Donnerstag, 11. Juli 2013

Allerhöchste Zeit

Es gab ein Fahrzeug, das eignete sich nur sehr schlecht für Menschen mit Behinderungen. Nicht aus technischen Gründen, im Gegenteil, Platz und Funktionalität gab es genug, so dass das Auto eigentlich optimal war, insbesondere für Menschen, die im Elektrorollstuhl fahren.

Nein, das Problem war die Namensgebung und die damit verbundene schwierige Vermarktung an eben diese Zielgruppe. Die Rede ist von dem T4, wer nicht weiß, was das ist, möge bitte eine entsprechende Bildersuche bemühen. Nebenbei bemerkt: Inzwischen gibt es den T6.

Aber zurück zum T4: Die Abkürzung "T4" steht in erster Linie für die Tiergartenstraße 4 in Berlin. Dort befand sich während des Zweiten Weltkriegs die Bürozentrale für die koordinierte Ermordung behinderter Menschen im Deutschen Reich. Mit der Absicht, im Sinne einer "Rassenhygiene" und einer Höherzüchtung der "arischen Rasse" unwertes Leben zu vernichten, wurden, von hier gesteuert, "Erb- und Geisteskranke, Behinderte und sozial Unerwünschte" systematisch ermordet. Die Entscheidungen hierzu wurden nach Aktenlage von als Gutachtern eingesetzten Ärzten gefällt.

Im Jahr 1939 wurde zunächst mit der Tötung von mindestens 5.000 erbkranken und kognitiv oder körperlich beeinträchtigten Säuglingen und Kindern begonnen. Bis 1941 folgte die Ermordung von etwa 70.000 Bewohnern von Heil- und Pflegeanstalten sowie Heimen für Menschen mit Behinderung. Die betroffenen Bewohner der Einrichtungen wurden einzeln begutachtet und in eine von deutschlandweit vier Tötungsanstalten verlegt. Natürlich hat niemand vorher den Zweck der Verlegung erwähnt - offiziell wurden immer Umstrukturierungen oder die unterschiedlichen Auslastungen der Einrichtungen als Gründe vorgeschoben. Der Weg dorthin wurde verschleiert, indem die jeweiligen Menschen zunächst kurzfristig in meist staatliche psychiatrische Krankenhäuser stationär aufgenommen wurden.

Der Weitertransport zu den Tötungsanstalten erfolgte kapazitätsabhängig. Die Ermordung geschah durch Vergasung (Einsperren von bis zu 75 Personen in einem luftdichten "Duschraum" und 20-minütige Begasung mit giftigem Kohlenmonoxid) sowie durch Vergiftung, gezielter Unterernährung und Unterkühlung sowie Misshandlungen und Hinrichtungen. Die Leichen wurden im Regelfall in den anstaltseigenen Krematorien verbrannt, in an die Anstalten angeschlossenen Standesämtern wurden Todesurkunden mit erfundenen Krankengeschichten für natürliche Todesursachen ausgestellt. Zur weiteren Verschleierung gab es in jeder Anstalt ein Kurierdienstauto eigens für die Aktenverschiebungen zwischen den Anstalten und die Aufgabe der Post beim Postamt in anderen Städten. Den Kostenträgern wurden unterdessen Rechnungen für Quartier, Kost und Pflege über Wochen und Monate ausgestellt, obwohl die Personen sofort bei ihrer Ankunft getötet wurden. Die Angehörigen bekamen in der Regel Urnen aus der in den Unterlagen genannten Anstalt zugesandt.

1941 stoppte Hitler die zentrale Ermordung von Menschen mit Behinderungen zunächst, nachdem hauptsächlich Kirchenvertreter und ein Vormundschaftsrichter ahnten, was hier vor sich ging und protestierten. Weitere Menschen mit Behinderungen wurden aber dennoch in den nächsten Jahren in Behindertenheimen dezentral getötet, durch Verhungernlassen oder durch die Gabe tödliche Dosen bestimmter Medikamente. Jüngste Schätzungen gehen von insgesamt über 300.000 Opfern aus.

Am letzten Montag, über 70 Jahre nach diesen Greueltaten, begann mit einer offiziellen Kranzniederlegung der Bau eines Gedenk- und Informationsorts für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde an jenem Ort, wo damals das Haus Tiergartenstraße 4 stand. Die Bundesregierung hat dafür eine halbe Million Euro bereitgestellt. Sehr froh bin ich, dass wir endlich so weit sind und endlich auch die Ermordung von behinderten Menschen im Deutschen Reich explizit aufarbeiten können. Sehr erstaunt war ich, dass ich persönlich zu dieser Veranstaltung eingeladen wurde. Leider konnte ich das zeitlich nicht unterbringen.

Da ich aber glaube, dass viele Menschen sich das Geschehene nicht vorstellen können und über diese abscheulichen Taten zuvor noch nie etwas gelesen oder gehört haben (ich habe das Thema "Euthanasie" beispielsweise in der Schule nie gehabt, obwohl der Völkermord an über 6 Millionen Menschen mehrmals thematisiert wurde), finde ich es besonders wichtig, dass sich alle Menschen mit diesem Thema konfrontieren. Es muss einfach für alle Menschen unvorstellbar bleiben, dass eine staatliche Instanz Menschen aussortiert und tötet, zum Beispiel weil sie eine körperliche, seelische oder kognitive Einschränkung haben. Aus diesem Grund halte ich dieses Projekt für besonders wichtig. Es ist allerhöchste Zeit, dass das Unrecht, das diesen Menschen widerfahren ist, auch endlich beim Namen genannt werden kann - und künftig die Augen und die Herzen noch weiter öffnet für ein gleichberechtigtes Miteinander.

Kommentare :

Paterfelis hat gesagt…

Immer wieder höre ich, daß die Thematik "Drittes Reich" und alles, was dazu gehhört, in der Schule nicht behandelt worden ist. Und das durchaus auch bei Menschen, die erst nach mir zur Schule gegangen sind.

Das erschreckt mich dann schon. Wir haben seinerzeit die Geschichte des Nationalsozialismus ab Mitte des neunten Schuljahres bis Ende des zehnten behandelt. Dazu gehörte auch das Euthanasie-Programm.

Obwohl ich geschichtlich sehr interessiert bin und immer schon war - und ich demzufolge seinerzeit auch nicht mehr übertrieben viel neue Informationen erhalten habe - fand ich das dann schon etwas viel. Da hatte man das Gefühl, die Weltgeschichte hörte nach 1945 auf.

Aber so gar nicht? Gerade in der heutigen Zeit? Das kann ich echt nicht mehr nachvollziehen. Geschichtsvermittlung nach Art von Guido Knopp und Hollywood können es doch dann auch nicht sein.

Anonym hat gesagt…

Danke dass Du das Thema aufgreifst. Sehr lesenswert zu diesem Thema ist das Buch von Ernst Klee: "Euthanasie im NS-Staat. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens."

TineHappy hat gesagt…

Ich bin da ganz deiner Meinung!
Ich selber wohne in der Stadt, in der die allerersten T4-Versuche durchgeführt worden sind, aus dem Grund, dass wir sowohl ein Gefängnis als auch eine Nervenheilanstalt haben. Dadurch hatten wir das Thema auch immer wieder in der Schule, was ich aber persönlich sehr wichtig finde!
Denn mit genug Aufklärung würden zumindest einige Menschen davon abgehalten werden der NPS beizutreten.

Mastacheata hat gesagt…

Bis das Thema in die Nachrichten kam war mir nicht bekannt, dass die Nazis den Begriff Euthanasie für diese Greueltaten verwendet haben.
Das wurde auch in der Schule bei uns nicht so intensiv behandelt.
(Wobei die 15 Jahre NS Zeit selbstverständlich auch bei uns 50% des Geschichtsunterrichts ausgemacht haben)
Mir war/ist klar, dass die Nazis einfach wie die Axt im Walde jeden umgebracht haben der nicht in das Weltbild der "geisteskranken" (und hier möchte ich eine echte Erkrankung mal ausschließen) Führungsebene passte.

Euthanasie wird für mich auch weiterhin die ethisch tatsächlich diskussionswürdige Praktik der Sterbehilfe für schwerst erkrankte/verletzte sein, so wie ich die Verwendung dieses Begriffs auch in der Schule gelernt habe.
Diesen Begriff auch für solche Praktiken der Nazis weiterhin zu verwenden entwertet diese Diskussion vollständig und reduziert Sie auf das Argument: Das haben die Nazis auch gemacht also ist das automatisch falsch und jede weitere Diskussion sollte verboten sein

Hätte man da nicht sinnvollerweise einen anderen Begriff für das Gedenkzentrum wählen sollen?
Mir fällt jetzt zwar auf Anhieb kein brauchbarer Begriff ein, aber die Propaganda Wortschöpfungen der Nazis weiterzuverwenden verharmlost das ganze meiner Meinung nach nur noch.

Anonym hat gesagt…

Also, die Aufarbeitung der Tötung behinderter Menschen während des Dritten Reiches hat nun ja nicht erst letzte Woche mit dem Bau der Gedenkstätte in Berlin begonnen! Gedenkstätten für die T4 Opfer in Bernburg, Grafeneck, Hadamar, Pirna etc. bestehen teils seit über 30 Jahren.
Wie kann dieses Thema in der Schule sowie außerhalb an einem vorbeigehen? Kann man nichts davon gehört haben, dass außer den Jüdischen Bürgern auch Homosexuelle, 'Asoziale', Sinti, Roma und Behinderte Menschen als nicht lebenswert galten?
Liebe Grüße Anne

Philipp hat gesagt…

Da muss Ich dir zustimmen. Das Thema der Verfolgung von behinderten Menschen wurde in all den Jahren der Klassen 5-10 in denen der Nationalsozialismus immer und immer wieder durchgenommen wurde nur mal kurz in einem Nebensatz erwähnt.

Ich muss leider zugeben dass mich das Thema der NS-Zeit von Jahr zu Jahr immer mehr genervt hat. Was Ich mir gewünscht hätte wäre dass man die Situation der heutigen Rechten mehr in den Blick genommen hätte, Stichwort Rostock Lichtenhagen etc. Ich hatte das Gefühl, dass In Sachen Extremismusprävention viel zu wenig getan wurde, was man an Sachen wie dem aktuellen NSU Prozess sehen kann.

Anonym hat gesagt…

Ich finde erschreckend, wie unterschiedlich der Nationalsozialismus an verschiedenen Schulen behandelt wird.

Wir haben mit dem Thema (allerdings mit lokalem Bezug) bereits in der 4. Klasse angefangen. Das ganze hangelte sich dann von der 5 bis zur 13 weiter durch, nicht nur in Geschichte sondern auch in Deutsch, Erdkunde, Religion und Politik. Wir haben, wenn ich mich recht entsinne, sogar im Englischunterricht zum Thema Kurzgeschichten die Zeit nochmal einfließen lassen.

In den letzten drei oder vier Schuljahren kamen durchaus auch die Übergriffe und die Ermordung von Sozialdemokraten, Sinti, Roma, Homosexuellen, Behinderten... mit ins Thema. Nicht in dem gleichen Umfang und sicherlich nicht in dem Umfang der "richtig" gewesen wäre, aber es ist auch nicht verschwiegen worden. Wir waren damals mit der ganzen Schule in Schindlers Liste (jaja, so alt bin ich schon), der Film wurde entsprechend vor- und nachbereitet und auch da kann ich mich erinnern, dass wir darüber gesprochen haben, dass in den Lagern eben nicht nur Juden sondern auch andere "unerwünschte Elemente" waren. Das Euthanasieprogram habe ich zwar erst im Studium so richtig aufgearbeitet (spätestens da kommt man mit einem Schwerpunkt in Rassismus/Extremismus-Forschung dann nicht mehr drum herum), aber Grundlagen habe ich da durchaus schon vorher vermittelt bekommen.

jali hat gesagt…

@Jule Hast Du diesen Text zu dem Thema gelesen?

http://sigrid-falkenstein.de/euthanasie/anna.html

Unbedingt lesenswert, auch wenn es einen zum weinen bringt.

Lyra hat gesagt…

Also bei mir wurde es in der 10. Klasse gegen Ende behandelt im Geschichtsunterricht.
Und da ich auf Grund deiner Erzählungen schätze, dass du etwas älter bist als ich. Kann es vielleicht sein, dass du es auf Grund deines Unfalles verpasst hast?

Anonym hat gesagt…

Habe kürzlich "Anton oder die Zeit des unwerten Lebens" von Elisabeth Zöller zu dem Thema gelesen. Sollte zur Unterstufen Pflichtlektüre gemacht werden!

Marten hat gesagt…

Mein eigener Großonkel, der eine geistige Behinderung hatte, wurde damals auf diese Weise verschleppt, allerdings von seiner Mutter (gegen den Willen der Ärtze) abgeholt und gerettet. Ich habe ihn selbst in den 1980ern als kleines Kind noch kennengelernt. In der Schule ist dieser Aspekt der sonst bis zum Erbrechen durchgekauten Geschichte des 3. Reiches auch bei uns nicht wirklich vorgekommen, vielleicht ganz klein am Rande. Ich schätze, dieser Aspekt der Geschichte geht etwas unter - mir hat auch im Ausland schon einmal jemand nicht geglaubt, dass es auch in meiner Familie beinahe-Opfer des Nazi-Regimes gab...

Skatha hat gesagt…

"ich habe das Thema "Euthanasie" beispielsweise in der Schule nie gehabt, obwohl der Völkermord an über 6 Millionen Menschen mehrmals thematisiert wurde"

Ich finde es erschreckend, wie unterschiedlich anscheinend die Lehrpläne in unterschiedlichen Bundesländern (oder gar Städten/Schulen?) sind. Ich habe rund 10 Jahr vor dir, Jule, Abitur in NRW gemacht und, obwohl ich immer das Gefühl hatte, dass die NS-Zeit nur sehr unzureichend im Geschichtsunterricht abgehandelt wurde, kann mich dennoch ganz genau daran erinnern, dass wir das Euthanasie-Programm der Nazis durchgenommen haben und auch erklärt bekommen haben, warum dieser Begriff heute so vorbelastet ist und dass es einer der menschenverachtendsten Euphemismen des Dritten Reiches war.

Mir ist auch Lyras Gedanke gekommen, ob du nicht das Thema in der Schule wegen deines langen Krankenkausaufenthaltes verpasst hast?

Jule hat gesagt…

Nein, ich habe keine Schulzeit verpasst wegen meines Krankenhausaufenthaltes. Ich habe das Jahr wegen der Fehlzeiten wiederholt (bzw. dort weiter gemacht, wo ich vor dem Unfall aufgehört habe).

Phineas hat gesagt…

Auch ich muss sagen, dass ich mich nicht erinnern kann, dass speziell das Thema Euthanasie Teil des Unterrichts war (Gymnasium/Hessen). Vielleicht wurde es am Rande mal erwähnt.
Heute gibt es mich übrigens nur aufgrund von Glück, Mut und der überzeugenden Fälschung eines Passes.