenfalls verdient finde ich.

Niklas hat gesagt…

Ich möchte, dass du zu Anne Will gehst und ganz laut rülpst. Oder ständig "Nippel" sagst.

Niklas hat gesagt…

Bzw. zu Günther Jauch! :D

Anonym hat gesagt…

"Für eine inklusive Gesellschaft" trifft es genau!

BigDigger hat gesagt…

@ Mart:
"Aber ein sorgfältig ausgearbeiteter Artikel bei einem seriösen Medium deiner Wahl kann ja gerade dazu dienen Barrieren abzubauen, schon allein wegen der Verbreitung."
Nur: Wo findet man ein solches seriöses Medium? Allein der Spiegel-Titel dieser Woche belegt schon, dass sogar die, die einen anderen Anspruch an Qualität haben müssten, sich boulevardisieren. Guck Dir jedes Medium einzeln an - bei allen wäre Jule bloß wie der Elefantenmensch auf dem Rummelplatz. Für sowas muss sich Jule nicht prostituieren.

@ Jule:
Du machst das schon richtig.
Und wann gründest Du jetzt eine Partei? Ich wüsste gern bald mal wieder, was ich wählen kann. Dieses "Sag mal einer 'Stopp'!" in der Wahlkabine wird auch langsam langweilig...

ruolbu hat gesagt…

Ach, Zeitungen, Talkshows, alles Krimsekrams. Ich freue mich auf den Film der auf deinen Blog aufbaut im nächsten Winter.

Brilo hat gesagt…

Inklusion ist die bereits erfolgreich durchgeführte Integration.
Bei einer erfolgreichen Inklusion sind wir genau an der Stelle, die du beschreibst, Jule. Da kann man keine "Gruppen" mehr ausmachen, da sind eben alle die Gruppe.

Von diesem Zustand sind wir noch meilenweit entfernt. Das trotzdem alle das Wort Inklusion in den Mund nehmen, zeigt nur, dass sie es nicht verstanden haben. Weder die Politiker noch die Medien.

Philipp hat gesagt…

Ich denke du machst das schon richtg.

Ich schätze dich jedenfalls aus dem was Ich bisher so gelesen habe so ein, dass dir, wie auch mir sowas nicht gefallen würde, zu viel mediale Präsenz nicht behagt.

Mach weiter so wie bisher, folge deinem Verstand und mach das was du denkst was richtig ist.

Fünf Minuten berühmt sein kann ganz schnell ganz hässlich werden.

Grüße aus Kaiserslautern

Philipp

Alexander Noack hat gesagt…

Ich verstehe völlig, warum Du nicht ins Fernsehen willst. Ich habe selbst schon Erfahrungen mit verschiedenen Medien machen dürfen, scharf bin ich darauf auch nicht.

Eine "Kraft für Inklusion" bist Du trotzdem, ob Du das willst oder nicht. Dein Blog wird von vielen Menschen gelesen, darunter viele wie mich, die bislang wenig mit Menschen mit Behinderungen zu tun hatten.
Über viele Dinge, vor allem die zahlreichen Barrieren im Alltag, macht man sich überhaupt keine Gedanken. Dass hier eine Rampe fehlt, oder dort in einem öffentlichen Gebäude die behindertengerechte Toilette nur über Stufen erreichbar ist, fällt mir plötzlich auf.

Das ist die eine Sache. Die andere ist, dass dadurch dass Du so viel über dein persönliches Leben und Empfinden bloggst, wird für Leser die vielleicht vorher immer gedacht haben "Die arme Behinderte" deutlich, dass sich Dein Leben eben gerade nicht nur um Deine Behinderung dreht, sondern dass viele Dinge in deinem Leben sich überhaupt nicht von denen anderer Leute unterscheidet. Ich weiß, dass sollte eigentlich selbstverständlich sein, aber schon dein "Idiotenmagnet" (den andere Rollifahrer vermutlich auch haben) beweist ja, dass es das eben nicht ist.

Genau deshalb bist Du eine "Kraft für Inklusion", auch beziehungsweise gerade weil Du nicht Wonder-Woman bist.

Anonym hat gesagt…

Ich finde schon, dass du für die Inklusion kämpfst, oder willst du, dass Behinderte ausgegrenzt werden?

Patty hat gesagt…

Ich finde, du hast dabei eine ziemlich klare Haltung. Und das ist doch das Wichtigste! :)

Nullzone hat gesagt…

So, jetzt schreibe ich meinen ersten Kommentar, nachdem ich mich die letzten Wochen durch Deinen Blog durchgearbeitet habe:
Vergiss das, was BigDigger weiter oben über Dich und Partei gründen sagt.
Wir machen das anders: schaffen den ganzen Unsinn ab, und wählen Dich als Diktator/Königin/Oberste Stinkesocke (darfst Du Dir aussuchen, schliesslich bist Du dann der Chef) auf Lebenszeit. Aber dann musst Du die Flachkäselande (=NL) annektieren, schliesslich wohne ich jetzt da und nicht mehr in D, und ich will auch was von meiner Idee haben ;)
Ich weiss wirklich niemanden sonst - und ganz sicher keinen unserer Politiker - dem ich zutrauen würde, den Laden wieder in Ordnung zu bringen.

Mobilfunkfachverkäuferin hat gesagt…

Danke für Deinen Link.
Dein Blog hat mir auch geholfen u.a. viel mehr Verständniss für meine Rollstuhl-fahrenden Kunden zu haben.