Samstag, 6. Juli 2013

Wumms im Bauch

Wenn ich als Rollstuhlfahrerin mit einem ICE fahren möchte, sollte ich das mindestens 48 Stunden vorher bei der Mobilitätshotline der Bahn anmelden. Der übliche Dialog zwischen der Dame auf der anderen Seite der Telefonleitung und mir: "... habe ich soweit aufgenommen. Wann werden Sie vor Ort sein?" - "Ich schlage vor, ich stehe bei Ankunft des Zuges auf dem Bahnsteig auf Höhe der Eingangstür zum Wagen 9." - "Oh nein, das ist viel zu spät. Treffen ist mindestens 20 Minuten vorher und dann am besten am Service-Point in der Wandelhalle." - "Meinen Sie, ich finde alleine nicht das richtige Gleis?" - "Ich muss das hier so eintragen, sonst wird die Anfrage abgelehnt. Und das wollen wir ja vermeiden, nicht? Also 20 Minuten vor Abfahrt des Zuges am Service-Point."

Also stehen Marie und ich 20 Minuten vor Abfahrt des Zuges am Service-Point. Wer nicht da ist, ist der Bahn-Mitarbeiter. Nachdem wir 10 Minuten gewartet haben und uns gerade auf den Weg zum Bahnsteig machen wollen, taucht er plötzlich auf. "Sind Sie Frau ... und Frau ...? Brauchen Sie Hilfe, soll ich Sie schieben?" - "Nein, danke." - "Dann treffen wir uns in 10 Minuten auf Höhe des Wagens 9?" - "Wäre für uns okay." - "Dann bis gleich. Ich nehme mal meine Mütze ab, sonst sprechen mich auf dem Weg dorthin noch so viele Leute unterwegs an und das wäre doch blöd, wenn ich zu spät komme. Ich nehme die Treppe und Sie fahren Aufzug, ja?" - "Sie können auch mit uns im Aufzug fahren." - "Nein, danke, ich kann ja laufen. Aber ich muss meine Mütze abnehmen, sonst komme ich vor lauter Auskünften nicht mehr rechtzeitig zum Zug."

Seine Sorgen möchte ich nicht haben. Im Zug angekommen trafen wir auf den Chef des Zugteams. Ein auffallend groß gewachsener Mann schätzungsweise Mitte 40, blond, erinnerte mich ein wenig an Hape Kerkeling, nicht nur vom Aussehen. Auf unseren (reservierten) Plätzen saßen zwei Frauen, geschätzt 65 Jahre alt, und unterhielten sich angeregt. Ungezogenerweise unterbrach ich die Unterhaltung: "Entschuldigung, ich glaube, wir haben eine Reservierung für die Plätze, auf denen Sie sitzen." - Die Frauen redeten einfach weiter und straften mich im Reden nur mit einem Blick, der so viel bedeuten sollte wie: "Was willst du halbe Portion denn?"

Drei Sätze später grätschte ich erneut rein: "Hallo? Könnten wir das mal bitte klären?" - Diesmal bekam ich eine Antwort. Eine patzige: "Da gibt es nichts zu klären. Wir sitzen hier, Sie können sich jawohl einen anderen Platz suchen." - "Enschuldigung, Sie sitzen auf den Rollstuhlplätzen. Und das sind die einzigen in diesem Zug. Würden Sie sich bitte woanders hinsetzen? Wir haben hier reserviert." - Keine Antwort, sie setzten einfach ihre Unterhaltung fort. Marie und ich guckten uns blöd an. Schräg dahinter stand ein junger Mann, die Arme verschränkt, das Schauspiel aus sicherer Entfernung betrachtend. Hilfloser Gesichtsausdruck. Marie rollte zu Hape und bat ihn um Hilfe.

Hape machte kurzen Prozess: "Einen schönen guten Morgen, die Damen. Ihre Fahrkarten und Ihre Platzreservierungen hätte ich gerne mal gesehen, bitte. Oh, wenn Sie mir da bitte folgen wollen, Sie haben ein Ticket zweiter Klasse und Sie haben sich gerade ein bißchen in die erste Klasse verirrt. Sind das Ihre Gepäckstücke hier? Soll ich Ihnen kurz tragen helfen?"

Und tschüss. Der Zug fuhr los, kurz danach seine Stimme aus dem Lautsprecher: "Meine Damen und Herren, ich wünsche Ihnen einen guten Morgen. Wundern Sie sich bitte nicht, wir halten in Harbung noch einmal kurz an. Irgendwie hat die Lok nicht genug Wumms im Bauch. Früher hätte man einfach ein paar Kohlen nachgelegt, heute müssen wir anhalten und die Elektronik neustarten."

Gelächter im ganzen Wagen. Leider brachte der außerplanmäßige Zwischenhalt nicht den gewünschten Erfolg. Wir waren gerade wieder losgefahren, als erneut eine Durchsage kam: "Verehrte Fahrgäste, der Reset unserer Antriebseinheit hat mehr Fragen aufgeworfen als Antworten zur Verfügung standen. Bevor das noch schlimmer wird, haben wir uns entschieden, mit verminderter Leistung weiterzufahren. Für Ihre Anschlusszüge lege ich bei den Kolleginnen und Kollegen jede Menge gute Worte ein, aber keine Hand ins Feuer. Garantieren kann ich nur, dass Sie heute trotz Überlänge keinen Aufpreis zahlen müssen, wir sind ja hier schließlich nicht im Kino. Bitte kommen Sie jetzt bloß nicht alle einzeln zu mir gelaufen, ich sage Ihnen rechtzeitig vor jedem Halt Bescheid, welche Züge wo auf Sie warten. Ich wünsche Ihnen trotz allem eine angenehme Reise."

Und das war nicht der letzte Spruch. Kurz vor Göttingen: "Liebe Muttis und liebe Papis, ich brauche einen kleinen Moment Ihrer Aufmerksamkeit. Auf meinem Schoß sitzt ein kleiner Junge, der zwar seinen Namen nicht weiß, dafür hat er aber jede Menge andere tolle Sachen zu erzählen. Sag mal 'Hallo' ins Telefon." - Eine Kinderstimme krähte: "Hallo Mama! Wo bist du?" - Wieder gröhlte der ganze Wagen. Und dann: "Liebe Mama, auch wenn Sie Ihr Kind noch nicht vermissen, falls Sie diese Stimme kennen, holen Sie den kleinen Ausreißer bitte in Wagen 9 bei mir ab! So, sag mal 'Tschüss' bevor wir auflegen! Nee? Nagut. Der kleine Spielzeug-ICE ist gerade spannender."

Und rund zwei Stunden später noch einen: "Verehrte Fahrgäste, die Abfahrt des Zuges verzögert sich noch auf unbestimmte Zeit. Bedanken Sie sich bei dem Herrn, der die letzte Tür blockiert und halb Kassel schnell noch in den Zug lässt."

Das war doch mal ein lustiger Mitarbeiter. Vermutlich findet das Unternehmen das nicht lustig, schließlich hat er auch keine einzige Ansage auf Englisch wiederholt, aber Marie und mir hat es Spaß gemacht. Und die Zugfahrt zum Triathlon war sehr viel angenehmer als die Fahrt mit dem Auto. Tatjana stand nämlich unter anderem mit unseren Sportgeräten stundenlang im Stau. Ohne Klimaanlage... Was wären wir ohne sie?

Kommentare :

Annike hat gesagt…

Haha geil :D

P. hat gesagt…

Aaaaah, ich mag solche Bahn - Mitarbeiter .. da macht auch das Zugfahren Spaß :-)

Sandra Tintore hat gesagt…

Hallo Jule, ich glaube da waren wir im gleichen Zug. LG

Blogolade hat gesagt…

Göttlich dieser Zugbegleiter! Von denen müsste es viel mehr geben! :)

nobelix hat gesagt…

Endlich mal ein Zugchef, der wenigstens Spaß an seiner Arbeit zu haben scheint. Und wenn er nur so tut, dann ziemlich gut. Von der Sorte sollte es deutlich mehr geben. Ich glaube, so macht Bahnfahren gleich etwas mehr Spaß... ;-)

Dass einige Menschen ihre reservierten Plätze nicht freigeben wollen, kenne ich zu gut. Einmal, ich war in Uniform unterwegs, wurde ich am Ende von einer reisenden Rentnergruppe als Nazi beschimpft. Dort konnte nur eine zufällig anwesende Polizeistreife für Ruhe im Abteil sorgen. Das aber ziemlich effektiv.

Dennis hat gesagt…

Hi Jule,

dazu kann man nur sagen, dass die Bahn mehr solcher kompetenten Mitarbeiter braucht, die auch mit ein wenig Humor bei der Sache sind und nicht nur ihre trockenen Standardansagen durchgeben.

Liebe Grüße
Dennis

Bernd hat gesagt…

Hallo Jule

*lach* War das vielleicht doch Hape Kerkeling?
Solche humorvollen Ansagen wirken bei manchen Fahrgästen sicher entspannend.

Es sollte viel mehr von diesen netten Zugbegleitern geben. Diese verstehen es, einem das Bahnfahren trotz Unannehmlichkeiten (wie z.B Verspätung) angenehm zu machen.

Viele Grüße
Bernd

Anonym hat gesagt…

besser wäre es, wenn der Zugbegleiter den Damen einen Aufschlag berechnet hätte, weil diese sich in die erste Klasse gesetzt haben.

Olli hat gesagt…

Ohne sie wärt ihr wohl öfters, als Euch lieb ist, durchgeschwitzt. Oder meintest Du statt der Klimaanlage Tatjana?