Samstag, 8. Juni 2013

Nur die Socke

Eine weitere anstrengende Woche liegt hinter mir. Ich bin froh, wenn endlich Semesterferien sind. Und ich bei diesem schönen Wetter an den Strand fahren kann.

Ich weiß. In Deutschland und auch in anderen Ländern gibt es gerade Menschen mit ganz anderen Problemen als Sehnsucht nach Strand und Meer. Einige Sportkollegen wohnen oberhalb der Geesthachter Staustufe und haben bereits alles hochgestellt und weggebracht, was irgendwie wertvoll ist und vom Wasser gefährdet sein könnte. Ich kann sehr froh sein, dass ich nicht im Erdgeschoss wohne und die Elbe in Hamburg gerade mal 40 Zentimeter höher steigen soll. Diese Flutwelle sei in diesem Bereich, wo die Elbe sehr breit ist, ein Klacks im Vergleich zu einer Sturmflut, bei der der Wind die halbe Nordsee in die Elbe drücke. Ich wünschte mir, sie sei weiter flussaufwärts auch nur so ein "Klacks".

Gestern saß ich mit Marie auf dem Rasen auf dem Uni-Gelände. Wir aßen ein Eis. Ich träumte vor mich hin, als Marie mich plötzlich antickte und sagte: "Hör mal!"

Nicht weit von uns entfernt, hinter einer Hausecke, saßen zwei Kommilitoninnen von uns. Normalerweise wäre ich jetzt zurück in den Rolli und hätte mich spontan zu ihnen gesetzt, aber bei ihrer Unterhaltung ging es gerade um Marie und mich. Nun bin ich eigentlich niemand, der gerne andere Leute belauscht und ohne den Hinweis von Marie hätte ich das wohl gar nicht mitbekommen, aber was ich da gerade hörte, verschlug mir die Sprache. Eine der beiden meinte, Marie und ich würden stinken.

Eigentlich ist so ein Unsinn keiner Rede keines Beitrags wert. Eigentlich. Uneigentlich wurmt mich das. Sie habe im Aufzug mal neben uns gestanden und wir hätten beide dermaßen pervers gerochen, dass ihr übel geworden sei. Sie dachte dann, das wäre eine einmalige Sache gewesen und habe aus einem inneren Bedürfnis heraus an den nächsten Tagen noch ein paar mal unauffällig geschnüffelt, wenn wir in ihrer Nähe gewesen seien. Aber dabei habe sich das nur noch bestätigt.

Ganz offensichtlich wollte diese blöde Kuh über uns Gerüche ... äh ... Gerüchte in die Welt setzen, denn ich stinke nicht und Marie auch nicht. Ich war kurz davor, mich zurück in den Stuhl zu setzen, zu ihr zu fahren und ihr eine Szene zu machen. Marie flüsterte in dem Moment: "Ihr ist aber schon klar, was [die andere Kommilitonin] später über sie denkt, wenn sich diese Behauptung nicht bestätigen lässt?" - "Das ist wieder so unnötig gerade..."

Die andere Kommilitonin reagierte allerdings recht gut, wie ich fand. Sie sagte: "Das hab ich noch gar nicht gerochen. Marie war neulich mit mir in einer Arbeitsgruppe und da roch überhaupt nichts. Könnte das nicht sein, dass da irgendwas anderes gestunken hat?"

"Nein, das sind die beiden. Definitiv. Ich habe das jetzt schon paar Mal mitgekriegt. Ich meine, ich finde das ja nicht so schlimm, wenn man behindert ist, aber seit es eine Pflegeversicherung gibt, muss doch niemand mehr ungewaschen aus dem Haus, schon gar nicht zur Uni. Schließlich sollen die beiden ja später auch mal Vorbild für andere Menschen sein."

Die andere Kommilitonin sagte: "Meinst du wirklich, dass die sich nicht waschen? Ich habe das wirklich so noch nicht wahrgenommen. Und die haben doch beide immer saubere Sachen an und fettige Haare haben sie auch nicht. Also irgendwo müssen sie doch Zugang zu Wasser und Seife haben."

"Du, keine Ahnung, ich kann dir nur sagen, was ich jetzt schon mehrmals bemerkt habe."

Die andere Kommilitonin antwortete: "Ich weiß nicht, ich finde das irgendwie nicht gut, dass du das allen erzählst. Willst du nicht lieber mal mit den beiden reden, dass dir das aufgefallen ist?"

"Hab ich schon. Jule hat mir nur den Mittelfinger gezeigt. Ist aber auch klar, sowas hört man ja auch nicht gerne, gerade wenn man sowieso schon behindert ist und damit eher eine Sonderrolle hat."

Die andere Kommilitonin wechselte schlagartig das Thema. Marie meinte, das habe wohl nicht funktioniert. Aber wer weiß, wem sie das noch alles erzählt. Wir werden uns die blöde Kuh, die solchen Mist über uns erzählt, in Kürze mal zur Brust nehmen. Sicher weiß ich aber, dass sie nie mit mir gesprochen hat und ich ihr auch keinen Stinkefinger gezeigt habe.

Das erste, was Marie sagte, als sie nach Hause kam und ihre Mutter begrüßte: "Mama, stinke ich? Stinken meine Sachen oder meine Haare?" - Ergebnis: "Du stinkst nicht. Und deine Haare riechen nach Shampoo." - "Und Jule?" - "Bei Jule stinkt nur die Socke." - "Und ernsthaft?" - "Wer erzählt solchen Mist?!"

Kommentare :

ruolbu hat gesagt…

Oh wow, solches Verhalten hat in meinem Umfeld spätestens mit dem Studium aufgehört, eigentlich schon mit dem Abitur. Ich dachte immer, dass das Alter, der Lernstress und Leistungsdruck die Leute darauf stößt, was wirklich relevant ist und was nur eine Nichtigkeit

Aber ich schätze mal, dass für Menschen, die mit der Realität so wenig klar kommen, dass sie Gerüchte verbreiten wollen, um ihr Umfeld mit ihrer persönlichen Wahrnehmung in Einklang zu bringen, die Anwesenheit einer von der Norm abweichenden Person weeeesentlich(!) relevaner ist als alles andere.

Blogolade hat gesagt…

Ist die auf irgendwas eifersüchtig? Eure Leistungen? Oder leidet sie an zuviel Langeweile?
Ich schätze mal, du wirst sie drauf ansprechen. Oder liest sie eh deinen Blog?

BigDigger hat gesagt…

Kannst sie ja vor die Wahl stellen: Sich bei einer beliebigen Vorlesung bzw. bei einem Seminar vorne hinzustellen und sich vor allen Anwesenden bei Dir für das Indieweltsetzen von Gerüchten zu entschuldigen oder Strafanzeige wegen übler Nachrede (zumal sie Dir ja die strafbare Handlung einer Beleidigung - Stinkefinger - andichtet)...

Patrick Gamm hat gesagt…

Da sieht man mal wieder dass es einfach überall dumme Menschen gibt. Zur Rede stellen würde ich die Frau auf jeden.
Aber schön zu wissen das die andere Kommilitoin nicht auf das Thema eingegangen ist und im Zweifelsfall würde diese den Versuch der üblen Nachrede vielleicht bestätigen.

Anonym hat gesagt…

Ob Du (Ihr) stinkt kann ich nicht sagen, aber ich hätte es fast selber erleben oder errichen können. Ich habe am Freitag eine Bekannte im Krankenhaus besucht und war wohl ganz in eurer nähe. Aber keine Angst, auch wenn ich euch erkannt hätte, hätte ich euch nicht angesprochen:)
Aber ich gehe stark davon aus das Ihr nicht stinkt, und Deine Socken auch regelmäßig gewaschen werden...
Steh einfach über solche dummen Leute, die sterben nie aus, und selbst im Altenheim mobben die alten Leute noch, also keine Angst, es endet nie.

jali hat gesagt…

Was soll man dazu noch sagen?

Lass'e Reden:
https://www.youtube.com/watch?v=zmZsDkftKy4

Olli hat gesagt…

Ich mal es mal kurz und schließe mich BigDigger an.
Außer für mich selber, weil beim dem Erstellen des Erstattungsantrages an meine private Krankenversicherung eben irgendwie ein halbes Glas eingelegter Knoblauch von Feinkost Albrecht verschwand.

Anonym hat gesagt…

Man kann kein Gerücht bekämpfen. Aber frei nach Edgar Allan Poe - "Das Fass Amontillado": nemo me impune lacessit.
Es findet sich eine Gelegenheit, irgendwann, zurück zu zahlen. Irgendwann, wenn sie nicht mehr daran denkt.

P. hat gesagt…

Ich riech das! Bis hierher tief in den Westen! Echt jetzt!
So'n Gemuffel kann auch nur von einer echte stinkenden Socke ausgehen .. ;-)
Wer weiß, was die Trulla gerochen hat in dem Moment .. und wer weiß, was ihr echtes Problem ist, wenn sie zusätzlich zu dem Geruch noch das Stinkefingergerücht in die Welt setzt .. oder kann sie grad Stinkefinger und Stinkesocke nicht auseinander halten? Man weiß es nicht ..

Dennis hat gesagt…

Hallo Jule,

das Verhalten der Kommilitonin ist auch schon Mobbing. Ich hoffe, die anderen Kommilitonen glauben ihr nicht. Vielleicht solltet Ihr mal mit der reden und klarstellen, dass sie so einen Mist nicht verbreiten soll.

Zum Thema Elbhochwasser. Man sollte bedenken, dass Hamburg für Hochwassersituationen eigentlich gut Vorbereitet ist. Es gibt die Deichverteidigungsdepots und die Rettungsdienste sind auch gut vorbereitet. Ich wohne nicht weit weg vom Elbdeich, er ist in Sichtweite. Wenn man nicht weiß, wann die normale Ebbe und Flut hier in Hamburg ist, bekommt man vom Hochwasser wohl auch kaum etwas mit.

Liebe Grüße
Dennis

Mela Eckenfels hat gesagt…

Stell sie zur Rede. Sie hat definitiv ein Problem mit euch. Entweder weil sie nicht mit der Behinderung klarkommt oder weil sie denkt, dass ihr wegen der Behinderung ungerechtfertigte Erleichterungen bekommt und sie neidisch ist.

Es geht nicht nur darum, dass sie behauptet ihr stinkt. Sie behauptet, ihr wascht euch nicht und streut die Vermutung ihr könntet das ohne Assistenz auch gar nicht.

Damit versucht sie nicht nur die Kommilitonen gegen euch aufzubringen, sondern das kann euch beruflich schaden.

Ungewaschene Ärzte, du verstehst?

Stell dir mal vor, sie macht das auch im Praktikum gegenüber Patienten.

"Ach, heute ist die Frau Julia gar nicht da? Die ist immer so nett..." - "Ach unter uns, seien sie froh, die nimmt es mit der Hygiene nicht so genau ..."

Deswegen unbedingt ansprechen.