Donnerstag, 15. August 2013

Zwei Mal Justitia

Ziemlich genau vor einem Jahr verunglückte nahe unserer Trainingsstrecke ein Rennradfahrer bei seinem Straßentraining tödlich, als er mit einem entgegen kommenden Lkw kollidierte. Drei weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Der Lkw-Fahrer war in eine Kolonne aus 30 Rennradfahrern gecrasht. Uns erreichte diese Nachricht damals im Trainingslager. Den getöteten Radfahrer haben wir nicht gekannt, die Strecke nutzen wir nicht, unsere (während unseres nächtlichen Trainings für den Autoverkehr gesperrte) Handbike-Trainingsstrecke ist aber nicht weit von dem Unfallort entfernt.

Gestern nun wurde in dem Prozess das Urteil gesprochen. Der Lkw-Fahrer hätte nach Überzeugung des Gerichts an dieser Stelle, an der die Straße nicht mal sechs Meter breit ist, nicht überholen dürfen. Die Kollision mit den -vorschriftsmäßig- in Zweierreihen (etwa 1,30 Meter) fahrenden Rennradfahrern war demnach vorprogrammiert. Das Gericht ging von einer tragischen Fehleinschätzung des Lkw-Fahrers aus. Ein grob rücksichtsloses, verkehrsgefährdendes Verhalten sei aber nicht feststellbar gewesen, auch dadurch nicht, dass der Lkw-Fahrer kurz zuvor noch ein anderes Fahrzeug in einer engen, unübersichtlichen Kurve mit überhöhter Geschwindigkeit überholt und sich vierzehn Tage vorher bereits aus ähnlichem Anlass eine Prügelei mit zwei anderen Rennradfahrern geliefert hatte. Auch die drei Einträge im Verkehrszentralregister, alle wegen zu schnellen Fahrens, hätten mich sehr nachdenklich gestimmt, hätte ich in dieser Sache etwas zu entscheiden. Habe ich aber nicht, ich bin noch nicht einmal fach- und sachkundig.

Das Urteil: 10 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Und noch eine Sache ist aus juristischer Sicht abgeschlossen. Die ehemalige Mitarbeiterin, die am 13. November 2012 unserer Maria zwei Ohrfeigen verpasst und das später auch zugegeben hatte, kommt halbwegs ungeschoren davon. Das Verfahren wurde gegen Zahlung einer freiwilligen Spende in Höhe von 250 € zu Gunsten einer Beratungsstelle für Gewaltprävention eingestellt. Insbesondere die Tatsache, dass sie seit ihrer letzten Entlassung keinen neuen Job gefunden hat, soll die Höhe der Zahlung plausibel machen. Um einem zivilrechtlichen Verfahren über Schmerzensgeld vorzubeugen, hat die ehemalige Mitarbeiterin Maria über ihren Anwalt ebenfalls 250 € angeboten. Wer sich auskennt, weiß, dass das möglicherweise bis zu 250 € mehr sind, als man je vor einem Zivilgericht für zwei Ohrfeigen erstreiten könnte. Ich finde, da kann Maria nur froh sein, dass sie ihr nach den Ohrfeigen keinen Stinkefinger gezeigt hat. Das wäre vermutlich teurer geworden. Für Maria. Mehr fällt mir dazu nicht ein.

Kommentare :

Anonym hat gesagt…

warum steht dazu nichts in den einschlägigen tageszeitungen der stadt? der erste fall war ein freund und kollege von mir, ein engagierter sonderpädagoge. 10 monate machen ihn auch nicht mehr lebendig, aber ich kann es nicht nachvollziehen...

seid vorsichtig beim radfahren!

*

Anonym hat gesagt…

Der arme LKW-Fahrer! Es ist doch wirklich überraschend, wenn Fahrradfahrer mit so ungewöhnlich hoher Geschwindigkeit unterwegs sind, damit rechnet doch keiner! Da sollte man als Radfahrer schon vorausschauend fahren.

Jedes Kraftfahrzeug ist eine tödliche Waffe - sollte sich jeder Autofahrer immer wieder bewusst machen.

Mike hat gesagt…

Ja, auch hanseatische Gerichte fällen genauso unsinnige Urteile wie königlich bayerische Landgerichte...
(Da kann man im Vollsuff einen auf der Autobahn totfahren und bekommt Bewährung...)
Wobei ich ehrlich gesagt nicht ganz nachvollziehen kann, wie die Kammer auf 10 Monate kommt, da die Mindeststrafe bei Körperverletzung mit Todesfolge 1 jahr ist.

Und eine hilflose und wehrlose Person zwei mal zu Ohrfeigen und dann mit 250 Euro davonkommen zu lassen....
No comment...
Aber vom Gericht bekommt man kein Recht, sondern ein Urteil...

Und Maria sollte die 250 Euros am besten einfach verjubeln!

Gruß aus dem wilden Süden
Mike

Anonym hat gesagt…

In den Tageszeitungen steht nichts, vermutlich ist das schon lange abgeschlossen und Jule hat sich das ausgedacht, um ein wenig Hetze gegen die Justiz zu machen, schließlich würde wie schon geschrieben steht mindestens 1 Jahr rauskommen müssen. Schlecht recherchiert, würde ich sagen.

Jule hat gesagt…

@ 0.02: Einfach mal die Suchmaschinen bemühen, dann findest du auch den Artikel in der örtlichen (Bergedorfer) Zeitung. Und bei fahrlässiger Tötung gibt es keine Mindeststrafe, sagt Frank.

jali hat gesagt…

@00:02:
Für Dich, den hast Du Dir verdient: <

Anonym hat gesagt…

10 Monate sind eine lange Zeit, um über so einen Fahrfehler nachzudenken.

Wenn ich mir vorstelle, ich wäre ab sofort bis zum Juni 2014 eingesperrt ... das würde bei mir schon Eindruck schinden.

Wenn das Gericht sagt, er hat das falsch eingeschätzt, dann müssen wir das so hinnehmen. Dafür haben wir einen Rechtsstaat. Sollte er natürlich gedacht haben "egal, den hau ich um!", dann sind 10 Monate zu wenig, da gebe ich dir recht. Aber weis das mal nach!

LG!

Anonym hat gesagt…

@11:32 nur dass er eben nicht eingesperrt wird, sondern auch noch nur Bewährung bekommt.

Wahrscheinlich darf er sogar weiter LKW fahren und (Renn)radfahrer jagen.

Gruß von einem, der die Unfallstelle auch ziemlich gut kennt - ebenso wie das Gefühl dort viel zu schnell, zu dicht und unter Abgesang böser Hupkonzerte oder Fingerzeichen überholt zu werden....

Anonym hat gesagt…

Die Strafe wurde zur Bewährung erlassen. Da ist also niemand eingesperrt. Ich weiss zwar nicht, wie lang die Bewährungszeit ist, aber sollte er in den nächsten Jahren nichts weiter (in diese Richtung) anstellen, so wird er niemand ins Eckige dafür gehen.


Jule, ich weiss, dass es sich makaber anhört, aber überleg mal wie viele Verfahren wegen Körperverletzung eingestellt werden. Da kann man leider sogar froh sein, dass es überhaupt zu einer Strafe kam.

:-(

Mike hat gesagt…

@ Jule...
Ich leiste Abbitte:
Fahrlässige Tötung, *Ans Hirn schlag*
natürlich dann geht sowas.

@Anonym 11:32
Es ist eine Bewährungsstrafe....


Und die Staatsanwaltschaft sollte man auch mit einem Mühlstein an den Füßen in die Elbe werfen! "Hat es versäumt, den Führerschein einzubehalten, jetzt sei es dafür zu spät...." Den Führerschein nicht zu zwicken scheint ja in HH an der Tagesordnung zu sein.

LG
Mike

Edelnickel hat gesagt…

Sorry, aber was sind denn das für Flitzpiepen da im Gericht?
Stünde die Tat ganz alleine, dann nagut, aber bei den ganzen Vorgeschichten?! Unglaublich! Sowas macht mich zornig!

ThorstenV hat gesagt…

Ich weiß nicht, ob es den Fall mit der Prügelpflegerin verständlich macht, aber die Auffassung ist bei Strafgerichten inoffiziell verbreitet: die ist schon dadurch gestraft, dass sie ewig nicht aus Hartz IV rauskommt. Das ist sachlich nicht ganz falsch, denn de facto ist Hartz IV Dauerschikane, nur dürfen das die eigentlich zuständigen Sozialgerichte natürlich nicht zugeben. Nur manchmal rutscht es ihnen versehentlich raus. Dumm ist das eher für die, die unverschuldet ihre Arbeit loswerden und auch der Ersatzstrafvollstreckung unterzogen werden. Ganz zu schweigen von den Behinderten, die ihren Unterhalt nach SGB XII bestreiten müssen. Es ist eben vieles anders, als es offiziell ist. Übrigens ein Grund für mich diesen Blog zu lesen. Der
Kontakt mit der Realität ist unangenehm aber nötig.

Anonym hat gesagt…

Zum LKW-"Unfall":
Wieder so ein Wisheu-Urteil (einfach mal nach Otto W. googlen), auch wenn's diesmal (vermutlich) nicht um Suff und/oder Promi-Bonus ging.
Zum kotzen!

Katzelin hat gesagt…

Liebe Jule,

ich bin vor ein paar Wochen auf deinen Blog gestoßen und habe ihn seither fleißig und mit großem Interesse von Anfang an gelesen. Zur Gänze durch bin ich noch nicht und einige interessante Leseabende liegen noch vor mir.
Trotzdem möchte ich einmal los werden, wie gelungen und einfach schön dein Blog ist, der sogar all jenen ein wenig Mut macht, die weit weniger zu bewältigen haben. Besonders Geschichten wie die Letzte, um den verunglückten Radfahrer und Maria, bringen mich immer wieder zum Kopfschütteln und führen mir vor Augen, wie verdreht doch "gerecht" sein kann. Viel zu oft sehe ich weg und begrüße es, dass es mit dir jemanden gibt, der auf bestimmte Miststände ganz gezielt aufmerksam macht.
Dafür und für deine schön zu lesenden Beiträge einfach einmal Danke!
Ich habe dich in meinen Blogroll aufgenommen und hoffe, dass deine Leserschaft nicht aufhören wird zu wachsen.

Alles Liebe,

Katzelin

Thomas hat gesagt…

Häppie Börsdäi tuu juuhu!

LG
Thomas

Olli hat gesagt…

Wie sagt mein Schulfreund und Anwalt immer: wenn es mal gut läuft, sprechen die Gerichte Recht. Gerechtigkeit kommt dabei nur zufällig mit bei heraus.

Unser schöner Rechtsstaat hat eben leider ein paar Konstruktionsmängel - zb bliebe ich als zweifelsfrei zu Unrecht einer Straftat beschuldigter de facto auf meinen (Anwalts-)Kosten sitzen, da sich die meist schon nicht geltend machen lassen und es dann beispielsweise mit prekariatsnahen stalkenden mit dem vollstrecken auch eher aussichtslos ist.