Freitag, 19. Juli 2013

Erdbeeren und Gangsterblick

Unser Training wurde wegen der Affenhitze von den Abend- in die frühen Morgenstunden verlegt. Als ich Marie fragte, ob wir an dem frei gewordenen Abend mit dem Handbike zum Badesee fahren wollen, meinte sie: "Ich würde gerne meine Omi mal wieder besuchen. Und am liebsten würde ich dich mitnehmen. Ich habe ihr schon so viel von dir erzählt und sie hat mich so oft schon gefragt, ob ich dich nicht mal mitbringen möchte. Sie möchte dich so gerne mal kennenlernen."

Kurz und knapp: Auf den 120 Kilometern zu war zum Glück trotz des Ferienreiseverkehrs und entsprechend gut gefüllter Autobahnen kein Stau, so dass wir in etwas mehr als einer Stunde vor Ort waren. Die Oma war sehr nett und hat sich riesig gefreut. Sie ist körperlich nicht mehr so ganz fit, kann nicht mehr so schnell laufen. Vor einiger Zeit ist der dazu gehörige Opa verstorben, der aber zuletzt auch sehr krank war.

Einen Computer hat die Oma zwar nicht, aber einen DVD-Rekorder und einen hochwertigen und großen Fernseher, so dass Marie ihr immer alle möglichen Videoclips auf DVD brennt. Kurze Musikclips, lustige Sachen, Dokumentationen, Musiksendungen ... alles das, was man nicht hat, wenn man nicht auf das Internet zugreifen kann. Oder manchmal auch Musikclips, die sie toll findet und die sie sich live im Konzert angesehen hat oder ähnliches. Dazu meistens viele Fotos, die sie vom Handy oder von der Digitalkamera hochlädt und sich dann über einen Fotoversand zuschicken lässt. Die Oma hat sich jedenfalls sehr gefreut: "Da habe ich ja wieder wochenlang dran zu gucken!"

"Seit ihr hungrig? Ich hau euch sonst ein paar Eier in die Pfanne!" - "Omi, bleib sitzen! Wir hatten bei Mama Mittagessen, alles ist gut." - "Ganz bestimmt? Nicht, dass ihr mir mit hungrigem Bauch da sitzt. Aber vielleicht kann ich Euch mit ein paar frischen Erdbeeren was Gutes tun? Frisch zubereitet, von den Nachbarn aus dem Schrebergarten, einen ganzen Korb voll, so viel kann ich gar nicht alleine essen!"

"Omi, was hältst du davon, wenn wir beide später kurz für dich einkaufen gehen, Mama sagte, du brauchst noch ein paar schwere Sachen, und danach essen wir zu dritt zu Abend?" - "Nun ruht euch erstmal ein wenig aus. Die Fahrt war bestimmt anstrengend, ist viel los auf der Autobahn? Bei der Wärme will ich euch gar nicht so schnell wieder losschicken." - "Das hat ja auch noch Zeit. Die Läden haben ja bis 20 Uhr auf und wir fahren schnell mit dem Auto hin. Wir können dich auch mitnehmen, wenn du das möchtest."

Naja, die Oma hatte viel zu erzählen, von dem Besuch, den sie in den letzten Wochen bekommen hat, von den Nachbarn, die nett zu ihr sind, von ihrem letzten Urlaub mit ihrem Mann (einschließlich einem ganzen beschrifteten Album voller Urlaubsbilder), und von Marie. Stolze Oma.

Gegen 18.30 Uhr sind wir dann zum Einkaufen gefahren. Marie meinte, sie würde einige Artikel gerne in einem Drogeriemarkt eine Straße weiter kaufen, da sie dort erheblich billiger seien. Also stellten wir das Auto auf dem Supermarktparkplatz ab und machten uns per Rolli auf den Weg zur Drogerie. Der kürzeste Weg führte über einen Spielplatz, an dessen Enden befanden sich so genannte Fahrradsperren, also solche hüfthohen Bügel, die Radfahrer zwingen sollen, abzusteigen. Auf diesen Bügeln turnten vier Mädchen im Alter zwischen 13 und 16 herum. Wir fragten sie, ob sie uns bitte durchlassen.

"Nö", war die Antwort. "Nehmt gefälligst einen anderen Weg."

Marie antwortete: "Och kommt. Lasst uns mal bitte durch, ihr könnt gleich weiterturnen."

"Das kostet fünfzig Euro. Für fünzfig Euro gehen wir hier weg."

Marie guckte mich an. "Ganz schön geschäftstüchtig, oder?" - "Aber hallo", antwortete ich.

"Habt ihr fünfzig Euro?", fragte das älteste der Mädchen. Marie antwortete: "Nein, haben wir nicht. Und jetzt würden wir gerne mal durch."

Das älteste Mädchen forderte ihre jüngste Freundin auf: "Guck mal nach, was die im Rucksack haben. Da ist bestimmt irgendwo Geld."

Während ich mich ein wenig an das Mobbing in meiner Schule erinnerte und schon überlegte, wo ich eigentlich mein Pfefferspray hatte, schließlich weiß man ja nie, was noch passiert, fuhr Marie einfach auf die Mädchen zu. Zwei sprangen zur Seite, der dritten fuhr sie gegen das Schienbein. "Ich hab dich gewarnt. Geh zur Seite, sonst tut es weh." - Das Mädchen setzte den Gangsterblick auf. Ich hoffte nur, dass sie nicht noch irgendein Messer aus der Tasche ziehen würde. Auf der Rücktour nahmen wir einen anderen Weg. Unglaublich, auf welche Ideen die Gören kommen.

Maries Oma hatte in der Zwischenzeit reichlich Brote gemacht und vor allem drei große Schalen klein geschnittene Erdbeeren auf den Tisch gestellt. Und sich riesig gefreut, dass sie wieder genug Mineralwasser, Waschpulver und andere schwere Sachen im Haus hatte.

Kommentare :

Blogolade hat gesagt…

Liebe Oma :)

Aber die Mädels gehen gar nicht, gut dass sie euch dann doch nicht an die Rucksäcke gegangen sind!
Irgendwie werden die Knirpse heute so ...frech... (wenn das das richtige Wort ist). Ich traf neulich einen der sich in der Warteschlange in einem Freizeitpark vordrängelte. Vielleicht war er 8 Jahre alt. Als ich sagte, dass er sich hinten anstellen solle, guckte er erst erstaunt und meinte dann "Sie haben mir gar nichts zu sagen"

Christian hat gesagt…

Wenn ich mit 8 Jahren mich vorgedrängelt hätte, hätte mein Vater gesagt: "Stell dich hinten an, die anderen warten auch."

Hätte ich einen anderen Erwachsenen, der mich höflich auffordert, mich hinten anzustellen, so angemacht, hätte mein Vater mir vor den Augen aller eine geknallt. Aber ohne Vorwarnung und ohne ein weiteres Wort. Und dann wäre der Tag im Freizeitpark gelaufen.

Ich weiß nicht, ob meine Erziehung besser oder schlechter war. Es wird ja immer diskutiert, dass Autoritätsformen, wie sie mein Vater an den Tag gelegt hat, Menschen unterdrücken. Ich weiß es nicht. Ich würde nicht sagen, dass es mir geschadet hat.

Aber eins weiß ich sicher: So hätte ich mich nicht mal im Traum benommen. Und auf die Idee, jemanden im Rollstuhl festzusetzen und dem noch das Geld abzunehmen (oder das auch nur anzudrohen) - auf solche Ideen wäre ich überhaupt nicht gekommen.

Es ist einfach nur unverständlich für mich.

Anonym hat gesagt…

Pfefferspray gegen Kinder? Hol dir doch eine scharfe Waffe und baller dir den Weg frei.

Manchmal verstehe ich dich nicht, Jule. Sei froh, dass du es nicht eingesetzt hast, denn ansonsten hätte dir eine üble Strafe und Schadensersatzansprüche gedroht, und das völlig zurecht.

Anonym hat gesagt…

@11.30:

Jule hat nicht gesagt, dass sie Pfefferspray einsetzen wollte, um sich freie Bahn zu verschaffen.

Sondern die Rotzgören hatten angekündigt, die persönlichen Sachen der körperlich unterlegenen Rollstuhlfahrer gegen ihren Willen zu durchsuchen. Das wäre etwas, was niemand dulden muss und wogegen man sich notfalls auch körperlich zur Wehr setzen darf.

Körperliche Gegenwehr muss lediglich den Umständen nach angemessen sein. Wenn also Wegschubsen nichts bringt und die Rotzgören weiter mit körperlicher Übermacht versuchen, sich die Rucksäcke oder deren Inhalte anzueignen, reden wir mitunter von einem gegenwärtigen Raub, und dann kann auch der Einsatz von Pfefferspray zur Abwehr des Räubers durchaus gerechtfertigt sein.

Es ließe sich lediglich diskutieren, ob man zur Deeskalation der ganzen Sache einfach zurück gefahren und einen anderen Weg genommen hätte. Allerdings muss ich schon sagen, dass ich es angemessen finde, wenn Marie einfach weiterfährt. Man muss sich das nicht gefallen lassen und wenn das Mädchen sich da in den Weg stellt, hat sie selbst Schuld, wenn es ihr weh tut.

Außerdem: Womit kollidiert Marie mit der Rotzgöre? Mit der Fußspitze, als vorderster Abschlusspunkt des Rollstuhls. Das wird nicht wirklich zu Verletzungen führen, denn Marie wird mit Sicherheit keine mit Nägeln gespickten Stahlkappenschuhe tragen.

Ich muss auch sagen: Das Verhalten der Jugendlichen sollte mal bei ein paar Sozialstunden überdacht werden!

Anonym hat gesagt…

Du schreibst:

Wir fragten sie, ob sie uns bitte durchlassen.
"Nö", war die Antwort. "Nehmt gefälligst einen anderen Weg."

Jule, wenn Ihr FRAGT, dann müsst Ihr mit einem Nein rechnen. Schließlich kann der Gefragte entscheiden, ob oder was er will.

Klüger wäre es gewesen, eine freundliche, aber klare Aufforderung zu formulieren.

Grüße von Chris

Blogolade hat gesagt…

Chris, du hast Recht, so soll man mit Kindern sprechen. Wer eine Frage formuliert, muss ein Nein akzeptieren.

In der Höflichkeitserziehung, die ich noch genossen habe, wäre die korrekte Frage allerdings "Entschuldigen Sie, würden Sie uns bitte vorbei lassen?" oder eben geduzt, je nach Alter. Mir fällt keine höfliche Version unter guterzogenen Erwachsenen ein, die nicht als Frage formuliert wird. Auch im Englischen sagt man "may I...?" und im italienischen "Permesso?"

Es ist meiner Meinung nach weniger eine Frage der Frageform als der Höflichkeit. Es gehört sich einfach nicht, sich so zu benehmen wie es Jule (und mir letzte Woche) ergangen ist.

Es muss nicht unbedingt Ohrfeigen setzen, dass Kinder lernen, wie man sich in der Gesellschaft zu bewegen hat, es reicht, ihnen höfliches Benehmen vorzuleben und zu zeigen, dass man jedem anderen gegenüber einen gewissen Respekt haben sollte.

Blogolade hat gesagt…

achso, mein Kommentar war an anonym- Chris um 13:22 gerichtet

ThorstenV hat gesagt…

Es war wohl der sattsam bekannte Deppenmagnet in der Kinderausführung eingeschaltet.

An Notwehr darf keine zu strenge Voraussetzung gestellt werden, insofern sehe ich das Pfefferspray als problemlos, wenn es zu einem Eingriff gekommen wäre. Ein klar Unterlegener hat oft nur eine Chance, den Angreifer außer Gefecht zu setzen.

Schwieriger ist das beim mit dem Rollstuhl einfach los fahren. Für die Ordnung auf öffentliche Straßen ist die Polizei zuständig, nicht die Selbstjustiz.

Anonym hat gesagt…

Warum wird denn hier immer von "Kindern" gesprochen? Mit 13-16 sind das Jugendliche/Teenager im besten Flegelalter. Nichtsdestotrotz war deren Verhalten natürlich höchst unangemessen. Zum Glück ist euch nichts passiert!